Heiss

Habe ich schon mal in einem Nebensatz erwähnt, dass ich auf meiner Terrasse denn krassesten Ausblick über Zürich habe? Mein Blick geht vom Hönggerberg über Limmattal, Üetzgi, Albis bis in die Alpen. Und wenn einer mal dieses blöde Riedtli-Schulhaus sprengen würde, hätte ich sogar Seesicht. Das soll keine Aufforderung sein: Falls der klotzige Lernbunker eines Morgens in Schutt und Asche liegt – ich wars nicht. Jeden Morgen habe ich diese Aussicht – Blick in die Ferne, meine Stadt zu Füssen und fühle mich wie ein Rockstar. Das hat auch die letzten 15 Jahre, die ich hier wohne nie nachgelassen. Ich sollte dazu den Kopf in eine Schüssel Koks drücken und zu einem fett geschredderten Gitarren-Riff «Züri!» schreien oder stöhnen.

Schampar schuurig schön – der Blick von meiner Terrasse

Tu ich aber nicht. Ich geniesse den Anblick in stiller Dankbarkeit. Genauso still, wie ich die heissen Tage des vergangenen Sommers erduldet habe. Ich wurde in meiner Dachwohnung im eigenen Saft gekocht. Auch wenn ich alle Tricks mit Fenster am Morgen schliessen, Läden runter, feuchte Tücher etc. angewendet habe, die Wohnung hatte am Abend 40° und mehr. Duschgel und Honig waren flüssig wie Wasser. Die Teller im Schrank? Vorgewärmt auf Körpertemperatur und der Ventilator machte die Wohnung zum Umluft-Backofen. Weil ich zu dieser falsch erzogenen Generation gehöre, die wegen des Stromverbrauchs über Klima-Anlagen die Nase rümpft, bin ich tagsüber, wenn die Packung tiefgefrorener Erben in meinem Nacken aufgetaut war, in den Keller geflüchtet, in meinen kühlen Bastelraum. Wenn ich mal raus musste, war mein Quartier-Denner immer die erste Station. Der ist amerikanisch runtergekühlt auf gefühlt arktische Temperaturen. Der Züri Zoo könnte da ganzjährig die Pinguin-Parade durchführen. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, ich beschwere mich nicht über die Hitze, ich feiere sie. Ich mags, wenn meine Zürcherli wegen zu hoher Betriebstemperatur nur noch so um die 70 Prozent funktionieren. Alle sind wie leicht bekifft und das Leben ist entspannter.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 9.9.26)

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