Tanz für Freiheit

Am Samstag wird man wieder zu Fuss übers Zürcher Seebecken wandeln können, ohne in den Verdacht zu kommen, Religionsstifter zu sein. Boot an Boot wird vor der Quaibrücke dümpeln im House-Takt der Love Mobile. Die prognostizierte Million Leute lässt sich grob in vier Gruppen einteilen. Da sind zuerst die VI-Poser. Sie sitzen entspannt an exponierten Plätzen, auf Balkonen, Booten, Aufbauten etc., schlürfen elegante Drinks und lassen sich vom gewöhnlichen Fussvolk beneiden. Dieses wiederum teilt sich auf in Zaungäste, die nichts sehen, aber zu Beginn noch viel hören, Fasnächtler, die sich zu wirklich jedem Anlass verkleiden, Exhibitionisten, die sich zu wirklich jedem Anlass entkleiden und natürlich den Lustmolchen, Spannern und Voyeuren, die am Samstag ihren höchsten Feiertag begehen. Im Zentrum steht das Partyvolk auf den Love Mobilen, DJs, Tanzende und C-Promis. In ihrem Sog findet sich die vierte Gruppe, die hinter den Monstersound-Mobilen her trottet, längst taub von 40‘000 Watt Schallgewalt. Die Körperhaltung meist gebeugt, wie bei vorzeitlichen Mammutjägern. Hinzu kommen der dumpfe Gesichtsausdruck und die schlaffe Haltung, die das Bild des homo streetparadus abrunden. Ob da Drogen im Spiel sind? Gegenfrage: Wird an der Tour de France gedopt? So ist die Street Parade für Jugendliche eine Vorbereitung auf das künftige Leben: Musik hören, Drogen nehmen und auf der Strasse stehen!

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 7. August 2013

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