Herbstzeitlose Radioten

Es wird Herbst und schon sind wieder alle mies drauf. See- und Flussbäder sind verwaist, Cafés geben die Strasse frei und Drogisten füllen ihre Antidepressiva-Bestände auf. Tschüss Sonnenbrand, hallo Gefrierbrand. Dabei hat der Herbst durchaus gewinnende Seiten: Modische Verwerflichkeiten wie Sideboob-Tanktops verschwinden wieder unter Pullis und Jacken und Crocs, diese Eishockey-Goaliemasken für bare Füsse verschwinden wieder im Schrank, wo sie bitte verrotten mögen. Die Sprecherin eines Zürcher Erwachsenen-Rundfunksenders hat in formvollendeter Sprachschönheit die nasskalte Witterung zum «Kuschelwetter» erhoben. Genau so will ich das hören. A propos Radio: In einem früheren Leben war ich Ansager beim Hörfunk und just vergangene Woche fand ein Treffen der Ehemaligen statt. Solche Zusammenkünfte bieten nebst fröhlichem Erinnerungsauffrischen immer willkommene Gelegenheit, den Verwelkungsprozess vormaliger Kollegen zu konstatieren.
Ich war eingestellt auf wachsende Schmerbäuche, tiefe Sorgenfalten und peinliche Frisuren, die kahle Stellen schlecht kaschieren. Aber da war nichts dergleichen. Ich war höchst positiv (positivst?) überrascht. Alle haben sich hervorragend gehalten; einige sahen sogar frischer und besser aus, als zehn Jahre zuvor. Ein grossartiger Abend. Auch modische Verfehlungen hat sich niemand geleistet. Nicht mal Sideboobs oder Crocs.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 18. September 2013

Beschwingt

Zeit für ein Geständnis: Alle drei Jahre verfalle ich dem alpinen Dreikampf Schwingen, Hornussen und Steinstossen. Die Kerle, die da antreten sind sowas von weit weg vom Durchschnittsmenschen wie NBA-Basketballstars. Die Eidgenossen sind zwar nicht ganz so lang, dafür umso breiter. Da sind Ochsen unterwegs, die haben Unterarme wie ich Oberschenkel und an Stellen Muskeln, wo ich nicht mal Stellen habe. Dann dieses unprätentiöse auftreten: Zügiger Gang ins Sägemehl, Händeschütteln und los geht’s. Wäre dieser Sport amerikanisch, würde der Kämpfer von einem Dutzend leicht bekleideter, glänzend geölter Cheerleader auf einer Sänfte hereingetragen, während der Speaker eine beeindruckende Statistik runterleiern würde, noch bevor die Fanfaren verklungen sind. Der Anlass hiesse auch nicht «Eidgenössisch», sondern irgendwas mit «world». Die Outfits wären dann auch keine Hemden, wie man sie im Heimatwerk findet, sondern was Schrilles aus Polyvinyl-Chrom-Neon-Latex. Interessant wäre auch, wenn der TV-Kommentar nicht helvetisch-sachlich wäre, sondern vielleicht etwas emotionaler à la südamerikanischer Fussball-Moderator. Alternativ könnte der Schlussgang auch von Jorge Gonzalez oder Bruce Darnell kommentiert werden. Drama, Baby! Nur mit dem Titel wird’s schwierig. Der «King of Swing» gehört schon Benny Goodman und ich bin nicht sicher, ob jemand überhaupt der «Swinger-King» werden will.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 4. September 2013

50 … uff!

OK, fünfzig Mal bin ich schon auf dieser wunderbaren blauen Kugel um die Sonne geritten. Meine Zwischenbilanz: Es hat gerockt und rockt noch immer. Obwohl… meine Kollegen sehen mich als alten Knacker und wollen, dass ich mich noch älter fühle. Die Sticheleien gehen von «Du hast Kennedy, Schwarzweissfernsehen und Musikkassetten erlebt? Boah!» bis hin zu «In Deinem Alter solltest Du Dich aus dem aktiven Geschlechtsleben zurückziehen und zum Alkoholiker umschulen lassen.» Und dann die Erwartungshaltung: Runde Geburtstage wollen gross gefeiert sein. Ich sage: Bullshit! Wenn ich fünfzig Leute einlade, die eine Haupt- oder bedeutende Nebenrolle in meinem Leben gespielt haben und die Fete startet um 16 Uhr mit open End, kann man in meinem Alter sicher sein, dass der/die Letzte um Mitternacht auf dem Nachhauseweg ist. In diesen acht Stunden soll ich die Fete in Schwung halten und mit meinen Freunden feiern? Geht nicht. Im Schnitt hätte ich pro Nase gerade mal fünf bis acht Minuten Zeit. Nee. Nicht mit mir. Das ist unwürdig. Ich werde im kommenden Vierteljahr alle meine Liebsten einzeln einladen und jedes Mal eine richtig dufte Zeit haben. Geschenke? Nur Sachen, die keinen Staub fangen und im Idealfall konsumierbar sind, so Schokolade und nicht jugendfreie Getränke und so. Das Beste Geschenk bisher waren die zig Stunden Reinigungsfachperson, die mir vermacht wurden. Die blauen Pillen hebe ich mir für den übernächsten Runden auf.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 21. August 2013

(Hat sich im Nachhinein als ziemlich doofe Idee herausgestellt. Die lieben Freunde haben volle Agenden und der Einladungsmarathon hat bis kurz vor meinen 51. gedauert.)

Tanz für Freiheit

Am Samstag wird man wieder zu Fuss übers Zürcher Seebecken wandeln können, ohne in den Verdacht zu kommen, Religionsstifter zu sein. Boot an Boot wird vor der Quaibrücke dümpeln im House-Takt der Love Mobile. Die prognostizierte Million Leute lässt sich grob in vier Gruppen einteilen. Da sind zuerst die VI-Poser. Sie sitzen entspannt an exponierten Plätzen, auf Balkonen, Booten, Aufbauten etc., schlürfen elegante Drinks und lassen sich vom gewöhnlichen Fussvolk beneiden. Dieses wiederum teilt sich auf in Zaungäste, die nichts sehen, aber zu Beginn noch viel hören, Fasnächtler, die sich zu wirklich jedem Anlass verkleiden, Exhibitionisten, die sich zu wirklich jedem Anlass entkleiden und natürlich den Lustmolchen, Spannern und Voyeuren, die am Samstag ihren höchsten Feiertag begehen. Im Zentrum steht das Partyvolk auf den Love Mobilen, DJs, Tanzende und C-Promis. In ihrem Sog findet sich die vierte Gruppe, die hinter den Monstersound-Mobilen her trottet, längst taub von 40‘000 Watt Schallgewalt. Die Körperhaltung meist gebeugt, wie bei vorzeitlichen Mammutjägern. Hinzu kommen der dumpfe Gesichtsausdruck und die schlaffe Haltung, die das Bild des homo streetparadus abrunden. Ob da Drogen im Spiel sind? Gegenfrage: Wird an der Tour de France gedopt? So ist die Street Parade für Jugendliche eine Vorbereitung auf das künftige Leben: Musik hören, Drogen nehmen und auf der Strasse stehen!

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 7. August 2013

Happy Camper

Wenn das Gespräch auf Camping kommt, verstumme ich. Ja, ich bin ein gebranntes Kind. Meine besten Camping-Erinnerungen gehen auf die Pfadizeit zurück. Danach war alles irgendwie uncool. Die Geschichte von meiner Lungenentzündung im gefluteten Zelt im Tessin bietet mir immer wieder einen eleganten Ausstieg aus der Diskussion, wenn ich das Gespräch auf das bisweilen garstige Wetter im Südkanton lenken kann. Wenn nicht, muss ich all die Geschichten von Schnarchern, Frühaufstehern, Paarungsfreudigen, Betrunkenen etc. auftischen. Zum Beispiel die von den Kerlen mit den primitiven Hackfressen, die nachts um halb drei vor meinem Zelt bei einem Töff den Vergaser einstellen mussten. Der Auspuff war natürlich auf mein Zelt gerichtet. Überhaupt: Dieses ständige Suchen nach Sachen, die im Rucksack, zwischen Innen- und Aussenzelt oder unter dem Schlafsack versteckt sind. Siffige Sanitär-Anlagen, Schlange stehen zum Duschen, Wurzeln unter dem Zeltboden und dann die ganzen Sachen, die man nicht dabei hat. Nein. Ich glaube an Komfort. Marmor, Polster, Quadrophonie? Her damit. Frühstück aufs Zimmer? Ja doch. Balkon mit Meersicht? Aber immer. Es gibt keinen Luxus, den ich nicht in Kauf zu nehmen bereit bin. Nur für meine Töchter tut es mir leid, weil sie viel zu selten die Freuden eines aktiven Outdoor-Lifestyles erleben durften. Wenigstens mussten sie nie zuschauen, wie Papa das Lagerfeuer auspinkelt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 24. Juli 2013

Tsüri Fäscht isch s‘Bescht

Drei Tage feierte Zürich sich selber und es war eine Wucht. Gut, ein paar Abstriche muss ich im Nachhinein machen. Da wäre mal das kotzende Kind auf dem Kettenkarussell, das Halbverdautes in einem kreisförmigen Schwall über die dichtgedrängten Festbesucher erbrach. Ein anderer Tiefflieger spie Fallschirmspringer aus. Die versuchten auf dem Ponton vor der Quaibrücke zu landen. Der tosende Applaus, wenn ein Springer im See landete, war unfair. Die Brücke war das Epizentrum des Festes. Schon früh herrschte dort ziemliches Gedränge. Ich schätze ja intime Kontakte, aber schwitzende Männer, die sich an mich drängen, gehören definitiv nicht zu den Highlights des Festes. Aber sonst war’s toll. Vom anderen Brückengeländer sah man so viel Schwimmzeug in der Limmat, dass man den Fluss trockenen Fusses hätte überqueren können. Das Beste waren aber die Feuerwerke mit den lustigen Diskussionen, was das ganze kostet, welchen afrikanischen Zwergstaat man mit dem Geld sanieren könnte oder wie lange man dafür hätte Ferien machen können. Ging mir am Ellenbogen vorbei. Mir hat’s gefallen. Der Heimweg durch das Oberdorf war dann eine olfaktorische und sportliche Herausforderung: Urin und Erbrochenes, wie auch Scherben und Dreck machten die Gasse zu einem gigantischen Hindernisparcours. Nicht gerade eine Attraktion aber hey – wer eine Party für zwei Millionen Leute schmeisst, nimmt Kollateralschäden in Kauf.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 10. Juli 2013

Jubel, Trubel, Discokugel

Nach `zig Jahren war ich neulich wieder mal in einem Club. Ich war eingeladen, so mit «Du bist auf der Gästeliste» und so. Ich also kurz nach Mitternacht da, der Türsteher schnallte meinen Ich-bin-zu-alt-für-diesen-Blödsinn-Gesichtsausdruck und liess mich ohne Widerstand rein. Die zierliche Tusnelda an der Kasse bestand darauf, mir einen Stempel von der Grösse zu verpassen, wie sie Fleischbeschauer auf Rinderhälften zu hämmern pflegen. Das Lokal, ein finsteres Kellergewölbe, von der Grösse einer Zweizimmerwohnung war voll retro: Spiegelkugel, Lichtorgel, Strobo, Farben, Musik – alles 80er. Das Volk? Entweder fotografierten sie sich gegenseitig oder sie waren genauso mit sich selber beschäftigt wie wir damals. Einige musterten mich mit einem «brennt’s-im-Altersheim?»-Blick. Etwas war aber anders: Der Mief. Früher hat Zigarettenrauch gnädig die olfaktorischen Absonderungen der Besucher überdeckt. Heute wird der Dunst aus Schweiss und billigem Alkohol mit einem Industriell gefertigten Geruchstöter zugedeckt. Etwa so stelle ich mir den Odor in einem von Bukowski beschriebenen Bordell vor. Gegen ein Uhr triefte das Kondensat von Wänden und Decken. Eine Tropfsteinhöhle des Grauens. Ich verstehe jetzt, warum meine Mitinsassen sinnes- und wahrnehmungverändernde Drogen eingeworfen haben. Nicht mal der hohe Frauenanteil bringt einen nüchternen Mann in ein Lokal, wo alles eng, überteuert und das Mobiliar anwidernd ist. Das nächste Mal wieder in 20 Jahren oder so.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 26. Juni 2013

Big Brother und die Nati

Die ganze Welt empört sich, dass der US-Geheimdienst jede Google-Anfrage, jede Suche im App-Store und jeden Eintrag auf Facebook mitliest. Mich amüsiert der Gedanke, dass irgendwo in einem Bunker im amerikanischen Hinterland ein pickliger Nachwuchs-Agent für seinen Broterwerb Millionen von Katzenbildern anschauen muss. Immerhin lesen die meine Einträge, was man von den eigenen Facebook-Freunden nicht erwarten darf. Am vergangenen Wochenende ist unser Jung-Geheimdienstler beim Durchforsten der Internetze neben Miss Schweiz, Hunziker-Verlobung, Gay Pride und Hooligan-Konkordat sicher auch auf den grenzenlosen Jubel gestossen, den unsere Fussball-Nationalmannschaft mit dem Sieg gegen Angstgegner Zypern ausgelöst hat. Unsere Nati hat sich wuchtig zurückgemeldet mit einem atemberaubenden, traumtänzerischen, nie gefährdeten Sieg über die Fussballmacht aus dem Mittelmeer. Ricola gegen Halloumi: Es gab unglaublich viele Chancen, diese drittklassige Mannschaft zu schlagen, aber Zypern hat es nicht geschafft. Traumtor in der letzten Minute. In so einem Moment bedaure ich, dass statt des gesperrten Hitzfeld nicht Trapattoni die Nati trainiert: «Was erlaube Inler?» Als Fernbedienungs-Taktiker bin ich natürlich auch für die Volkswahl der Fussball-Nati. Aber wenn das so weiter geht, versauen sich Gökhan & Co noch die Chance, Ferien zu machen, wenn andere zur WM müssen. Ich habe fertig.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 12. Juni 2013

Deo mit Frostschutz?

Dauerregen, Nachtfrost, Schnee bis in die Niederungen. Haben sich Petrus, Frau Holle und Thomas Bucheli gegen uns verschworen? Was soll das? Wenn ich in der Nacht das Fenster offen lasse, muss ich am Morgen die Pinguine aus der Wohnung verscheuchen. Das ist doch nicht normal, dass man Ende Mai nach einem Spaziergang den Hund auftauen muss. Okay, wir hatten eben mal zwei nette Tage, aber nach den letzten Monaten halte ich das nur für eine meteorologische Gemeinheit, um uns daran zu erinnern, wie die Sonne aussieht. Wenn das alles ist, was wir von der globalen Erwärmung abkriegen, dann müssen wir noch viel mehr CO2 produzieren. Das ist kein Frühling, das ist bestenfalls ein milder Winter. Ich wundere mich immer wieder, dass nirgendwo Weihnachtsdekoration hängt. In meinem Quartierladen stapeln sich korbweise Melonen und daneben, wohl nicht zufällig, appetitlicher Rohschinken, aber kein Mensch kauft das Zeug. Warum nicht? Weil wir alle noch im Fonduemodus sind. Passender wären Marroni und Mandarinli. Nur in den Boutiquen ist der Frühling eingezogen. Capri-Hosen, Tank Tops, Luftige Sommerfähnchen… mal ehrlich: Wer zieht heute sowas an? Das sieht doch Scheisse aus mit Thermo-Unterwäsche. Dabei müssten Sie jetzt vom Kalender her das Tagblatt in der Badi lesen. Gehen Sie nicht hin. Das Eis trägt noch nicht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 29. Mai 2013

Wonnemonat? Meine Fresse!

Rückblickend habe ich nur gerade mal drei oder vier richtig coole Hochzeiten erlebt. Die anderen? Pflichtübungen, die man aus Freundschaft erträgt: Es beginnt gewöhnlich mit einem Apéro zu einer Zeit, zu der ich noch gerne in den Federn liegen würde. Immerhin macht der Alkohol die Sache erträglich. Dann vorbei am Spalier vom Turnverein (FC, Yoga-Gruppe) zur Kirche. Die Zeremonie zieht sich, weil der Pfarrer endlich mal Full House hat und das weidlich ausnutzt. Danach: Auffrischung des Alkoholpegels und Würdigung des Brautkleids, des Eherings und des gut kaschierten Babybäuchleins. Jetzt der Höllenritt: Die zweistündige Carfahrt mit dem militant lustigen Chauffeur, gefolgt vom Fotomarathon auf irgendeinem Berggipfel, um völlig durchfroren und schwer alkoholisiert zum mörderischen Finale auf der originellen Burg aus dem 12. Jahrhundert einzutreffen, wo man gemäss Tischordnung für die nächsten Stunden zwischen die grössten Langweiler platziert wurde. Das ganze ohne Fluchtmöglichkeit, weil man bis zur nächsten ÖV-Haltestelle drei Kilometer schwimmen oder einen Gewaltmarsch über einen verschneiten Pass unter die Füsse nehmen müsste. Also erträgt man dilettantische Kleinkunstbeiträge und schiesst sich weg, bis man sich anderntags wiederfindet beim Aufsammeln von Luftschlangen und Alkoholleichen. Ich bin eingeladen? Sorry, hab schon was vor.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 15. Mai 2013