ESC-Ausschnitt

An nabelfreie Damenmode habe ich mich ja die letzten zehn, zwanzig Jahre gewöhnt. Aber erst seit dem European Song Contest weiss ich, dass der Bauchnabel auch Teil des Ausschnittes sein kann. Da waren zig Frauen mit absurd tief ausgeschnittenen Abendkleidern. Meines Wissens gab es diese Sorte extravaganter Garderobe früher nur in Läden, die einem beim Kauf eine neutrale Tüte als Verpackung angeboten haben. Jetzt sind die offenherzigen Fummel dem Anschein nach auf europäischem Niveau salonfähig. Der freie Blick auf die Seiten der Brüste (Fachjargon «Sideboobs») wurde bisher nur durch grosszügig geschnittene Armlöcher freigegeben. Heute tut dies die lange Abendrobe mit mittigem V-förmigem Sichtfenster. Das Plus an Stoff im Faltenwurf wurde beim Dekolleté eingespart. Doch wie beim kürzer geschnittenen Vorgänger gibt es auch beim neuen Ausschnitt keinen Millimeter mehr zu sehen. Wie das geschieht, übersteigt mein Verständnis von Textilphysik. Ich tippe auf doppelseitiges Klebeband und hoffe inständig, dass die weibliche Leidensfähigkeit für einen modischen Auftritt nicht so weit geht, dass der Stoff mit dem Bostitch angetackert wurde. Wiedemauchsei, mit so einem Kleid kann man das neue Bauchnabelpiercing nachhaltig zur Geltung bringen, bei besonders tiefen Ausschnitten sogar das frische Brazilian Waxing.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. Mai 2015

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