A Roma

Zurück vom Familienbesuch in Rom. Die Stadt ist grossartig, anstrengend und immer wieder amüsant wegen seiner Bewohner. Was den Italiener und vor allem den Römer vom Rest der Welt unterscheidet, ist seine routinierte Aufgeregtheit. Allein schon der Umgang mit der Hupe als Kommunikationsmittel im Strassenverkehr: Während bei uns schon ein kurzes Hupen eine Kriegserklärung darstellt, wird auf Roms Strassen aus jedem möglichen Grund getutet. Weil man einen Freund gesehen hat, die Ampel auf Rot ist, weil einem ein Plakat gefällt oder auch um einen anderen Verkehrsteilnehmer zum Anfahren zu motivieren. In diesem Fall kommt noch die gebietende Geste dazu, die der Angehupte mit einer wegwischenden Handbewegung quittiert. Es gibt auch die grossen Gesten, wenn zum Beispiel die Dame im Biagiotti-Kleidchen neben der offenen Türe ihres Smarts steht und hupt, bis derjenige, der sie zugeparkt hat, vom Caffè kommt. Sie macht dann eine Was-soll-der-Blödsinn-Geste, er macht eine Hab-dich-nicht-so-Geste, beide steigen in ihre Autos und fahren weg. Nach 20 Metern ist der Vorfall abgehakt und vergessen. Basta. In Zürich wäre das anders abgelaufen: Die zugeparkte Person hätte die Karre abschleppen lassen und dem Anderen eine Anzeige wegen Nötigung reingedrückt. Beide wären noch Wochen nach dem Vorfall grantig beim Gedanken daran.Der Römer pflegt einen entspanntere Umgang mit Verkehrsregeln. Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Rom in Zürich. Auch die Gelateria mit den 62 verschiedenen Sorten vermisse ich. Ich wollte doch alle probieren … ausser Gorgonzola vielleicht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 11. Mai 2016

Läufige Freunde

Mein Facebook-Feed war voll mit sportlichen Menschen, die den Züri-Marathon gelaufen sind. Hey, ich habe höchsten Respekt vor der Leidensfähigkeit meiner Gspänlis. Aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie man einen Sport ausüben will, bei dem der erste, der’s versucht hat, danach auf der Stelle gestorben ist. Und Wettermässig war das ja eher ein Silvesterlauf. Mir käme es bei den heutigen Benzinpreisen definitiv nicht in den Sinn, so eine Strecke zu laufen. Ausserdem fühle ich mich auf der Strasse sicherer mit dem Auto. Beim Duell Michelin gegen Nike möchte ich jedenfalls nicht im Turnschuh stecken. Auch den Rest der Kleidung finde ich nicht immer gelungen. Man sagt ja: «Kinder, Betrunkene und Leggins sagen immer die Wahrheit.» Aber so offenherzig möchte ich nicht 42 Kilometer abstrampeln. Nur schon im Graupelschauer aufs Tram rennen finde ich eine Zumutung. Ausserdem bin ich Raucher. Bei meiner Lunge wäre die Strasse nach dem Lauf frisch geteert.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. April 2016

Legalize it!

Neulich im Tram habe ich auf einem Schüler-Rucksack – Mappen scheinen längst ausgestorben zu sein – einen dieser «Legalize It»-Kleber gesehen. Ich fand das erstaunlich. Immerhin ist es schon 40 Jahre her, seit uns Peter Tosh die Kiffer-Hymne beschert hat. Danach habe ich den Schulranzen abgesucht nach weiteren angejahrten Parolen wie «Atomkraft? Nein danke», «Petting statt Pershing» oder wenigstens «Jute statt Plastik», aber Fehlanzeige. Beim Träger des Rucksacks müsste man ja den Klischee-Kiffer vermuten, so mit Rastalocken und Augen wie ein Bernhardiner. Mitnichten. Eine adrette Zürcher Musterschülerin trug das Ding und war gerade damit beschäftigt, sich zu schneuzen. An der Rötung ihrer Augen war wohl eher der Pollenflug schuld als das verbotene Kraut. Eigentlich schräg: Sie macht sich für eine Pflanze stark, während andere Pflanzen ihr das Leben vermiesen. Gerade in ihrer Situation hätte sie einen originelleren Spruch wählen können. Wie wärs mit: «Lieber Gras rauchen als Heuschnupfen»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 13. April 2016

Lenz mich!

Endlich Frühling. In mir wächst der Drang, etwas für meine Figur zu tun. Aber nur schon beim Gedanken, auf der Finnenbahn einige Kilometer abzuspulen, regt sich ein anderes Frühlingsgefühl: Müdigkeit. Im Moment ist meine liebste Frischluft-Aktivität ins Haus zu gehen und gepflegt abzuhängen. Eine bessere Figur bekommt man auch von gesunder Ernährung. Nur ist das aufwändig und sogar gefährlich: Beim Apfelschnitzen kann man sich schnell mal in den Finger schneiden. Das passiert einem bei Schokolade nie. Warum kommt einem eigentlich erst nach dem sechsten Täfeli in den Sinn, dass man abnehmen will? Das einzige, was ich bisher gegen meine erotische Schwungmasse getan habe, ist mich selber anlügen. Das ist nun vorbei. Ich halte mich ab sofort an den grossen Philosophen William James Murray. Der hat mir mit seiner Erkenntnis die Augen geöffnet: «Schokolade wird aus Kakao gemacht, einer Pflanze. Technisch gesehen ist Schokolade also ein Salat.» Seit ich das weiss, macht die Diät Spass.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. März 2016

On peut rire

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat sich mit seiner «Chers Malades»-Ansprache in unsere Herzen geredet. Vier Minuten hat er über das Lachen geredet mit der Miene eines Totengräbers. Wenn unsere Exekutive, wie böse Zungen behaupten, aus sieben Komikern bestünde, dann wäre er wohl Buster Keaton. Der hat auch nie das Gesicht verzogen. Wir sind aber im 21. Jahrhundert und so stellt sich eher die Frage, ob er das Opfer eines Botox-Unfalls ist. Wie er mit dem ungerührten Gesichtsausdruck eines nordkoreanischen Verkehrspolizisten über herzhaftes Lachen redet, ist eine Nummer, die jeden Stand-Up-Comedian in Rente schickt. War das wirklich er, oder nur eine Handpuppe, bei der der Unterkiefer das einzige bewegliche Teil ist? Das Video wird ja schon als potentes Schlafmittel gehandelt. Das totale Versagen seiner Medienberater hat unseren Landesvater zur internationalen Lachnummer gemacht. Oder war das Absicht? Immerhin ist der Mann jetzt weltbekannt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. März 2016

Gut gebrüllt

Okay ich bin also altersweitsichtig, oder wie man neu sagt: Übersichtig. Als ob ich wegen der Unschärfe in der Nähe mehr Übersicht hätte. Ich hab schon das mit Kurz- und Weitsichtig nie begriffen. Wieso sollte ich Weitsichtig sein, wenn ich unkurzsichtig bin? Lassen wir die Wortklaubereien. Ich lebe also mit Lesebrille. Wenn man neu von einer Fremdlinse abhängig ist, lernt man Verschiedenes, was nicht im Beipackzettel steht: Zum Beispiel, dass man der coolen Sonnenbrille Tschüss sagen kann, denn wer trägt schon zwei Brillen mit sich rum? Goodbye du sauteures Oliver-Peoples-Stück mit deinen Serengeti-Gläsern. Fang Staub neben den Ray Bans und den Skibrillen in der Schublade. Hallo Blindfisch, wenn du mit der Lesebrille auf der Nase die dampfende Tasse zum Mund führst. Wenn du dann das Milchglas mit einem Kleidungsstück aus Kunstfaser reinigen willst, bleiben Schlieren. Da lernt man Kleidung aus Naturfaser wieder schätzen. Bei Regen den Fahrplan lesen? Psychedelische Bilder. Oder dass man nicht mehr mit seitlich aufgestütztem Kopf lesen kann, weil man sich den Bügel in die Schläfen drückt? Nervt fast so, wie wenn jemand deine Brille aufsetzt und danach findet: «Wie kannst du damit bloss sehen?»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. März 2016

Mein Gebrüll

Angefangen hat es mit einer globalen Schwäche in der Printindustrie: Jedes buchstabentragende Papier, das ich in Händen hielt, war nur dünn bedruckt. Die Wörter waren alle schwächer und nur irgendwie grau statt schwarz auf weiss. War schwarze Druckfarbe zu teuer geworden? Anfangs half es noch, näher ans Licht zu gehen. Aber mit dem Blendeffekt meiner lichtstarken Nachttischlampe wurde Lesen immer anstrengender. Irgendwann habe ich mir, mehr zum Spass, eine Lesebrille angeschafft.
Es war eine Offenbarung. Diese Kontraste, dieser meisterhafte Druck! Satte Lettern, grobfaseriges Papier – der Spass am Lesen war wieder da. Bis ich die Linsenkrücke verlegt habe. Dabei ist es so wie mit vielen Dingen: Man merkt erst, wie wichtig es ist, wenn es nicht mehr da ist. Damit mir das nie wieder passiert, habe ich für alle Orte, an denen ich mich regelmässig aufhalte, eine Brille angeschafft. Weil das nicht ganz billig ist, bin ich auf Ramschläden ausgewichen. In den Ferien habe ich bei Ein-Dollar-Shops ganze Bestände aufgekauft. Im Moment habe ich so um die 70 Gebrülle. Weil ja nur die Ladenhüter in solchen Geschäften enden, sind die meistens eher unansehnlich aber nichtsdestotrotz durchsichtig und blickschärfend. Wenn sie also einem Typen mit hässlicher Brille begegnen – das bin wohl ich.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. Februar 2016

Moiré-Effekt

Im Moment überschlagen sich ja alle Medien zu den Performances von Künstlerinnen wie Milo Moiré oder Deborah De Robertis. Frauen, die für ihr Kunstschaffen keine lästigen Kleider benötigen. Vielleicht bin ich zu wenig kultiviert, aber ich kann im Treiben der Performerinnen keine Kunst erkennen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie öffentlich versucht habe, nackt ein Farbei zu gebären oder meinen entblössten Schritt im Museum zu zeigen. Wiedemauchsei – In meiner kleinen Welt stelle ich die Damen in dieselbe mediengeile Ecke wie Reality-TV-Protagonisten und talentfreie Casting-Show-Kandidaten. Mit dem kleinen Unterschied, dass die beiden Exhibitionistinnen über einen deutlich höheren IQ verfügen. So schaffen sie es, durch gezielte Provokation ihren Fetisch als Kunst zu verkaufen und sind – auch dank gefälligem Wuchs – Liebkind der Weltpressefotografen. Ihr Erscheinen in den seriösen Medien legitimiert dem Feuilleton-Leser den Konsum der Aktbilder, was wiederum den Marktwert der Damen steigert. Ganz schön gewieft, gelle? Nichtsdestotrotz, oder gerade deshalb, halte ich die beiden nicht für Vorbilder sondern eher für Vorlagen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. Februar 2016

S’hät Schnee, Juhe!

Okay, dann halt eben Schnee. Als Stadtzürcher habe ich ihn nicht wirklich vermisst. Natürlich ist es wunderbar still, wenn Frau Holle, oder neudeutsch «Elsa», ihr Werk tut. Und ja, die Stadt sieht noch hübscher aus, wenn sie verzuckert ist. Aber statt den Ausnahmezustand zu geniessen, verfallen wir Zürcher sofort in diese urbane Salzhysterie. Da wird auf der Strasse jeder Schneeflocke mit einer Faust voll Salz zu Leibe gerückt, während die Trottoirs von den tiefbauamtlichen Salzstreuern oft vernachlässigt werden. Dafür kann ich nicht genug dankbar sein. Ich wollte schon immer auf dem Arbeitsweg die Biellmann-Pirouette üben. Bergab lege ich dann in unregelmässigen Abständen einen Halbspagat hin, bergauf sieht es mehr nach Velofahren aus. So bleibe ich auch im hohen Alter gelenkig. Die erste Schneeballschlacht habe ich schon hinter mir und den ersten Schneemann 2016 habe ich auch schon gebaut. Er steht mitten auf dem Trottoir. Zu Ehren des zuständigen Stadtrats habe ich ihn Filippo getauft.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. Januar 2016

Schall und Rauch

In meiner sonst eher ruhigen Wohngegend knallt es an Silvester gewaltig. Die Quartier-Warlords stellen jeweils wahlweise den Soundtrack der Landung in der Normandie, die Panzerschlacht von Kursk oder das Stahlgewitter von Stalingrad nach. Nicht so an diesem Jahreswechsel. Der Auftakt liess noch Schlimmstes vermuten: Böller, Leuchtspuren, Blitze, ohrenbetäubende Detonationen. Doch gegen 23 Uhr ebbte das Inferno ab. Erst dachte ich, das sei die Ruhe vor dem Sturm. Aber auch nach Mitternacht – nichts, was aus dem bürgerkriegsähnlichen Akustik-Teppich der Stadt herausstechen würde. Hat sich rumgesprochen, dass Explosivstoffe nicht von der Steuer absetzbar sind? Greift das Kyoto-Protokoll jetzt schon im Quartier? Oder leiden meine Nachbarn unter vorzeitigem Raketenabschuss? Vielleicht konnten sie ja in der pulvergeschwängerten Luft ganz einfach die Munition nicht mehr finden. Die Rauchschwaden vermischt mit dem Nebel liessen Zürich ein wenig aussehen wie Beijing an einem fast smogfreien Tag. Gute Vorzeichen für ein neues Jahr.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. Januar 2016