Mein Gebrüll

Angefangen hat es mit einer globalen Schwäche in der Printindustrie: Jedes buchstabentragende Papier, das ich in Händen hielt, war nur dünn bedruckt. Die Wörter waren alle schwächer und nur irgendwie grau statt schwarz auf weiss. War schwarze Druckfarbe zu teuer geworden? Anfangs half es noch, näher ans Licht zu gehen. Aber mit dem Blendeffekt meiner lichtstarken Nachttischlampe wurde Lesen immer anstrengender. Irgendwann habe ich mir, mehr zum Spass, eine Lesebrille angeschafft.
Es war eine Offenbarung. Diese Kontraste, dieser meisterhafte Druck! Satte Lettern, grobfaseriges Papier – der Spass am Lesen war wieder da. Bis ich die Linsenkrücke verlegt habe. Dabei ist es so wie mit vielen Dingen: Man merkt erst, wie wichtig es ist, wenn es nicht mehr da ist. Damit mir das nie wieder passiert, habe ich für alle Orte, an denen ich mich regelmässig aufhalte, eine Brille angeschafft. Weil das nicht ganz billig ist, bin ich auf Ramschläden ausgewichen. In den Ferien habe ich bei Ein-Dollar-Shops ganze Bestände aufgekauft. Im Moment habe ich so um die 70 Gebrülle. Weil ja nur die Ladenhüter in solchen Geschäften enden, sind die meistens eher unansehnlich aber nichtsdestotrotz durchsichtig und blickschärfend. Wenn sie also einem Typen mit hässlicher Brille begegnen – das bin wohl ich.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. Februar 2016

Moiré-Effekt

Im Moment überschlagen sich ja alle Medien zu den Performances von Künstlerinnen wie Milo Moiré oder Deborah De Robertis. Frauen, die für ihr Kunstschaffen keine lästigen Kleider benötigen. Vielleicht bin ich zu wenig kultiviert, aber ich kann im Treiben der Performerinnen keine Kunst erkennen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nie öffentlich versucht habe, nackt ein Farbei zu gebären oder meinen entblössten Schritt im Museum zu zeigen. Wiedemauchsei – In meiner kleinen Welt stelle ich die Damen in dieselbe mediengeile Ecke wie Reality-TV-Protagonisten und talentfreie Casting-Show-Kandidaten. Mit dem kleinen Unterschied, dass die beiden Exhibitionistinnen über einen deutlich höheren IQ verfügen. So schaffen sie es, durch gezielte Provokation ihren Fetisch als Kunst zu verkaufen und sind – auch dank gefälligem Wuchs – Liebkind der Weltpressefotografen. Ihr Erscheinen in den seriösen Medien legitimiert dem Feuilleton-Leser den Konsum der Aktbilder, was wiederum den Marktwert der Damen steigert. Ganz schön gewieft, gelle? Nichtsdestotrotz, oder gerade deshalb, halte ich die beiden nicht für Vorbilder sondern eher für Vorlagen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. Februar 2016

S’hät Schnee, Juhe!

Okay, dann halt eben Schnee. Als Stadtzürcher habe ich ihn nicht wirklich vermisst. Natürlich ist es wunderbar still, wenn Frau Holle, oder neudeutsch «Elsa», ihr Werk tut. Und ja, die Stadt sieht noch hübscher aus, wenn sie verzuckert ist. Aber statt den Ausnahmezustand zu geniessen, verfallen wir Zürcher sofort in diese urbane Salzhysterie. Da wird auf der Strasse jeder Schneeflocke mit einer Faust voll Salz zu Leibe gerückt, während die Trottoirs von den tiefbauamtlichen Salzstreuern oft vernachlässigt werden. Dafür kann ich nicht genug dankbar sein. Ich wollte schon immer auf dem Arbeitsweg die Biellmann-Pirouette üben. Bergab lege ich dann in unregelmässigen Abständen einen Halbspagat hin, bergauf sieht es mehr nach Velofahren aus. So bleibe ich auch im hohen Alter gelenkig. Die erste Schneeballschlacht habe ich schon hinter mir und den ersten Schneemann 2016 habe ich auch schon gebaut. Er steht mitten auf dem Trottoir. Zu Ehren des zuständigen Stadtrats habe ich ihn Filippo getauft.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. Januar 2016

Schall und Rauch

In meiner sonst eher ruhigen Wohngegend knallt es an Silvester gewaltig. Die Quartier-Warlords stellen jeweils wahlweise den Soundtrack der Landung in der Normandie, die Panzerschlacht von Kursk oder das Stahlgewitter von Stalingrad nach. Nicht so an diesem Jahreswechsel. Der Auftakt liess noch Schlimmstes vermuten: Böller, Leuchtspuren, Blitze, ohrenbetäubende Detonationen. Doch gegen 23 Uhr ebbte das Inferno ab. Erst dachte ich, das sei die Ruhe vor dem Sturm. Aber auch nach Mitternacht – nichts, was aus dem bürgerkriegsähnlichen Akustik-Teppich der Stadt herausstechen würde. Hat sich rumgesprochen, dass Explosivstoffe nicht von der Steuer absetzbar sind? Greift das Kyoto-Protokoll jetzt schon im Quartier? Oder leiden meine Nachbarn unter vorzeitigem Raketenabschuss? Vielleicht konnten sie ja in der pulvergeschwängerten Luft ganz einfach die Munition nicht mehr finden. Die Rauchschwaden vermischt mit dem Nebel liessen Zürich ein wenig aussehen wie Beijing an einem fast smogfreien Tag. Gute Vorzeichen für ein neues Jahr.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. Januar 2016

Wintertortour (+)

Als Stadtzürcher vermisse ich den Schnee kein Bisschen. Auch wenn eine Mehrheit sagt: «Es ist so wunderbar still, wenn Schnee fällt, und die Stadt sieht noch hübscher aus, wenn sie verzuckert ist.» Ich sage Papperlapapp! Die Leute vergessen, wie es am nächsten Morgen aussieht. Ein graues Geschlonze, das die Tristesse der kurzen Tage noch unterstreicht. Wenn ich aufs Tram gehe, muss ich über Pflotschmaden steigen wie der Storch im Salatbeet. Da sind mir globale Erwärmung und nahezu frühlingshafte Temperaturen lieber. Als Menschenfreund fände ich es aber trotzdem schön, wenn in höheren Lagen eine satte Schneedecke läge. Dort, wo nicht diese städtische Salz-Hysterie herrscht und jede Strasse sofort und dauerhaft vom Schnee befreit werden muss, wirkt er dekorativ. Aber ich wollte was ganz Anderes erzählen:

Am Sonntag war ich in Winterthur beim Comichändler meines Vertrauens. Falls Sie diese nette Nachbarstadt nicht kennen: Die Shoppingmeile heisst Marktgasse und ist reine Fussgängerzone. Da musste ich durch. An einem Weihnachtsverkaufssonntag. Es war die Hölle. Zilionen Menschen, die sich deutlich langsamer bewegen als diejenigen in der Zürcher Bahnhofstrasse. Flaniervolk, das nebeneinander gehend im Tempo eines Gletschers durch die Einkaufsstrasse driftet. Mobile biologische Strassensperren. Wenn man ein Ziel hat, zügig vorwärts kommen will und nicht jedes Schaufenster beaugäpfeln möchte, wird man wahnsinnig. Voll der Dichtestress. In Zürich kann man wenigstens aufs Tramtrassee ausweichen. Nicht so in Winti. Dort braucht man eine buddhistische Geduld, wenn man von A nach B will und die Marktgasse der kürzeste Weg ist. Dann traf mich die Erkenntnis: Dies ist ein Wink des Schicksals und liefert mir Material für einen Neujahrsvorsatz. Sollte ich mir also feierlich vornehmen, im neuen Jahr mehr Geduld zu haben? Hm? Nein. Aber ich werde beim nächsten Mal den Weg aussen rum wählen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 23. Dezember 2015

Apfäntzpulli

Neulich im Ausgang habe ich die erschreckende Feststellung gemacht, dass sich eine weitere angelsächsische Unsitte breit macht in Zürich: Der Weihnachts-Pullover. Diese potthässlichen grünen oder roten Pullis mit den unsäglichen Adventsmotiven. Da draufgepappt sind fliegende Schlitten, rauschebärtige Santas und rot benaste Rentiere in 3-D. Den übelsten fand ich den mit den zwei gruseligen Schneemännern, deren Köpfe auf Brusthöhe mit hervorstehenden Gummi-Rüeblinasen versehen waren. Haben diese Leute keine Freunde? Echte Freunde würden einen daran hindern, so unter die Menschen zu gehen. Die würden nicht mal zulassen, dass man die Anschaffung einer solchen Monstrosität erwägt. Wenn man die Dinger googelt, fragt Google zurück: «Meinten Sie ‹Ugly Christmas Sweaters›?» So ist das. Noch vor Jahren waren solche Pullis wie eine Geschlechtskrankheit: Man konnte sie bekommen, aber nicht kaufen. Das hat geändert. Jetzt sind die Läden voll davon. Die Dinger kauft man nur, um sie zu verschenken. Entweder einem Freund mit einem kranken Sinn für Humor oder dem ärgsten Feind. Und danke, ich brauche keinen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 9. Dezember 2015

Xmas & Co.

Lucy funkelt wieder, die Temperaturen sind am Gefrierpunkt, statt der Indios musiziert die Heilsarmee an der Haltestelle, Mandarinli und Zimtsterne füllen die Auslagen – es weihnachtet voll Hardcore. Dabei könnte man die Spätherbst-Tristesse viel cooler aufpeppen als durch Christkindli-Märkte mit genormten Hüttchen und Jingle Bells auf Endlosschlaufe: Von all den amerikanischen Bräuchen, die sich hier irgendwie fehl am Platz anfühlen (Halloween, Santa Claus, etc.) hätte man am besten das Erntedankfest (Thanksgiving) adaptieren sollen. Eine Fressorgie, bei der sich die ganze Familie an den Tisch setzt und dankbar ist, dass es einem so wahnsinnig gut geht. Keine Geschenke, nichts mitbringen, nur kochen und schlemmen. So würde der Weihnachts-Overkill erst nach dem vierten Donnerstag im November losgehen und nicht schon Mitte Oktober. Aber wir haben ja schon genug eigene Bräuche. Wenn Sie nächste Woche einem flamboyanten Typen in Frauenkleidern und Bart begegnen, dann ist das kein Hipster, sondern der Samichlaus.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 25. November 2015

Ausgebootet

Eigentlich sollte ich hier was Launiges über die beginnende Narrenzeit schreiben, weil 11.11. und so. Aber irgendwie habe ich seit dem Ende meiner Chäpselipistole- und Sheriffsternzeit den Anschluss verpasst. Ausserdem will ich hier was loswerden: Manchmal, ganz selten, wenn alles stimmt, habe ich das Gefühl, in einem verdammt coolen Film zu sein. Nein, es waren keine Drogen im Spiel.

Am vergangenen Rekordtemperaturen-Samstag waren die Messis bei einem lieben Freund aufs Boot eingeladen. Wir sind bei Rappi auf den See, haben eine schöne Bucht angesteuert, Fondue gegessen, Wein getrunken und vor epischer Kulisse und einem dramatischen Sonnenuntergang gute Gespräche geführt und viel gelacht. Und dann ist da der magische Moment, wo einem schlagartig bewusst wird, dass man ein verdammt gutes Leben hat und sich eine tiefe, wohlige Dankbarkeit breit macht. Das war mein Moment 2015. Statt auf Facebook habe ich ihn hier geteilt.
Und falls Sie immer noch enttäuscht sind, wegen dem mangelnden Fasnachtsbezug, schneiden Sie einfach die Kolumne aus, machen vier Längsstreifen und schneiden Sie diese in regelmässigen Abständen 26 Mal durch. Voilà Konfetti.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 11. November 2015

Blindgänger

Neulich waren wir als Familie in der Blinden Kuh. Richtig: Das völlig verdunkelte Restaurant, in dem man von Sehbehinderten bewirtet wird. Schon die Polonaise im Schlepptau unserer Serviererin durch die Dunkelheit zum Tisch war ein Abenteuer. Ich hatte mich eben hingesetzt, da höre ich meine Tochter gegenüber sagen: «Ah, Dad, du sitzt neben mir», gefolgt von einem Patsch-Patsch. Ja, sie hat im Dunkeln ihrem Sitznachbarn die Schulter getätschelt. Ich habe mich zurückgehalten um nicht laut loszuprusten, als in der Finsternis eine belustigte Männerstimme mit süddeutschem Akzent sagte, «ich glaube, dein Papa sitzt woanders». Im Lokal wird viel gelacht. Ich hätte gerne ein Nachtsichtgerät gehabt, um zu sehen, wie die Leute in ihren Tellern rumfingern, um etwas zu finden, was sie aufgabeln können. Ob es wohl Gäste gibt, die den Wein vom Nachbarstisch austrinken? Lustig war, als mir meine Frau Gemahlin von ihrem Essen zu probieren anbot: Als ich den Kopf drehte, hatte ich die Gabel und einen Saucenfleck neben meiner Nase. Hat niemanden gestört. Eigentlich will ich gar nicht wissen, wie oft und auf welche Arten im Schutze der Dunkelheit gegen Sitte und Anstand verstossen wird. Vielleicht ist das Nachtsichtgerät gar keine so gute Idee.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 28. Oktober 2015

Nomen est Omen

Ich bin mit einem Familiennamen aus Mesikon im Züri-Oberland gesegnet, der leider total nicht geläufig ist. Wie oft habe ich ihn schon buchstabiert. Als Telefone noch in schlechterer Qualität Sprache übermittelten, und man ein «f» kaum von einem «s» unterscheiden konnte, bekam ich oft Post an «Meffikommer», obwohl ich damals schon keine Zahnspange mehr hatte. Auch Postsendungen mit «Menzikofer», «Bütikofer» haben mich dank fantasiebegabter Pöstler erreicht. Nicht selten habe ich einen «Messingkoffer» im Briefkasten. Sie denken: «warum hat er bei der Heirat nicht den Namen der Frau angenommen?» Hab ich mir überlegt, aber ihr Ledigname ist noch einen Buchstaben länger. Die beiden Namen haben kaum auf dem Briefkastenschild Platz gehabt. Im Ausland ist es nicht einfacher. Im frankophonen Raum heisst es schnell einmal «Merci Connard», bei den Angelsachsen hat mein Name eine echt schweinische Bedeutung, auf die ich nicht näher eingehen möchte. Ich bewundere meine Verwandten in den USA, die den Namen 150 Jahre behalten haben. Immerhin ist das mit dem Buchstabieren einfacher geworden, seit ein argentinischer Fussballspieler die erste Hälfte meines Namens berühmt gemacht hat. «Mässi Messi.»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 14. Oktober 2015