Legalize it!

Neulich im Tram habe ich auf einem Schüler-Rucksack – Mappen scheinen längst ausgestorben zu sein – einen dieser «Legalize It»-Kleber gesehen. Ich fand das erstaunlich. Immerhin ist es schon 40 Jahre her, seit uns Peter Tosh die Kiffer-Hymne beschert hat. Danach habe ich den Schulranzen abgesucht nach weiteren angejahrten Parolen wie «Atomkraft? Nein danke», «Petting statt Pershing» oder wenigstens «Jute statt Plastik», aber Fehlanzeige. Beim Träger des Rucksacks müsste man ja den Klischee-Kiffer vermuten, so mit Rastalocken und Augen wie ein Bernhardiner. Mitnichten. Eine adrette Zürcher Musterschülerin trug das Ding und war gerade damit beschäftigt, sich zu schneuzen. An der Rötung ihrer Augen war wohl eher der Pollenflug schuld als das verbotene Kraut. Eigentlich schräg: Sie macht sich für eine Pflanze stark, während andere Pflanzen ihr das Leben vermiesen. Gerade in ihrer Situation hätte sie einen originelleren Spruch wählen können. Wie wärs mit: «Lieber Gras rauchen als Heuschnupfen»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 13. April 2016

Lenz mich!

Endlich Frühling. In mir wächst der Drang, etwas für meine Figur zu tun. Aber nur schon beim Gedanken, auf der Finnenbahn einige Kilometer abzuspulen, regt sich ein anderes Frühlingsgefühl: Müdigkeit. Im Moment ist meine liebste Frischluft-Aktivität ins Haus zu gehen und gepflegt abzuhängen. Eine bessere Figur bekommt man auch von gesunder Ernährung. Nur ist das aufwändig und sogar gefährlich: Beim Apfelschnitzen kann man sich schnell mal in den Finger schneiden. Das passiert einem bei Schokolade nie. Warum kommt einem eigentlich erst nach dem sechsten Täfeli in den Sinn, dass man abnehmen will? Das einzige, was ich bisher gegen meine erotische Schwungmasse getan habe, ist mich selber anlügen. Das ist nun vorbei. Ich halte mich ab sofort an den grossen Philosophen William James Murray. Der hat mir mit seiner Erkenntnis die Augen geöffnet: «Schokolade wird aus Kakao gemacht, einer Pflanze. Technisch gesehen ist Schokolade also ein Salat.» Seit ich das weiss, macht die Diät Spass.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. März 2016

On peut rire

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat sich mit seiner «Chers Malades»-Ansprache in unsere Herzen geredet. Vier Minuten hat er über das Lachen geredet mit der Miene eines Totengräbers. Wenn unsere Exekutive, wie böse Zungen behaupten, aus sieben Komikern bestünde, dann wäre er wohl Buster Keaton. Der hat auch nie das Gesicht verzogen. Wir sind aber im 21. Jahrhundert und so stellt sich eher die Frage, ob er das Opfer eines Botox-Unfalls ist. Wie er mit dem ungerührten Gesichtsausdruck eines nordkoreanischen Verkehrspolizisten über herzhaftes Lachen redet, ist eine Nummer, die jeden Stand-Up-Comedian in Rente schickt. War das wirklich er, oder nur eine Handpuppe, bei der der Unterkiefer das einzige bewegliche Teil ist? Das Video wird ja schon als potentes Schlafmittel gehandelt. Das totale Versagen seiner Medienberater hat unseren Landesvater zur internationalen Lachnummer gemacht. Oder war das Absicht? Immerhin ist der Mann jetzt weltbekannt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. März 2016

Gut gebrüllt

Okay ich bin also altersweitsichtig, oder wie man neu sagt: Übersichtig. Als ob ich wegen der Unschärfe in der Nähe mehr Übersicht hätte. Ich hab schon das mit Kurz- und Weitsichtig nie begriffen. Wieso sollte ich Weitsichtig sein, wenn ich unkurzsichtig bin? Lassen wir die Wortklaubereien. Ich lebe also mit Lesebrille. Wenn man neu von einer Fremdlinse abhängig ist, lernt man Verschiedenes, was nicht im Beipackzettel steht: Zum Beispiel, dass man der coolen Sonnenbrille Tschüss sagen kann, denn wer trägt schon zwei Brillen mit sich rum? Goodbye du sauteures Oliver-Peoples-Stück mit deinen Serengeti-Gläsern. Fang Staub neben den Ray Bans und den Skibrillen in der Schublade. Hallo Blindfisch, wenn du mit der Lesebrille auf der Nase die dampfende Tasse zum Mund führst. Wenn du dann das Milchglas mit einem Kleidungsstück aus Kunstfaser reinigen willst, bleiben Schlieren. Da lernt man Kleidung aus Naturfaser wieder schätzen. Bei Regen den Fahrplan lesen? Psychedelische Bilder. Oder dass man nicht mehr mit seitlich aufgestütztem Kopf lesen kann, weil man sich den Bügel in die Schläfen drückt? Nervt fast so, wie wenn jemand deine Brille aufsetzt und danach findet: «Wie kannst du damit bloss sehen?»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. März 2016

Mein Gebrüll

Angefangen hat es mit einer globalen Schwäche in der Printindustrie: Jedes buchstabentragende Papier, das ich in Händen hielt, war nur dünn bedruckt. Die Wörter waren alle schwächer und nur irgendwie grau statt schwarz auf weiss. War schwarze Druckfarbe zu teuer geworden? Anfangs half es noch, näher ans Licht zu gehen. Aber mit dem Blendeffekt meiner lichtstarken Nachttischlampe wurde Lesen immer anstrengender. Irgendwann habe ich mir, mehr zum Spass, eine Lesebrille angeschafft.
Es war eine Offenbarung. Diese Kontraste, dieser meisterhafte Druck! Satte Lettern, grobfaseriges Papier – der Spass am Lesen war wieder da. Bis ich die Linsenkrücke verlegt habe. Dabei ist es so wie mit vielen Dingen: Man merkt erst, wie wichtig es ist, wenn es nicht mehr da ist. Damit mir das nie wieder passiert, habe ich für alle Orte, an denen ich mich regelmässig aufhalte, eine Brille angeschafft. Weil das nicht ganz billig ist, bin ich auf Ramschläden ausgewichen. In den Ferien habe ich bei Ein-Dollar-Shops ganze Bestände aufgekauft. Im Moment habe ich so um die 70 Gebrülle. Weil ja nur die Ladenhüter in solchen Geschäften enden, sind die meistens eher unansehnlich aber nichtsdestotrotz durchsichtig und blickschärfend. Wenn sie also einem Typen mit hässlicher Brille begegnen – das bin wohl ich.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. Februar 2016

Moiré-Effekt

Im Moment überschlagen sich ja alle Medien zu den Performances von Künstlerinnen wie Milo Moiré oder Deborah De Robertis. Frauen, die für ihr Kunstschaffen keine lästigen Kleider benötigen. Vielleicht bin ich zu wenig kultiviert, aber ich kann im Treiben der Performerinnen keine Kunst erkennen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie öffentlich versucht habe, nackt ein Farbei zu gebären oder meinen entblössten Schritt im Museum zu zeigen. Wiedemauchsei – In meiner kleinen Welt stelle ich die Damen in dieselbe mediengeile Ecke wie Reality-TV-Protagonisten und talentfreie Casting-Show-Kandidaten. Mit dem kleinen Unterschied, dass die beiden Exhibitionistinnen über einen deutlich höheren IQ verfügen. So schaffen sie es, durch gezielte Provokation ihren Fetisch als Kunst zu verkaufen und sind – auch dank gefälligem Wuchs – Liebkind der Weltpressefotografen. Ihr Erscheinen in den seriösen Medien legitimiert dem Feuilleton-Leser den Konsum der Aktbilder, was wiederum den Marktwert der Damen steigert. Ganz schön gewieft, gelle? Nichtsdestotrotz, oder gerade deshalb, halte ich die beiden nicht für Vorbilder sondern eher für Vorlagen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. Februar 2016

S’hät Schnee, Juhe!

Okay, dann halt eben Schnee. Als Stadtzürcher habe ich ihn nicht wirklich vermisst. Natürlich ist es wunderbar still, wenn Frau Holle, oder neudeutsch «Elsa», ihr Werk tut. Und ja, die Stadt sieht noch hübscher aus, wenn sie verzuckert ist. Aber statt den Ausnahmezustand zu geniessen, verfallen wir Zürcher sofort in diese urbane Salzhysterie. Da wird auf der Strasse jeder Schneeflocke mit einer Faust voll Salz zu Leibe gerückt, während die Trottoirs von den tiefbauamtlichen Salzstreuern oft vernachlässigt werden. Dafür kann ich nicht genug dankbar sein. Ich wollte schon immer auf dem Arbeitsweg die Biellmann-Pirouette üben. Bergab lege ich dann in unregelmässigen Abständen einen Halbspagat hin, bergauf sieht es mehr nach Velofahren aus. So bleibe ich auch im hohen Alter gelenkig. Die erste Schneeballschlacht habe ich schon hinter mir und den ersten Schneemann 2016 habe ich auch schon gebaut. Er steht mitten auf dem Trottoir. Zu Ehren des zuständigen Stadtrats habe ich ihn Filippo getauft.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. Januar 2016

Schall und Rauch

In meiner sonst eher ruhigen Wohngegend knallt es an Silvester gewaltig. Die Quartier-Warlords stellen jeweils wahlweise den Soundtrack der Landung in der Normandie, die Panzerschlacht von Kursk oder das Stahlgewitter von Stalingrad nach. Nicht so an diesem Jahreswechsel. Der Auftakt liess noch Schlimmstes vermuten: Böller, Leuchtspuren, Blitze, ohrenbetäubende Detonationen. Doch gegen 23 Uhr ebbte das Inferno ab. Erst dachte ich, das sei die Ruhe vor dem Sturm. Aber auch nach Mitternacht – nichts, was aus dem bürgerkriegsähnlichen Akustik-Teppich der Stadt herausstechen würde. Hat sich rumgesprochen, dass Explosivstoffe nicht von der Steuer absetzbar sind? Greift das Kyoto-Protokoll jetzt schon im Quartier? Oder leiden meine Nachbarn unter vorzeitigem Raketenabschuss? Vielleicht konnten sie ja in der pulvergeschwängerten Luft ganz einfach die Munition nicht mehr finden. Die Rauchschwaden vermischt mit dem Nebel liessen Zürich ein wenig aussehen wie Beijing an einem fast smogfreien Tag. Gute Vorzeichen für ein neues Jahr.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. Januar 2016

Wintertortour (+)

Als Stadtzürcher vermisse ich den Schnee kein Bisschen. Auch wenn eine Mehrheit sagt: «Es ist so wunderbar still, wenn Schnee fällt, und die Stadt sieht noch hübscher aus, wenn sie verzuckert ist.» Ich sage Papperlapapp! Die Leute vergessen, wie es am nächsten Morgen aussieht. Ein graues Geschlonze, das die Tristesse der kurzen Tage noch unterstreicht. Wenn ich aufs Tram gehe, muss ich über Pflotschmaden steigen wie der Storch im Salatbeet. Da sind mir globale Erwärmung und nahezu frühlingshafte Temperaturen lieber. Als Menschenfreund fände ich es aber trotzdem schön, wenn in höheren Lagen eine satte Schneedecke läge. Dort, wo nicht diese städtische Salz-Hysterie herrscht und jede Strasse sofort und dauerhaft vom Schnee befreit werden muss, wirkt er dekorativ. Aber ich wollte was ganz Anderes erzählen:

Am Sonntag war ich in Winterthur beim Comichändler meines Vertrauens. Falls Sie diese nette Nachbarstadt nicht kennen: Die Shoppingmeile heisst Marktgasse und ist reine Fussgängerzone. Da musste ich durch. An einem Weihnachtsverkaufssonntag. Es war die Hölle. Zilionen Menschen, die sich deutlich langsamer bewegen als diejenigen in der Zürcher Bahnhofstrasse. Flaniervolk, das nebeneinander gehend im Tempo eines Gletschers durch die Einkaufsstrasse driftet. Mobile biologische Strassensperren. Wenn man ein Ziel hat, zügig vorwärts kommen will und nicht jedes Schaufenster beaugäpfeln möchte, wird man wahnsinnig. Voll der Dichtestress. In Zürich kann man wenigstens aufs Tramtrassee ausweichen. Nicht so in Winti. Dort braucht man eine buddhistische Geduld, wenn man von A nach B will und die Marktgasse der kürzeste Weg ist. Dann traf mich die Erkenntnis: Dies ist ein Wink des Schicksals und liefert mir Material für einen Neujahrsvorsatz. Sollte ich mir also feierlich vornehmen, im neuen Jahr mehr Geduld zu haben? Hm? Nein. Aber ich werde beim nächsten Mal den Weg aussen rum wählen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 23. Dezember 2015

Apfäntzpulli

Neulich im Ausgang habe ich die erschreckende Feststellung gemacht, dass sich eine weitere angelsächsische Unsitte breit macht in Zürich: Der Weihnachts-Pullover. Diese potthässlichen grünen oder roten Pullis mit den unsäglichen Adventsmotiven. Da draufgepappt sind fliegende Schlitten, rauschebärtige Santas und rot benaste Rentiere in 3-D. Den übelsten fand ich den mit den zwei gruseligen Schneemännern, deren Köpfe auf Brusthöhe mit hervorstehenden Gummi-Rüeblinasen versehen waren. Haben diese Leute keine Freunde? Echte Freunde würden einen daran hindern, so unter die Menschen zu gehen. Die würden nicht mal zulassen, dass man die Anschaffung einer solchen Monstrosität erwägt. Wenn man die Dinger googelt, fragt Google zurück: «Meinten Sie ‹Ugly Christmas Sweaters›?» So ist das. Noch vor Jahren waren solche Pullis wie eine Geschlechtskrankheit: Man konnte sie bekommen, aber nicht kaufen. Das hat geändert. Jetzt sind die Läden voll davon. Die Dinger kauft man nur, um sie zu verschenken. Entweder einem Freund mit einem kranken Sinn für Humor oder dem ärgsten Feind. Und danke, ich brauche keinen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 9. Dezember 2015