Hör mal!

(Für meine Leser*innen aus Hessen: «Hömma!»)
Mein Opa hatte in den Sixties ein Hörgerät. Ein kleines Gerät in der Brusttasche mit einem gezwirbelten Kabel ins Ohr. Mir hat das Teil furchtbar imponiert. Für mich sah er aus wie ein Secret Service Agent. Mein Opa, der Bodyguard des Präsidenten. Heute würde er nicht mehr auffallen bei all den Bluetooth-Ohrknöpfen, die sich mit ihren Menschen durch die Fussgängerzonen schleppen. Seine eingeschränkte Hörfähigkeit nannten wir «selektive Taubheit»: Wenn ein Auto beim Vorbeifahren eine Fehlzündung hatte und die ganze Familie zusammenzuckte und sich die Ohren zuhielt, drehte er nicht mal den Kopf. Aber wenn wir was Heimliches machten, hörte er Sachen, die nicht einmal ein Wolf hören könnte. Er sagte dann immer mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht: «Das hab’ ich überhört.» Sein Opa-Radar hatte mikroelektronische Verstärkung.

Gebogene Stöcke waren mal im Schwange. Man hatte in jeder Hand einen.

Später hat er sich ein diskreteres, hautfarbenes Teil zugelegt, das er sich hinter das Ohr klemmen konnte. Jepp, genau so ein Gerät, das beim Gesichtsmaske abstreifen bis zu acht Meter weit fliegt, bevor es sich beim Aufprall in Gerät, Batteriedeckel und Batterie zerlegt. Ich halte das für eine coole Masche, um hilfsbereite Menschen kennenzulernen. Wiedemauchsei, Opa hielt Schritt mit der Technik und schaffte sich ein Im-Ohr-Hörgerät an. Er hält es für die beste Investition seit dem elektrischen Rasierapparat. Wir haben gewitzelt, dass er es vor dem Zubettgehen mit dem Korkenzieher aus den Ohren pulen müsse. Er hat jeweils gekontert, dass er den besten Schlaf hätte, weil er den Soundtrack der Welt einfach auf null setzen konnte. Ich hätte gerne so ein 007-Teil mit einer coolen App. Hörgeräte-Entwickler aufgepasst! Mit dem von Q designten Teil könnte ich im Strassencafe sitzen und mit dem Handy auf Leute Zielen und deren Gespräche in glasklarer Qualität mithören. Sogar auf der anderen Seite der Piazza. Was mit Kameras möglich ist, sollte auch mit Mikrofonen möglich sein. Die Technologie existiert, aber wie das mit dem Mithören halt so ist: Das gehört sich nicht.

Grosse Hafenrundfahrt

Ich bin in einem Alter, in dem niemand mehr was tun muss, um mich zum Stöhnen zu bringen. Ich werde langsam, aber sicher ein grauer, alter Sack. Als 57-Jähriger bin ich schon fast so etwas wie ein Langzeitüberlebender. Auf mich warten nur noch Krankheit und erektile Dysfunktion, Krampfadern, Schlupflider und Hodenstillstand. Natürlich könnte ich den Verfall hinauszögern durch Ernährungsumstellung und Fitness-Studio, aber was habe ich davon? Den Körper eines Yoga-Instruktors und den Kopf eines Komodo-Warans? Nö, nö, es ist okay so, wie es ist. Das heisst aber nicht, dass ich mich gehen lasse. Ich gehe auch zum Arzt für den Checkup. Zum selben Arzt übrigens, der mich vor knapp drei Jahren untersucht und mir drei Wochen später die Operation am offenen Herzen beschert hat. Ich also hin und er meint, dass ich überfällig sei für eine Darmspiegelung. Danke. Immer wieder eine Freude in seiner Praxis. Unter Boomern nennt man die Koloskopie auch «Grosse Hafenrundfahrt». Der Ausdruck ist übrigens das einzige Lustige, das man der Angelegenheit abgewinnen kann. Ich kenne Leute, die würden lieber einen Sandstrand komplett staubsaugen, als sich einen 1,2 Meter langen Kameraschlauch in den Anus schieben zu lassen.

Jackson Pollock, Number 8 (1949), Neuberger Museum of Art, Purchase NY

Wiedemauchsei – für die Vorbereitung habe ich eine fette Box mit Pulvertüten aus der Apotheke erhalten. Der Eingriff ist an einem Nachmittag; am Morgen davor soll ich im Abstand von Stunden zwei Beutel Pulver in kaltem Wasser auflösen und trinken. Easy. Am Tag X schütte ich um sechs Uhr morgens einen Beutel Stuhlweichmacher mit Mango-Geschmack ins Halbliterglas. Das Zeug hat die Konsistenz von Fischkleister und einen üblen Synthetik-Fruchtgeschmack. Jede anständige Mango würde sich in den Boden schämen, mit so einem Aroma in Verbindung gebracht zu werden. Auch nach der vierten Mundspülung hatte ich so ein kristallines Knacken zwischen den Zähnen. Als Erfrischungsgetränk ist das Zeug nicht zu vermarkten.

Zwei Stunden später der zweite und letzte Beutel, das Abführmittel. Hier hat sich der Hersteller nicht mal mehr die Mühe gemacht, ein Fruchtaroma beizugeben. Das Zeug trinkt sich so zähflüssig wie ein Beutelfondue aus dem Kühlschrank. Der Brechreiz ist überwältigend, aber irgendwann sind die fünf Deziliter im Magen. Dort bleiben sie nicht lange und entfalten ihre Wirkung. Mein Gedärm gibt Geräusche von sich, die sonst nur Anwohner von aktiven Vulkanen zu hören bekommen. Ich erspare ihnen die Schilderung des weiteren Vormittags, nur so viel: Ich habe einen fäkalen Jackson Pollock in die Keramik gedonnert. Nicht nur einen. Immer wieder Neue. Irgendwann geht einem der Feststoff aus und man fühlt sich wie von einem Vampir ausgesogen.

Für die Busfahrt zum Spezialisten habe ich mir eine Damenbinde in die Unterwäsche geklebt. Calvin Klein meets Always Ultra. Den Eingriff selber habe ich dank Propofol-Narkose selig träumend verschlafen und bin danach, anders als Michael Jackson, erfrischt aufgewacht. Nachdem er mich versichert hat, dass da nichts Auffälliges zu finden war (keine Goldbarren, keine Rolex oder dergleichen), fragte mich der Arzt, ob ich eine Kopie der Aufnahme haben möchte. Einen kurzen Moment liebäugelte ich mit der Idee eines Filmabends mit Freunden und Nachbarn, habs dann aber sein lassen.

Was Erbaulicheres: Wie ich mir meinen goldenen Herbst vorstelle

Das Leben danach

Ich habs genau wie Sie langsam dicke mit diesem Virus. Ich vermisse Restaurants, Bars, Fussballspiele, Kino, Konzerte, Reisen, Theater, Partys … nein, liebe Jugend, eine Party ist in meinem Vokabular nicht ein Iwänt in einer nifty Lokeischen mit viel zu lauter Musik, wo man für einen Drink eine Hypothek aufnehmen muss, wenn man denn vorher der erniedrigenden Gesichtskontrolle eines missmutigen Türstehers standgehalten hat. Eine Party ist ein gemütliches Beisammensein von Freunden und Freunden von Freunden – sicher mehr als fünf Personen aus sicher mehr als zwei verschiedenen Haushalten – die die Alkoholvorräte der Gastgebenden nicht in die Hände reiben, sondern old-fashioned durch orale Zufuhr vernichten und sich dabei in mehr oder weniger quartierverträglicher Lautstärke gut unterhalten. Gesprächsthemen, die sich aufdrängen sind a) Leute, die die Behörden verständigten, als eine fünfköpfige Familie beim Nachbarn zu Besuch war, b) Trinkbarkeit von Handlotionen und c) Lokale, die es früher mal gab.

Dieser Pablo malt in seiner Freizeit keine Bilder. – ©Netflix 2017 «Narcos»

So wie ich es sehe, bleibt Corona wie die Grippe ein regelmässiger Wintergast. Es wird wie bei der Influenza jedes Jahr einen neuen angepassten Impfstoff geben (mit oder ohne Mikrochip von Bill Gates, Putin, Xi, den Rothschilds oder Anderen) und wir werden wohl lernen, damit zu leben, ohne jedes Mal die Welt anhalten zu müssen. Die Regierenden haben versucht das Volk mit mehr oder weniger sinnvollen Massnahmen zu schützen, wir danken für den guten Willen, aber jetzt sollten wir weitermachen, wo wir vor einem Jahr aufgehört haben. Was bleiben wird, sind Trauer um die Verstorbenen, Wehmut wegen des verlorenen Jahres, Dankbarkeit (aber nicht mehr Lohn) für die systemrelevanten Arbeitenden, irre Verschwörungstheorien, Home-Office, der Wichtigtuer-Ausdruck «Vakzin» für Impfstoff und modische Gesichtsmasken. Ich glaube an ein Leben vor dem Tod.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 03.02.2021)

Superspreader

Wenn ich so zurückdenke – vor einem Jahr war mein grösstes Problem der leichte Anflug einer Herbstdepression. Damals, Ende 2019, siedelte man das Wort «Superspreader» noch in der Pornografie an. Aber dann kam 2020. In meiner vorgezogenen Bilanz figuriert das Jahr als mehr als unterwältigend; es war bodenlos schlecht.

Der Wille zählt. Es hätte ja auch eine Gurkenmaske sein können.

Ich habe dieses Jahr mehr Alkohol mit den Händen konsumiert, als runtergeschluckt. Überhaupt: Die verschiedenen Handlotionen sind voll der Grusel. Die Flaschen vor dem Laden sind unappetitlicher als der Türgriff beim Tankstellenklo. Wenn man sich nicht sofort die Hände desinfizieren könnte, würde man sowas nie anfassen. Das Zeug, das da aus den hochkontaminierten Flaschen rauskommt, überrascht einen immer wieder aufs Neue: Ich persönlich hoffe ja immer auf dieses nach Spital riechende, dünnflüssige Alkoholzeugs mit einem Hauch Äther, von dem man weiss, dass es einem das Hirn wegätzt, wenn man den Geruch zu tief inhaliert. Leider gibt es das nur noch selten. Meistens ist es ein stinkender Billigfusel, der einen sofort erblinden liesse, wenn man denn ein Schlückchen probierte. Noch übler ist das Gelee-Zeugs, das mit viel zu viel Glycerin aus deinen Händen zwei klebrige Paddel macht. Du möchtest es an deinen Kleidern abstreifen, weisst aber genau, dass sie danach aussehen wie die Bettlaken von einem rolligen Teenager. Also läufst du die nächste Viertelstunde mit abgespreizten Armen rum, als hättest Du den weissen Anzug an und deine Hände in Spaghettisauce getunkt.

Jugendliche habens ja besonders schwierig, was das Soziale betrifft: Keine Konzerte, keine Gruppentreffpunkte, wo sie wie die Welpen rumhängen – auf der positiven Seite war es durch die Maskenpflicht noch nie so einfach, eine Zahnspange zu tragen. Apropos Zähne – wenn dir vom Maske tragen schlecht wird, solltest du öfter die Zähne putzen. Ich glaube, Alkohol ist der Leim, der dieses Jahr noch einigermassen zusammenhält. Wenn ich König der Schweiz wäre, ich würde einen Winterschlaf verordnen: Drogen verteilen, alle drei Wochen aufwachen, lüften, was Kleines essen, weiterknacken, bis die Uhren auf Sommerzeit umgestellt werden. Danach ist keiner mehr krank und das Leben kehrt zurück.

(Tagblatt der Stadt Zürich 09. Dezember 2020)

Back 2 Business

Das Gröbste scheint ausgestanden zu sein. Jedenfalls sind wir schon so weit, dass das drängendste Problem der Gegenwart der kolonialistische Name einer Süssspeise ist. Ohne das Thema weiter zu vertiefen, spreche ich mich für den neuen Namen aus, den der Zürcher Künstler Max Grüter erdacht hat: Amorechopf. Tönt fast gleich, ist aber unendlich viel positiver konnotiert.

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© Max Grüter

Rückblick auf die vergangenen drei Monate: Haben Sie auch ein paar Mal aus purer Gewohnheit jemandem die Hand geschüttelt und kaum hatten Sie die fremde Flosse in der Ihren, sank das Bewusstsein ein, dass Sie gerade das total Falsche tun? Dann noch ein paar unbeholfene Sätze gestammelt und gehofft, dass alle Beteiligten das Ganze so schnell als möglich vergessen? Japp, ist mir mehrmals passiert. Okay, die Alternative wäre dieser ungelenke Ellenbogengruss, mit dem man diejenigen Körperteile in Kontakt bringt, in die man vorschriftsgemäss reinrotzt und -hustet. Das ist irgendwie gleich schlau, als käme man der Maskenpflicht mit einer Gurkenmaske nach. So absurd das tönt, richtig absurd war mein Facebook-Feed, in dem Verschwörungstheoretiker tatsächlich Bill Gates hinter der Pandemie vermuteten, bloss weil der seit Windows 95 mit Viren zu tun hat. Eigentlich überraschend, dass niemand die Plexiglas-Industrie verdächtigt hat. Die und die Hersteller von Handlotion waren die einzigen, die so richtig von der Seuche profitiert haben.
Ich bin gespannt, ob die Bademode-Hersteller rechtzeitig auf den Sommer den Trikini bringen mit der assortierten Gesichtsmaske zum Zweiteiler. (Analog der Bikini beim Mann.) Spezielles Feature: Wer beim Gang ins Wasser die Maske nicht abnimmt, macht eine interessante Waterboarding-Erfahrung. Da stopf ich mir das Maul lieber mit einem … Amorechopf.

(Veröffentlicht im Tagblatt der Stadt Zürich am 24.06.2020)

Die Seuche

Als Kind habe ich mir vorgestellt, was wir im Jahr zweitausendundzwanzig alles haben werden: Haushaltroboter, fliegende Autos, Lernpillen, so Zeug halt. Und die bittere Realität: Wir lernen Händewaschen. Nicht gerade mondän, aber ich mache mit. Vom vielen Händewaschen ist meine Haut mittlerweile so rau, ich könnte die Gartenmöbel mit der blossen Hand abschmirgeln.

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Pestarzt; auch Schnabeldoktor genannt. (ausgestorben)

Von allen Handwaschanleitungen, die kursieren, sind mir zwei geblieben: Wasch so lange, wie du «Happy Birthday» singst und «Wasch dir die Hände, als hättest du gerade Chilis geschnitten und wolltest dich jetzt selbst befriedigen.» Eindrücklich, aber nicht kindertauglich. Die lieben Kleinen machen ja gerade einiges mit: Erst müssen sie das Kinderzimmer für das Klopapierlager hergeben, dann werden sie auch noch von den eigenen Eltern geschult. Das hat auch wieder eine gute Seite: Viele Eltern haben in dieser Phase entdeckt, dass nicht der Lehrer das Problem ist. Wenn das noch lange dauert; wenn also die ganze Familie jeden Tag zuhause ist, sich jeder Wochentag wie ein Sonntag anfühlt, an dem man nirgendwohin gehen kann, frage ich mich ernsthaft, warum im Supermarkt das Klopapierregal leer ist und nicht die Gestelle mit dem Alkohol. Vermutlich liegt es daran, dass grosse Arschlöcher halt eben viel Klopapier brauchen. Leute: Klopapier wird nie eine Währung sein. Glaubt ihr, die Banken überlassen Hakle die Weltherrschaft?!??

Aber wenn einem nun tatsächlich das WC-Papier ausgeht, und man findet im Laden sogar welches, stellt sich ein völlig neues Gefühl ein: Klopapierkaufscham. Ein Wort, das wohl bald in den Duden aufgenommen wird, wenn in ein paar Monaten alles vorbei ist. Bis dahin geniessen wir die Annehmlichkeiten von Home Office: Kein Gedränge mehr im Tram, der Kaffee ist besser und man muss keinen « fründliche Grind» machen. Der Lerneffekt ist auch gross: Schon bei der zweiten Videokonferenz weiss man, dass man sich besser nicht mit dem Hello-Kitty-Pyjama vor die Webcam setzt. Überhaupt sind Zoom-Konferenzen grossartig: Du schaust deinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern daran vorbei und checkst die Wohnung. Da eine Wohnwand, dort eine Wappenscheibe, auch mal volle Background-Action mit Kindern. Doch dann obsiegt der  Anstand über die Neugier und du schaust dein Gegenüber an und nimmst zum ersten Mal die aus der Form geratene Frisur wahr. Das schmerzt, weil du weisst, dass mit dir das gleiche geschieht. Du checkst das Bild, das alle von Dir mit der filzigen Frisur in deiner Bauernstube sehen und bedauerst, dass dein Rechner nicht genug Leistung hat, wenigstens den virtuellen Palmenstrand als Hintergrund einzublenden und nimmst dir vor: morgen wird der PC upgegradet.

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Ich werde wegen Covid-19 meine Essgewohnheiten nicht ändern.

Da sind wir also: Eingesperrt im eigenen Land und wandern durch leere Supermärkte. Ein Gefühl, dass man früher nur in der DDR kannte. Unser Land hat zum Glück genug in der Kasse, um niemanden verarmen zu lassen. So erscheint es heute fast lächerlich, dass wir vor kurzem noch diskutiert haben, ob die Schweizer Wirtschaft einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub verträgt. Überhaupt hat sich einiges geändert: Couch Potatos  sind keine faulen Säcke mehr, sondern verantwortungsvolle Lebensretter. Den Ausdruck «virale Videos» verwendet keiner mehr, und vielleicht nutzen wir Corona auch dazu, endlich aufzuarbeiten, was in der Schweiz fehlt:

  • Spitalpersonal besser bezahlen,
  • Homeoffice als Teil der Arbeitskultur einführen und
  • Die Mentalität, nicht krank zu arbeiten.

Zum Schluss noch eine Testfrage: Was kommt ursprünglich aus China, wurde nach Italien und von dort aus in die ganze Welt getragen? Hm? Richtig: Teigwaren.

Super Nap™

Wenn alle Mobiltelefone bis 300 Meter wasserdicht und mit hubbleteleskopartigen Kameras ausgestattet sind, braucht es auch Apps, die den Menschen weiterbringen. Ich denke da an eine Premium-Schlaf-App, die ich von bulgarischen Billigkräften programmieren lasse und mit der ich in fünfzig bis hundert Jahren Milliardär werde. (Ja, ich werde weit über hundert Jahre alt.) Die Technologie ist zwar noch nicht so weit, aber die Idee ist geboren. Back to Business: In der Gratisversion kann die Nutzerin / der Nutzer auf die Minute genau einstellen, zu welcher Zeit der Einschlafmoment erfolgen soll und wann man wieder voll erholt aufzuwachen wünscht. Die nötige Mindestschlafzeit berechnet die App in den ersten Tagen. Die dem Gehörgang angepassten Im-Ohr-Kopfhörer sind nicht nur Hirnstromwellen-Empfänger, sie können diese auch beeinflussen. Ausserdem können sie Lärmquellen durch Gegenschall verstummen lassen, so dass das gepflegte Nickerchen auf dem Pannenstreifen oder der Schönheitsschlaf auf der Baustelle kein Problem mehr darstellen. Sie werden nach jedem Super Nap™ total erholt sein und keine Ahnung haben, dass während sie in Morpheus Armen lagen, nebenan ein Haus abgerissen wurde, über ihnen die Flugwaffe Überschallknalle produziert, oder das Nachbarbaby die Nacht durchgeschrien hat.
Im Basic-Paket sind weiter enthalten:

  • Schnarchen Ein/Aus
  • Flatulenzunterdrückung Ein/Aus
  • Träumen Ein/Aus
  • Körpertemperatur stufenlos regulierbar zwischen 35,7 bis 37,5 °C

Natürlich übernimmt der Hersteller für das hundertprozentige Funktionieren keine Garantie oder irgendwelche Haftung. Das steht auch so in den 76 Seiten der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die Sie wie immer vorbehaltlos mit einem Fingertipp akzeptiert haben. Ausserdem fragen Sie sich zu Recht, wie ich denn damit steinreich werden soll. Nun, in der Basic-Version werden durch die App von ausgewählten Werbetreibenden Kaufanreize in das Unterbewusstsein gepflanzt. Wer keine Werbung will, kann sich für läppische zehn Franken im Monat die Premium-Dienste freischalten mit Features wie «volle Erholung in kürzerer Zeit», «Gewicht verlieren», «wilde Träume», «Fliegen », «Fremdsprachen lernen» und «Muskeltraining».

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99 Luftballons? Sieben reichen völlig. / Bild © Paula-Daniëlse.

 

Durch die dynamische Schlafplanung können Introvertierte zu Party-Animals werden, Verlierertypen die Weltherrschaft erlangen und Unsportliche Weltrekorde brechen. Die App leitet aber jeden dieser Träume auf eine einfühlsame Art aus, die einem versichert, dass es gut ist, dass man so ist, wie man in Wirklichkeit ist und nur um seiner selbst geliebt wird. Heroin, Kokain und andere sinnes- und wahrnehmungsverändernde Substanzen werden überflüssig. Super Nap™ ruiniert so ganz nebenbei sämtliche Drogenkartelle der Welt. Die USA oder ein anderer Drittweltstaat wird meine Firma aus Dankbarkeit von Steuern befreien, worauf ich den Steuersitz dahin verlege. Aber zurück zum Produkt:

Im Social-Teil der App kann man sich mit anderen Premium-Usern zum gemeinsamen Träumen zusammenschliessen, um miteinander unvergessliche Abenteuer zu erleben. Riverraften auf einem urzeitlichen Fluss zwischen Dinosauriern? Ein Beatles-Konzert in den 60ern? Auf dem Dreimaster einen neuen Kontinent entdecken? Wandern auf fremden Planeten? Alles möglich. Träume können auch aufgezeichnet und geteilt werden auf meiner Plattform Dreamtube für läppische 9.95 Fr/Monat. Sittenwidrige Träume oder solche, in denen körperliche und seelische Verletzungen vorkommen, können weder aufgezeichnet noch hochgeladen werden. Nordkoreanische Hacker würden versuchen, das System zu überlisten und kläglich scheitern. Dreamtube würde auch eine jährliche Liste der am meisten in Träumen vorkommenden Menschen veröffentlichen. Unter Prominenten wäre «Dreamperson oft he Year» ein erstrebenswerter Titel. Der Preis für die Live-Übertragungsrechte der aufwändig inszenierten Verleihung wird in der Liga Papstwahl, Fussball-WM-Finale und Krönung im englischen Königshaus liegen.

Die Welt wird voll sein mit erholten, fitten, sprachgewandten Menschen. Irgendwann lasse ich mich pensionieren und übergebe mein Traumreich in fremde Hände. Wer weiss, was dann passiert? Machtmissbrauch, Wahlfälschung, Propaganda etc. wären Tür und Tor geöffnet. Ein Albtraum. Vielleicht sollte ich das Ganze nochmal überschlafen.

(Beim nochmaligen Durchlesen kommt mir mein Aufsatz vor wie eine Black-Mirror-Episode. Ich weiss noch nicht, ob das gut oder schlecht ist.)

Du Pilz!

Ich liebe die saisonale Küche. Speziell jetzt, weil grad Pilzsaison ist. Und wenn du bist, was du isst, ist es glaube ich nicht mal so übel, ein Speisepilz zu sein. Die besten Pilzgerichte sind jedenfalls diejenigen mit selbst gesammelten Pilzen. Während andere mit Pilzbüchern bewaffnet im Wald den Korb füllen und dann die Hälfte beim Pilzkontrolleur liegen lassen, haben wir Jürg. Jürg ist ehemaliger Pilzkontrolleur und sein Urteil ist endgültig. Du zeigst ihm einen Pilz in freier Wildbahn und er sagt dir so tolle Sachen wie: «Den kannst du nehmen, darfst aber keinen Alkohol trinken», oder «bei dem musst du den Hut schälen, aber er schmeckt trotzdem nach nichts» oder im schlimmsten Fall: «Bei dem bekommst du permanenten Blumenschmuck – einen Meter zwanzig über deinem Bauch.» Jürg kennt die Pilze mit Vor- und Nachnamen. Da gibt es Krause Glucken, Wollige Milchlinge oder Säufernasen. Ein beliebter Jokus unter Laien ist, einen phallisch geformten Pilz als «gemeinen Scheidentäuschling» zu bezeichnen. Jürg ist ausserdem ein Pilz-Snob. Beim kleinsten Schneckenfrass lässt er einen Pilz stehen, während ich noch einen halb angefressenen frischen Steinpilz schneide.

Shrooms
Die kleinen Blauen sind ungeniessbar.

In die Pilze gehen weckt im Stammhirn das Jagdfieber. So mit Halali und Waidmannsdank. Ein unter Pilzjägern beliebter Satz lautet: «Pass auf, wenn du einen Pilz nur verletzt, kann er zur Bestie werden!» Denn es ist ja nicht so, dass sich Pilze dem Sammler im Wald mit Las-Vegas-mässigen Leuchtreklamen anpreisen mit Slogans wie «Pflück mich» oder «schneid mir den Fuss ab». Im Gegenteil: Die Dinger sind voll gut getarnt. Braun auf braunem Grund; womöglich noch unter welkem Laub. Ich persönlich finde, dass Pilze neonpink gefärbt sein müssten und erst nach dem Pflücken ihre normale Farbe gewinnen sollten. Aber die meisten Pilze, die auffällig gewandet sind, sind leider auch diejenigen, von denen man besser die Finger lässt. Und ja, Pilzgerichte verhängen mitunter noch Todesurteile. Deshalb sagt Jürg auch: «Es gibt mutige Pilzsammler und es gibt alte Pilzsammler . Aber es gibt keine mutigen, alten Pilzsammler.» Ich glaube dem alten Trüffelschwein.

Neulich war ich in einem beliebten urbanen Pilzgrund, der Früchte- und Gemüse-Abteilung von meinem Quartier-Cööpli und hörte zwei jungen Erwachsenen zu, die sich irgendwo im entwicklungsmässigen Niemandsland zwischen 18- und 24 Jahren befanden und sich über die Waldpilzmischung beugten:
«Hee lueg emal, die gsehnd us wie Pilzli.»
Der andere: «Das sind Pilzli.»
«Ja aber…» sagt der erste augenverdrehend «… ich mein dänk Pilzli.»
Jetzt rafft es auch der andere. «s’wär krass, wenn die würded Pilzli verchaufe.»
Vielleicht sollte der Grossverteiler meines Vertrauens die Pilze speziell für die jüngere Käuferschaft etwas detaillierter auszeichnen. So im Stil von «Waldpilze – nicht psychedelisch, dafür scheisslangweilig.»

 

 

Greta hasst mich

Ich bin eben mit meiner 16-jährigen Tochter nach vier Wochen USA aus dem Flieger gestiegen. 5 Kilo schwerer vom üppigen Essen und doch erleichtert, dass es dort besser läuft, als man hier in Europa vernehmen kann. Die Wirtschaft brummt und die Arbeitslosigkeit ist auf einem 50-Jahre-Tiefststand. Dafür nimmt man offenbar dumpfe Tweets und exorbitante Staatsverschuldung in Kauf. Das Land ist zudem tief gespalten und befindet sich in einem ideologischen Bürgerkrieg. Eine politische Mitte existiert nicht. An verschiedenen bierseligen Abenden haben mein Freund Jack und ich den festen Plan gefasst, die Mitte-Partei zu gründen, die das Land braucht: kapitalistisch, öko, menschenfreundlich und konservativ. Ja, das tönt platt und könnte auch auf jede blöde Firma zutreffen, aber wir arbeiten ja noch dran. Abgesehen davon bin ich immer wieder gerne in den USA. Das Land ist ja irgendwie fast so etwas wie eine westliche Demokratie.

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Flughafen Kloten (Niederländer lachen jedesmal) ready to take off.

Am 4. Juli feierten die US-Amerikaner ihr Brexit-Jubiläum und wir waren mittendrin zwischen Baltimore und DC. Schon Ende Juni, als wir dort angekommen sind, habe ich gemeint, noch mehr Fahnen könne man nicht aufstellen, hissen oder fliegen lassen. Denkste! Geht doch. Und wie: Zehn Millionen Stück importieren die USA jedes Jahr aus China. Die sind dann stolzer Schmuck am Jubiläumstag des Verrats an Britannien. Die Leute tragen Kleider mit Stars & Stripes, dazu gibt es eine Parade, Hot-Dog-Wettessen und am Abend Feuerwerk und zu allem viel Bier.

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Parade in Catonsville, Maryland. Der Sommerregen machte die 34°C erträglich.

Ich habe die Reise auf ein paar hundert Fotos dokumentiert. Meine Tochter hat mir dazu ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt. Bisher war ich immer der Ansicht, dass Sehenswürdigkeiten gesehen werden müssen. Falsch. Man muss ihnen den Rücken zudrehen und das sehen, was die Sehenswürdigkeiten sehen. Dabei macht man einen Selfie und wenn der gut geworden ist, würdigt man die Attraktion keines Blickes mehr und schreitet von dannen. Moderne Teenager haben übrigens alle mindestens 15 Standard-Gesichtsausdrücke drauf, mit denen sie sich ablichten. Die Palette reicht von schmollendem Kleinkind bis hin zur strahlenden Disney-Prinzessin. Ich habe mich am zweiten Abend beim heimlichen Üben ertappt, mich danach geschämt und es seither sein lassen. Ich bin nun mal nicht so fotogen.

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Statt Selfie: Das Handy anderen Touristen in die Hand drücken. Vorher darauf achten, dass diese Schuhwerk tragen, das nicht zum Davonrennen geeignet ist.

Aber wenden wir uns erfreulicheren Dingen zu: Meinen Extrapfunden. Die habe ich mir mit den saftigsten Steaks der Welt angefuttert. Ganze Rinderherden sind in meinen Schlund gewandert. Ausserdem haben die USA das beste und grösste Steaksaucen-Sortiment des Planeten. Die Auswahl ist ehrfurchteinflössend, genauso wie die Bedienung motiviert ist und die Plastiksäcke gratis sind. Auch die bei uns verbotenen PVC-Trinkhalme gibt es eimerweise.

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Von Honigsenf zu Höllenfeuer – riesiges Steaksaucen-Sortiment.

Und während Klimaschutzaktivisten schon bald wieder jeden Freitag für eine bessere Welt die Schule schwänzen, liebäugle ich seit unserer Rückkehr mit der Anschaffung einer Klimaanlage für unsere Dachwohnung. Ich bin sicher, Greta würde mich hassen.

Shop till you drop

In meinem Facebook-Freundeskreis hat es ein paar interessante Menschen, die gönnen sich nach einem feucht-fröhlichen Abend noch einen Absacker am Laptop. Yepp, betrunkenes Shopping zwischen Heimkommen und Zubettgehen. Die später unerklärlichen Einkäufe werden dann zur allgemeinen Erheiterung gepostet. Der Börner ist immer noch der Karton mit fünf Kilo ungeweihter Hostien. Wer weiss, vielleicht muss man in einer Genossenschaftswohnung im dritten Stock ja mal überraschend eine Erstkommunion durchführen. Da ist man wenigstens vorbereitet. Auch recht toll waren die Prinzessinnen-Krone für den Yorkshire Terrier oder der Zylinderhut für die Schildkröte. Grenzwertig schräg waren die Würgreiz weckenden Leggins mit dem Haarige-Beine-Printmuster, die eine Freundin leicht angetrunken bestellt hat. Sie hat sie nur einmal für das Beweisfoto getragen und danach umweltfreundlich entsorgt.

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Gelten als Verhütungsmittel: Leggings mit Haarmuster.

Irgendwie bin ich vor derartigen Fehlkäufen verschont geblieben, ertappe mich aber dabei, dass ich mir zweimal überlege, ob ich etwas für 25 Franken kaufe, das noch 5 Franken Liefergebühr kostet, aber nicht eine Sekunde zögere, wenn das gleiche Produkt 30 Franken kostet und gratis geliefert wird. Oder dann kaufe ich im Online-Shop nochmal für 20 Franken mehr Zeugs ein, das ich nicht brauche, nur damit danach die Ware gratis geliefert wird. Ja, ich nehme Pillen gegen Blödheit (gibt’s im Internet).

Das Schöne am Onlineshopping ist ja so dieses Weihnachtsfeeling, wenn dann der Päcklipöstler das Geschenk von mir an mich liefert. A propos Liefergebühren: Die fallen ja bei diesem chinesischen Grosshändler weg, weil die vom Weltpostverband immer noch als Drittweltland eingestuft sind und fast gratis verschicken können. Da gibt es das schrägste Zeug im Multipack. Mit 200 Veloschliesskabeln für 97 Franken könnte ich zum Beispiel ganz viele Velos in meinem Quartier sichern. Nur ein weiterer Klick im Onlineshop und mir gehören 20 orange-weiss gestreifte Verkehrskegel. Ab sofort fahren die Autos in meiner Nachbarschaft, wo ich es will. Ergänzend dazu sollte ich mir die Strassenampel für 165 Dollar mit Fernbedienung leisten, damit ich immer freie Bahn habe. Die Zukunft ist rosig. Und in 20 Jahren werden meine Enkel überrascht sein, dass ein Südamerikanischer Regenwald nach einem Internet-Kaufhaus benannt ist.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 15. Mai 2019)