Verschnupft

Irgendwann so vor drei Wochen hat mich das Miststück erwischt. Vermutlich durch einem Nieser von so einem Offensiv-Kranken im 9er-Tram. Das rücksichtslose Rhinovirus hat sich dann unbemerkt in einer Nasennebenhöhle eingenistet. Mietfrei, wohlbemerkt; im sicheren Wissen, dass ich ihm nicht mal die kleinste Zelle angeboten hätte. Vermutlich hat es mich schon vor Jahren kennengelernt, aber mein Immunsystem hatte keine Ahnung, mit wem wir es da zu tun haben. Das Ding war ja auch schon zig Mal mutiert seit unserer letzten Begegnung. Vermutlich hat es sich in Virenkreisen schon rumgesprochen, dass ich ein ziemlich guter Wirt bin. Ich bin also mit meinem heimlichen Gast zur Arbeit, nach Hause, wir haben am Sonntag zusammen Tatort geschaut und eigentlich wären wir eine voll okaye WG gewesen, hätte das kleine Monster sich nicht vermehrt wie … wie eben ein Virus.

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Ich (l.) und ein T-4  Bakteriophage. (E. Coli?) Macht keinen Schnupfen, ist aber auch doof.

Seine Präsenz manifestierte sich durch einen scheuen kleinen Nieser bei der Arbeit. Dann noch einen, und noch einen und nach dem fünften habe ich meine Kollegin angebettelt «Häbmeresh Nashgüechli?» Ein Grippevirus will wenigstens, dass man mit ihm zuhause bleibt und ins Bett geht, aber so ein Pfnüsel-Chäfer tut nichts, ausser auf die Nerven gehen. Schwummriger Kopf, schwellende Schleimhäute und Rotz ohne Ende. So voll die Rüsselpest, aber nicht von der Arbeit befreit. Dazu schmeckt alles, was man isst, nur fad. Das übelste ist aber die soziale Ausgrenzung, wie sie sonst höchstens noch Leprakranken widerfährt. Statt tröstende Worte und mitfühlendes in-den-Arm-nehmen, werden einem so Sätze wie: «Chumm mer nöd z’näch mit dim Pfnüsel, du Süüchepilz!» ins Gesicht geworfen. Die einzige Entschädigung ist dieses Orgasmus-gleiche Gefühl des ersten freien Atemzugs, wenn sich beim Schneuzen ein riesiger Rotzklumpen fast hinter dem Auge gelöst hat, und in einem Stück im Taschentuch gelandet ist. Davon abgesehen: Sch… Virus. Kann es sich nicht einen anderen Beruf suchen? Vielleicht was in der Computer-Branche?

Self-Checkout

Ich mag mein Quartier-Cööpli, aber für einen Lebensmittelladen am minderen Züriberg ist er viel zu klein und zu eng. Da gibt’s täglich Wägelistaus und die Kasse ist meistens unterbesetzt. Self-Checkout ist in unserem Quartier verpönt, weil wir wissen, dass wenn es alle machen, gibt es keine Verkäuferinnen mehr. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag das 21. Jahrhundert. Es gibt keine Zeit, in der ich lieber gelebt hätte, als in meiner. Da bin ich zum Beispiel am kochen und höre dazu Musik. Vor 200 Jahren hätte ich steinreich sein müssen, um mir das leisten zu können. Vor 200 Jahren wäre ich aber schon längst an irgendeiner Krankheit gestorben. Nicht mal die Vollnarkose gabs damals und die Luft war auch nicht besser. Für Positives aus der Vergangenheit muss man schon weit suchen… hmm … Damals wurde wohl keine Frau belästigt mit unerwünschten Penis-Selfies. Der offensive Gentleman musste damals Zeichnungen, Aquarelle oder Ölbilder von seinem Gemächt der Dame reichen. Ich nehme an, dass das nicht so oft stattgefunden hat. Aber zurück zum Lebensmittel-Kauf: Irgendwie habe ich den Eindruck, die Grossverteiler wollen keinen Kontakt mehr mit uns Kunden.

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Ctrl+Alt+Del … wenn man nur eine Tastatur hätte.

Man muss Früchte und Gemüse selber wägen, Nüsse abfüllen, sogar beim Abrechnen und Zahlen wollen sie nichts mehr mit uns zu tun haben. Neulich war ich in Altstetten in einem dieser super-unpersönlichen neuen Lebensmttelläden. Frostige Atmosphäre, kaltes LED-Licht, als ob man permanent von einem BMW verfolgt würde und kein Mensch weit und breit. Nicht mal ein Angestellter. Nur so leise Dudelmusik, die Lebensmittel und ich. Wie so ein Endzeitfilm: Ich, der einzige Mensch, der nicht verschwunden ist; allein auf der Welt. Ich habe mein Zeugs gesammelt und bin mangels Kassenpersonal an so eine Self-Checkout-Kasse und raus. Hey, ich hätte die ganze Bude leerräumen können, aber vermutlich wäre ich gefilmt und gesichtserkannt worden und hätte dann eine WhatsApp-Mitteilung von der Polizei bekommen: Ich sei des Diebstahls dringend verdächtig und sollte mich am darauffolgenden Tag im nächsten Untersuchungsgefängnis selber einschliessen.

Dusch das!

Ich sollte mir für nächstes Jahr ein E-Bike zulegen. Jedesmal von der Lettenbadi nach Oberstrass hochkraxeln ist brutal. Die Strecke ist so steil, ich bin sicher, dass Holländer da eine Seilschaft bilden würden. Die Leute in meiner Nachbarschaft glauben jedenfalls fest, dass ich immer mit einer roten Kravatte radle – dabei ist das meine Zunge. Zuhause, am «minderen Züriberg» nassgeschwitzt angekommen, hüpfe ich unter die Dusche. Das ist Notwendigkeit und Belohnung in einem. Das Badezimmer war schon immer mein Freund. Ein Ort des Müssens und der Musse: Alle, die von dir was wollen könnten, respektieren, dass du jetzt im Bad, unter der Dusche, aufm Topf oder beim Zähne putzen bist und lassen dich in Ruhe. Das hat schon als Kind funktioniert. Wenn Mama in ihrem Job-Verteil-Ton meinen Namen gerufen hat und ich geantwortet habe «Bin im Baaad», ist das nächste greifbare Geschwister drangekommen. Wo war ich? Ah ja: In der Dusche. Da kann man beim Betreten mal eine Bestandesaufnahme machen:

DuschDas
Metrosexuelle Männer mal ausgenommen …

Ich zum Beispiel belege das Körbchen mit genau einer Quetschflasche. Ich bin da vermutlich schon fast aggressiv durchschnittlich. Von mir steht da so ein typisches Männer-Pflegeprodukt, zu gebrauchen als Gesichts- und Körperseife, Shampoo, Creme, Zahnpasta, Sonnenschutz, Bad- und Fensterreiniger und geht auch als Motor-Entfetter und Felgenpolitur beim Auto durch. Für Frauen gibt es solche Produkte genausowenig wie brauchbare Taschen in Jacken oder Hosen. Frauen haben dafür Pflegeprodukte, die sind auf ganz bestimmte Stellen ausgerichtet, zum Beispiel die linke Augenbraue. Neben Seife hat es darin oft gemahlene Kerne von exotischen Früchten und Essenzen, von denen man noch nie was gehört hat. Die Flasche sieht edel aus und der Preis liegt im höheren zweistelligen Segment. Markenname und Design vermitteln einem dann noch das Gefühl, das Produkt sei für eine höhere Einkommensklasse gemacht und rechtfertige so den unverschämten Preis. Quasi flüssige Arroganz fürs Badezimmer. Wenn wir hundert Flaschen davon nicht kaufen, kann ich mir ein E-Bike leisten.

Tattoo you

Ich hätte echt gerne ein Tattoo. Irgendwas supercooles, kunstvoll getackertes, das mir nie verleidet. Und genau da liegt der Haken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir so ein Bild nicht irgendwann doch verleidet. Dann tätowiere dir doch einen Namen, sagen die einen. Aber welchen? Den meiner Frau? Was, wenn sie morgen vom Blitz getroffen wird und ich nach Jahren der Trauer eine neue Gefährtin suche? Bin ich limitiert auf Frauen, die so heissen, wie meine Verblichene? Die Namen meiner Töchter? Dann denken doch alle, ich sei vergesslich. Vielleicht sollte ich einfach den Namen eines Nachbarn tätowieren. Oder den eines ehemaligen Mitarbeiters. Oder irgendeinen aus dem Telefonbuch. Gar nicht gross nachdenken. Und wo tätowiere ich ihn? Die meisten empfehlen ja einen Ort, «wo’s nicht so drauf ankommt». Meinen sie damit den Kanton Aargau oder eine Stelle an meinem Körper, an der eine Verunstaltung  nicht so schlimm ist? Ich habe auch keinen Maori-Häuptling in meiner näheren Verwandtschaft, also drängt sich auch kein Tribal-Tattoo auf.

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Nur Seeleute und Knackis hatten früher ein Tattoo. Ich bin versucht.

Bis ich ein Sujet gefunden habe, schaue ich mir lieber die Tattoos von anderen Leuten an. Wenn jemand Text auf den Rippen hat, muss ich lesen. Aber irgendwie ist es trotzdem peinlich, wenn ich in der Schlange vor dem Glacestand vom Träger oder der Trägerin beim Lesen erwischt werde. Je nach Altersunterschied bin ich dann auch noch ein Creep. Trotzdem lese ich gerne, was Andere ewig mit sich rumtragen. Cool sind auch alte Tattoos aus der Zeit vor der Rechtschreibreform. Bei japanischen Schriftzeichen kommt mir immer wieder der Typ in den Sinn, der glaubte, dass er mit den Zeichen für «Entschlossenheit», «Integrität» und «Stärke» unter den Menschen wandelt, dabei hat ihm der Scherzkeks «Schweinefleisch süss-sauer» in die Haut genagelt.

Überhaupt – das begutachten fremder Tattoos ist recht unterhaltsam. Neulich hat eine junge Mutter stolz ihr neues «Tat» herumgezeigt. Das Sujet war die erste Freihandzeichnung ihres garantiert hochbegabten zweijährigen Fortpflanzes. Jepp, genauso hat es ausgesehen. Aber in Zeiten von Botox hebt da keiner mehr die Augenbraue. Meinen Töchtern erlaube ich, sich Tattoos stechen zu lassen. Vorausgesetzt, es gelingt dem Tätowierer meine unversehrten Kinder aus meinen kalten, toten Händen zu reissen.

Das führt uns zu der philosophischen Frage, ob sich denn ein Schmetterling einen Menschen auf die Schulter tätowieren liesse. Hat ein Schmetterling überhaupt Schultern? Bis das geklärt ist, wünsche ich einen schönen Sommer. Und weil bald 1. August ist, hier noch einen Satz, den Sie nie hören werden: «Zum Glück haben wir noch irgendwo auf dem Handy das Video vom letztjährigen 1.-August-Feuerwerk.»

Herzensangelegenheit

Seit der letzten Kolumne habe ich wieder einen Hausarzt. Ich hatte 35 Jahre keinen und tat, was Über-50-Jährige bei Hausärzten so tun: Ich liess mich untersuchen. Der neue Doktor hörte bei meinem Herzen einen Ton der ihm so gar nicht gefiel und schickte mich zum Kardiologen. Der machte ein Belastungs-EKG, so auf einem Velotrainer mit ganz vielen Saugnäpfen auf meinem Oberkörper. Ich war beeindruckt von der Technik, der Kardiologe aber nicht von meiner wohl etwas dürftigen Performance. Da müsste mehr drin liegen, meinte er und schickte mich ans Unispital in die Röhre. Dort stellte man zwar Ablagerungen in den Herzkranzgefässen fest, aber wie weit die meine Gefässe verstopfen, war nicht sichtbar. Nächste Station: ein Hi-Tech-Operationssaal in der Klinik Hirslanden. So Spielberg-mässig mit schwebenden Röntgengeräten um mich herum führte der Spezialist eine Kontrastmittel-Einspritzung in meine Herzkranzgefässe durch und zeichnete das Ganze auf. Auf einer Seite alles tipptopp, auf der anderen … Verengungen, die mich entweder hätten töten oder mindestens stören müssen.

Taminamal! Nachdem er die Aufzeichnung mehrfach gesichtet hat meinte er, dass eine Bypass-Operation unumgänglich sei und möglichst bald stattfinden sollte. Fuck! Das ist ziemlich schnell eskaliert, innert etwas mehr als zwei Wochen vom neuen Hausarzt bis zur Operation am offenen Herzen. Ein paar Tage später treffe ich meinen Chirurgen, der mir den Eingriff erklärt. Da wird mir erst mit dem Skalpell die Haut über dem Brustbein aufgeschlitzt, dann der Knochen durchsägt und dann die Rippen auseinandergespreizt, damit meine Innereien gut zugänglich sind. Bevor die irgendwas am Herz machen wird erstmal die Brustwandarterie freigelegt. Die wird dann nicht mehr meine Man-Boobs versorgen, sondern nach der ersten Verengung in mein Herzkranzgefäss geleitet. Jepp, steht im Kleingedruckten. Ich werde die nächsten 10 Monate taube Titten haben. Während einer guten Stunde steht mein Herz still und die Sauerstoff-Versorgung für mein Blut übernimmt die Herz-Lungen-Maschine. Fünf Bypässe später darf mein Herz wieder übernehmen, dann wird die zwischenzeitlich kollabierte Lunge (steht nicht mal im Kleingedruckten) wieder gebläht und übernimmt das Atmen. Dann wird zugemacht, das Brustbein wird mit Drahtschlingen zusammengehalten, die Haut mit Steri-Strips geklebt. Routine halt. Passiert so fast viertausend Mal im Jahr alleine in der Schweiz.

Mein Chirurg ist mit einer sehr ruhigen Hand und einer guten Portion Humor ausgestattet. Ich soll ihn doch am Montagmorgen, 16. Mai 2018 (meinem Ops-Termin) in seiner Werkstatt besuchen. Right! Dazu rücke ich schon am Sonntag ein, rauche meine letzte Zigi und rasiere mir die Brust. Eine halbe Stunde vor dem Ops soll ich mir dann auch die Beine rasieren. Für den Fall, dass die Brustwandarterie nicht reicht und sie noch eine Vene brauchen. Mann! Rasierte Beine?!?? Gehe ich an eine Fetisch-Party? Mein Narkotiseur hat mich rasch eingeschläfert und die nächsten 24 Stunden sind nicht nur in meiner Agenda leer. Der Chirurg hat nach der problemlos verlaufenen Operation meine Familie über den Verlauf unterrichtet, mehr weiss ich nicht. Am Dienstagnachmittag war ich noch auf Morphium und habe laut meiner Familie ohne Unterbruch tourettiert. Ich soll das F-Wort sehr oft verwendet haben. Tönt peinlich aber glaubwürdig.

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Jepp, sieht Scheisse aus.

Einen Tag später bin ich auf Morphin- und Nikotin-Entzug, stehe es aber recht gut durch. Ich will der Vorzeige-Patient sein. Beim Verbandwechsel sehe ich erstmals meine Narbe. Okay, bikinifähig ist sie nicht – Ich hätte aber auch sonst nie eines getragen. Mein Herz rennt immer noch wie blöd, der Puls kommt nur langsam über mehrere Tage unter 100. Ich sage mir, es freut sich, dass es jetzt wieder so durchblutet ist wie ein Teenie-Herz. Überhaupt bin ich ein Glückspilz. Auch dass ich im Hirslanden operiert wurde ist Fortuna zu verdanken. Nicht dass die anderen Spitäler schlechtere Aussichten auf Genesung böten, aber das Hirslanden ist ein Luxusspital in dem ich trotz meiner Krankenversicherung, die nur für die allgemeine Abteilung aufkommt, in ein Einzelzimmer platziert werde. Die Küche verdient alle Sterne und Kochmützen der Welt und ich kann beim Mittag- und Abendessen zwischen drei Mal drei Gängen kombinieren, resp. auswählen. Nur der Kaffee ist eine Katastrophe.

Nach einer Woche hiess es Goodbye Sterneküche und Einzelzimmer im Hirslanden, Hello Reha Seewis im pretty Prättigau. Im Boot Camp der kardiologischen Navy Seals wurde ich mit einem Gleichaltrigen ins Zimmer gepfercht. Dazu muss ich sagen, dass ich seit dem Kinderzimmer mit meinem Bruder und dem Militärdienst nie mehr mein Zimmer mit einem Mann geteilt habe. (Ausser vielleicht mal in einer SAC-Hütte.) Der Typ tat mir anfangs sogar leid, weil ich doch recht laut schnarche. Das mit den Schuldgefühlen hat sich dann schnell gelegt. In ihm habe ich meinen Meister gefunden: Sein Repertoire reicht vom ertrinkensähnlichen Gurgeln bis zu Geräuschen, die man sonst nur aus der Schwerindustrie kennt. Er gurgelt, rönft, sägt, grunzt und rotzt in einer eigenen Liga. Könnte man mit Schnarchen die Weltherrschaft erlangen, er wäre unser aller Gebieter. Wach ist er aber ein lustiger Zeitgenosse. Wir beide waren so ziemlich die Jüngsten im Haus.

So eine Reha ist eine ziemlich öde Angelegenheit. Die Essenszeiten sind festgelegt, wer 15 Minuten nach Termin nicht am Tisch sitzt, wird angerufen. Das Essen selber ist verkocht und versalzen. Das Beste ist das Salatbuffet. Im Tagesprogramm sind mindestens drei körperliche Ertüchtigungseinheiten vorgesehen. Eine Turnstunde, die einem in der höchsten Leistungsgruppe knapp den Schweiss in den Poren aktiviert, aber nicht rausdrückt. Ganz anders die tägliche Kampfwanderung. In meiner Leistungsgruppe gingen die Trips an meine Grenzen. Allerdings gibt es in Seewis nicht unbegrenzt Wanderwege, so dass ich in der dritten Woche jede Wanderung mindestens schon zweimal gemacht habe. Das Übelste war die Velogruppe. Liest sich gut im Tagesprogramm: Velogruppe. Im Gegensatz zum Joggen bietet Velofahren ziemlich viel Abwechslung. Man hat immer was zum Schauen, der Wind pfeift einem um die Nase, Wetter, Licht, Gerüche, Verkehr und das Terrain ändern sich, man muss Schlaglöchern oder offenen Dolendeckeln ausweichen, mal geht es bergauf, mal bergab – kurz: Beim Velofahren vergeht die Zeit wie im Fluge. Ausser man nimmt all die Sachen weg, die ich aufgezählt habe und montiert das Velo fest in ein Zimmer und nennt es Hometrainer. Jepp, jeden Tag eine halbe Stunde ödes Kurbeln am Ort mit hundert Watt Widerstand. Ich habe auf dem Handy Angry Birds gespielt, um der Plackerei wenigstens etwas Spass abzugewinnen. Auch Seewis selber ist nicht so richtig der Börner. Als ich anlässlich des ZSC-Meistertitels – so nach 22 Uhr – ein Meisterbier suchte, fand ich nur geschlossene Lokale. Ausserdem hats mir dort fast zu viel Natur. Ich bin wohl ein Stadtkind. Endlich, nach drei Wochen war ich der fitteste von allen Patienten und durfte nach Hause. Exakt 29 Tage nach der Operation bin ich wieder in Zürich teile die Erkenntnis, dass es keine gesunden Menschen, sondern nur schlecht Untersuchte gibt und suche mir einen neuen Job.

Puschu

In einer anderen Zeit, lange bevor ich meine Schreibe an das meistbietende Medienhaus verkaufte, war ich Mitglied einer Jugendgruppe, die Discos und Konzerte veranstaltete. Wir nannten uns «Puschu», die Abkürzung für Pubertätsschuppen. Für mich war diese Phase vielleicht die beste Zeit in meinem Leben: Es waren die frühen Achtziger und ich war knapp Zwanzig. Damals gab es noch ehrliche Gitarrenriffs, Brüste waren echt und Geschlechtskrankheiten heilbar. Fränzi aus der damaligen Gruppe hat jetzt, 35 Jahre danach, eine Wiedervereinigung organisiert. Ich war DJ und sollte auch am Party-Abend die Mucke von damals auflegen.

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Die Band beim Soundcheck auf der Bühne, die beiden DJs auf dem gekachelten Tanzboden. (War früher mal Parkett.) ©mec

Schon beim Zusammenstellen des Sets schwelgte ich in Erinnerungen, jeder Song war mit – hauptsächlich schönen – Geschichten verbunden. Ich war schon einige Stunden vor Türöffnung da, um mich musikalisch einzurichten. Das Lokal, in dem wir jedes Wochenende verbrachten, war kaum wiederzuerkennen: Der einst heimelige Schuppen aus grobem Holz und Asbestplatten wurde mit Beton, Kacheln und Chromstahl «aufgewertet» und hat heute den Charme einer Seilbahnstation. Aber die Attraktion war schliesslich nicht die Hütte, sondern die Leute, die man einst liebgewonnen, aber irgendwie im abflauenden Hormonsturm aus den Augen verloren hat. Ein fröhlicher Kollege hat den Zweck des Anlasses auf «alte Leute anschauen» reduziert. Der Abend war natürlich viel zu schnell vorbei, dabei hätte ich gerne noch mit viel mehr lieben Menschen ausgiebig geschwatzt und die alten Zeiten Revue passieren lassen. Man hat mir gesagt, ich hätte die ganze Zeit beglückt dreingeblickt wie ein frisch gebumstes Eichhörnchen. Kann sein. Ich freue mich jedenfalls auf die nächste Auflage. Aber nicht erst in 35 Jahren.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 4. April 2018)

Herr Ober!

Meine ich das nur, oder sind die Kellner in den Zürcher Restaurants freundlicher geworden, ja schon fast zuvorkommend? Früher galt ein Kellner (Neudeutsch: Catering– Assistant-Manager) bereits als freundlich, wenn er nicht handgreiflich wurde. Sie erinnern sich an den Typ: bodenlange Schürze, schulterlanges, fettiges Haar, gereizter Blick ins Leere. Er ist zwar im Lokal anwesend, aber nicht ansprechbar. Weder diskretes Zurufen noch dezentes Winken können seine Aufmerksamkeit erregen. Sein Gesichtsausdruck hat etwas Angewidertes, und du weisst: Du störst ihn am Arbeitsplatz. Diese Sorte fleischgewordener unprofessioneller Niedertracht scheint irgendwie ausgestorben zu sein. Oder haben die alle das Berufsfeld gewechselt und strafen die Menschheit mit noch mehr Boshaftigkeit? Vielleicht arbeiten sie heute in diesen Callcentern, die einem ständig telefonisch eine neue Versicherung aufschnorren wollen? Ich vermisse sie jedenfalls nicht.

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Na also, geht doch. © Farbfilm-Verleih

Was ist noch neu und anders? Die ersten Kinder mit den biblischen Vornamen, all diese Eliasse, Noahs, Hannas, Leas und Saras sind langsam erwachsen. Ihre Nachfolger auf dem Pausenplatz sind die Kinder mit den noch kürzeren Vornamen. Die heissen jetzt alle Ben, Eli, Tim, Mia, Uma, Leo, Aya, Jan, Lia und so. Den einzigen kurzen Vornamen in meiner Schulzeit hatte Urs. Mann war ich neidisch! Klar, war der besser in der Schule: Als ich meinen Namen endlich aufs Prüfungsblatt geschrieben hatte, war er schon mit der ersten Aufgabe fertig. Danke, Mom und Dad, für meinen tollen langen Vornamen, der mit dem noch längeren Nachnamen kaum aufs Briefkastenschild passt! Ich habe meine Eltern eigentlich nie Mom und Dad genannt. Aber wenn ich eines von meinen Töchtern gelernt habe, ist es, dass man zu «Mom» oder «Dad» viel besser genervt die Augen verdrehen kann. Halt so wie ein misslauniger Kellner.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 7. Februar 2018)

Winter Blues

Ich weiss nicht, wies Ihnen geht, aber in der düsteren Vorweihnachtszeit, wenn die Tage immer noch kürzer werden, bereue ich es, nicht nach Australien ausgewandert zu sein. Wenn ich mich zwischen zwei saisonalen Übeln entscheiden muss, wähle ich Sonnenbrand vor Gefrierbrand. Der Winter Blues wirkt sich bei mir sogar körperlich aus: trockene Nase, kein Glanz im Fell und eine Ausdünstung nach Sandelholz und Reue. Zum Glück kommt bald die Wintersonnenwende. Danach geht’s nur noch aufwärts mit ganz vielen frohe Festtagen und einem neuen Jahr. 2018 können wir uns auf einiges freuen: Zum Beispiel Olympische Winterspiele in – na, wissen Sies? – richtig: Südkorea. Da können wir morgens um 3 Uhr aufstehen für ein Skirennen oder meine Lieblingsdisziplin: Rennrodeln Doppelsitzer Herren. Das ist Sport für aufgeweckte Menschen.

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Ich habs jetzt schon dicke … © Pine Rest Christian Mental Health Services

Durchschlafen kann man dann im Sommer an der Langstrasse, wo es während der WM keine hupenden Italiener geben wird, die nächtelang ihre Mannschaft feiern. Eigentlich schade, dass sich die Squadra Azzurra nicht qualifiziert hat. Wir Männer werden nie erfahren, welche Frisuren man jetzt gerade so trägt. Als Trostpflaster können wir uns über die erste WM-Teilnahme Islands freuen. Nur bezweifle ich, dass die 67 in der Stadt wohnhaften Isländer die italienische Gemeinde in Zürich partymässig ersetzen können. Was wird uns noch bewegen im nächsten Jahr? Die royale Hochzeit in England, die Rettung des Schweizer Fernsehens und die letzte Staffel «Game of Thrones». Persönlich bin ich auf eines besonders stolz: Dass ich meinen Vorsatz vom letzten Jahr voll durchgezogen habe und ihn auf das nächste Jahr ausdehne: Ich werde auch 2018 alle Firmen boykottieren, deren Produkte ich mir nicht leisten kann. Frohe Festtage.

(Tagblatt der Stadt Zürich 13. Dezember 2017)

Vater schaffts

Eine der neuesten Glanzleistungen unseres Bundesrates ist die Empfehlung, die Vaterschafts-Initiative abzulehnen. Jepp, solche Sachen entscheiden sieben Menschen, die sich mit ihrem Salär locker ein ganzes Geschwader von Nannys leisten können. Diese Leute haben sich im Ernst gefragt, ob jemand überhaupt mehr als einen Tag frei braucht, um sich mit dem Neugeborenen und der veränderten Lebenssituation auseinanderzusetzen. Dabei hat das Ganze nichts mit Urlaub zu tun: Ausgang, Kultur und Bewegungsfreiheit sind gestrichen, an ihre Stelle treten Schlafentzug, Lärmbelästigung, Kontamination mit Ausscheidungen und andere Menschenrechtsverletzungen. Ein einziger Tag soll genügen? K109 Vater schafftsDie Schweiz ist kein Vaterland. / Bild: © Dave Engledow

Blöd ist der vielleicht etwas knapp bemessene Extra-Freitag nur für diejenigen Väter, deren Partnerinnen sich mit einer 20-stündigen Geburt quälen. Da reicht die Zeit kaum, im Wirtshaus mit Freunden die Ankunft des Fortpflanzes zu feiern. Was denken die Bundesrätinnen und –Räte (nur drei haben Kinder) eigentlich, wozu der Vaterschaftsurlaub da ist? Um sich von den Strapazen der Zeugung zu erholen?

Nope. Die Landesmütter und –Väter haben keine Angst um den Nachwuchs, dafür umso mehr um die Volkswirtschaft. Wenn jeder wegen einem neuen Zwerg blau machen würde, wären wir nicht mehr das besteste Land der Welt. Nur gibt es in Skandinavien Länder, die sind noch besterer. Die machen offenbar auch nicht alles falsch. In Norwegen und Schweden bekommt nicht ein Elternteil so viel und der andere so viel. Da gibt es Elternzeit. Und zwar reichlich. Norwegen 14 Monate, in Schweden sogar zwei Jahre, die sich die Eltern in den ersten sieben Lebensjahren des Kindes aufteilen können. Sogar in Deutschland gibt es das. Und bei uns knausern sie wegen 20 Tagen? Da hat man kaum die Nabelschnur durchgebissen und muss wieder in die Fabrik? Ich krieg gleich eine postnatale Depression.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 8. November 2017)

Rentnerbrigade

Neulich wurde ich von Radio SRF, dem am wenigsten schlechten Radio der Schweiz, beschallt. Dabei fiel mir ein herrlich schrulliges Programm-Element auf: Die Gratulationen für die ältesten Hörer um fünf nach neun. Wenn ich den Moderator richtig verstanden habe, ist die Hürde darin vorzukommen recht hoch: Man muss mindestens 95 Jahre alt sein, um öffentlich-rechtlich gewürdigt zu werden. Haben Sies gemerkt? 5 nach 9 – 95. Ha! Nach dem Gruss wird dann ein währschaftes Stück Musik gespielt; etwas Lüpfiges von Glenn Miller oder ein Hudigäggeler. Machen Sie sich also gefasst, in gut 40 Jahren (August 2058) wird ein Moderator mit sonorer Stimme und dem typischen wohlwollenden SRF-Gratulationen-Tonfall, den man sonst nur für geistig zurückgebliebene Haustiere reserviert, folgendes verlesen. «De Messi fiiret hüt sin 95ste. Er macht am Morge sis Müesli immer no sälber und häts jede Tag lustig mit sinere Spitex-Schwöschter. Für ihn spielemer vom Jimi Hendrix ‹Purple Haze›». Dann dröhnt endlich mal eine ehrliche Gitarre im staatlichen Dudelfunk. Hoch die Schnabeltassen!

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The Dawes Road Cemeteries, Toronto, Canada / ©reddit u/3ternal

Das Altersheim der Zukunft stelle ich mir mehr so als XXL-WG mit getrennten Häusern vor. Da das Frauenhaus mit Yoga-Studio und Teeküche, dort das Männerhaus mit Stammtisch und einer kleinen Brauerei und dazwischen ein kuscheliges Begegnungshaus mit Partylounge und verschieden dekorierten Schlafzimmern. Lifestyle auch auf der letzten Meile. Ohne Personal läuft das natürlich nicht. Da braucht es noch einen Sternekoch, einen flinken Apotheker (wird von den Insassen «Drogenkurier» genannt) und diensteifriges Pflegepersonal. Das Ganze kann man sich in der Schweiz natürlich niemals leisten, deshalb ist dieses Altersheim irgendwo im sonnigen Süden, wo es nie richtig kalt wird und Löhne noch zahlbar sind. Ein Drittweltland mit einem Minimum an Infrastruktur schwebt mir da vor … vielleicht Florida? An so einem Ort würden meine Frau Gemahlin und ich unsere Zähne ins selbe Glas legen.