Tschüss, Ciao

Brad und Angelina gehen auseinander, und auch ich und das «Tagblatt» trennen sich. Wenn auch nur temporär. Yepp, das ist mein letzter Beitrag an dieser Stelle. Das «Tagblatt» setzt in Zukunft auf dieser Seite auf hauseigene Autoren, und der Gentleman, der ich bin, macht Platz. Eigentlich wollte ich ja hundert Kolumnen schreiben und dann mal weiterschauen; jetzt sinds halt nur deren 94 seit März 2013. Wir werden darüber hinwegkommen. Es wird in 20 Jahren niemand fragen: «Wo warst du, als Messis letzte Kolumne erschienen ist?», wie man das vielleicht von der Kennedy-Ermordung, dem Mauerfall oder 9/11 noch weiss. Elton John wird für mich auch kein Lied schreiben. Feedback gabs eigentlich nur von Nachbarn und Freunden. Ausser – einen Hassbrief von einem missmutigen Zeitgenossen, der mir die Krätze an den Hals und den baldigen Tod wünschte. Armer Kerl. Fühlte sich angegriffen, als ich mich über Leute ausgelassen habe, die die Polizei rufen, wenn nach 20 Uhr der Rock ’n’ Roll ans Fenster klopft. Den Brief wie auch meine Kolumnen und zukünftige Geistesblitze finden Sie auf meinem nigelnagelneuen Blog www.messiswelt.com.

Die letzte Kolumne auf der Kehrseite vom Tagblatt der Stadt Zürich vom 28. September 2016

Tschau Wäschpi

Eine Ära ist zu Ende. Meine Frau Gemahlin und ich haben unser treues Schlachtross, ein Juwel italienischer Zweiradbaukunst, ein motorisiertes Lifestyle-Objekt, das Symbol südländischer Lebensfreude schlechthin *seufz* verkauft.
Ja, ich sage das mit hängenden Schultern und gesenktem Haupt. Als vor ein paar Tagen der strassenverkehrsamtliche Vorführ-Befehl ins Haus flatterte, war das Schicksal unserer 82er Vespa besiegelt. Noch während wir uns fragten, ob wir nochmal ein paar Hunderter ins Wäschpi stopfen oder verkaufen sollten, nahm uns das Schicksal die Entscheidung ab und schickte einen jungen Bastler, der sich spontan in die kleine Zweitakt-Dreckschleuder verknallt und das nötige Geld hatte.
Jetzt ist sie weg. Sie war eine Diva: Nur bei schönem Wetter und milden Temperaturen sprang sie sofort an. Vielleicht war sie aber auch so zickig, weil sie in den Wintermonaten nie ausgeführt wurde? Oder war sie so schrullig, weil sie nie ihrer wahren Bestimmung zugeführt wurde – die Italiener sind sich sogar heute noch nicht einig, ob die Vespa dazu da ist, zum Frauen auf- oder ihnen die Handtaschen wegzureissen.
Egal, ich vermisse sie.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 14. September 2016

Schlungg

Ich geb’s zu, ich habe nur gerade den Schlussgang vom Eidgenössischen gesehen und habe meine Daumen dem späteren König Glarner Matthias gedrückt. Nicht weil er den Namen mit einem Polit-Clown teilt, sondern weil er der wuchtige Bruder eines Ex-FCZ-Tschüttelers ist. Unter der sengenden Sonne des Welschlands sind da also zwei beeindruckende Kerle aufeinandergeprallt: Beide nassgeschwitztes, finsteres Gesicht, darunter vor lauter Muskeln kein wahrnehmbarer Hals und ein Körperbau, der an einen Ochsen mahnt. Als unsportlicher Mensch – ich vertrete immer noch die Meinung, dass Schweiss eine Abwehrreaktion des menschlichen Körpers ist und man sofort alle Aktivitäten einstellen soll, die dazu geführt haben –will ich mir nicht vorstellen, wie sich das anfühlen mag, wenn man bei 31 Grad im nicht vorhandenen Schatten so einem Typen an die Zwilchhose greift und dabei dessen nassgeschwitztes Gesicht durch das Made-in-China-Sännechutteli an der eigenen Schulter spürt. Will man den anderen aus purem Ekel aufs Kreuz legen? Ich werde die Antwort hoffentlich nie finden.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 31. August 2016

Dabeisein

Die olympischen Spiele sind in den Ferien an mir vorbeigegangen. Ich habe nur so schräges Zeug gesehen, wie zum Beispiel das Bild von diesem gelangweilten Mann, der im Schwimmstadion sass und den wohl unnötigsten Job der Welt hatte: Er war der gesetzlich vorgeschriebene Rettungsschwimmer. Der hockte dort mit einer bananenähnlichen Schwimmhilfe, für den Fall, dass einer untergeht … im Pool mit den besten Schwimmern der Welt! Rund ums Becken stehen Trainer und Betreuer, die wohl alle schneller und besser schwimmen, als unser kleiner Baywatcher.
Oder dann das Foto vom Beachvolleyball der Frauen zwischen Deutschland und Ägypten. Beide springen am Netz hoch. Die Deutsche nur mit einem Bikini bekleidet, die Ägypterin in einem schwarz-grünen. Burkini, einem religiös unbedenklichen Ganzkörperkondom, das nur Füsse, Hände und Gesicht frei lässt. Ein Bild, das weniger an einen Sportanlass erinnert, als an eine Fetisch-Party. Und am Schlusstag folgte das eigentliche Highlight: Ringen. Riesige Kerle in hautengen Borat-Badehosen, bei denen man den Gemütszustand auch aus der Distanz ablesen kann. Schauderhaft. Ja, ich bin traumatisiert.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. August 2016

PoGo

Jede Epoche hat so seine Verfehlungen und ich habe noch jede überlebt: Tamagochi, Rüebli-Jeans, Klick-Klack-Kugeln, Silly Bandz und jetzt also Pokémon Go. Als meine Frau Gemahlin zum ersten Mal vom Spiel gehört hat, war sie fassungslos: Nicht, weil sie vom Konzept begeistert ist und auch nicht von der Umsetzung von Augmented Reality in ein Spiel, sondern von der Blödheit der Menschen.
Während die Spieler sich gerne PoGos nennen, nennt sie sie konsequent Poké-Mongos. Auch die Tatsache, dass einer meiner besten Freunde dem Spiel verfallen ist («ich sammle für meinen Sohn»), ändert nichts daran. In meiner fortgeschrittenen Altersmilde bin ich da weniger radikal. Immerhin kommen die Fans der japanischen Hosensack-Mönsterchen so an die frische Luft. Aber ich kann nicht gutheissen, dass Neugeborene nach diesen Biestern benannt werden. Stellen Sie Sich vor, ihr Kind kommt mit einem Gspänli von der Schule nach Hause: «Das ist Glurak-Taubsi. Sie ist neu in der Klasse.» Probieren Sie da mal, sich das Lachen zu verkneifen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. August 2016

Pherien

Die Sommerferien sind da. Während der Schulzeit war das ein glorioser Moment, fünf Wochen schulfrei, Abenteuer, Spielen, Reisen. Yeah!!!
Als Eltern freut man sich weniger: fünf Wochen Kinder bespassen und im grössten Gedränge der Sommermonate an irgendeinen überteuerten Ort reisen und sich von überarbeitetem, missgelauntem Personal bedienen zu lassen. Meine Frau Gemahlin und ich hatten uns über die Jahre mit unserem Schicksal abgefunden, doch heuer kündigte die ältere Tochter an, dass sie lieber Kohle verdiene und deshalb nicht mit uns nach Südfrankreich wolle. Dann kam die jüngere Tochter an und verkündete, dass sie zwar mit uns mitkäme, aber vorher noch mit einer Freundin zehn Tage nach Polen zu deren Oma reise, ob das okay wäre. Und plötzlich sind Ferien in der Zwischensaison wieder ein Thema. Nur ein Problem bleibt: der Morgen. Da ist normalerweise so viel Betrieb, dass ich immer zeitig rauskomme. Wenn aber Ferien sind, passiert um die Zeit gar nichts. Und ich drücke beim Wecker immer wieder den Schlummerknopf für die extra fünf Minuten. Eigentlich sollte mein Wecker nach dem dritten Mal Schlummertaste automatisch meiner Chefin ein E-Mail schicken, ich sei heute krank.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. Juli 2016

Im freien Fall

Als Papa ist es ein Privileg, von der jugendlichen Tochter ans Züri-Fäscht mitgenommen zu werden. Wir hatten noch viel Zeit bis zum Feuerwerk und flanierten so über den Sechseläutenplatz als sie auf diesen superhohen Freefall-Turm zeigt und beiläufig fragt «machen wir den?» Aus einer Laune heraus sagte ich «Klar». Ein Fehler. Haben Sie schon mal gesehen, wie ein Öltanker von einem kleinen Schleppschiff durch einen Hafen gezerrt wird? So bin ich mir vorgekommen auf dem Weg zur Kasse. Erst da habe ich wieder den Vortritt bekommen. 30 Franken später standen wir in der Schlange und konnten zig Mal zuschauen, wie andere ihre Leben einer Rummelplatz-Attraktion anvertrauten. Unser Mut schwand, je näher wir unserem Höllenritt kamen. Dann wurden wir festgeschnallt und schon schraubte sich das Ding hoch. Noch nicht mal auf dem halben Weg schauten wir auf das Riesenrad herab und bald über die ganze Stadt. Als ich aus 80 Metern Höhe nach unten blickte, wurde mir so richtig bewusst, dass man keine Überlebenschance hätte, wenn … in dem Moment klinkte das Ding aus. Aaaaaaaalle schrien, die zwei Sekunden freier Fall dehnten sich ewig und dann bremste das Ding und setzte uns sanft an den Ausgangspunkt. Alle grinsten. Nicht weils so toll war, sondern weil alle froh waren, noch am Leben zu sein. Adrenalingeflutet und mit wackligen Beinen machten wir uns vom Acker. Nein, ich habe mir nicht in die Hose gemacht. Dafür hat ein Krampf gesorgt, der sich erst in sicherer Entfernung löste.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. Juli 2016

Fussballett

Das Spiel Schweiz – Frankreich hatte einen riesigen Unterhaltungswert. Angefangen beim frisch verlegte Rasen, der vor dem Spiel noch mit grüner Farbe schöngeschminkt wurde, damit er «e Gattig» macht. So wie alle gerutscht sind, muss es grüne Schmierseife gewesen sein. Dann waren da die zerrissenen Leibchen der Schweizer und der geplatzte Fussball. Man kann einfach froh sein, dass Puma und Adidas keine Kondome herstellen. Unsere Fussballer haben sich öfter umgezogen als die Chippendales am Polterabend. Und dann waren da noch die grossen Momente, zum Beispiel, als Embolo einen Franzosen tunneln wollte. Der Schuss ging zwar zwischen den Beine, aber nicht hindurch, sondern mitten in die Elektronik. Jeder Mann weiss, was der in dem Moment durchmachte. Anders als der deutsche Bundestrainer hat sich der Angeschossene nicht vor einem Millionenpublikum in die Hose gegriffen. Ein Vorbild an Körperbeherrschung. Der DFB-Coach ist da deutlich ungenierter und hat vor 100 Millionen Zuschauern seinen Mittelfeldspieler in Position gebracht und danach das Fingerspitzen-Bukett auf Lunge reingezogen. Dass er sich dafür entschuldigen wollte, fand ich unnötig. Der Löw wollte halt wissen, wie sein Jogi riecht. Punkt. Dass ihn die Spieler nach dem Abpfiff allerdings nicht high-fiven hat er sich selbst zuzuschreiben. Oder als Pogba im Kampf um den Ball Embolo auf den Rücken gestiegen ist, so voll die Dirty-Dancing-Nummer. Was für ein Abend. So viele neue Fetische.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 22. Juni 2016

Stolz aufs Openair

Ich war am Wochenende am Stolze Openair. Das Wetter war lausig, der Boden matschig, die Stimmung grossartig. Neben einem tollen Lineup bietet der Anlass – eigentlich ein verkapptes Quartierfest – immer wieder grosse Momente. Da ist zum Beispiel der Typ, der mit hochgereckten Armen im Rhythmus klatscht. Als er die Arme runternimmt fegt er mit dem Ellenbogen seiner Nachbarin die Pommes mit Ketchup weg. Als er sich umdreht, um sich zu entschuldigen streicht der Tollpatsch einem Teenager hinter ihm den Ketchup ins Gesicht, so dass der aussieht, als hätte er eine schlimme Kopfwunde. Slapstick pur. Oder etwas abseits die Frau, die sich um den Typen kümmert, der schon länger regungslos auf einer Festbank liegt. Sie ertastet eine Schlagader und ruft ihren Begleitern verzweifelt zu, sie sei sich nicht sicher ob sie den Puls oder den Basslauf spüre. Als sich der Weggetretene dann bewegt, erschrickt sie auch noch. Beste Unterhaltung. Aber eigentlich bin ich wegen der Musik gegangen. Die war spitzenmässig.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 8. Juni 2016

Stunden im Hotel

Ich bin gerade zurück aus den USA und habe auf dem kurzen Trip in drei verschiedenen Hotels residiert. Der Amerikaner schläft offenbar gerne fürstlich: Die Betten waren so gross, dass man denken muss, die stellen erst das Bett hin und bauen dann das Haus drumrum. Nur – wozu brauche ich neun Kissen? Legt man die auf den Boden, falls man trotz der üppigen Dimensionen der Liegestatt rausfallen könnte? Das Bad war ebenfalls first Class, aber als ich das Wasser aufgedreht habe, hat es in der Wand gerumpelt, als ob ein Brontosaurier im Keller wohnt. Die Dusche machte Geräusche, wie die untergehende Titanic. Viel Wasser kam aber bei keiner raus. Die einen tröpfeln so schwach, dass man glaubt, man werde das Shampoo nie wieder los, die andern sind so verkalkt, dass sie das Wasser in alle Richtungen streuen. Im letzten Hotel hat auch noch die Klimaanlage gesurrt wie ein startendes Kleinflugzeug. Aber sonst wars toll. Ich gehe gerne auf Reisen, komme aber auch gerne wieder nach Hause zu Kippfenstern, gemütlichen Betten und funktionierenden sanitären Anlagen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 25. Mai 2016

(Okay, nicht meine beste Kolumne. Ich war übernächtigt und unter Druck.)