Bierselig

Man soll ja nie aufhören, sich weiterzubilden. Also habe ich ein Erwachsenenbildungsseminar gebucht. Bei einer kleinen Bio-Brauerei am linken Züriseeufer. Hey, es schadet nie, etwas über sein Lieblingsgetränk zu lernen. Zu zehnt, alles Kolleginnen und Kollegen aus der Firma, haben wir unseren Horizont über Brau-Technik und -Geschichte (oberflächlich) und die sechs verfügbaren Biersorten (vertieft) erweitert. Der Referent, ein militant fröhlicher Brauersmann, hat uns alles gepaukt, was wir wissen sollten: Von den Ägyptern und den Bieramiden bis in die Gegenwart mit Hipstern und Hopfen. Mit zunehmender Dauer liess die Konzentration nach, was dazu führte, dass ich beim Flaschenabfüllen mit Bier geduscht wurde. Zu dem Zeitpunkt war ich schon immun gegen den würzigen Geruch. Erst bei der Heimfahrt im Zug und dann im Tram ist mir aufgefallen, dass sich niemand neben mich setzen mochte. Auf der letzten Etappe, im 10er Tram standen die Leute lieber, als mir nahe zu kommen. Lag es an meinen Ausdünstungen, meinem selig-glasigen Blick oder an der Bügelflasche in meiner Hand? Ich sollte den Trick vielleicht mal in der morgendlichen Stosszeit ausprobieren.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. September 2015

Der Klotz

Von meiner Terrasse sehe ich, wie Zürich in die Höhe schwillt. In den neuen Hochhäusern finden sich Büros und Jobs für Schreibtischtäter oder Wohnungen für Besserverdiener. So wächst und gedeiht meine Stadt. Und dann gibt’s da noch den Klotz. Ein 118 Meter hohes, mausgraues Mahnmal aus Beton für eine Abstimmung, in der 50.1 Prozent der Zürcher Urnengänger schlechten Geschmack bewiesen haben. Ein Getreidesilo von absurden Dimensionen. Ein gesichtsloses Hochhaus für unser täglich Brot. Arbeiten darin emsige Hundertschaften von fleissigen Müllern? Nein. Die Monstrosität schafft gerade mal 8 Arbeitsplätze. Das einzige, was es schafft ist Schatten in der Lettenbadi. Nachts verdeckt der kahle Pfosten die Lichter der Stadt. Am Tag ist er nur hässlich. Und dabei kann ich nicht mal auf die Zürcher Sprayerszene hoffen. Kein Strassenkünstler hätte die Mittel, in hundert Metern und mehr Höhe ein Kunstwerk zu sprayen. Das Ungetüm würde sich nur in mein Herz schleichen, wenn an der Fassade eine gigantische Kletterwand eingerichtet würde. Dann könnte ich den Bau sogar richtig mögen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. September 2015

Food Photography

Der einzige sinnliche Genuss, den man von Geburt bis Tod haben kann, ist essen. Wenn ein duftendes Mahl bereitet ist, die Sinne geweckt sind und einem das Wasser im Mund zusammenläuft, gibt es nur noch wenig, das einen hindern kann, genüsslich loszuschlemmen: Das sind A) ungewaschene Hände und je nach Gottesfurcht B) ungesprochene Gebete. Danach darf es losgehen mit dem fröhlichen Schlemmen… Denkste! Erst noch der Fototermin. Wann hat denn der Blödsinn angefangen? Jeder Teller, der nur schon minimal präsentabler daherkommt als ein Hundefressnapf, muss fotografiert werden, nach dem Motto «Vor em Ässe, Facebook nöd vergässe!» Schauen Sie sich um! Überall Food Fotografen. Wenn jemand auf meinem Facebook-Feed einen ungegessenen Teller postet, entfreunde ich den. Bisher habe ich nur eine Ausnahme gemacht: Ein besserverdienender Kumpel hat bei Caminada gespiesen, und sein Dessert auf einem iPad serviert bekommen, auf dessen Bildschirm gerade ein Feuerwerk abbrennt. Vor so viel Dekadenz verneige ich mich. Allerdings hat der Freund die Frage unbeantwortet gelassen, ob der iPad auch spülmaschinenfest ist. Wie auch immer – Steve Jobs hat unser Leben nicht gerade einfacher gemacht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. September 2015

Endspurt

Letzter Ferientag – bei meinen Töchtern glüht die Taschenelektronik. Was da gewhatsappt, -vibert und -SMSt wird, grenzt ans Absurde. Weibliche Teenager, die keinesfalls ihren ersten Auftritt im neuen Schuljahr vermasseln möchten, sind ja so was von unterhaltsam. Die ältere Tochter gibt sich schon recht entspannt. Auf die Frage, was sie denn am ersten Schultag anziehen wird, sagt sie nur: «Ich tendiere zu Kleidung». Die Jüngere gibt sich genauso cool; lässt uns aber am grenzhysterischen Chatverkehr teilhaben. Aber so schnell wie es für jede neue Botschaft «Pling» macht, kann man gar nicht lesen. Da werden Outfits zusammengestrichen, Sachen ausgeliehen, Lehrer diskutiert. Kleidung scheint sehr wichtig zu sein. Ein Mädchen, das in eine neue Klasse eintritt, hat sich für etwas Unauffälliges entschieden, und damit sie sich im Turnunterricht nicht doch noch exponiert, nimmt sie fünf (!) verschiedene T-Shirts mit, damit sie nicht aus der Reihe tanzt. Das nennt man «unter dem Radar fliegen». Muss man als Mann nicht verstehen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 19. August 2015

Wespenstichtag

Meine Töchter wurden letzte Woche dreimal von Wespen gestochen. Einfach so. Wespen sind Arschlöcher. Ich glaube, eine Welt ohne das Gesocks wäre eine bessere. Neuseeland ist jahrhundertelang ohne die Hautflügler tipptopp ausgekommen, bis sie eingeschleppt wurden. Es geht also ohne. Die Menschheit hat schon zig Tierarten bis zur Ausrottung bejagt. Warum haben sich Zahnärzte und andere Trophäensammler nie den Wespen angenommen? Niemand würde sie vermissen. Im Gegenteil, Konditoren auf der ganzen Welt wären begeistert.

Gegen Wespen soll ja Haarspray helfen. Ich fände das aber ziemlich unappetitlich, wenn mein Mittagessen nach Pantene Pro-V Style Classic Care schmeckt. Ich hab mich für die biologisch-dynamische Alternative entschieden, eine Zitrone mit Nelken bestückt und auf den Tisch gestellt. Ich schwöre, die Biester haben sogar gelacht, als sie sich direkt daneben über mein Schnitzel hergemacht haben. Verlange ich zu viel, wenn ich einfach mit meiner Familie unbehelligt draussen essen will? Warum unternehmen die Behörden nichts? Wo ist die KESB, wenn man sie wirklich braucht?

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 5. August 2015

Brandzeichen (extended)

Brandzeichen

Dieser Sommer macht mich grosszügig. Ich gönne jedem meiner Facebook-Ferien-Gspänlis, dass sie am Strand nicht höhere Temperaturen aushalten müssen, als ich in der Letten-Badi. Dort wohne ich Teilzeit.
In meinem Alter kann man sich ungeniert unter die Jungen und Schönen mischen. Mein Body-Typ heisst im Slang «Dad-Bod». Das Minus an Muskeln macht die erotische Schwungmasse wett. «Dad-Bod» finde ich übrigens schöner als «Walking Dad».
Wo früher Hektik herrschte, hat so ein lockerer Mañana-Groove Einzug gehalten. Ab 30 Grad und drüber funktionieren die Zürcher höchstens noch zu 75 Prozent. Okay, einige werden, egal welches Wetter herrscht, diese Marke nie erreichen. Macht nichts, es ist Sommer! Wenn man dieses Schönwetter-Lebensgefühl in Dosen abfüllen könnte – Ladendiebstähle würden überhand nehmen. Wenn man es in Pillen packen könnte, hätte man den Drogenmarkt unter Kontrolle. Zum Glück ist schönes Wetter demokratisch, es ist für alle da und es gibt gleichviel für jeden.

Die Limmat erfrischt nur noch begrenzt, manchmal sind so viele Menschen im Fluss, dass man die Seite trockenen Fusses wechseln könnte. Dafür ist sonst der Unterhaltungswert riesig. Allein die Entsetzensschreie, die sich über die Liegefläche fortpflanzen, wenn eine Libelle den Fleischmarkt im Tiefflug überquert. Dank Smartphones stirbt die Diskussion, ob ein Stich tödlich ist, schon nach etwa zwanzig Minuten.
Ebenfalls erfrischend: Menschen, die ein Pralinato so essen, als seien sie beim Casting für einen Pornofilm. Dann sind da noch die männlichen Teenager, die je nach Aussicht den ganzen Nachmittag in Bauchlage verbringen. Oder Singles, die man an der sonnengeröteten Stelle am Rücken erkennt, die sie beim eincremen nicht selber erreichen. Wer keine solchen Brandzeichen hat, und behauptet, single zu sein, dem ist nicht zu trauen. Merke: Singles sind nur echt mit Brandzeichen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 22. Juli 2015

Quartierräucherung

Ein Hoch auf Annelie und ihre Omega-Lage. Wir werden im eigenen Saft gekocht und es ist grossartig! Habe ich eigentlich schon mal in einem Nebensatz erwähnt, dass wir in einer Dachwohnung leben? Am Wochenende war es so heiss, die Dachziegel standen kurz vor den Schmelzpunkt. Meine Töchter behaupten, sie hätten oben beim Dachfenster zwei Hobbits gesehen, die einen Ring hereingeworfen hätten. Wieauchimmer – wir sind dann zum grillieren in den kühleren Garten gegangen. Dort hat sich die Sorte Erinnerungen eingestellt, die man gerne verdrängt. Zum Beispiel dass die Wiese je nach Standort den widerlichen Geruch von Katzenkot ausdünstet, den man kaum mehr aus der Nase bringt. Oder die Junikäfer, die keine Ahnung vom Kalender haben und einem sinnlos in die Frisur oder Kleider fliegen. Und das sind noch die angenehmsten Insekten, im Gegensatz zu dem Mückengesocks. Das verhasste Ungeziefer hat sich erst vom Acker gemacht, als ich den Grill eingeheizt habe. Boah, so viel Rauch! Sorry, liebe Nachbarn. Und nein, wir haben im Quartier keinen Papst gewählt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 8. Juli 2015

Selfie-Stick

Okay ich gebs zu: Ich bin Besitzer eines Selfie-Sticks. Das Ding wurde mir quasi nachgeworfen für zwei Pfund fünfzig bei einem pakistanischen Strassenhändler in London. Meine Töchter haben mich erst ausgelacht und dann verachtet, weil ich dann mit dem Ding rumgefuchtelt und zilionen sinnloser Fotos geschossen habe, die niemand jemals anschauen wird. Blöd war es erst, als das Telefon klingelte. Das Gerät ausspannen und den Stecker abziehen würde viel zu lange dauern. Also Stock umdrehen und Gespräch annehmen. Das sieht dann etwa so aus, als horche man an einem Golfschläger. Der Anblick ist das pure Gegenteil von Coolness. Man steht da und ist sich voll bewusst, was für ein erbärmliches Schauspiel man abgibt. Erschütternd, erniedrigend und einfach nur peinlich. Vermutlich gibt es Bilder von mir, die als abschreckendes Beispiel für Selfie-Süchtige therapeutisch verwendet werden. Meine Frau und meine Töchter haben die Strassenseite gewechselt. Ich kanns ihnen nicht verdenken.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 24. Juni 2015

Telefon-Terrorist

Das Telefon klingelt und obwohl eigentlich 99 von hundert Anrufen für meine Frau oder meine Töchter sind, geh ich ran: Ein Typ auf Englisch mit wuchtig-indischem Akzent erklärt mir, er sei von Microsoft und mein Windows habe ein Problem. Ich bestätige ihm, dass meine Windows besser performen könnten. Bei all den Pollen und der Luftverschmutzung ist das auch kein Wunder. Er meinte, er würde das für mich kostenlos in Ordnung bringen, worauf ich ihn eingeladen habe. Hey, tu ich gerne für einen Mann, der ehrliche Arbeit sucht. Er möge gleich am Nachmittag vorbeikommen und meine Windows fegen; auf einem Window seien sogar Vogelexkremente. Der Typ hatte Humor. Ja, wenn das so wäre, käme er gerne vorbei, wir könnten dann zusammen Tee trinken. Ich wollte sicher sein, dass er nie wieder anruft, und trug ihm an, wir könnten auch unsere Geschlechtsmittel austauschen. «What?!??» – danach machte es klack und die Verbindung war unterbrochen. Muss ein Softwarefehler sein. Vielleicht sollte er sein Windows mal überprüfen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 10. Juni 2015

Das Tagblatt erscheint im neuen Layout, die Kolumne hat eine neue, besser lesbare Schrift. Dadurch wird die Kolumne einen Viertel kürzer.

ESC-Ausschnitt

An nabelfreie Damenmode habe ich mich ja die letzten zehn, zwanzig Jahre gewöhnt. Aber erst seit dem European Song Contest weiss ich, dass der Bauchnabel auch Teil des Ausschnittes sein kann. Da waren zig Frauen mit absurd tief ausgeschnittenen Abendkleidern. Meines Wissens gab es diese Sorte extravaganter Garderobe früher nur in Läden, die einem beim Kauf eine neutrale Tüte als Verpackung angeboten haben. Jetzt sind die offenherzigen Fummel dem Anschein nach auf europäischem Niveau salonfähig. Der freie Blick auf die Seiten der Brüste (Fachjargon «Sideboobs») wurde bisher nur durch grosszügig geschnittene Armlöcher freigegeben. Heute tut dies die lange Abendrobe mit mittigem V-förmigem Sichtfenster. Das Plus an Stoff im Faltenwurf wurde beim Dekolleté eingespart. Doch wie beim kürzer geschnittenen Vorgänger gibt es auch beim neuen Ausschnitt keinen Millimeter mehr zu sehen. Wie das geschieht, übersteigt mein Verständnis von Textilphysik. Ich tippe auf doppelseitiges Klebeband und hoffe inständig, dass die weibliche Leidensfähigkeit für einen modischen Auftritt nicht so weit geht, dass der Stoff mit dem Bostitch angetackert wurde. Wiedemauchsei, mit so einem Kleid kann man das neue Bauchnabelpiercing nachhaltig zur Geltung bringen, bei besonders tiefen Ausschnitten sogar das frische Brazilian Waxing.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. Mai 2015