Wintertortour (+)

Als Stadtzürcher vermisse ich den Schnee kein Bisschen. Auch wenn eine Mehrheit sagt: «Es ist so wunderbar still, wenn Schnee fällt, und die Stadt sieht noch hübscher aus, wenn sie verzuckert ist.» Ich sage Papperlapapp! Die Leute vergessen, wie es am nächsten Morgen aussieht. Ein graues Geschlonze, das die Tristesse der kurzen Tage noch unterstreicht. Wenn ich aufs Tram gehe, muss ich über Pflotschmaden steigen wie der Storch im Salatbeet. Da sind mir globale Erwärmung und nahezu frühlingshafte Temperaturen lieber. Als Menschenfreund fände ich es aber trotzdem schön, wenn in höheren Lagen eine satte Schneedecke läge. Dort, wo nicht diese städtische Salz-Hysterie herrscht und jede Strasse sofort und dauerhaft vom Schnee befreit werden muss, wirkt er dekorativ. Aber ich wollte was ganz Anderes erzählen:

Am Sonntag war ich in Winterthur beim Comichändler meines Vertrauens. Falls Sie diese nette Nachbarstadt nicht kennen: Die Shoppingmeile heisst Marktgasse und ist reine Fussgängerzone. Da musste ich durch. An einem Weihnachtsverkaufssonntag. Es war die Hölle. Zilionen Menschen, die sich deutlich langsamer bewegen als diejenigen in der Zürcher Bahnhofstrasse. Flaniervolk, das nebeneinander gehend im Tempo eines Gletschers durch die Einkaufsstrasse driftet. Mobile biologische Strassensperren. Wenn man ein Ziel hat, zügig vorwärts kommen will und nicht jedes Schaufenster beaugäpfeln möchte, wird man wahnsinnig. Voll der Dichtestress. In Zürich kann man wenigstens aufs Tramtrassee ausweichen. Nicht so in Winti. Dort braucht man eine buddhistische Geduld, wenn man von A nach B will und die Marktgasse der kürzeste Weg ist. Dann traf mich die Erkenntnis: Dies ist ein Wink des Schicksals und liefert mir Material für einen Neujahrsvorsatz. Sollte ich mir also feierlich vornehmen, im neuen Jahr mehr Geduld zu haben? Hm? Nein. Aber ich werde beim nächsten Mal den Weg aussen rum wählen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 23. Dezember 2015

Apfäntzpulli

Neulich im Ausgang habe ich die erschreckende Feststellung gemacht, dass sich eine weitere angelsächsische Unsitte breit macht in Zürich: Der Weihnachts-Pullover. Diese potthässlichen grünen oder roten Pullis mit den unsäglichen Adventsmotiven. Da draufgepappt sind fliegende Schlitten, rauschebärtige Santas und rot benaste Rentiere in 3-D. Den übelsten fand ich den mit den zwei gruseligen Schneemännern, deren Köpfe auf Brusthöhe mit hervorstehenden Gummi-Rüeblinasen versehen waren. Haben diese Leute keine Freunde? Echte Freunde würden einen daran hindern, so unter die Menschen zu gehen. Die würden nicht mal zulassen, dass man die Anschaffung einer solchen Monstrosität erwägt. Wenn man die Dinger googelt, fragt Google zurück: «Meinten Sie ‹Ugly Christmas Sweaters›?» So ist das. Noch vor Jahren waren solche Pullis wie eine Geschlechtskrankheit: Man konnte sie bekommen, aber nicht kaufen. Das hat geändert. Jetzt sind die Läden voll davon. Die Dinger kauft man nur, um sie zu verschenken. Entweder einem Freund mit einem kranken Sinn für Humor oder dem ärgsten Feind. Und danke, ich brauche keinen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 9. Dezember 2015

Xmas & Co.

Lucy funkelt wieder, die Temperaturen sind am Gefrierpunkt, statt der Indios musiziert die Heilsarmee an der Haltestelle, Mandarinli und Zimtsterne füllen die Auslagen – es weihnachtet voll Hardcore. Dabei könnte man die Spätherbst-Tristesse viel cooler aufpeppen als durch Christkindli-Märkte mit genormten Hüttchen und Jingle Bells auf Endlosschlaufe: Von all den amerikanischen Bräuchen, die sich hier irgendwie fehl am Platz anfühlen (Halloween, Santa Claus, etc.) hätte man am besten das Erntedankfest (Thanksgiving) adaptieren sollen. Eine Fressorgie, bei der sich die ganze Familie an den Tisch setzt und dankbar ist, dass es einem so wahnsinnig gut geht. Keine Geschenke, nichts mitbringen, nur kochen und schlemmen. So würde der Weihnachts-Overkill erst nach dem vierten Donnerstag im November losgehen und nicht schon Mitte Oktober. Aber wir haben ja schon genug eigene Bräuche. Wenn Sie nächste Woche einem flamboyanten Typen in Frauenkleidern und Bart begegnen, dann ist das kein Hipster, sondern der Samichlaus.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 25. November 2015

Ausgebootet

Eigentlich sollte ich hier was Launiges über die beginnende Narrenzeit schreiben, weil 11.11. und so. Aber irgendwie habe ich seit dem Ende meiner Chäpselipistole- und Sheriffsternzeit den Anschluss verpasst. Ausserdem will ich hier was loswerden: Manchmal, ganz selten, wenn alles stimmt, habe ich das Gefühl, in einem verdammt coolen Film zu sein. Nein, es waren keine Drogen im Spiel.

Am vergangenen Rekordtemperaturen-Samstag waren die Messis bei einem lieben Freund aufs Boot eingeladen. Wir sind bei Rappi auf den See, haben eine schöne Bucht angesteuert, Fondue gegessen, Wein getrunken und vor epischer Kulisse und einem dramatischen Sonnenuntergang gute Gespräche geführt und viel gelacht. Und dann ist da der magische Moment, wo einem schlagartig bewusst wird, dass man ein verdammt gutes Leben hat und sich eine tiefe, wohlige Dankbarkeit breit macht. Das war mein Moment 2015. Statt auf Facebook habe ich ihn hier geteilt.
Und falls Sie immer noch enttäuscht sind, wegen dem mangelnden Fasnachtsbezug, schneiden Sie einfach die Kolumne aus, machen vier Längsstreifen und schneiden Sie diese in regelmässigen Abständen 26 Mal durch. Voilà Konfetti.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 11. November 2015

Blindgänger

Neulich waren wir als Familie in der Blinden Kuh. Richtig: Das völlig verdunkelte Restaurant, in dem man von Sehbehinderten bewirtet wird. Schon die Polonaise im Schlepptau unserer Serviererin durch die Dunkelheit zum Tisch war ein Abenteuer. Ich hatte mich eben hingesetzt, da höre ich meine Tochter gegenüber sagen: «Ah, Dad, du sitzt neben mir», gefolgt von einem Patsch-Patsch. Ja, sie hat im Dunkeln ihrem Sitznachbarn die Schulter getätschelt. Ich habe mich zurückgehalten um nicht laut loszuprusten, als in der Finsternis eine belustigte Männerstimme mit süddeutschem Akzent sagte, «ich glaube, dein Papa sitzt woanders». Im Lokal wird viel gelacht. Ich hätte gerne ein Nachtsichtgerät gehabt, um zu sehen, wie die Leute in ihren Tellern rumfingern, um etwas zu finden, was sie aufgabeln können. Ob es wohl Gäste gibt, die den Wein vom Nachbarstisch austrinken? Lustig war, als mir meine Frau Gemahlin von ihrem Essen zu probieren anbot: Als ich den Kopf drehte, hatte ich die Gabel und einen Saucenfleck neben meiner Nase. Hat niemanden gestört. Eigentlich will ich gar nicht wissen, wie oft und auf welche Arten im Schutze der Dunkelheit gegen Sitte und Anstand verstossen wird. Vielleicht ist das Nachtsichtgerät gar keine so gute Idee.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 28. Oktober 2015

Nomen est Omen

Ich bin mit einem Familiennamen aus Mesikon im Züri-Oberland gesegnet, der leider total nicht geläufig ist. Wie oft habe ich ihn schon buchstabiert. Als Telefone noch in schlechterer Qualität Sprache übermittelten, und man ein «f» kaum von einem «s» unterscheiden konnte, bekam ich oft Post an «Meffikommer», obwohl ich damals schon keine Zahnspange mehr hatte. Auch Postsendungen mit «Menzikofer», «Bütikofer» haben mich dank fantasiebegabter Pöstler erreicht. Nicht selten habe ich einen «Messingkoffer» im Briefkasten. Sie denken: «warum hat er bei der Heirat nicht den Namen der Frau angenommen?» Hab ich mir überlegt, aber ihr Ledigname ist noch einen Buchstaben länger. Die beiden Namen haben kaum auf dem Briefkastenschild Platz gehabt. Im Ausland ist es nicht einfacher. Im frankophonen Raum heisst es schnell einmal «Merci Connard», bei den Angelsachsen hat mein Name eine echt schweinische Bedeutung, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Ich bewundere meine Verwandten in den USA, die den Namen 150 Jahre behalten haben. Immerhin ist das mit dem Buchstabieren einfacher geworden, seit ein argentinischer Fussballspieler die erste Hälfte meines Namens berühmt gemacht hat. «Mässi Messi.»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 14. Oktober 2015

Bierselig

Man soll ja nie aufhören, sich weiterzubilden. Also habe ich ein Erwachsenenbildungsseminar gebucht. Bei einer kleinen Bio-Brauerei am linken Züriseeufer. Hey, es schadet nie, etwas über sein Lieblingsgetränk zu lernen. Zu zehnt, alles Kolleginnen und Kollegen aus der Firma, haben wir unseren Horizont über Brau-Technik und -Geschichte (oberflächlich) und die sechs verfügbaren Biersorten (vertieft) erweitert. Der Referent, ein militant fröhlicher Brauersmann, hat uns alles gepaukt, was wir wissen sollten: Von den Ägyptern und den Bieramiden bis in die Gegenwart mit Hipstern und Hopfen. Mit zunehmender Dauer liess die Konzentration nach, was dazu führte, dass ich beim Flaschenabfüllen mit Bier geduscht wurde. Zu dem Zeitpunkt war ich schon immun gegen den würzigen Geruch. Erst bei der Heimfahrt im Zug und dann im Tram ist mir aufgefallen, dass sich niemand neben mich setzen mochte. Auf der letzten Etappe, im 10er Tram standen die Leute lieber, als mir nahe zu kommen. Lag es an meinen Ausdünstungen, meinem selig-glasigen Blick oder an der Bügelflasche in meiner Hand? Ich sollte den Trick vielleicht mal in der morgendlichen Stosszeit ausprobieren.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. September 2015

Der Klotz

Von meiner Terrasse sehe ich, wie Zürich in die Höhe schwillt. In den neuen Hochhäusern finden sich Büros und Jobs für Schreibtischtäter oder Wohnungen für Besserverdiener. So wächst und gedeiht meine Stadt. Und dann gibt’s da noch den Klotz. Ein 118 Meter hohes, mausgraues Mahnmal aus Beton für eine Abstimmung, in der 50.1 Prozent der Zürcher Urnengänger schlechten Geschmack bewiesen haben. Ein Getreidesilo von absurden Dimensionen. Ein gesichtsloses Hochhaus für unser täglich Brot. Arbeiten darin emsige Hundertschaften von fleissigen Müllern? Nein. Die Monstrosität schafft gerade mal 8 Arbeitsplätze. Das einzige, was es schafft ist Schatten in der Lettenbadi. Nachts verdeckt der kahle Pfosten die Lichter der Stadt. Am Tag ist er nur hässlich. Und dabei kann ich nicht mal auf die Zürcher Sprayerszene hoffen. Kein Strassenkünstler hätte die Mittel, in hundert Metern und mehr Höhe ein Kunstwerk zu sprayen. Das Ungetüm würde sich nur in mein Herz schleichen, wenn an der Fassade eine gigantische Kletterwand eingerichtet würde. Dann könnte ich den Bau sogar richtig mögen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. September 2015

Food Photography

Der einzige sinnliche Genuss, den man von Geburt bis Tod haben kann, ist essen. Wenn ein duftendes Mahl bereitet ist, die Sinne geweckt sind und einem das Wasser im Mund zusammenläuft, gibt es nur noch wenig, das einen hindern kann, genüsslich loszuschlemmen: Das sind A) ungewaschene Hände und je nach Gottesfurcht B) ungesprochene Gebete. Danach darf es losgehen mit dem fröhlichen Schlemmen… Denkste! Erst noch der Fototermin. Wann hat denn der Blödsinn angefangen? Jeder Teller, der nur schon minimal präsentabler daherkommt als ein Hundefressnapf, muss fotografiert werden, nach dem Motto «Vor em Ässe, Facebook nöd vergässe!» Schauen Sie sich um! Überall Food Fotografen. Wenn jemand auf meinem Facebook-Feed einen ungegessenen Teller postet, entfreunde ich den. Bisher habe ich nur eine Ausnahme gemacht: Ein besserverdienender Kumpel hat bei Caminada gespiesen, und sein Dessert auf einem iPad serviert bekommen, auf dessen Bildschirm gerade ein Feuerwerk abbrennt. Vor so viel Dekadenz verneige ich mich. Allerdings hat der Freund die Frage unbeantwortet gelassen, ob der iPad auch spülmaschinenfest ist. Wie auch immer – Steve Jobs hat unser Leben nicht gerade einfacher gemacht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. September 2015

Endspurt

Letzter Ferientag – bei meinen Töchtern glüht die Taschenelektronik. Was da gewhatsappt, -vibert und -SMSt wird, grenzt ans Absurde. Weibliche Teenager, die keinesfalls ihren ersten Auftritt im neuen Schuljahr vermasseln möchten, sind ja so was von unterhaltsam. Die ältere Tochter gibt sich schon recht entspannt. Auf die Frage, was sie denn am ersten Schultag anziehen wird, sagt sie nur: «Ich tendiere zu Kleidung». Die Jüngere gibt sich genauso cool; lässt uns aber am grenzhysterischen Chatverkehr teilhaben. Aber so schnell wie es für jede neue Botschaft «Pling» macht, kann man gar nicht lesen. Da werden Outfits zusammengestrichen, Sachen ausgeliehen, Lehrer diskutiert. Kleidung scheint sehr wichtig zu sein. Ein Mädchen, das in eine neue Klasse eintritt, hat sich für etwas Unauffälliges entschieden, und damit sie sich im Turnunterricht nicht doch noch exponiert, nimmt sie fünf (!) verschiedene T-Shirts mit, damit sie nicht aus der Reihe tanzt. Das nennt man «unter dem Radar fliegen». Muss man als Mann nicht verstehen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 19. August 2015