Tsüri Fäscht isch s‘Bescht

Drei Tage feierte Zürich sich selber und es war eine Wucht. Gut, ein paar Abstriche muss ich im Nachhinein machen. Da wäre mal das kotzende Kind auf dem Kettenkarussell, das Halbverdautes in einem kreisförmigen Schwall über die dichtgedrängten Festbesucher erbrach. Ein anderer Tiefflieger spie Fallschirmspringer aus. Die versuchten auf dem Ponton vor der Quaibrücke zu landen. Der tosende Applaus, wenn ein Springer im See landete, war unfair. Die Brücke war das Epizentrum des Festes. Schon früh herrschte dort ziemliches Gedränge. Ich schätze ja intime Kontakte, aber schwitzende Männer, die sich an mich drängen, gehören definitiv nicht zu den Highlights des Festes. Aber sonst war’s toll. Vom anderen Brückengeländer sah man so viel Schwimmzeug in der Limmat, dass man den Fluss trockenen Fusses hätte überqueren können. Das Beste waren aber die Feuerwerke mit den lustigen Diskussionen, was das ganze kostet, welchen afrikanischen Zwergstaat man mit dem Geld sanieren könnte oder wie lange man dafür hätte Ferien machen können. Ging mir am Ellenbogen vorbei. Mir hat’s gefallen. Der Heimweg durch das Oberdorf war dann eine olfaktorische und sportliche Herausforderung: Urin und Erbrochenes, wie auch Scherben und Dreck machten die Gasse zu einem gigantischen Hindernisparcours. Nicht gerade eine Attraktion aber hey – wer eine Party für zwei Millionen Leute schmeisst, nimmt Kollateralschäden in Kauf.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 10. Juli 2013

Jubel, Trubel, Discokugel

Nach `zig Jahren war ich neulich wieder mal in einem Club. Ich war eingeladen, so mit «Du bist auf der Gästeliste» und so. Ich also kurz nach Mitternacht da, der Türsteher schnallte meinen Ich-bin-zu-alt-für-diesen-Blödsinn-Gesichtsausdruck und liess mich ohne Widerstand rein. Die zierliche Tusnelda an der Kasse bestand darauf, mir einen Stempel von der Grösse zu verpassen, wie sie Fleischbeschauer auf Rinderhälften zu hämmern pflegen. Das Lokal, ein finsteres Kellergewölbe, von der Grösse einer Zweizimmerwohnung war voll retro: Spiegelkugel, Lichtorgel, Strobo, Farben, Musik – alles 80er. Das Volk? Entweder fotografierten sie sich gegenseitig oder sie waren genauso mit sich selber beschäftigt wie wir damals. Einige musterten mich mit einem «brennt’s-im-Altersheim?»-Blick. Etwas war aber anders: Der Mief. Früher hat Zigarettenrauch gnädig die olfaktorischen Absonderungen der Besucher überdeckt. Heute wird der Dunst aus Schweiss und billigem Alkohol mit einem Industriell gefertigten Geruchstöter zugedeckt. Etwa so stelle ich mir den Odor in einem von Bukowski beschriebenen Bordell vor. Gegen ein Uhr triefte das Kondensat von Wänden und Decken. Eine Tropfsteinhöhle des Grauens. Ich verstehe jetzt, warum meine Mitinsassen sinnes- und wahrnehmungverändernde Drogen eingeworfen haben. Nicht mal der hohe Frauenanteil bringt einen nüchternen Mann in ein Lokal, wo alles eng, überteuert und das Mobiliar anwidernd ist. Das nächste Mal wieder in 20 Jahren oder so.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 26. Juni 2013

Big Brother und die Nati

Die ganze Welt empört sich, dass der US-Geheimdienst jede Google-Anfrage, jede Suche im App-Store und jeden Eintrag auf Facebook mitliest. Mich amüsiert der Gedanke, dass irgendwo in einem Bunker im amerikanischen Hinterland ein pickliger Nachwuchs-Agent für seinen Broterwerb Millionen von Katzenbildern anschauen muss. Immerhin lesen die meine Einträge, was man von den eigenen Facebook-Freunden nicht erwarten darf. Am vergangenen Wochenende ist unser Jung-Geheimdienstler beim Durchforsten der Internetze neben Miss Schweiz, Hunziker-Verlobung, Gay Pride und Hooligan-Konkordat sicher auch auf den grenzenlosen Jubel gestossen, den unsere Fussball-Nationalmannschaft mit dem Sieg gegen Angstgegner Zypern ausgelöst hat. Unsere Nati hat sich wuchtig zurückgemeldet mit einem atemberaubenden, traumtänzerischen, nie gefährdeten Sieg über die Fussballmacht aus dem Mittelmeer. Ricola gegen Halloumi: Es gab unglaublich viele Chancen, diese drittklassige Mannschaft zu schlagen, aber Zypern hat es nicht geschafft. Traumtor in der letzten Minute. In so einem Moment bedaure ich, dass statt des gesperrten Hitzfeld nicht Trapattoni die Nati trainiert: «Was erlaube Inler?» Als Fernbedienungs-Taktiker bin ich natürlich auch für die Volkswahl der Fussball-Nati. Aber wenn das so weiter geht, versauen sich Gökhan & Co noch die Chance, Ferien zu machen, wenn andere zur WM müssen. Ich habe fertig.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 12. Juni 2013

Deo mit Frostschutz?

Dauerregen, Nachtfrost, Schnee bis in die Niederungen. Haben sich Petrus, Frau Holle und Thomas Bucheli gegen uns verschworen? Was soll das? Wenn ich in der Nacht das Fenster offen lasse, muss ich am Morgen die Pinguine aus der Wohnung verscheuchen. Das ist doch nicht normal, dass man Ende Mai nach einem Spaziergang den Hund auftauen muss. Okay, wir hatten eben mal zwei nette Tage, aber nach den letzten Monaten halte ich das nur für eine meteorologische Gemeinheit, um uns daran zu erinnern, wie die Sonne aussieht. Wenn das alles ist, was wir von der globalen Erwärmung abkriegen, dann müssen wir noch viel mehr CO2 produzieren. Das ist kein Frühling, das ist bestenfalls ein milder Winter. Ich wundere mich immer wieder, dass nirgendwo Weihnachtsdekoration hängt. In meinem Quartierladen stapeln sich korbweise Melonen und daneben, wohl nicht zufällig, appetitlicher Rohschinken, aber kein Mensch kauft das Zeug. Warum nicht? Weil wir alle noch im Fonduemodus sind. Passender wären Marroni und Mandarinli. Nur in den Boutiquen ist der Frühling eingezogen. Capri-Hosen, Tank Tops, Luftige Sommerfähnchen… mal ehrlich: Wer zieht heute sowas an? Das sieht doch Scheisse aus mit Thermo-Unterwäsche. Dabei müssten Sie jetzt vom Kalender her das Tagblatt in der Badi lesen. Gehen Sie nicht hin. Das Eis trägt noch nicht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 29. Mai 2013

Wonnemonat? Meine Fresse!

Rückblickend habe ich nur gerade mal drei oder vier richtig coole Hochzeiten erlebt. Die anderen? Pflichtübungen, die man aus Freundschaft erträgt: Es beginnt gewöhnlich mit einem Apéro zu einer Zeit, zu der ich noch gerne in den Federn liegen würde. Immerhin macht der Alkohol die Sache erträglich. Dann vorbei am Spalier vom Turnverein (FC, Yoga-Gruppe) zur Kirche. Die Zeremonie zieht sich, weil der Pfarrer endlich mal Full House hat und das weidlich ausnutzt. Danach: Auffrischung des Alkoholpegels und Würdigung des Brautkleids, des Eherings und des gut kaschierten Babybäuchleins. Jetzt der Höllenritt: Die zweistündige Carfahrt mit dem militant lustigen Chauffeur, gefolgt vom Fotomarathon auf irgendeinem Berggipfel, um völlig durchfroren und schwer alkoholisiert zum mörderischen Finale auf der originellen Burg aus dem 12. Jahrhundert einzutreffen, wo man gemäss Tischordnung für die nächsten Stunden zwischen die grössten Langweiler platziert wurde. Das ganze ohne Fluchtmöglichkeit, weil man bis zur nächsten ÖV-Haltestelle drei Kilometer schwimmen oder einen Gewaltmarsch über einen verschneiten Pass unter die Füsse nehmen müsste. Also erträgt man dilettantische Kleinkunstbeiträge und schiesst sich weg, bis man sich anderntags wiederfindet beim Aufsammeln von Luftschlangen und Alkoholleichen. Ich bin eingeladen? Sorry, hab schon was vor.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 15. Mai 2013

Nicht dabei am 1. Mai

Ich habe es auch dieses Jahr mit dem 1. Mai so gehalten wie mit der Fasnacht: Ich glänzte durch noble Zurückhaltung, die böse Zungen und Schandmäuler auch Verweigerung nennen könnten. Der Arbeitskampf hat also gänzlich ohne mich stattgefunden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es begrüssenswert, dass Besserverdiener, Bonuskassierer und Maybachfahrer hin und wieder daran erinnert werden, dass es noch immer Legionen unterbezahlten Fussvolkes gibt. Nur halte ich die Teilnahme an einer Demonstration für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit für genauso wirksam wie einen «like»-Klick auf Facebook, damit ein Kind eine Herzoperation bekommt. Ausserdem hat in den vergangenen Jahren die unbewilligte 1.-Mai-Nachdemo ein Vielfaches an Medienecho geerntet, so dass die berechtigten Anliegen des Proletariats in den Hintergrund gedrängt wurden durch den Flurschaden, den Krawallanten und Anarchisten anrichteten. Die meisten von denen sind Fremdarbeiter; also Leute, denen Arbeit völlig fremd ist. Eigentlich müsste sich nicht die Polizei den Radaubrüdern und –Schwestern in den Weg stellen, sondern die Heerscharen von Arbeitern, deren einziger Feiertag von einigen wenigen Chaoten ruiniert wird. Trotzdem, oder vielleicht auch deshalb habe ich dem 1.-Mai-Kommitte eine Karte geschickt: «Herzliche Teilnahme».

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. Mai 2013

Homo Grillensis

Ich bin ja auch nicht der Pünktlichste, aber was sich der Frühling dieses Jahr geleistet hat… Normalerweise habe ich Mitte April schon mindestens drei Kilo Winterspeck weg. Dieses Jahr sind noch drei Kilo erotische Schwungmasse extra dazugekommen. Wieauchimmer – der Frühling ist da. Und während andere noch wie bekifft in die Sonne starrten, habe ich mit unendlicher Genugtuung die Grillsaison eröffnet. Ja, Ladies and Gents, dieses archaische Ding, das an die Zeit gemahnt, als es noch keine Glaskeramikherde und Mikrowellen gab. Im Gegensatz zum heimischen Herd ist der Grill Männersache. Nachprüfbar bei jeder Scheidung: Sie kriegt das Haus und die Kinder, er das Sorgerecht für den Grill. Für uns Kerle ist grillieren vom Lebensgefühl her vergleichbar mit Stehpinkeln oder Baumarkt stöbern. Irgendwo versteckt im Stammhirn wird der Homo Erectus im Manne wach: Feuer! Fleisch! Essen! Grunz! Das Urmensch-Feeling gilt übrigens nur für den Holzkohlen-Grill. Gas-oder Elektrogrille mögen auch Brateigenschaften haben, aber eigentlich kann das auch jeder Backofen. Leider ist grillieren im urbanen Umfeld auch mit Schuldgefühlen verbunden, wenn man die ganze Nachbarschaft zu passiv-Grilleuren macht. War mir aber egal. Und ja, es hat geschmeckt. Und nein, ich hab’s nicht auf Facebook gepostet.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. April 2013

Ei, Ei und noch ein Ei

Im Gegensatz zum Frühling hat Ostern 2013 schon stattgefunden. Während andere das Fest der Auferstehung feierten, habe ich das Liegenbleiben zelebriert. Und danke der Nachfrage, nein, ich habe mich auch dieses Jahr nicht dem Strom der Lemminge angeschlossen, die die Feiertage auf der A2 Luzern-Gotthard-Chiasso verbringen. Stattdessen habe ich es vorgezogen, zuhause mit meiner Familie zu feiern. Meine Teenie-Töchter verwenden dazu das Wort «abhängen». Irgendwie fanden sie’s aber trotzdem recht cool. Aus der Minderjährigen-Perspektive ist der Osterhase ja auch viel «chilliger» als der Samichlaus oder das Christkind. Man muss sich nicht irgendwelche Indiskretionen anhören, die ein bärtiger Unbekannter in einem mysteriösen Buch niedergeschrieben hat und auch keine Lieder mit skurrilem Text singen, die man sonst nur von Mariah Carey auf Englisch kennt und trotzdem gibt es Süssigkeiten und Geschenke. Wir Erwachsenen haben schon vor Ostern unsere Freude. Da werden Eier gekocht bis die Dotter grün sind. Dann werden sie von der ganzen Familie bemalt und verziert und am Ostersonntag versteckt. Es ist immer wieder lustig, den Kindern beim Suchen zuzuschauen, und sich diebisch freuen, wenn sie an einem besonders guten Versteck vorbeigehen. Irgendwie sieht es aus wie auf dem Golfplatz. Ich glaube, Golf ist für Leute erfunden worden, die nicht warten können, bis es Ostern ist. Wenn alle Eier gefunden sind, setzt man sich an den reich gedeckten Ostertisch und zerstört die kleinen Kunstwerke. Wenn Tage später dann der Cholesterinspiegel wieder auf normale Werte gesunken ist, steht ein neues Fest an: Der Osterhase hat dann Pause und der Pfingstochse übernimmt. Raten Sie mal, wer das sein wird…

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. April 2013

Kolumnist

Kolumnist. Das würde auf meiner Tagblatt-Visitenkarte stehen, wenn ich denn eine hätte. Ich darf hier ab sofort die kleinen Dinge des Alltags und die grossen Themen aus meiner Sicht formulieren. So mit voller Inhaltsfreiheit innerhalb des guten Geschmacks. Meine angetraute Sonnenblume freut sich mit mir, meinen Teenager-Töchtern, «was für ein Mist?», ist es egal, Hauptsache sie kommen nicht darin vor. Den meisten, denen ich von meinem neuen Job erzählt habe, macht das überhaupt keinen Eindruck. Im Gegenteil. Ich ernte fast nur geheucheltes Mitleid: «Du wirst jeden Freund verlieren, den Du hattest.» Toll! Das baut einen auf. Noch fieser die Variante «Wenigstens hast Du keine Freunde zu verlieren». Danke. Meine wunderbaren Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion haben mir dann noch eine Liste von Berühmtheiten, die auch schon kolumniert haben (sagt man das so?), um die Ohren geschlagen; von Jean-Paul Sartre über Peter Bichsel bis Philip Roth. Wirklich sehr ermutigend. Immerhin hat es auf mein naives Verkünden auch ein paar erhellende Reaktionen gegeben. «Kolumnist? So mit Marx und Lenin und rotem Stern und so?» Die überraschendste Antwort war aber «Musst Dich nicht genieren. Ich hatte auch schon mal eine Darmspiegelung.» Wenigstens hat mich niemand mit einem Tropenhelm versehen und als Kolonist nach Afrika gedacht. Wenn ich im nächsten Leben wieder Kolumnist werde, sage ich das nur meinen Facebook-Freunden. Die Verluste kann ich verschmerzen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. März 2013

Habuimus Papam (Wir haben einen Papst gehabt)

Böse Menschen nennen ihn Benedictus interruptus. Papst Benedikt XVI hat einen vorzeitigen Abgang gemacht. Ich frage mich, was tut ein Halbgott am letzten Arbeitstag? Eine E-Mail an alle Bürokollegen «Jungs, ich mach heute meinen Abflug und habe noch jede Menge Messwein und Paprika-Hostien, die Fete steigt um vier in der Basilika»? Oder schlüpfte er still und leise aus den Schuhen Petri und rein in die Flip-Flops, um dann mit dem Taschenmesser «Ratzi was here» in die Täfelung zu schnitzen, bevor er zum letzten Mal die Tür zuknallt? Der Ex-Stellvertreter Christi auf Erden reist nach seinem Amt erst mal zur päpstlichen Sommerresidenz nach Castel Gandolfo, die Seele baumeln lassen. Den Lebensabend will B-16 dann im vatikanischen Kloster Mater Ecclesiae verbringen. Um die innere Leere nach der Weltherrschaft auszufüllen, könnte er an seinem Handicap arbeiten. Damit meine ich nicht seine Haltung gegenüber Frauenrechten, Verhütung oder Homosexualität, sondern den Sport, den auch noch alte Herren betreiben können: Golf. Auf dem Luftbild von Mater Ecclesiae hat es ausreichend Grünflächen, dass man mindestens einen anständigen 9-Loch-Platz hinstellen könnte. Outfit-mässig sollte er mit Golf auch keine Schwierigkeiten haben; er ist sich absurde Kleidung gewohnt. Wenn das mit dem vatikanischen Golfplatz nicht klappt, könnte er sich um die Mitgliedschaft im Country Club Castel Gandolfo bewerben. Falls dies die finanziellen Möglichkeiten des Rentners übersteigt, könnten ja die Kardinäle zusammenlegen. Wäre ein cooles Abgangsgeschenk. Ich find’s jedenfalls toll, dass er sich nicht wie all seine Vorgänger zu Tode geschuftet hat.

Meine erste Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. März 2013