Shop till you drop

In meinem Facebook-Freundeskreis hat es ein paar interessante Menschen, die gönnen sich nach einem feucht-fröhlichen Abend noch einen Absacker am Laptop. Yepp, betrunkenes Shopping zwischen Heimkommen und Zubettgehen. Die später unerklärlichen Einkäufe werden dann zur allgemeinen Erheiterung gepostet. Der Börner ist immer noch der Karton mit fünf Kilo ungeweihter Hostien. Wer weiss, vielleicht muss man in einer Genossenschaftswohnung im dritten Stock ja mal überraschend eine Erstkommunion durchführen. Da ist man wenigstens vorbereitet. Auch recht toll waren die Prinzessinnen-Krone für den Yorkshire Terrier oder der Zylinderhut für die Schildkröte. Grenzwertig schräg waren die Würgreiz weckenden Leggins mit dem Haarige-Beine-Printmuster, die eine Freundin leicht angetrunken bestellt hat. Sie hat sie nur einmal für das Beweisfoto getragen und danach umweltfreundlich entsorgt.

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Gelten als Verhütungsmittel: Leggings mit Haarmuster.

Irgendwie bin ich vor derartigen Fehlkäufen verschont geblieben, ertappe mich aber dabei, dass ich mir zweimal überlege, ob ich etwas für 25 Franken kaufe, das noch 5 Franken Liefergebühr kostet, aber nicht eine Sekunde zögere, wenn das gleiche Produkt 30 Franken kostet und gratis geliefert wird. Oder dann kaufe ich im Online-Shop nochmal für 20 Franken mehr Zeugs ein, das ich nicht brauche, nur damit danach die Ware gratis geliefert wird. Ja, ich nehme Pillen gegen Blödheit (gibt’s im Internet).

Das Schöne am Onlineshopping ist ja so dieses Weihnachtsfeeling, wenn dann der Päcklipöstler das Geschenk von mir an mich liefert. A propos Liefergebühren: Die fallen ja bei diesem chinesischen Grosshändler weg, weil die vom Weltpostverband immer noch als Drittweltland eingestuft sind und fast gratis verschicken können. Da gibt es das schrägste Zeug im Multipack. Mit 200 Veloschliesskabeln für 97 Franken könnte ich zum Beispiel ganz viele Velos in meinem Quartier sichern. Nur ein weiterer Klick im Onlineshop und mir gehören 20 orange-weiss gestreifte Verkehrskegel. Ab sofort fahren die Autos in meiner Nachbarschaft, wo ich es will. Ergänzend dazu sollte ich mir die Strassenampel für 165 Dollar mit Fernbedienung leisten, damit ich immer freie Bahn habe. Die Zukunft ist rosig. Und in 20 Jahren werden meine Enkel überrascht sein, dass ein Südamerikanischer Regenwald nach einem Internet-Kaufhaus benannt ist.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 15. Mai 2019)