Jubel, Trubel, Discokugel

Nach `zig Jahren war ich neulich wieder mal in einem Club. Ich war eingeladen, so mit «Du bist auf der Gästeliste» und so. Ich also kurz nach Mitternacht da, der Türsteher schnallte meinen Ich-bin-zu-alt-für-diesen-Blödsinn-Gesichtsausdruck und liess mich ohne Widerstand rein. Die zierliche Tusnelda an der Kasse bestand darauf, mir einen Stempel von der Grösse zu verpassen, wie sie Fleischbeschauer auf Rinderhälften zu hämmern pflegen. Das Lokal, ein finsteres Kellergewölbe, von der Grösse einer Zweizimmerwohnung war voll retro: Spiegelkugel, Lichtorgel, Strobo, Farben, Musik – alles 80er. Das Volk? Entweder fotografierten sie sich gegenseitig oder sie waren genauso mit sich selber beschäftigt wie wir damals. Einige musterten mich mit einem «brennt’s-im-Altersheim?»-Blick. Etwas war aber anders: Der Mief. Früher hat Zigarettenrauch gnädig die olfaktorischen Absonderungen der Besucher überdeckt. Heute wird der Dunst aus Schweiss und billigem Alkohol mit einem Industriell gefertigten Geruchstöter zugedeckt. Etwa so stelle ich mir den Odor in einem von Bukowski beschriebenen Bordell vor. Gegen ein Uhr triefte das Kondensat von Wänden und Decken. Eine Tropfsteinhöhle des Grauens. Ich verstehe jetzt, warum meine Mitinsassen sinnes- und wahrnehmungverändernde Drogen eingeworfen haben. Nicht mal der hohe Frauenanteil bringt einen nüchternen Mann in ein Lokal, wo alles eng, überteuert und das Mobiliar anwidernd ist. Das nächste Mal wieder in 20 Jahren oder so.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 26. Juni 2013

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