Jeans und Rüebli

Neulich habe ich Jeans gekauft. Das ging ruckzuck: Bundweite, Beinlänge, Kreditkarte eingeben, fertig. Meine allererste Jeans war noch von der Kleiderfabrik Baden. Die haben Levi’s hergestellt und im Fabrikladen konnte man die für ein Butterbrot kaufen. Allerdings ohne sichtbare Markenzeichen. Als Teenager natürlich voll uncool. Der Gipfel der Uncoolness waren aber Migros-Jeans der Hausmarke «Crack». Ein aus heutiger Sicht eher unglücklicher Name. Vermutlich hiessen die so, weil man sie rauchen konnte.

Auf meinen lachsfarbenen Jeans-Anzug, in den mich meine Eltern in den 70ies gezwängt haben, gehe ich nicht näher ein. Man soll nicht schlecht über Verblichene sprechen. Ich trug den «Züri Leu» im Industriequartier aus, um die nötige Kohle für die echten Röhrlijeans zu verdienen. Ich bin dem Stil treu geblieben, während die Mode durch alle möglichen Schnitte mäanderte.

Das fing an mit Latzhosen: Jungs sahen aus wie Bauerntölpel, während Mädels darin den Sideboob erfanden. Dann kamen die Rüebli-Jeans, die neulich ein VBZ-Plakat inspiriert haben. Apropos Plakat: 1982 verbot die Zürcher Gewerbepolizei das Rifle-Füdli-Plakat von Werber Peter Marti (nicht verwechseln mit dem FCZ-Stürmer) wegen «Störung von Ruhe und Ordnung» und «Gefährdung der Verkehrssicherheit». Ich verkneife mir an dieser Stelle jedes Zitat, das damals im Zusammenhang mit «Verkehr» geprägt wurde. Super Werbung für Rifle-Jeans und die Agentur. Danach klebten rollige Teenager das Plakat in jedes Jugendhaus.

Rifle-Plakat © Peter Marti – Ursache für viele Tennisarme bei jungen Männern.

Aber zurück zu den Rüebli-Jeans: Mit Rüebli assoziiere ich den Aargau. Bei aller Wertschätzung, die das Gemüse als Beilage und der Kanton als Pufferzone zwischen Zürich und Basel verdienen, diese Jeans waren ein Verbrechen an der Menschheit. Die Rebellenhose, die jeden Hintern appetitlich verpackte, war zum Fesselballon mutiert. Zu einer Zeit, als die Bademode «French Legs» für Frauen mit «Big Hair» schöpfte, setzten sich Jeans durch, die aussahen, als hätte sie ein religiöser Fanatiker designt: Plump, mit dem Hosenbund über dem Bauchnabel. Nur tragbar mit einem extrem breiten Gurt. Stell Dir einen Ferrari vor – mit einer Škoda-Carrosserie. Genau so.

Die Gegenbewegung waren hautenge Jeans. Die sahen so aus, als hätte man einem Primarschüler die Hose geklaut und sie selber angezogen. Marcel Scheiner hat damals in seinem Laden kleine Plastikgriffel angeboten, mit denen man den Schieber des Reissverschlusses besser halten konnte, wenn man die zwei Nummern zu kleine Hose schliessen wollte. Unvergesslich: Foreigner-Sänger Lou Gramm hat im Laden im Niederdorf ein entwürdigendes Schauspiel geboten, als er sich, am Boden auf dem Rücken windend, in eine zu enge Hose gezwängt hat. Eng wie eine Cervelat-Haut. Er hat dann gleich drei Stück gekauft. Erst wenn man nicht mehr atmen konnte, sass die Hose richtig. Am Knöchel hatte die Jeans ebenfalls einen Reissverschluss, weil ein normal gewachsener Fuss nie durch die enge Röhre gepasst hätte. Die kalten Beine mit dem unterbrochenen Blutfluss steckte man dann in Cowboystiefel. Warum tut Mann sich sowas an? Nun, wenn eine Frau sagt: «Diese Jeans bringt dich schneller ins gelobte Land», dann tragen wir sie. Unglaublich, aber wahr: Nur 25 Jahre später kamen diese Klötenquetschen zurück als Skinny Jeans. Dann aber mit Elast im Stoff und Leggings-Feeling. Tipp für Männer: Trag keine Skinny Jeans, wenn Du dünne Beine hast und nicht für einen Drogensüchtigen gehalten werden willst.

Foreigner-Frontmann Lou Gramm – Scheiner-Jeans musste man damals noch selber schreddern.

Die Rüebli-Jeans haben zum Glück nie ein Comeback gefeiert. Dafür kamen in den 90er Jahren Denim-Hosen auf, die mindestens so viel Stoff verbrauchten: Cargo-Jeans. Die hatten unendlich viele geräumige Taschen. Die waren auch praktisch im Ausgang mit der Freundin: Meine Hose war ihre Handtasche. Ich hätte meine Wohnung zügeln können mit diesen Hosen. Dann kamen die Destroyed-Jeans auf. Die Schlange vor dem Kaufleuten sah aus, als wären die Leute von einem Wolfsrudel überfallen worden. Destroyed habe ich nie begriffen. Ich würde auch kein neues Auto kaufen, das schon total geschreddert ist. Wenn mir eine Jeans am Oberschenkel, Knie oder Hintern gerissen ist, bin ich verschämt nach Hause gegangen und habe eine neue angezogen.

Apropos peinlich: In den Nullerjahren kam diese Mode auf, den Hosenbund Mitte Oberschenkel zu tragen, damit die Boxershorts auch mal Tageslicht sehen. So Gangsta-mässig. Ich hab’s zuhause ausprobiert. Man muss dabei einfach nur so schreiten, als hätte man volle Windeln und wollte nichts verschmieren. Bei den Frauen waren Low-Rise-Jeans hip, mit denen eine String-Tanga-Tragepflicht einherging. Zwischen Arschgeweih und Hosenbund war dann so ein McDonalds-M zu sehen. Mitte der 10er Jahre wurde die Low Rise durch das pure Gegenteil ersetzt: Die Mom-Jeans, die bis unter die Achselhöhle reicht und jede Form und Figur verhüllt. Vermutlich designt von einer evangelikalen Nonne.

Seit den 10er-Jahren kann man keine neue Strömungen mehr ausmachen, sondern nur noch Variationen von Gehabtem: Baggy-, Flare-, Utility- oder Wide-Leg-Jeans – Erlaubt ist, was gefällt. Das ist okay so. Mittleweile bin ich auch in einem Alter, in dem ich meine Kleider am selben Ort kaufe wie meine Lebensmittel.

(Kurzversion im Tagblatt der Stadt Zürich, 03.06.2026)

Que Sera, Serafe

Ich habe nur schon deshalb an der Abstimmung teilgenommen, weil so viele Gspänli von mir eine SRG-Lohntüte erhalten. Ich sage bewusst «erhalten», weil ob sie sie verdienen, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass allen, die dort arbeiten, der Hintern vergoldet wird. Im Schnitt bekommen SRG-Angestellte 500 Franken mehr im Monat als Privat-Medienschaffende und fast 1400 Franken mehr als der Durchschnitts-Lohnempfänger in der Schweiz. 27 Ferientage bekommen alle, ab 50 sind es 32 und ab 55 Jahren pralle 37 Ferientage. Da bekommt man schon eine Sonnenbräune, wenn man den Vertrag unterschreibt. Die Pensionskasse gilt als eine der grosszügigsten überhaupt und die Nebenleistungen sind fürstlich. Kann man sich auch leisten, wenn man anderthalb Milliarden Budget hat, um das am wenigsten schlechte Fernsehen der Schweiz zu produzieren.

Ich habe den Stimmzettel trotzdem mit einem Krampf in der Hand ausgefüllt. Von dem, was ich da konserviere, habe ich null und nichts. Ich habe nie in meinem Leben einen Fernseher gehabt und Radio höre ich lieber Private. Schlauberger sagen jetzt: Ha! Die Privaten bekommen auch SRG-Gelder. Right! Das ist so, wie wenn die SRG ein Bier einschenkt und die Schaumkrone etwas zu hoch gerät: Der Tropfen, der dann aussen am Glas runterläuft ist das Bier, das der Privatsender bekommt. Prost! Trink nicht alles aufs Mal!

Mein NEIN galt vor allem der Erhaltung von über 7000 geilen Arbeitsplätzen.

SRG Social Media Werbung

Als Nicht-SRG-Konsument entgehen mir solche Perlen wie «SRF-Studio 404: Die grösste Dickpic-Sammlung der Schweiz».

Noch vor ein paar Monaten hätte ich gedacht, mir faulen die Lippen ab, wenn ich sage: «Ich verstehe die Forderung der SVP», aber wenn man sich bei den Nachbarn umschaut, denen genügen im Schnitt 190 Franken für staatliche Medien und die sind nicht schlechter. Mal ehrlich: Brauche ich 7 Fernsehprogramme, 17 Radio-Stationen, dutzende von Websites, über 200 Podcasts und zig Apps? Nö, ich nicht. Aber für die geistige Landesverteidigung und damit Oma «Happy Day» schauen kann, lege ich gerne die 300 Franken auf den Tisch. Ausserdem wissen wir, wohin private Mediendominanz führt: Krieg, Pädophile und Masern. Die Fussball-WM schaue ich dann trotzdem bei Freunden, die einen Sender wählen, bei dem der Sport nicht «Füessball» genannt wird.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 11.03.2026)

Bartli

Vor einem Monat war ich wieder mal rasier-unlustig und so nach 4 oder 5 Tagen haben meine Töchter gemeint, dass das sicher cool aussehen würde, so Papa mit Bart. Hey, ich hatte in meinem Leben noch nie einen Bart. Also dachte ich No-Shave-November ist mein Ding und habe meine sekundären Geschlechtsmerkmale wild wuchern lassen. Im Militär wird man vom täglichen Rasieren dispensiert, wenn der Bart mindestens drei Wochen alt ist und auch nach Bart aussieht. Also habe ich mir das Ziel drei Wochen gesteckt. Nach einer Woche fing der Juckreiz an und mir wurde wieder klar, warum ich nie im Leben einen Bart stehen liess. Die Barbologen in meinem Freundeskreis empfahlen abenteuerliche Bartöle, von Jojoba- über Rizinus- bis Mandelöl. Ich habe auf verkleistertes Gestrüpp verzichtet und mannhaft das Jucken erduldet. Wenn niemand hinsah, habe ich meinen Kiefer gekratzt, als stünde er in Flammen. Schon nach zwei Wochen kannte mich mein Handy nicht mehr. Gesichtserkennung? Nicht mit der Matte in der Visage. Ausserdem fühlte es sich nach dem morgendlichen Duschen seltsam an. Als hätte man einen nassen Waschlappen im Gesicht. Unterkiefer trockenrubbeln gehörte von nun an zur täglichen Routine, genauso wie Barthaare kämmen. So Gesichtshaare haben nur wenige Vorteile: Sie kaschieren ein fliehendes Kinn, geben warm im Winter und man kann sich im Gesicht kratzen und sieht dabei aus wie ein Denker und nicht wie ein Depp mit Krätze.

Bart abschlagen in 7 Etappen: Rauschebart, Abwart Zwicky, Fernfahrer, Metalhead, Zappa, Pornobalken, Chaplin und nature.

Nach drei Wochen überwiegen für mich die Nachteile: Mein Gesicht fühlt sich an, wie … haben Sie mal einen Rauhaardackel gestreichelt? Genau SO! Die Komplimente, die ich bekommen habe, machen das Gefühl nicht wett, dass ich beim Einschlafen glaube, ich hätte eine Filzmatte zwischen Gesicht und Kissen. Wussten Sie, dass man wegen dem Schnauz beim Trinken immer so einen nassen Patch unter der Nase hat? Kapillarkräfte. Einfach nur eklig. Eine Arbeitskollegin hat neulich ihren bärtigen Partner geheiratet. Sie waren mehr als fünf Jahre zusammen und sie hat ihn noch nie ohne Bart gesehen. Vielleicht hat er gar kein Kinn? Sie wird es vielleicht nie erfahren. Wieauchimmer – meine Töchter haben mich beschwatzt, meinen Rauschebart trotzdem bis nach dem Samichlaustag wachsen zu lassen. Ich bin bekanntermassen affektlabil und habe eingewilligt. Meine Flokati-Front hat in der vierten Woche eine erste Trimmung erhalten, der Hals wurde wieder freigeschnitten. Ich bekomme Komplimente – nicht nur von Männern. Trotzdem: Für mich überwiegen die Nachteile: Wenn zum Beispiel der beschnauzte Mann sich schneuzt, weiss er danach nie, ob da noch Schleim oder Popel in der Rotzbremse hängen. Auch Reste von Mahlzeiten halten sich gerne an Gesichtshaaren fest. Deshalb auch der Ausdruck «Flavor Saver», den meine ältere Tochter meinem Bart gegeben hat. Immerhin: Andere Körperteile, die einen eigenen Namen bekommen, erhalten kaum so viel Tageslicht. Auch olfaktorisch gibt so ein Bart nichts her. Du riechst ständig Haare. Steht auch nirgends in der Gebrauchsanweisung. Sehr irritierend. Trotz der Komplimente «ohne Bart eine solide Sieben, mit Bart schon fast eine Acht» habe ich vor ein paar Tagen Klinge und Kamera gezückt. In mehreren Etappen – Salamitaktik an der Fassade – bin ich zu Werke gegangen. Erst den Jesus, dann alle Wangenhaare weg: Rap-Industrie-Standard. Alles hinter dem Kinn rasieren und nur vorne den Schiissideckel übriglassen – der sogenannte Abwart-Zwicky-Look. Dann unten am Schnauz die Brücke zum Kinn durchtrennen, fertig ist der Hulk Hogan. Mit ein paar gekonnten Schnitten wurde sofort ein Robin Hood daraus. Weg mit dem Ziegenbärtchen, übrig bleibt ein breiter Schnauz und die Unterlippen-Mumu: Frank Zappa. Schnipp – Reduktion auf Oberlippe: Der Pornobalken, auch Schweizer-Ordonnanz-Schnauz genannt. Einen konnte ich mir nicht verkneifen. Den Charlie Chaplin, benannt nach seinem zweitbekanntesten Träger. Ein zweitletztes Foto, ein kurzer Schnitt und dann wars vorbei, mein 32-Tage-Bart-Abenteuer. Uff!

Ab jetzt wieder full Brazilian im Gesicht und ja, ich weiss jetzt, wo der Most geholt wird.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 17.12.2025)

Trama Queen

Neulich war ich in Bern. Dort sind die Tramhaltestellen angeschrieben mit «Abfahrtskante». Der kleine Teutone, der in einer abgelegenen, dunkelbraunen Ecke meines Bewusstseins wohnt, schrie: «Hammse verstanden, Schröder?! Ab-fahrts-kante!» Eine stramme, völkische Bezeichnung. Ich habe unwillkürlich die Absätze zusammengeknallt. Wie dort wohl die Kontrollöre heissen? Getrako? «Steigen Sie einzeln und mit erhobenem Billet aus dem Tram!» Schauder.

Tram-/Bus-Abfahrts-LCD-Schirm am Berner Bahnhof.
In Bern gibt man sich im öV die Kante. ©Bernmobil

Ich bin einmal mehr froh, Zürcher zu sein. Auch wenn gewisse Tram- oder Busfahrten mehr Erlebnisse bieten, als ich mir wünsche. Der 32er ist nach Einbruch der Dunkelheit schon fast ein Garant für bizarre Unterhaltung: Junge Frauen, die sich während der Fahrt schminken und bei jeder Bodenwelle den Chauffeur mit Kraftausdrücken eindecken, Menschen mit kräftiger Ausdünstung, die dir unbedingt einen Glücksbringer «schenken» möchten, oder der ältere Herr, der knurrend versucht mit den Zähnen eine widerspenstige Plastik-Verpackung aufzubeissen, bis ihm die Zahnprothese rausrutscht. Ich habe mich dann abgewendet, als er, jetzt mit den Zähnen in der Hand, weiter versucht hat, die Verpackung aufzuschlitzen, während andere Fahrgäste angefangen haben, den Mann zu filmen. Ich bin übrigens fest der Ansicht, dass man – egal was man tut – sofort damit aufhören sollte, wenn einen Menschen verschiedener Ethnien und Geschlechter dabei filmen. Eine andere gesellschaftliche Regel sollte sein, dass alle, die ein Buch lesen, das Ding so halten müssen, dass ich den Titel und im Idealfall auch noch den Klappentext lesen kann. Aber die meisten Menschen starren in ihr Handy oder tragen Stöpsel im Gehörgang und sprechen ins Leere. Noch vor 20 Jahren wäre so einer ein stadtbekannter Sonderling gewesen, der einfach so im Tram ohne Gesprächspartner in die Luft rausschwatzt. Da sind mir Jugendliche fast lieber, die mit eingeschaltetem Lautsprecher telefonieren. Da bekommt man wenigstens die ganze Story mit. Aber keine Angst, nicht jedes Zürcher ÖV ist eine mobile psychiatrische Klinik.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 17. September 2025)

Webstübler

Das Internet geht mir immer mehr auf den Keks. In seinen Jugendjahren konnte man einfach auf eine Webseite surfen und Inhalte aufsaugen. Heute geht das so: Webseite öffnen, herausfinden, wie man alle Cookies ausser die essenziellen abwählen kann, dann das Hilfe-Widget unten rechts ausschalten, das selbststartende Video anhalten, dann das Pop-up für den Newsletter wegklicken, dann noch die Frage, ob mein Standort verwendet werden dürfe verneinen und schon sind wir parat. Jetzt muss ich nur noch herausfinden was ich überhaupt auf dieser Webseite wollte. Schlimmstenfalls muss man sich auch noch registrieren und schon wieder ein neues Passwort in die Welt setzen. Hey, wer früher Passwörter beruflich gebraucht hat, war ein russischer Spion. Heute? Wie viele Passwörter haben Sie? Bei mir sind’s hunderte, die ich in einer App verwalte – natürlich passwortgeschützt. Die automatisch generierten Passwörter lesen sich wie die Namen der Kinder von Elon Musk.

©Torsten Wolber «Neos Office»
©Torsten Wolber «Neos Office»

Übel ist auch, dass die Videoclips, die ich vor 20 Jahren gemocht habe, heute im Kleinbildformat wiedergegeben werden und daneben sitzt im Bild so ein Inflünzer und tut so, als sähe er den Clip zum ersten Mal. Reaction-Videos nennt sich der Müll, den ich nur vorgesetzt bekomme, weil ich das Original vor Jahren mal geliked habe.

Das Internet vergisst nie und weiss mehr über mich, als ich selber. Mit diesem Wissen mobbt es mich voll: Werbungen für Medikamente gegen Haarausfall, Hodenstillstand und Herzbeschwerden sind ja noch lustig. So richtig gemein finde ich die für mich massgeschneiderten Reklamen für die neuesten Errungenschaften der Rollator-Technik, empfohlene Bestattungsunternehmen, oder Tipps, was ich mit meinem Vermögen (Haha) nach meinem Ableben tun könnte. Danke. Ich glaube immer noch an ein Leben vor dem Tod. Wenn Sie bis Ende Jahr keine Kolumne von mir sehen, dann hatte das Internet recht und ich habe schon ein Gärtlein auf dem Bauch.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 11. Juni 2025)

Gwafför

Am Donnerstagabend, dem vornehmsten Abend für den Zürcher, um Gassi zu gehen, war ich im Niederdorf. Der Abend war freundlich und lau, das Bier kühl und hat geschmeckt. Trotz der Hopfennarkose blieb mir in Erinnerung, dass es im Dorf einige neuere Geschäfte gibt, die keine 24-Stunden-Kioske sind. Speziell war der Coiffeur mit dem Preisschild im Fenster, wonach ein einziger Haarschnitt etwa mein Halbjahresbudget für Haarpflege – 5 Maschinenschnitte und Shampoo – kostet. Den Namen habe ich mir nicht gemerkt, der war unauffällig. Überraschend, in einer Branche, in der schlechte Wortspiele schon fast eine Verpflichtung sind. Ich habe mir aber sagen lassen, dass Namen wie Hairforce One, MegaFön oder Hairzlich immer seltener werden. Schade. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich an einem Frisenleger, HaarM, Schädelgärtner, KammBotscha, oder einer Schnittstelle vorbeigekommen bin. Andere kreative Namen beinhalten sogar den Namen der Haarkünstlerin: CutHaarina oder HaarMoni – warum eigentlich nicht HaarMonika? Dann gibt es noch die Luxusmarken Hairmès oder L’Hair du Temps. Mani Matter hätte genug Stoff für ein zweites Gwafför-Chanson. Einige Haarakrobaten konnten sich bei der Namensgebung zurückhalten: So heisst der Salon an der Gessnerallee immer noch Art Coiffure Kaiser und nicht etwa Kaiserschnitt oder Kaishair.

Frisör Lotze
Nein, das ist ein «L». © reddit/u/mrkoq

Der Haarkünstler meines Vertrauens ist Kurde und führt einen gepflegten Salon, der nach Kompromissen und Kölnisch Wasser riecht. Ich sehe ihn so alle sechs Wochen, wenn mein 4 mm Schnitt auf der Seite rausgewachsen ist, dass der sich – zumindest für mich – anfühlt, wie der wilde Wuschel von Albert Einstein. Er weiss genau, was ich will und bekommt es jedes Mal hin, zusammen mit einem fetten Trinkgeld. Pro-Tipp: Sei immer freundlich zu deinem Coiffeur und gib gut Trinkgeld. Vielleicht ist er ein Serienmörder und verteilt am Tatort die Haare der Kunden, die er nicht mag.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 12.03.2025)

Apfänt, Apfääänt …

Ich bin nicht religiös, aber ich bin ein totaler Fan von Jesus’ Geburtstagsparty. Die Original-Fete war ja in Bethlehem, einem Vorort von Bern in einem Stall mit Nutztieren und landwirtschaftlich Beschäftigten, dazu kamen noch einige wohlhabende Expats mit Geschenken. Das hat schon was Inklusives, so eine rustikale Stehparty in der Agglo mit Vertretern verschiedener Gesellschafts- und Einkommensklassen.

Weihnachtsfeier in der Firma – Gesprächsstoff fürs ganze Jahr.
© Dreamworks 2016 / Constantin Film

Früher, so als Kind, bin ich ja innerlich gestorben, wenn ich ein Päckli mit meinem Namen unter dem Baum gefunden habe und der Inhalt fühlte sich stoffig-flauschig-weich an. Wozu hatte ich den halben Franz Carl Weber Katalog angekreuzt? Das war ein hartes Stück Arbeit!! Für ein Calida-Pischi??!? Trotzdem danke. Das hat sich übrigens mit zunehmendem Alter geändert: Mitte 20 habe ich mal ein Game geschenkt bekommen, dabei brauchte ich dringend Socken und Unterwäsche. Aber hey, der gute Wille zählt.

Die Adventszeit ist nur schon ein Riesenspass, weil je näher das Jahresende rückt, desto ungehemmter wird in Büros Alkohol konsumiert. All die Flaschen, die sich im Laufe eines Jahres als Kundengeschenke oder überzählige Apéro-Einkäufe angesammelt haben, müssen ja mal ihrer Bestimmung zugeführt werden. Die Adventszeit ist dazu perfekt. Nachmittägliche Trunkenheit gehört da schon fast zum guten Ton. Das Beste ist, man kann bei all diesen Apéros Mitarbeitende oder Verwandte dermassen abfüllen, bis die eine Affäre zu- oder andere Peinlichkeiten von sich geben. A propos: Wenn Sie noch nicht so ganz mit der jungen Tradition der hässlichen Weihnachtspullis vertraut sind, stellen Sie sicher, dass die andere Person wirklich einen solchen trägt, bevor sie ein Kompliment für besondere Hässlichkeit aussprechen.

Jetzt, wo wieder Mariah Carey und George Michael ohne Pause im Dudelfunk gespielt werden, die Weihnachtsdeko seit Mitte Oktober in den Läden und seit einigen Tagen sogar in den Strassen strahlt, kann ich Sie versichern, dass es auch in der heutigen Zeit der neuen Sprach-Empfindlichkeit nicht rassistisch ist, wenn sie sich weisse Weihnachten wünschen.

Tagblatt der Stadt Zürich, 4. Dezember 2024

Schoggi-Job

Wann fängt in der Schweiz der Herbst an? Na? Na? Richtig: Wenn Migi und Coop vor dem Laden die Wassermelonen mit Kürbissen austauschen. Ich kaufe aber nicht Kürbisse, sondern Schokolade. Viel Schokolade. Während Sie das lesen, bin ich am packen für einen Flug in die USA, wo ich Freunde und Verwandte besuche. Wenn man Amis fragt, was man mitbringen soll, dann nennen sie entweder Lederhosen, Kuckucksuhren, Käse oder Schokolade. Weil ich weder ein Bayer, noch ein Schwarzwälder bin, und weil ich nette Menschen nicht mit einem rässen Appenzeller in die Flucht schlagen will, bringe ich Schoggi.

Wer mal Hershey-Schokolade gegessen hat, weiss, dass Amerikaner richtige Schoggi bitter, oder zumindest zartbitter nötig haben: Im Hershey-Produktionsverfahren entsteht nämlich durch kontrollierte Lipolyse ein kleiner Anteil Buttersäure; das ist der Stoff, der Erbrochenem sein kräftiges Geschmäcklein gibt. Dass amerikanische Schoggi einen chötzligen Abgang hat, daran sind wir Schweizer ein wenig mitschuldig: Der Gründervater von Hershey entstammt nämlich der Auswanderer-Familie Hirschi aus dem Emmental. An der US-Geschmacksverwirrung ist also ein Schweizer schuld. Höchste Zeit, dass ich da hinreise und einiges wieder geradebiege, als reisender Schoggi-Botschafter. Auch in meinem näheren Umfeld versuche ich die Menschen auf den guten Geschmack zu bringen. Mein deutscher Gamer-Kollege behauptet zum Beispiel nassforsch, dass die «Schoki» mit der violetten Kuh ein Premium-Produkt sei. Als er diese schamlose Behauptung aufgestellt hat, glaubte ich zu spüren, wie eine Ader in meiner Stirn platzte. Ich werde ihn auf den rechten Weg führen. Eines der grössten Verbrechen unseres Nachbarlandes ist aber diese Merci-Packung, mit der man für gute Taten bestraft wird. Drittklassige Kakaoprodukte in einer Verlegenheits-Geschenkverpackung. Ich bin überzeugt, jede dieser Merci-Packungen, die bei mir gelandet sind, wurde schon mehrere Male weitergeschenkt. Ich beende diesen Teufelskreis jeweils, indem ich das Zeug umweltfreundlich entsorge. Meistens in irgendeinen Briefkasten auf dem Weg zum Tram. Ich hoffe immer noch auf eine Konter-Schoggi namens «Nichts zu danken», bestehend aus einer richtig guten Schweizer Schokolade, die an einer leeren Schachtel festgeklebt ist, in die man die ungeöffnete Merci-Packung einstecken kann. Die schenkt man dann zurück.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 11.09.2024 / gekürzt)

Tschuttimatsch

Vom Spätwinter direkt in den Hochsommer? Echt jetzt?!?? Wir hätten den blöden Böögg einfach abfackeln sollen, als wir die Chance dazu hatten. Okay, der Regen wurde zunehmend wärmer, aber das kann man doch nicht Frühling nennen. Und plötzlich – BAM – sind schon wieder die Wochenenden da, die so viele Iwänz bieten, dass man komplett überfordert ist: Public Viewings, Gartenpartys, Stolze-OpenAir, Food Zürich, Hofkino … ich habe mich für ein Public Viewing und für den Stolze-Abend entschieden. Meine Frau Gemahlin war beim Fussball nicht dabei. «Isch d’Saison nanig verbii?» Auch nach dem Spiel konnte sie meine Begeisterung nicht teilen: «Wenn ich verschwitzte Männer sehen will, die sich abknutschen, kann ich auch an die Gay Pride gehen.» Wo sie recht hat … trotzdem hatte ich Spass am EM-Auftaktspiel gegen Ungarn.

Schweizer Nati-Fans am EM-Spiel Schweiz-Ungarn am 15.06.2024. Einer hält einen Karton hoch mit der Aufschrift «Fondue better than Goulash».

Lieber rot als tot: Schweizer Fussball-Nati-Fans in Köln.

In der Nati stimmt die Chemie, was nicht überrascht, wenn der Captain bei Bayer Leverkusen spielt. Auch das Publikum im Stadion hat stimmungsmässig überzeugt. Besonders in Erinnerung bleibt der Zuschauer, der ein Schild hochhielt mit Fondue better than Goulash. Sofort entbrannte die Diskussion über das bessere Käsegericht, Fondue oder Raclette. Inzwischen hat ein Typ hinter mir den Torschützen zum 1:0 gegoogelt: Kwadwo Duah, ein sympathischer Giel aus dem Berner Tscharnergut-Quartier. «Kwadwo bedüütet ‹am Montag geboren›, drum chrampfet dä eso.» Ich bin schon wieder sprachlos. Meinem Sitznachbarn, einem Typ so Mitte 20, konnte man ansehen, dass er angestrengt überlegte, ob er wegen dieser Aussage empört sein soll. Irgendwann entspannte er sich. Wir nickten uns zu und waren uns einig, dass wir ein Prachtexemplar eines Bünzlis hinter uns sitzen hatten. Innerlich hatte ich ihm einen Ehrenbünzli-Orden verliehen. Laminiert. Mit eme einnägelige Riisnägeli an der Brust befestigt.

Nach dem Spiel war klar, dass Fondue dreimal besser ist, als Gulasch. Viele, die da waren, hegen ja heimlich die Hoffnung, dass die Schweiz nach dem European Song Contest auch die Fussball-Europameisterschaft für sich entscheiden könnte. Und irgendwo in einem Keller bereitet ein Fan das nächste Schild vor, das wir heute Abend beim Schottland-Spiel sehen werden: Chuttle better than Haggis.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 19.06.2024)

Es zieht!

Nach dem letzten Graupelschauer am Sonntag (Ich mag das Wort) sind wir schon voll im Zürcher Vorfrühling: Am Sonntag klauen sie uns wieder eine Stunde Schlaf, befreundete Allergiker posten Frühlingsprosa wie «Birken sind Arschlöcher», der Böögg ist bald wieder Thema und rund um den Idaplatz blühen die Kirschen. Das Wetter macht schon auf April und am Sonntag bei unserem Gartenfest wars noch saukalt mit böigen Winden, Pinguinen und – eben –graupligen Schauern. Die konnten und das Fest nicht vermiesen, denn wir sind Zürcher: Knorrig und wetterfest. Uns bringt nichts um, ausser … Durchzug. (Damit meine ich nicht die Kundenzeitung der Zugerland Verkehrsbetriebe, sondern einen starken Luftzug in Innenräumen.)

Durchzug by Alistair MacRobert

Der schleichende Tod, wie ihn Schweizer fürchten ©Alistair MacRobert

Durchzug – und das wissen nur Schweizer, andere Länder haben nicht mal ein Wort dafür – Durchzug ist der sichere Tod. Während in Filmen bei Durchzug höchstens mal eine auf dem Tisch ausgebreitete Briefmarkensammlung durcheinandergewirbelt wird, hat der hinterhältige häusliche Luftstrom in unserem Land ganz andere Konsequenzen: Wenn es in einem normalerweise geschlossenen Raum zieht, stirbt der Schweizer auf der Stelle. Du kannst auf nem Berggipfel stehen, bei 140 Km/h Orkanböen, macht nix, aber Durchzug killt dich sofort. Das fängt an mit einem Ziehen im Genick und dann – ruckzuck – entweder ein grauslicher Tod, oder dann wird ein Fenster geschlossen.

Du kannst in der Sommerhitze einen Ventilator, mit dem man einen Airbus A380 in die Stratosphäre pusten könnte, permanent auf dich richten – zählt nicht. Aber eines steht fest: Durchzug zieht das sofortige Ableben nach sich, ausser man stellt ihn absichtlich selber her. Dann heisst er aber auch nicht mehr Durchzug, sondern Stosslüften und wurde sogar mal von einem Bundesrat empfohlen. In der nationalen Sterbestatistik findet sich Durchzug zwar auch ganz unten in der Liste nicht, aber das ist uns egal. Was wir wissen, das wissen wir. Nämlich. Und überhaupt.

Durchzug ist ein ähnliches urhelvetisches Phänomen mit plötzlicher Todesfolge wie das mit den Nieren: Wenn ich als Junge vor dem Fahrradfahren nicht jedesmal mein T-Shirt hinten in die Hose gestopft hätte, wäre ich blitzschnell an Nierenversagen gestorben. Hat mir meine Mutter versichert. Oben ohne aufs Velo war aber okay. Muss man nicht verstehen.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 27.03.2024)