Nicht dabei am 1. Mai

Ich habe es auch dieses Jahr mit dem 1. Mai so gehalten wie mit der Fasnacht: Ich glänzte durch noble Zurückhaltung, die böse Zungen und Schandmäuler auch Verweigerung nennen könnten. Der Arbeitskampf hat also gänzlich ohne mich stattgefunden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es begrüssenswert, dass Besserverdiener, Bonuskassierer und Maybachfahrer hin und wieder daran erinnert werden, dass es noch immer Legionen unterbezahlten Fussvolkes gibt. Nur halte ich die Teilnahme an einer Demonstration für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit für genauso wirksam wie einen «like»-Klick auf Facebook, damit ein Kind eine Herzoperation bekommt. Ausserdem hat in den vergangenen Jahren die unbewilligte 1.-Mai-Nachdemo ein Vielfaches an Medienecho geerntet, so dass die berechtigten Anliegen des Proletariats in den Hintergrund gedrängt wurden durch den Flurschaden, den Krawallanten und Anarchisten anrichteten. Die meisten von denen sind Fremdarbeiter; also Leute, denen Arbeit völlig fremd ist. Eigentlich müsste sich nicht die Polizei den Radaubrüdern und –Schwestern in den Weg stellen, sondern die Heerscharen von Arbeitern, deren einziger Feiertag von einigen wenigen Chaoten ruiniert wird. Trotzdem, oder vielleicht auch deshalb habe ich dem 1.-Mai-Kommitte eine Karte geschickt: «Herzliche Teilnahme».

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. Mai 2013

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