Audistische Fahrer

Haben Sie schon mal einen neueren Audi in fröhlichen Farben gesehen? So Babyblau, Maisgelb oder Froschgrün? Ich nicht. Audis gibt es nur in depressiven Farben wie Schwarz, Anthrazit, Weiss oder Silber. Das sind eigentlich Farben, die sonst für Handfeuerwaffen reserviert sind. Männer kennen diese Nicht-Farben auch von Körperpflegeprodukten. In dieser winzigen Nische, die in Supermärkten für männliche Hygiene reserviert ist, findet sich kein einziger fröhlicher Farbtupfer. Von weitem sieht das so aus, als ob zwischen bunten Programmen ein Schwarz-Weiss-Film läuft. Die Verkäufe sprechen aber eine klare Sprache. Männer mögen diese Unfarben. Muss wohl so ein Urinstinkt-Steinzeit-Dings sein. Verschmelzen mit der kalten, feindlichen Umgebung, damit der Säbelzahntiger einen nicht sieht …

Warum zwei Ringe tauschen, wenn man vier Ringe haben kann?

Zurück zum Audi-Fahrer: Eigentlich ist er ein netter Mensch, der sich ein Stück deutscher Wertarbeit geleistet hat und sich jetzt auf der letzten Etappe vor dem Mercedeskauf befindet. Aber kaum hat er hinter den vier Ringen den Gurt angelegt und den Zündschlüssel gedreht, verwandelt er sich in eine rücksichtslosere Version seiner selbst. Oder um den vorherigen Vergleich nochmal zu bemühen: Die Waffe ist geladen. Wenn einer im Stadtverkehr einen auffällig schlechten Fahrstil zeigt, schaue ich normalerweise aufs Nummernschild und weiss sofort, dass es das Landei nicht besser kann. Beim Audi bleibt mein Blick an den vier Ringen hängen und schon weiss ich Bescheid. Der Audi-Pilot gilt in meiner persönlichen Hitparade nicht wirklich als Sympathieträger. Vielleicht liegt es auch daran, dass in Basel der Plural von «Auto» so ausgesprochen wird, wie die Ingolstädter Marke: «Audi».

Wiedemauchsei: Wenn du auf der Autobahn nur einen kurzen Moment die linke Spur nutzt, um einen ächzenden Lieferwagen zu überholen, hast du im nächsten Moment einen verbissen dreinblickenden Audimobilisten im Rückspiegel, der dir derart am Auspuff klebt, dass du Angst bekommst, der will dir ins Handschuhfach brettern. Wenn du dann den Weg freigibst, überholt er und fährt vor deiner Nase diagonal über alle Fahrspuren in die nächste Ausfahrt und du fragst dich einmal mehr, was der wohl mit den gewonnenen anderthalb Sekunden anstellen mag.

Back 2 Business

Das Gröbste scheint ausgestanden zu sein. Jedenfalls sind wir schon so weit, dass das drängendste Problem der Gegenwart der kolonialistische Name einer Süssspeise ist. Ohne das Thema weiter zu vertiefen, spreche ich mich für den neuen Namen aus, den der Zürcher Künstler Max Grüter erdacht hat: Amorechopf. Tönt fast gleich, ist aber unendlich viel positiver konnotiert.

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© Max Grüter

Rückblick auf die vergangenen drei Monate: Haben Sie auch ein paar Mal aus purer Gewohnheit jemandem die Hand geschüttelt und kaum hatten Sie die fremde Flosse in der Ihren, sank das Bewusstsein ein, dass Sie gerade das total Falsche tun? Dann noch ein paar unbeholfene Sätze gestammelt und gehofft, dass alle Beteiligten das Ganze so schnell als möglich vergessen? Japp, ist mir mehrmals passiert. Okay, die Alternative wäre dieser ungelenke Ellenbogengruss, mit dem man diejenigen Körperteile in Kontakt bringt, in die man vorschriftsgemäss reinrotzt und -hustet. Das ist irgendwie gleich schlau, als käme man der Maskenpflicht mit einer Gurkenmaske nach. So absurd das tönt, richtig absurd war mein Facebook-Feed, in dem Verschwörungstheoretiker tatsächlich Bill Gates hinter der Pandemie vermuteten, bloss weil der seit Windows 95 mit Viren zu tun hat. Eigentlich überraschend, dass niemand die Plexiglas-Industrie verdächtigt hat. Die und die Hersteller von Handlotion waren die einzigen, die so richtig von der Seuche profitiert haben.
Ich bin gespannt, ob die Bademode-Hersteller rechtzeitig auf den Sommer den Trikini bringen mit der assortierten Gesichtsmaske zum Zweiteiler. (Analog der Bikini beim Mann.) Spezielles Feature: Wer beim Gang ins Wasser die Maske nicht abnimmt, macht eine interessante Waterboarding-Erfahrung. Da stopf ich mir das Maul lieber mit einem … Amorechopf.

(Veröffentlicht im Tagblatt der Stadt Zürich am 24.06.2020)

Die Seuche

Als Kind habe ich mir vorgestellt, was wir im Jahr zweitausendundzwanzig alles haben werden: Haushaltroboter, fliegende Autos, Lernpillen, so Zeug halt. Und die bittere Realität: Wir lernen Händewaschen. Nicht gerade mondän, aber ich mache mit. Vom vielen Händewaschen ist meine Haut mittlerweile so rau, ich könnte die Gartenmöbel mit der blossen Hand abschmirgeln.

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Pestarzt; auch Schnabeldoktor genannt. (ausgestorben)

Von allen Handwaschanleitungen, die kursieren, sind mir zwei geblieben: Wasch so lange, wie du «Happy Birthday» singst und «Wasch dir die Hände, als hättest du gerade Chilis geschnitten und wolltest dich jetzt selbst befriedigen.» Eindrücklich, aber nicht kindertauglich. Die lieben Kleinen machen ja gerade einiges mit: Erst müssen sie das Kinderzimmer für das Klopapierlager hergeben, dann werden sie auch noch von den eigenen Eltern geschult. Das hat auch wieder eine gute Seite: Viele Eltern haben in dieser Phase entdeckt, dass nicht der Lehrer das Problem ist. Wenn das noch lange dauert; wenn also die ganze Familie jeden Tag zuhause ist, sich jeder Wochentag wie ein Sonntag anfühlt, an dem man nirgendwohin gehen kann, frage ich mich ernsthaft, warum im Supermarkt das Klopapierregal leer ist und nicht die Gestelle mit dem Alkohol. Vermutlich liegt es daran, dass grosse Arschlöcher halt eben viel Klopapier brauchen. Leute: Klopapier wird nie eine Währung sein. Glaubt ihr, die Banken überlassen Hakle die Weltherrschaft?!??

Aber wenn einem nun tatsächlich das WC-Papier ausgeht, und man findet im Laden sogar welches, stellt sich ein völlig neues Gefühl ein: Klopapierkaufscham. Ein Wort, das wohl bald in den Duden aufgenommen wird, wenn in ein paar Monaten alles vorbei ist. Bis dahin geniessen wir die Annehmlichkeiten von Home Office: Kein Gedränge mehr im Tram, der Kaffee ist besser und man muss keinen « fründliche Grind» machen. Der Lerneffekt ist auch gross: Schon bei der zweiten Videokonferenz weiss man, dass man sich besser nicht mit dem Hello-Kitty-Pyjama vor die Webcam setzt. Überhaupt sind Zoom-Konferenzen grossartig: Du schaust deinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern daran vorbei und checkst die Wohnung. Da eine Wohnwand, dort eine Wappenscheibe, auch mal volle Background-Action mit Kindern. Doch dann obsiegt der  Anstand über die Neugier und du schaust dein Gegenüber an und nimmst zum ersten Mal die aus der Form geratene Frisur wahr. Das schmerzt, weil du weisst, dass mit dir das gleiche geschieht. Du checkst das Bild, das alle von Dir mit der filzigen Frisur in deiner Bauernstube sehen und bedauerst, dass dein Rechner nicht genug Leistung hat, wenigstens den virtuellen Palmenstrand als Hintergrund einzublenden und nimmst dir vor: morgen wird der PC upgegradet.

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Ich werde wegen Covid-19 meine Essgewohnheiten nicht ändern.

Da sind wir also: Eingesperrt im eigenen Land und wandern durch leere Supermärkte. Ein Gefühl, dass man früher nur in der DDR kannte. Unser Land hat zum Glück genug in der Kasse, um niemanden verarmen zu lassen. So erscheint es heute fast lächerlich, dass wir vor kurzem noch diskutiert haben, ob die Schweizer Wirtschaft einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub verträgt. Überhaupt hat sich einiges geändert: Couch Potatos  sind keine faulen Säcke mehr, sondern verantwortungsvolle Lebensretter. Den Ausdruck «virale Videos» verwendet keiner mehr, und vielleicht nutzen wir Corona auch dazu, endlich aufzuarbeiten, was in der Schweiz fehlt:

  • Spitalpersonal besser bezahlen,
  • Homeoffice als Teil der Arbeitskultur einführen und
  • Die Mentalität, nicht krank zu arbeiten.

Zum Schluss noch eine Testfrage: Was kommt ursprünglich aus China, wurde nach Italien und von dort aus in die ganze Welt getragen? Hm? Richtig: Teigwaren.

Super Nap™

Wenn alle Mobiltelefone bis 300 Meter wasserdicht und mit hubbleteleskopartigen Kameras ausgestattet sind, braucht es auch Apps, die den Menschen weiterbringen. Ich denke da an eine Premium-Schlaf-App, die ich von bulgarischen Billigkräften programmieren lasse und mit der ich in fünfzig bis hundert Jahren Milliardär werde. (Ja, ich werde weit über hundert Jahre alt.) Die Technologie ist zwar noch nicht so weit, aber die Idee ist geboren. Back to Business: In der Gratisversion kann die Nutzerin / der Nutzer auf die Minute genau einstellen, zu welcher Zeit der Einschlafmoment erfolgen soll und wann man wieder voll erholt aufzuwachen wünscht. Die nötige Mindestschlafzeit berechnet die App in den ersten Tagen. Die dem Gehörgang angepassten Im-Ohr-Kopfhörer sind nicht nur Hirnstromwellen-Empfänger, sie können diese auch beeinflussen. Ausserdem können sie Lärmquellen durch Gegenschall verstummen lassen, so dass das gepflegte Nickerchen auf dem Pannenstreifen oder der Schönheitsschlaf auf der Baustelle kein Problem mehr darstellen. Sie werden nach jedem Super Nap™ total erholt sein und keine Ahnung haben, dass während sie in Morpheus Armen lagen, nebenan ein Haus abgerissen wurde, über ihnen die Flugwaffe Überschallknalle produziert, oder das Nachbarbaby die Nacht durchgeschrien hat.
Im Basic-Paket sind weiter enthalten:

  • Schnarchen Ein/Aus
  • Flatulenzunterdrückung Ein/Aus
  • Träumen Ein/Aus
  • Körpertemperatur stufenlos regulierbar zwischen 35,7 bis 37,5 °C

Natürlich übernimmt der Hersteller für das hundertprozentige Funktionieren keine Garantie oder irgendwelche Haftung. Das steht auch so in den 76 Seiten der Allgemeinen Geschäftsbedingungen, die Sie wie immer vorbehaltlos mit einem Fingertipp akzeptiert haben. Ausserdem fragen Sie sich zu Recht, wie ich denn damit steinreich werden soll. Nun, in der Basic-Version werden durch die App von ausgewählten Werbetreibenden Kaufanreize in das Unterbewusstsein gepflanzt. Wer keine Werbung will, kann sich für läppische zehn Franken im Monat die Premium-Dienste freischalten mit Features wie «volle Erholung in kürzerer Zeit», «Gewicht verlieren», «wilde Träume», «Fliegen », «Fremdsprachen lernen» und «Muskeltraining».

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99 Luftballons? Sieben reichen völlig. / Bild © Paula-Daniëlse.

 

Durch die dynamische Schlafplanung können Introvertierte zu Party-Animals werden, Verlierertypen die Weltherrschaft erlangen und Unsportliche Weltrekorde brechen. Die App leitet aber jeden dieser Träume auf eine einfühlsame Art aus, die einem versichert, dass es gut ist, dass man so ist, wie man in Wirklichkeit ist und nur um seiner selbst geliebt wird. Heroin, Kokain und andere sinnes- und wahrnehmungsverändernde Substanzen werden überflüssig. Super Nap™ ruiniert so ganz nebenbei sämtliche Drogenkartelle der Welt. Die USA oder ein anderer Drittweltstaat wird meine Firma aus Dankbarkeit von Steuern befreien, worauf ich den Steuersitz dahin verlege. Aber zurück zum Produkt:

Im Social-Teil der App kann man sich mit anderen Premium-Usern zum gemeinsamen Träumen zusammenschliessen, um miteinander unvergessliche Abenteuer zu erleben. Riverraften auf einem urzeitlichen Fluss zwischen Dinosauriern? Ein Beatles-Konzert in den 60ern? Auf dem Dreimaster einen neuen Kontinent entdecken? Wandern auf fremden Planeten? Alles möglich. Träume können auch aufgezeichnet und geteilt werden auf meiner Plattform Dreamtube für läppische 9.95 Fr/Monat. Sittenwidrige Träume oder solche, in denen körperliche und seelische Verletzungen vorkommen, können weder aufgezeichnet noch hochgeladen werden. Nordkoreanische Hacker würden versuchen, das System zu überlisten und kläglich scheitern. Dreamtube würde auch eine jährliche Liste der am meisten in Träumen vorkommenden Menschen veröffentlichen. Unter Prominenten wäre «Dreamperson oft he Year» ein erstrebenswerter Titel. Der Preis für die Live-Übertragungsrechte der aufwändig inszenierten Verleihung wird in der Liga Papstwahl, Fussball-WM-Finale und Krönung im englischen Königshaus liegen.

Die Welt wird voll sein mit erholten, fitten, sprachgewandten Menschen. Irgendwann lasse ich mich pensionieren und übergebe mein Traumreich in fremde Hände. Wer weiss, was dann passiert? Machtmissbrauch, Wahlfälschung, Propaganda etc. wären Tür und Tor geöffnet. Ein Albtraum. Vielleicht sollte ich das Ganze nochmal überschlafen.

(Beim nochmaligen Durchlesen kommt mir mein Aufsatz vor wie eine Black-Mirror-Episode. Ich weiss noch nicht, ob das gut oder schlecht ist.)

Du Pilz!

Ich liebe die saisonale Küche. Speziell jetzt, weil grad Pilzsaison ist. Und wenn du bist, was du isst, ist es glaube ich nicht mal so übel, ein Speisepilz zu sein. Die besten Pilzgerichte sind jedenfalls diejenigen mit selbst gesammelten Pilzen. Während andere mit Pilzbüchern bewaffnet im Wald den Korb füllen und dann die Hälfte beim Pilzkontrolleur liegen lassen, haben wir Jürg. Jürg ist ehemaliger Pilzkontrolleur und sein Urteil ist endgültig. Du zeigst ihm einen Pilz in freier Wildbahn und er sagt dir so tolle Sachen wie: «Den kannst du nehmen, darfst aber keinen Alkohol trinken», oder «bei dem musst du den Hut schälen, aber er schmeckt trotzdem nach nichts» oder im schlimmsten Fall: «Bei dem bekommst du permanenten Blumenschmuck – einen Meter zwanzig über deinem Bauch.» Jürg kennt die Pilze mit Vor- und Nachnamen. Da gibt es Krause Glucken, Wollige Milchlinge oder Säufernasen. Ein beliebter Jokus unter Laien ist, einen phallisch geformten Pilz als «gemeinen Scheidentäuschling» zu bezeichnen. Jürg ist ausserdem ein Pilz-Snob. Beim kleinsten Schneckenfrass lässt er einen Pilz stehen, während ich noch einen halb angefressenen frischen Steinpilz schneide.

Shrooms
Die kleinen Blauen sind ungeniessbar.

In die Pilze gehen weckt im Stammhirn das Jagdfieber. So mit Halali und Waidmannsdank. Ein unter Pilzjägern beliebter Satz lautet: «Pass auf, wenn du einen Pilz nur verletzt, kann er zur Bestie werden!» Denn es ist ja nicht so, dass sich Pilze dem Sammler im Wald mit Las-Vegas-mässigen Leuchtreklamen anpreisen mit Slogans wie «Pflück mich» oder «schneid mir den Fuss ab». Im Gegenteil: Die Dinger sind voll gut getarnt. Braun auf braunem Grund; womöglich noch unter welkem Laub. Ich persönlich finde, dass Pilze neonpink gefärbt sein müssten und erst nach dem Pflücken ihre normale Farbe gewinnen sollten. Aber die meisten Pilze, die auffällig gewandet sind, sind leider auch diejenigen, von denen man besser die Finger lässt. Und ja, Pilzgerichte verhängen mitunter noch Todesurteile. Deshalb sagt Jürg auch: «Es gibt mutige Pilzsammler und es gibt alte Pilzsammler . Aber es gibt keine mutigen, alten Pilzsammler.» Ich glaube dem alten Trüffelschwein.

Neulich war ich in einem beliebten urbanen Pilzgrund, der Früchte- und Gemüse-Abteilung von meinem Quartier-Cööpli und hörte zwei jungen Erwachsenen zu, die sich irgendwo im entwicklungsmässigen Niemandsland zwischen 18- und 24 Jahren befanden und sich über die Waldpilzmischung beugten:
«Hee lueg emal, die gsehnd us wie Pilzli.»
Der andere: «Das sind Pilzli.»
«Ja aber…» sagt der erste augenverdrehend «… ich mein dänk Pilzli.»
Jetzt rafft es auch der andere. «s’wär krass, wenn die würded Pilzli verchaufe.»
Vielleicht sollte der Grossverteiler meines Vertrauens die Pilze speziell für die jüngere Käuferschaft etwas detaillierter auszeichnen. So im Stil von «Waldpilze – nicht psychedelisch, dafür scheisslangweilig.»

 

 

Greta hasst mich

Ich bin eben mit meiner 16-jährigen Tochter nach vier Wochen USA aus dem Flieger gestiegen. 5 Kilo schwerer vom üppigen Essen und doch erleichtert, dass es dort besser läuft, als man hier in Europa vernehmen kann. Die Wirtschaft brummt und die Arbeitslosigkeit ist auf einem 50-Jahre-Tiefststand. Dafür nimmt man offenbar dumpfe Tweets und exorbitante Staatsverschuldung in Kauf. Das Land ist zudem tief gespalten und befindet sich in einem ideologischen Bürgerkrieg. Eine politische Mitte existiert nicht. An verschiedenen bierseligen Abenden haben mein Freund Jack und ich den festen Plan gefasst, die Mitte-Partei zu gründen, die das Land braucht: kapitalistisch, öko, menschenfreundlich und konservativ. Ja, das tönt platt und könnte auch auf jede blöde Firma zutreffen, aber wir arbeiten ja noch dran. Abgesehen davon bin ich immer wieder gerne in den USA. Das Land ist ja irgendwie fast so etwas wie eine westliche Demokratie.

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Flughafen Kloten (Niederländer lachen jedesmal) ready to take off.

Am 4. Juli feierten die US-Amerikaner ihr Brexit-Jubiläum und wir waren mittendrin zwischen Baltimore und DC. Schon Ende Juni, als wir dort angekommen sind, habe ich gemeint, noch mehr Fahnen könne man nicht aufstellen, hissen oder fliegen lassen. Denkste! Geht doch. Und wie: Zehn Millionen Stück importieren die USA jedes Jahr aus China. Die sind dann stolzer Schmuck am Jubiläumstag des Verrats an Britannien. Die Leute tragen Kleider mit Stars & Stripes, dazu gibt es eine Parade, Hot-Dog-Wettessen und am Abend Feuerwerk und zu allem viel Bier.

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Parade in Catonsville, Maryland. Der Sommerregen machte die 34°C erträglich.

Ich habe die Reise auf ein paar hundert Fotos dokumentiert. Meine Tochter hat mir dazu ein völlig neues Lebensgefühl vermittelt. Bisher war ich immer der Ansicht, dass Sehenswürdigkeiten gesehen werden müssen. Falsch. Man muss ihnen den Rücken zudrehen und das sehen, was die Sehenswürdigkeiten sehen. Dabei macht man einen Selfie und wenn der gut geworden ist, würdigt man die Attraktion keines Blickes mehr und schreitet von dannen. Moderne Teenager haben übrigens alle mindestens 15 Standard-Gesichtsausdrücke drauf, mit denen sie sich ablichten. Die Palette reicht von schmollendem Kleinkind bis hin zur strahlenden Disney-Prinzessin. Ich habe mich am zweiten Abend beim heimlichen Üben ertappt, mich danach geschämt und es seither sein lassen. Ich bin nun mal nicht so fotogen.

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Statt Selfie: Das Handy anderen Touristen in die Hand drücken. Vorher darauf achten, dass diese Schuhwerk tragen, das nicht zum Davonrennen geeignet ist.

Aber wenden wir uns erfreulicheren Dingen zu: Meinen Extrapfunden. Die habe ich mir mit den saftigsten Steaks der Welt angefuttert. Ganze Rinderherden sind in meinen Schlund gewandert. Ausserdem haben die USA das beste und grösste Steaksaucen-Sortiment des Planeten. Die Auswahl ist ehrfurchteinflössend, genauso wie die Bedienung motiviert ist und die Plastiksäcke gratis sind. Auch die bei uns verbotenen PVC-Trinkhalme gibt es eimerweise.

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Von Honigsenf zu Höllenfeuer – riesiges Steaksaucen-Sortiment.

Und während Klimaschutzaktivisten schon bald wieder jeden Freitag für eine bessere Welt die Schule schwänzen, liebäugle ich seit unserer Rückkehr mit der Anschaffung einer Klimaanlage für unsere Dachwohnung. Ich bin sicher, Greta würde mich hassen.

Shop till you drop

In meinem Facebook-Freundeskreis hat es ein paar interessante Menschen, die gönnen sich nach einem feucht-fröhlichen Abend noch einen Absacker am Laptop. Yepp, betrunkenes Shopping zwischen Heimkommen und Zubettgehen. Die später unerklärlichen Einkäufe werden dann zur allgemeinen Erheiterung gepostet. Der Börner ist immer noch der Karton mit fünf Kilo ungeweihter Hostien. Wer weiss, vielleicht muss man in einer Genossenschaftswohnung im dritten Stock ja mal überraschend eine Erstkommunion durchführen. Da ist man wenigstens vorbereitet. Auch recht toll waren die Prinzessinnen-Krone für den Yorkshire Terrier oder der Zylinderhut für die Schildkröte. Grenzwertig schräg waren die Würgreiz weckenden Leggins mit dem Haarige-Beine-Printmuster, die eine Freundin leicht angetrunken bestellt hat. Sie hat sie nur einmal für das Beweisfoto getragen und danach umweltfreundlich entsorgt.

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Gelten als Verhütungsmittel: Leggings mit Haarmuster.

Irgendwie bin ich vor derartigen Fehlkäufen verschont geblieben, ertappe mich aber dabei, dass ich mir zweimal überlege, ob ich etwas für 25 Franken kaufe, das noch 5 Franken Liefergebühr kostet, aber nicht eine Sekunde zögere, wenn das gleiche Produkt 30 Franken kostet und gratis geliefert wird. Oder dann kaufe ich im Online-Shop nochmal für 20 Franken mehr Zeugs ein, das ich nicht brauche, nur damit danach die Ware gratis geliefert wird. Ja, ich nehme Pillen gegen Blödheit (gibt’s im Internet).

Das Schöne am Onlineshopping ist ja so dieses Weihnachtsfeeling, wenn dann der Päcklipöstler das Geschenk von mir an mich liefert. A propos Liefergebühren: Die fallen ja bei diesem chinesischen Grosshändler weg, weil die vom Weltpostverband immer noch als Drittweltland eingestuft sind und fast gratis verschicken können. Da gibt es das schrägste Zeug im Multipack. Mit 200 Veloschliesskabeln für 97 Franken könnte ich zum Beispiel ganz viele Velos in meinem Quartier sichern. Nur ein weiterer Klick im Onlineshop und mir gehören 20 orange-weiss gestreifte Verkehrskegel. Ab sofort fahren die Autos in meiner Nachbarschaft, wo ich es will. Ergänzend dazu sollte ich mir die Strassenampel für 165 Dollar mit Fernbedienung leisten, damit ich immer freie Bahn habe. Die Zukunft ist rosig. Und in 20 Jahren werden meine Enkel überrascht sein, dass ein Südamerikanischer Regenwald nach einem Internet-Kaufhaus benannt ist.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 15. Mai 2019)

Verschnupft

Irgendwann so vor drei Wochen hat mich das Miststück erwischt. Vermutlich durch einem Nieser von so einem Offensiv-Kranken im 9er-Tram. Das rücksichtslose Rhinovirus hat sich dann unbemerkt in einer Nasennebenhöhle eingenistet. Mietfrei, wohlbemerkt; im sicheren Wissen, dass ich ihm nicht mal die kleinste Zelle angeboten hätte. Vermutlich hat es mich schon vor Jahren kennengelernt, aber mein Immunsystem hatte keine Ahnung, mit wem wir es da zu tun haben. Das Ding war ja auch schon zig Mal mutiert seit unserer letzten Begegnung. Vermutlich hat es sich in Virenkreisen schon rumgesprochen, dass ich ein ziemlich guter Wirt bin. Ich bin also mit meinem heimlichen Gast zur Arbeit, nach Hause, wir haben am Sonntag zusammen Tatort geschaut und eigentlich wären wir eine voll okaye WG gewesen, hätte das kleine Monster sich nicht vermehrt wie … wie eben ein Virus.

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Ich (l.) und ein T-4  Bakteriophage. (E. Coli?) Macht keinen Schnupfen, ist aber auch doof.

Seine Präsenz manifestierte sich durch einen scheuen kleinen Nieser bei der Arbeit. Dann noch einen, und noch einen und nach dem fünften habe ich meine Kollegin angebettelt «Häbmeresh Nashgüechli?» Ein Grippevirus will wenigstens, dass man mit ihm zuhause bleibt und ins Bett geht, aber so ein Pfnüsel-Chäfer tut nichts, ausser auf die Nerven gehen. Schwummriger Kopf, schwellende Schleimhäute und Rotz ohne Ende. So voll die Rüsselpest, aber nicht von der Arbeit befreit. Dazu schmeckt alles, was man isst, nur fad. Das übelste ist aber die soziale Ausgrenzung, wie sie sonst höchstens noch Leprakranken widerfährt. Statt tröstende Worte und mitfühlendes in-den-Arm-nehmen, werden einem so Sätze wie: «Chumm mer nöd z’näch mit dim Pfnüsel, du Süüchepilz!» ins Gesicht geworfen. Die einzige Entschädigung ist dieses Orgasmus-gleiche Gefühl des ersten freien Atemzugs, wenn sich beim Schneuzen ein riesiger Rotzklumpen fast hinter dem Auge gelöst hat, und in einem Stück im Taschentuch gelandet ist. Davon abgesehen: Sch… Virus. Kann es sich nicht einen anderen Beruf suchen? Vielleicht was in der Computer-Branche?

Self-Checkout

Ich mag mein Quartier-Cööpli, aber für einen Lebensmittelladen am minderen Züriberg ist er viel zu klein und zu eng. Da gibt’s täglich Wägelistaus und die Kasse ist meistens unterbesetzt. Self-Checkout ist in unserem Quartier verpönt, weil wir wissen, dass wenn es alle machen, gibt es keine Verkäuferinnen mehr. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag das 21. Jahrhundert. Es gibt keine Zeit, in der ich lieber gelebt hätte, als in meiner. Da bin ich zum Beispiel am kochen und höre dazu Musik. Vor 200 Jahren hätte ich steinreich sein müssen, um mir das leisten zu können. Vor 200 Jahren wäre ich aber schon längst an irgendeiner Krankheit gestorben. Nicht mal die Vollnarkose gabs damals und die Luft war auch nicht besser. Für Positives aus der Vergangenheit muss man schon weit suchen… hmm … Damals wurde wohl keine Frau belästigt mit unerwünschten Penis-Selfies. Der offensive Gentleman musste damals Zeichnungen, Aquarelle oder Ölbilder von seinem Gemächt der Dame reichen. Ich nehme an, dass das nicht so oft stattgefunden hat. Aber zurück zum Lebensmittel-Kauf: Irgendwie habe ich den Eindruck, die Grossverteiler wollen keinen Kontakt mehr mit uns Kunden.

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Ctrl+Alt+Del … wenn man nur eine Tastatur hätte.

Man muss Früchte und Gemüse selber wägen, Nüsse abfüllen, sogar beim Abrechnen und Zahlen wollen sie nichts mehr mit uns zu tun haben. Neulich war ich in Altstetten in einem dieser super-unpersönlichen neuen Lebensmttelläden. Frostige Atmosphäre, kaltes LED-Licht, als ob man permanent von einem BMW verfolgt würde und kein Mensch weit und breit. Nicht mal ein Angestellter. Nur so leise Dudelmusik, die Lebensmittel und ich. Wie so ein Endzeitfilm: Ich, der einzige Mensch, der nicht verschwunden ist; allein auf der Welt. Ich habe mein Zeugs gesammelt und bin mangels Kassenpersonal an so eine Self-Checkout-Kasse und raus. Hey, ich hätte die ganze Bude leerräumen können, aber vermutlich wäre ich gefilmt und gesichtserkannt worden und hätte dann eine WhatsApp-Mitteilung von der Polizei bekommen: Ich sei des Diebstahls dringend verdächtig und sollte mich am darauffolgenden Tag im nächsten Untersuchungsgefängnis selber einschliessen.

Dusch das!

Ich sollte mir für nächstes Jahr ein E-Bike zulegen. Jedesmal von der Lettenbadi nach Oberstrass hochkraxeln ist brutal. Die Strecke ist so steil, ich bin sicher, dass Holländer da eine Seilschaft bilden würden. Die Leute in meiner Nachbarschaft glauben jedenfalls fest, dass ich immer mit einer roten Kravatte radle – dabei ist das meine Zunge. Zuhause, am «minderen Züriberg» nassgeschwitzt angekommen, hüpfe ich unter die Dusche. Das ist Notwendigkeit und Belohnung in einem. Das Badezimmer war schon immer mein Freund. Ein Ort des Müssens und der Musse: Alle, die von dir was wollen könnten, respektieren, dass du jetzt im Bad, unter der Dusche, aufm Topf oder beim Zähne putzen bist und lassen dich in Ruhe. Das hat schon als Kind funktioniert. Wenn Mama in ihrem Job-Verteil-Ton meinen Namen gerufen hat und ich geantwortet habe «Bin im Baaad», ist das nächste greifbare Geschwister drangekommen. Wo war ich? Ah ja: In der Dusche. Da kann man beim Betreten mal eine Bestandesaufnahme machen:

DuschDas
Metrosexuelle Männer mal ausgenommen …

Ich zum Beispiel belege das Körbchen mit genau einer Quetschflasche. Ich bin da vermutlich schon fast aggressiv durchschnittlich. Von mir steht da so ein typisches Männer-Pflegeprodukt, zu gebrauchen als Gesichts- und Körperseife, Shampoo, Creme, Zahnpasta, Sonnenschutz, Bad- und Fensterreiniger und geht auch als Motor-Entfetter und Felgenpolitur beim Auto durch. Für Frauen gibt es solche Produkte genausowenig wie brauchbare Taschen in Jacken oder Hosen. Frauen haben dafür Pflegeprodukte, die sind auf ganz bestimmte Stellen ausgerichtet, zum Beispiel die linke Augenbraue. Neben Seife hat es darin oft gemahlene Kerne von exotischen Früchten und Essenzen, von denen man noch nie was gehört hat. Die Flasche sieht edel aus und der Preis liegt im höheren zweistelligen Segment. Markenname und Design vermitteln einem dann noch das Gefühl, das Produkt sei für eine höhere Einkommensklasse gemacht und rechtfertige so den unverschämten Preis. Quasi flüssige Arroganz fürs Badezimmer. Wenn wir hundert Flaschen davon nicht kaufen, kann ich mir ein E-Bike leisten.