Im freien Fall

Als Papa ist es ein Privileg, von der jugendlichen Tochter ans Züri-Fäscht mitgenommen zu werden. Wir hatten noch viel Zeit bis zum Feuerwerk und flanierten so über den Sechseläutenplatz als sie auf diesen superhohen Freefall-Turm zeigt und beiläufig fragt «machen wir den?» Aus einer Laune heraus sagte ich «Klar». Ein Fehler. Haben Sie schon mal gesehen, wie ein Öltanker von einem kleinen Schleppschiff durch einen Hafen gezerrt wird? So bin ich mir vorgekommen auf dem Weg zur Kasse. Erst da habe ich wieder den Vortritt bekommen. 30 Franken später standen wir in der Schlange und konnten zig Mal zuschauen, wie andere ihre Leben einer Rummelplatz-Attraktion anvertrauten. Unser Mut schwand, je näher wir unserem Höllenritt kamen. Dann wurden wir festgeschnallt und schon schraubte sich das Ding hoch. Noch nicht mal auf dem halben Weg schauten wir auf das Riesenrad herab und bald über die ganze Stadt. Als ich aus 80 Metern Höhe nach unten blickte, wurde mir so richtig bewusst, dass man keine Überlebenschance hätte, wenn … in dem Moment klinkte das Ding aus. Aaaaaaaalle schrien, die zwei Sekunden freier Fall dehnten sich ewig und dann bremste das Ding und setzte uns sanft an den Ausgangspunkt. Alle grinsten. Nicht weils so toll war, sondern weil alle froh waren, noch am Leben zu sein. Adrenalingeflutet und mit wackligen Beinen machten wir uns vom Acker. Nein, ich habe mir nicht in die Hose gemacht. Dafür hat ein Krampf gesorgt, der sich erst in sicherer Entfernung löste.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. Juli 2016

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