Tag des Männerklos

Letzte Woche, ich glaube, es war Dienstag, verkündete mein Autoradio (das für Erwachsene), dass der 19. November der internationale Tag des Mannes sei. Dagegen behauptete eine Gratiszeitung forsch, es sei der Welt-Toilettentag. Eigentlich gebe ich einen feuchten Keks auf solcherlei Mumpitz, trotzdem forschte ich nach: Die unfehlbare Web-Enzyklopädie bestätigte beide Aktionstage für das selbe Datum. Kann das Zufall sein? Der Bewusstseinstag für Kerle und Klos wird am selben Tag begangen? Freunde, Nachbarn und Verwandte, die ich mit der Koinzidenz konfrontierte, verwiesen alle ohne Ausnahme auf das diskriminierende und recht dumpfbackige Volksmund-Zitat von wegen Männer seien halt wie Toiletten: entweder besetzt, oder … Sie wissen schon. Meine Tochter ging noch weiter und erklärte den Tag zum Scheisskerltag. Wettermässig war dieser an Tristesse ohnehin kaum zu überbieten. Kalt und klamm mit Hochnebel und danach Regen; er musste noch was Gutes bringen. So verwöhnte ich mich männertag-mässig mit einem Herrenabend im Kreis 4. Nein, nicht im «Chilli‘s», sondern am oberen Ende der Anstandsliste, im «Le Chef». Ich will an dieser Stelle keine Werbung für ein Spitzenlokal machen; meine Lobhudeleien finden Sie auf Tripadvisor. Jedenfalls war sogar der kurze Toilettenbesuch eine Offenbarung. Das Örtchen ist heimeliger und sauberer als manches Lokal in der näheren Umgebung. Aber vielleicht war das nur, weil ja grad Tag des Männerklos war.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. November 2013

Ein Kaffeekränzchen niederlegen

Neulich habe ich auf Storyfilter gelesen, dass Kaffee trinken um die Essenszeiten wirkungslos sei, weil der Cortisol-Spiegel um diese Zeit ohnehin schon hoch ist. Wissenschaftler! Die können sich wohl nicht vorstellen, dass man Kaffee trinkt, weil er einfach schmeckt und tun so, als sei es eine reine Droge. Kaffee ist viel mehr als das. Nur schon die Erinnerungen, die man damit verbindet. Die weisse Hose, die vom Po bis zur Ferse mit dem braunen Gebräu besudelt war, weil jemand hinter mir mit einem vollen Becher gestolpert ist. Das Resultat sah aus, als hätte ich ein ernstes Verdauungsproblem. Und weh hat’s auch getan. Ähnlich unangenehm: als ich an einem Neujahrsmorgen, müde und ziemlich verstrahlt, einen Zuckerstreuer erwischte, der mit Salz aufgefüllt war. Falls das Absicht war, plädiere ich für ein Standgericht. Oder all die lustigen Sachen, die man mit Kaffee machen kann. Kleider färben, Bilder malen oder daraus lesen. Da hat doch eine Peruanische Wahrsagerin im Kaffeesatz gelesen, dass die Schweiz Fussballweltmeister wird. Ich will gar nicht wissen, welche Marke das war. Blöd ist auch, wenn jemand im falschen Moment einen Witz macht und mir der Kaffee aus der Nase schiesst. Der Geschmack hält sich recht lange in der Nasenhöhle. Übrigens: Meine Frau sagt, wenn sie Kaffee trinke, könne sie nachts nicht schlafen. Bei mir ist es genau umgekehrt: Wenn ich schlafe, kann ich keinen Kaffee trinken.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 13. November 2013

Apple und ein Ei

Am Samstag bin ich an der Warteschlange vor dem Apple Store vorbeigekommen. Diese Firma schafft es tatsächlich schon wieder, dass mir mein Handy, das bisher immer treu und supi seinen Dienst geleistet hat, vom einen Tag auf den anderen überholt, wertlos und zwei Generationen veraltet vorkommt. Ich spürte einen schalen Groll in mir aufsteigen. Wenn ich so richtig in der Kohle schwimmen würde, ich hätte hundert junge Leute fürstlich dafür bezahlt, dass sie die vordersten wären, die am Erstverkaufstag in der Schlange stünden. Einzige Bedingung: Sie dürfen keines der neuen Geräte kaufen. Nur so Chichi wie eine Hülle für ein altes Modell, Kopfhörer, Kabel, so Zeug halt. Wenn dann um acht der Laden aufgeht und all die Reporter mit Kameras, Flut- und Blitzlicht auf den ersten Irren warten, der die Nacht vor dem Laden campiert hat, um ein neues Gerät zu erstehen, vergeht eine Stunde oder mehr, in der nur Studis mit normalen Einkäufen den Laden verlassen. Dann denkt der Journi vielleicht auch mal, dass er mit seiner Zeit Besseres anfangen könnte, als eine überbewertete Firma promoten. Wieso kommt die Präsentation neuer Handys in den Hauptnachrichten? Muss denn Jeder wissen, dass das neue Gerät einen Viertelmillimeter flacher geworden ist? Die, die das wirklich interessiert, hätten es sowieso erfahren. Das ist doch Treppenhausgeschwätz. Was ist das Nächste? Breaking News, wenn Barbie ein neues Hütchen hat?

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. Oktober 2013

Grabenkrieg

Man kann kaum zwei Tramstationen fahren, ohne an einer Baustelle vorbei zu kommen. Eigentlich sollte man einen Tourismus-Slogan daraus machen: «Zürich, die ewige Baustelle am Üetliberg». Zu den Zutaten hiesiger Baustellen gehören neben Containerbaracken, Personal und Werkzeug auch ein lustiger Sprach-Mischmasch: «Musse betoniere wenn isse stelle die Blu vo die Himmel». An der Abschrankung stehen rüstige Rentner und lamentieren, dass es früher keine Baby-Bagger gegeben habe, welche die Schaufel- und Pickelarbeit erledigten. Noch mehr hat sich seit Opas Zeiten verändert: Baustellen sind nachts abgeschlossen. Jungmieter müssen heutzutage die Bretter und Ziegelsteine für das improvisierte Gestell im Baumarkt kaufen. (Wenigstens sind die Einkaufswägeli, die als Hausbar dienen, immer noch recht günstig zu bekommen.) Ein echtes Phänomen ist, dass Presslufthämmer offenbar nur ganz, ganz früh am Morgen eingesetzt werden können. Sozusagen Drecksarbeit für aufgeweckte Menschen. Moderne Baustellen protzen auch mit Information. Werfen wir einen Blick auf die Schilder: «Wir gehen für Sie in den Untergrund» oder «Lange Leitung? Wir kümmern uns drum.» Danke. Nach der Stadtgrenze hört es nicht auf: Zwei Jahre Bauzeit für einen Kilometer Autobahn? Ich finde, die hätten mehr als nur einen Arbeiter anstellen sollen. Das Tempolimit ist sicher nur da, damit der Kerl nicht geweckt wird.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. Oktober 2013

Festliche Filme

Film-Festival in Zürich und jeden Tag zwei Dutzend neuer Filme. Soll ich mir den usbekischen Experimentalfilm geben, oder ein opulentes Hollywood-Drama? Schwierige Entscheidung. Aber eigentlich verstösst so ein Festival ja gegen mein Prinzip, nie in der Premierenwoche ins Kino zu gehen. Publikumsmässig ist das der reine Horror. Wichtigtuer, die den ganzen Film kommentieren, Dumpfbacken, die sich den Film von ihrer Begleitung Szene für Szene erklären lassen, Junkfood-Adipöten, die in der ersten Filmhälfte eine Einkaufstüte mit Burger und Fritten leerfressen, um in der Pause Nachschub zu holen. Und alle, alle scharen sich um mich. Quasselstrippen, Denkzwerge und Mampftüten mit Raschelzeugs und Mundgeruch. Da ist das ganze Kino-Erlebnis futsch. Ich hätte mehr davon, zuhause in der Waschküche zwei Stunden vor einem farbigen Sutt zu sitzen. Und dann der ewige Kleinkrieg um die Armlehne. Oder das beklemmende Gefühl, wenn man neben einer ängstlichen Frau sitzt, die jedes Mal, wenn ich mich bewege, ihre Handtasche fester hält. Wir beide wissen, sie hat ihren Pfefferspray zwei Stunden lang im Dunkeln auf mich gerichtet und ist bereit, beim kleinsten Mucks abzudrücken. Und wenn die ganze Schikanier-Schwadron mal nicht kommt, setzt sich unmittelbar nach der Werbung eine ganze Basketball-Mannschaft in die Reihe vor mir. Trotzdem: Kino macht keinen Spass, wenn man nur darüber schreibt. Drum geh ich hin.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. Oktober 2013

Herbstzeitlose Radioten

Es wird Herbst und schon sind wieder alle mies drauf. See- und Flussbäder sind verwaist, Cafés geben die Strasse frei und Drogisten füllen ihre Antidepressiva-Bestände auf. Tschüss Sonnenbrand, hallo Gefrierbrand. Dabei hat der Herbst durchaus gewinnende Seiten: Modische Verwerflichkeiten wie Sideboob-Tanktops verschwinden wieder unter Pullis und Jacken und Crocs, diese Eishockey-Goaliemasken für bare Füsse verschwinden wieder im Schrank, wo sie bitte verrotten mögen. Die Sprecherin eines Zürcher Erwachsenen-Rundfunksenders hat in formvollendeter Sprachschönheit die nasskalte Witterung zum «Kuschelwetter» erhoben. Genau so will ich das hören. A propos Radio: In einem früheren Leben war ich Ansager beim Hörfunk und just vergangene Woche fand ein Treffen der Ehemaligen statt. Solche Zusammenkünfte bieten nebst fröhlichem Erinnerungsauffrischen immer willkommene Gelegenheit, den Verwelkungsprozess vormaliger Kollegen zu konstatieren.
Ich war eingestellt auf wachsende Schmerbäuche, tiefe Sorgenfalten und peinliche Frisuren, die kahle Stellen schlecht kaschieren. Aber da war nichts dergleichen. Ich war höchst positiv (positivst?) überrascht. Alle haben sich hervorragend gehalten; einige sahen sogar frischer und besser aus, als zehn Jahre zuvor. Ein grossartiger Abend. Auch modische Verfehlungen hat sich niemand geleistet. Nicht mal Sideboobs oder Crocs.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 18. September 2013

Beschwingt

Zeit für ein Geständnis: Alle drei Jahre verfalle ich dem alpinen Dreikampf Schwingen, Hornussen und Steinstossen. Die Kerle, die da antreten sind sowas von weit weg vom Durchschnittsmenschen wie NBA-Basketballstars. Die Eidgenossen sind zwar nicht ganz so lang, dafür umso breiter. Da sind Ochsen unterwegs, die haben Unterarme wie ich Oberschenkel und an Stellen Muskeln, wo ich nicht mal Stellen habe. Dann dieses unprätentiöse auftreten: Zügiger Gang ins Sägemehl, Händeschütteln und los geht’s. Wäre dieser Sport amerikanisch, würde der Kämpfer von einem Dutzend leicht bekleideter, glänzend geölter Cheerleader auf einer Sänfte hereingetragen, während der Speaker eine beeindruckende Statistik runterleiern würde, noch bevor die Fanfaren verklungen sind. Der Anlass hiesse auch nicht «Eidgenössisch», sondern irgendwas mit «world». Die Outfits wären dann auch keine Hemden, wie man sie im Heimatwerk findet, sondern was Schrilles aus Polyvinyl-Chrom-Neon-Latex. Interessant wäre auch, wenn der TV-Kommentar nicht helvetisch-sachlich wäre, sondern vielleicht etwas emotionaler à la südamerikanischer Fussball-Moderator. Alternativ könnte der Schlussgang auch von Jorge Gonzalez oder Bruce Darnell kommentiert werden. Drama, Baby! Nur mit dem Titel wird’s schwierig. Der «King of Swing» gehört schon Benny Goodman und ich bin nicht sicher, ob jemand überhaupt der «Swinger-King» werden will.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 4. September 2013

50 … uff!

OK, fünfzig Mal bin ich schon auf dieser wunderbaren blauen Kugel um die Sonne geritten. Meine Zwischenbilanz: Es hat gerockt und rockt noch immer. Obwohl… meine Kollegen sehen mich als alten Knacker und wollen, dass ich mich noch älter fühle. Die Sticheleien gehen von «Du hast Kennedy, Schwarzweissfernsehen und Musikkassetten erlebt? Boah!» bis hin zu «In Deinem Alter solltest Du Dich aus dem aktiven Geschlechtsleben zurückziehen und zum Alkoholiker umschulen lassen.» Und dann die Erwartungshaltung: Runde Geburtstage wollen gross gefeiert sein. Ich sage: Bullshit! Wenn ich fünfzig Leute einlade, die eine Haupt- oder bedeutende Nebenrolle in meinem Leben gespielt haben und die Fete startet um 16 Uhr mit open End, kann man in meinem Alter sicher sein, dass der/die Letzte um Mitternacht auf dem Nachhauseweg ist. In diesen acht Stunden soll ich die Fete in Schwung halten und mit meinen Freunden feiern? Geht nicht. Im Schnitt hätte ich pro Nase gerade mal fünf bis acht Minuten Zeit. Nee. Nicht mit mir. Das ist unwürdig. Ich werde im kommenden Vierteljahr alle meine Liebsten einzeln einladen und jedes Mal eine richtig dufte Zeit haben. Geschenke? Nur Sachen, die keinen Staub fangen und im Idealfall konsumierbar sind, so Schokolade und nicht jugendfreie Getränke und so. Das Beste Geschenk bisher waren die zig Stunden Reinigungsfachperson, die mir vermacht wurden. Die blauen Pillen hebe ich mir für den übernächsten Runden auf.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 21. August 2013

(Hat sich im Nachhinein als ziemlich doofe Idee herausgestellt. Die lieben Freunde haben volle Agenden und der Einladungsmarathon hat bis kurz vor meinen 51. gedauert.)

Tanz für Freiheit

Am Samstag wird man wieder zu Fuss übers Zürcher Seebecken wandeln können, ohne in den Verdacht zu kommen, Religionsstifter zu sein. Boot an Boot wird vor der Quaibrücke dümpeln im House-Takt der Love Mobile. Die prognostizierte Million Leute lässt sich grob in vier Gruppen einteilen. Da sind zuerst die VI-Poser. Sie sitzen entspannt an exponierten Plätzen, auf Balkonen, Booten, Aufbauten etc., schlürfen elegante Drinks und lassen sich vom gewöhnlichen Fussvolk beneiden. Dieses wiederum teilt sich auf in Zaungäste, die nichts sehen, aber zu Beginn noch viel hören, Fasnächtler, die sich zu wirklich jedem Anlass verkleiden, Exhibitionisten, die sich zu wirklich jedem Anlass entkleiden und natürlich den Lustmolchen, Spannern und Voyeuren, die am Samstag ihren höchsten Feiertag begehen. Im Zentrum steht das Partyvolk auf den Love Mobilen, DJs, Tanzende und C-Promis. In ihrem Sog findet sich die vierte Gruppe, die hinter den Monstersound-Mobilen her trottet, längst taub von 40‘000 Watt Schallgewalt. Die Körperhaltung meist gebeugt, wie bei vorzeitlichen Mammutjägern. Hinzu kommen der dumpfe Gesichtsausdruck und die schlaffe Haltung, die das Bild des homo streetparadus abrunden. Ob da Drogen im Spiel sind? Gegenfrage: Wird an der Tour de France gedopt? So ist die Street Parade für Jugendliche eine Vorbereitung auf das künftige Leben: Musik hören, Drogen nehmen und auf der Strasse stehen!

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 7. August 2013

Happy Camper

Wenn das Gespräch auf Camping kommt, verstumme ich. Ja, ich bin ein gebranntes Kind. Meine besten Camping-Erinnerungen gehen auf die Pfadizeit zurück. Danach war alles irgendwie uncool. Die Geschichte von meiner Lungenentzündung im gefluteten Zelt im Tessin bietet mir immer wieder einen eleganten Ausstieg aus der Diskussion, wenn ich das Gespräch auf das bisweilen garstige Wetter im Südkanton lenken kann. Wenn nicht, muss ich all die Geschichten von Schnarchern, Frühaufstehern, Paarungsfreudigen, Betrunkenen etc. auftischen. Zum Beispiel die von den Kerlen mit den primitiven Hackfressen, die nachts um halb drei vor meinem Zelt bei einem Töff den Vergaser einstellen mussten. Der Auspuff war natürlich auf mein Zelt gerichtet. Überhaupt: Dieses ständige Suchen nach Sachen, die im Rucksack, zwischen Innen- und Aussenzelt oder unter dem Schlafsack versteckt sind. Siffige Sanitär-Anlagen, Schlange stehen zum Duschen, Wurzeln unter dem Zeltboden und dann die ganzen Sachen, die man nicht dabei hat. Nein. Ich glaube an Komfort. Marmor, Polster, Quadrophonie? Her damit. Frühstück aufs Zimmer? Ja doch. Balkon mit Meersicht? Aber immer. Es gibt keinen Luxus, den ich nicht in Kauf zu nehmen bereit bin. Nur für meine Töchter tut es mir leid, weil sie viel zu selten die Freuden eines aktiven Outdoor-Lifestyles erleben durften. Wenigstens mussten sie nie zuschauen, wie Papa das Lagerfeuer auspinkelt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 24. Juli 2013