Im freien Fall

Als Papa ist es ein Privileg, von der jugendlichen Tochter ans Züri-Fäscht mitgenommen zu werden. Wir hatten noch viel Zeit bis zum Feuerwerk und flanierten so über den Sechseläutenplatz als sie auf diesen superhohen Freefall-Turm zeigt und beiläufig fragt «machen wir den?» Aus einer Laune heraus sagte ich «Klar». Ein Fehler. Haben Sie schon mal gesehen, wie ein Öltanker von einem kleinen Schleppschiff durch einen Hafen gezerrt wird? So bin ich mir vorgekommen auf dem Weg zur Kasse. Erst da habe ich wieder den Vortritt bekommen. 30 Franken später standen wir in der Schlange und konnten zig Mal zuschauen, wie andere ihre Leben einer Rummelplatz-Attraktion anvertrauten. Unser Mut schwand, je näher wir unserem Höllenritt kamen. Dann wurden wir festgeschnallt und schon schraubte sich das Ding hoch. Noch nicht mal auf dem halben Weg schauten wir auf das Riesenrad herab und bald über die ganze Stadt. Als ich aus 80 Metern Höhe nach unten blickte, wurde mir so richtig bewusst, dass man keine Überlebenschance hätte, wenn … in dem Moment klinkte das Ding aus. Aaaaaaaalle schrien, die zwei Sekunden freier Fall dehnten sich ewig und dann bremste das Ding und setzte uns sanft an den Ausgangspunkt. Alle grinsten. Nicht weils so toll war, sondern weil alle froh waren, noch am Leben zu sein. Adrenalingeflutet und mit wackligen Beinen machten wir uns vom Acker. Nein, ich habe mir nicht in die Hose gemacht. Dafür hat ein Krampf gesorgt, der sich erst in sicherer Entfernung löste.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. Juli 2016

Fussballett

Das Spiel Schweiz – Frankreich hatte einen riesigen Unterhaltungswert. Angefangen beim frisch verlegte Rasen, der vor dem Spiel noch mit grüner Farbe schöngeschminkt wurde, damit er «e Gattig» macht. So wie alle gerutscht sind, muss es grüne Schmierseife gewesen sein. Dann waren da die zerrissenen Leibchen der Schweizer und der geplatzte Fussball. Man kann einfach froh sein, dass Puma und Adidas keine Kondome herstellen. Unsere Fussballer haben sich öfter umgezogen als die Chippendales am Polterabend. Und dann waren da noch die grossen Momente, zum Beispiel, als Embolo einen Franzosen tunneln wollte. Der Schuss ging zwar zwischen den Beine, aber nicht hindurch, sondern mitten in die Elektronik. Jeder Mann weiss, was der in dem Moment durchmachte. Anders als der deutsche Bundestrainer hat sich der Angeschossene nicht vor einem Millionenpublikum in die Hose gegriffen. Ein Vorbild an Körperbeherrschung. Der DFB-Coach ist da deutlich ungenierter und hat vor 100 Millionen Zuschauern seinen Mittelfeldspieler in Position gebracht und danach das Fingerspitzen-Bukett auf Lunge reingezogen. Dass er sich dafür entschuldigen wollte, fand ich unnötig. Der Löw wollte halt wissen, wie sein Jogi riecht. Punkt. Dass ihn die Spieler nach dem Abpfiff allerdings nicht high-fiven hat er sich selbst zuzuschreiben. Oder als Pogba im Kampf um den Ball Embolo auf den Rücken gestiegen ist, so voll die Dirty-Dancing-Nummer. Was für ein Abend. So viele neue Fetische.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 22. Juni 2016

Stolz aufs Openair

Ich war am Wochenende am Stolze Openair. Das Wetter war lausig, der Boden matschig, die Stimmung grossartig. Neben einem tollen Lineup bietet der Anlass – eigentlich ein verkapptes Quartierfest – immer wieder grosse Momente. Da ist zum Beispiel der Typ, der mit hochgereckten Armen im Rhythmus klatscht. Als er die Arme runternimmt fegt er mit dem Ellenbogen seiner Nachbarin die Pommes mit Ketchup weg. Als er sich umdreht, um sich zu entschuldigen streicht der Tollpatsch einem Teenager hinter ihm den Ketchup ins Gesicht, so dass der aussieht, als hätte er eine schlimme Kopfwunde. Slapstick pur. Oder etwas abseits die Frau, die sich um den Typen kümmert, der schon länger regungslos auf einer Festbank liegt. Sie ertastet eine Schlagader und ruft ihren Begleitern verzweifelt zu, sie sei sich nicht sicher ob sie den Puls oder den Basslauf spüre. Als sich der Weggetretene dann bewegt, erschrickt sie auch noch. Beste Unterhaltung. Aber eigentlich bin ich wegen der Musik gegangen. Die war spitzenmässig.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 8. Juni 2016

Stunden im Hotel

Ich bin gerade zurück aus den USA und habe auf dem kurzen Trip in drei verschiedenen Hotels residiert. Der Amerikaner schläft offenbar gerne fürstlich: Die Betten waren so gross, dass man denken muss, die stellen erst das Bett hin und bauen dann das Haus drumrum. Nur – wozu brauche ich neun Kissen? Legt man die auf den Boden, falls man trotz der üppigen Dimensionen der Liegestatt rausfallen könnte? Das Bad war ebenfalls first Class, aber als ich das Wasser aufgedreht habe, hat es in der Wand gerumpelt, als ob ein Brontosaurier im Keller wohnt. Die Dusche machte Geräusche, wie die untergehende Titanic. Viel Wasser kam aber bei keiner raus. Die einen tröpfeln so schwach, dass man glaubt, man werde das Shampoo nie wieder los, die andern sind so verkalkt, dass sie das Wasser in alle Richtungen streuen. Im letzten Hotel hat auch noch die Klimaanlage gesurrt wie ein startendes Kleinflugzeug. Aber sonst wars toll. Ich gehe gerne auf Reisen, komme aber auch gerne wieder nach Hause zu Kippfenstern, gemütlichen Betten und funktionierenden sanitären Anlagen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 25. Mai 2016

(Okay, nicht meine beste Kolumne. Ich war übernächtigt und unter Druck.)

A Roma

Zurück vom Familienbesuch in Rom. Die Stadt ist grossartig, anstrengend und immer wieder amüsant wegen seiner Bewohner. Was den Italiener und vor allem den Römer vom Rest der Welt unterscheidet, ist seine routinierte Aufgeregtheit. Allein schon der Umgang mit der Hupe als Kommunikationsmittel im Strassenverkehr: Während bei uns schon ein kurzes Hupen eine Kriegserklärung darstellt, wird auf Roms Strassen aus jedem möglichen Grund getutet. Weil man einen Freund gesehen hat, die Ampel auf Rot ist, weil einem ein Plakat gefällt oder auch um einen anderen Verkehrsteilnehmer zum Anfahren zu motivieren. In diesem Fall kommt noch die gebietende Geste dazu, die der Angehupte mit einer wegwischenden Handbewegung quittiert. Es gibt auch die grossen Gesten, wenn zum Beispiel die Dame im Biagiotti-Kleidchen neben der offenen Türe ihres Smarts steht und hupt, bis derjenige, der sie zugeparkt hat, vom Caffè kommt. Sie macht dann eine Was-soll-der-Blödsinn-Geste, er macht eine Hab-dich-nicht-so-Geste, beide steigen in ihre Autos und fahren weg. Nach 20 Metern ist der Vorfall abgehakt und vergessen. Basta. In Zürich wäre das anders abgelaufen: Die zugeparkte Person hätte die Karre abschleppen lassen und dem Anderen eine Anzeige wegen Nötigung reingedrückt. Beide wären noch Wochen nach dem Vorfall grantig beim Gedanken daran.Der Römer pflegt einen entspanntere Umgang mit Verkehrsregeln. Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Rom in Zürich. Auch die Gelateria mit den 62 verschiedenen Sorten vermisse ich. Ich wollte doch alle probieren … ausser Gorgonzola vielleicht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 11. Mai 2016

Läufige Freunde

Mein Facebook-Feed war voll mit sportlichen Menschen, die den Züri-Marathon gelaufen sind. Hey, ich habe höchsten Respekt vor der Leidensfähigkeit meiner Gspänlis. Aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie man einen Sport ausüben will, bei dem der erste, der’s versucht hat, danach auf der Stelle gestorben ist. Und Wettermässig war das ja eher ein Silvesterlauf. Mir käme es bei den heutigen Benzinpreisen definitiv nicht in den Sinn, so eine Strecke zu laufen. Ausserdem fühle ich mich auf der Strasse sicherer mit dem Auto. Beim Duell Michelin gegen Nike möchte ich jedenfalls nicht im Turnschuh stecken. Auch den Rest der Kleidung finde ich nicht immer gelungen. Man sagt ja: «Kinder, Betrunkene und Leggins sagen immer die Wahrheit.» Aber so offenherzig möchte ich nicht 42 Kilometer abstrampeln. Nur schon im Graupelschauer aufs Tram rennen finde ich eine Zumutung. Ausserdem bin ich Raucher. Bei meiner Lunge wäre die Strasse nach dem Lauf frisch geteert.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. April 2016

Legalize it!

Neulich im Tram habe ich auf einem Schüler-Rucksack – Mappen scheinen längst ausgestorben zu sein – einen dieser «Legalize It»-Kleber gesehen. Ich fand das erstaunlich. Immerhin ist es schon 40 Jahre her, seit uns Peter Tosh die Kiffer-Hymne beschert hat. Danach habe ich den Schulranzen abgesucht nach weiteren angejahrten Parolen wie «Atomkraft? Nein danke», «Petting statt Pershing» oder wenigstens «Jute statt Plastik», aber Fehlanzeige. Beim Träger des Rucksacks müsste man ja den Klischee-Kiffer vermuten, so mit Rastalocken und Augen wie ein Bernhardiner. Mitnichten. Eine adrette Zürcher Musterschülerin trug das Ding und war gerade damit beschäftigt, sich zu schneuzen. An der Rötung ihrer Augen war wohl eher der Pollenflug schuld als das verbotene Kraut. Eigentlich schräg: Sie macht sich für eine Pflanze stark, während andere Pflanzen ihr das Leben vermiesen. Gerade in ihrer Situation hätte sie einen originelleren Spruch wählen können. Wie wärs mit: «Lieber Gras rauchen als Heuschnupfen»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 13. April 2016

Lenz mich!

Endlich Frühling. In mir wächst der Drang, etwas für meine Figur zu tun. Aber nur schon beim Gedanken, auf der Finnenbahn einige Kilometer abzuspulen, regt sich ein anderes Frühlingsgefühl: Müdigkeit. Im Moment ist meine liebste Frischluft-Aktivität ins Haus zu gehen und gepflegt abzuhängen. Eine bessere Figur bekommt man auch von gesunder Ernährung. Nur ist das aufwändig und sogar gefährlich: Beim Apfelschnitzen kann man sich schnell mal in den Finger schneiden. Das passiert einem bei Schokolade nie. Warum kommt einem eigentlich erst nach dem sechsten Täfeli in den Sinn, dass man abnehmen will? Das einzige, was ich bisher gegen meine erotische Schwungmasse getan habe, ist mich selber anlügen. Das ist nun vorbei. Ich halte mich ab sofort an den grossen Philosophen William James Murray. Der hat mir mit seiner Erkenntnis die Augen geöffnet: «Schokolade wird aus Kakao gemacht, einer Pflanze. Technisch gesehen ist Schokolade also ein Salat.» Seit ich das weiss, macht die Diät Spass.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. März 2016

On peut rire

Bundespräsident Johann Schneider-Ammann hat sich mit seiner «Chers Malades»-Ansprache in unsere Herzen geredet. Vier Minuten hat er über das Lachen geredet mit der Miene eines Totengräbers. Wenn unsere Exekutive, wie böse Zungen behaupten, aus sieben Komikern bestünde, dann wäre er wohl Buster Keaton. Der hat auch nie das Gesicht verzogen. Wir sind aber im 21. Jahrhundert und so stellt sich eher die Frage, ob er das Opfer eines Botox-Unfalls ist. Wie er mit dem ungerührten Gesichtsausdruck eines nordkoreanischen Verkehrspolizisten über herzhaftes Lachen redet, ist eine Nummer, die jeden Stand-Up-Comedian in Rente schickt. War das wirklich er, oder nur eine Handpuppe, bei der der Unterkiefer das einzige bewegliche Teil ist? Das Video wird ja schon als potentes Schlafmittel gehandelt. Das totale Versagen seiner Medienberater hat unseren Landesvater zur internationalen Lachnummer gemacht. Oder war das Absicht? Immerhin ist der Mann jetzt weltbekannt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. März 2016

Gut gebrüllt

Okay ich bin also altersweitsichtig, oder wie man neu sagt: Übersichtig. Als ob ich wegen der Unschärfe in der Nähe mehr Übersicht hätte. Ich hab schon das mit Kurz- und Weitsichtig nie begriffen. Wieso sollte ich Weitsichtig sein, wenn ich unkurzsichtig bin? Lassen wir die Wortklaubereien. Ich lebe also mit Lesebrille. Wenn man neu von einer Fremdlinse abhängig ist, lernt man Verschiedenes, was nicht im Beipackzettel steht: Zum Beispiel, dass man der coolen Sonnenbrille Tschüss sagen kann, denn wer trägt schon zwei Brillen mit sich rum? Goodbye du sauteures Oliver-Peoples-Stück mit deinen Serengeti-Gläsern. Fang Staub neben den Ray Bans und den Skibrillen in der Schublade. Hallo Blindfisch, wenn du mit der Lesebrille auf der Nase die dampfende Tasse zum Mund führst. Wenn du dann das Milchglas mit einem Kleidungsstück aus Kunstfaser reinigen willst, bleiben Schlieren. Da lernt man Kleidung aus Naturfaser wieder schätzen. Bei Regen den Fahrplan lesen? Psychedelische Bilder. Oder dass man nicht mehr mit seitlich aufgestütztem Kopf lesen kann, weil man sich den Bügel in die Schläfen drückt? Nervt fast so, wie wenn jemand deine Brille aufsetzt und danach findet: «Wie kannst du damit bloss sehen?»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. März 2016