So tschillig

Morgen beginnt Sotschi 2014. Putin hat ja schon im Vorfeld der Winterspiele für gute Laune gesorgt und alle inhaftierten Oligarchen in ihre schweizerische Heimat geschickt. Auch Pussy Riot dürfen wieder öffentlich lästern. Nur eines hat Wladimir Wladimirowitsch vergessen: Das Gesetz «gegen die Propaganda von Homosexualität» zu lockern. Dabei trägt ausgerechnet das russische Olympia-Team Outfits in Regenbogenfarben. Im selben Zusammenhang interessiert die erotischste Sportart überhaupt: Doppelsitzer Rodeln, Männer. Da liegen zwei Kerle in hautengen Anzügen aufeinander und donnern auf einem Schlitten den Eiskanal hinunter. Beide tragen Helme mit Gesichtsmaske. Ein Bild, das sich dem Aussenstehenden präsentiert wie die kleinste Lack-und-Latex-Fetisch-Parade der Welt. Man kann auch als Laie wahlweise die Stimmung im Team oder die Temperatur am Vordermann ablesen. Werden die alle im Ziel verhaftet? Was machen Putins Sittenwächter in den Nordischen Disziplinen, wo dutzende von Bi-Athleten unterwegs sind? Wird der Eiskunstlauf-Wettbewerb der Männer überhaupt stattfinden? Fragen über Fragen. Hatte Max Frisch einen Putin vor Augen, als er sein visionäres Prosawerk «Homo Phober» schrieb? Abgesehen davon sind die wahren Highlights die Auftritte der Zweierbob-Supermacht Jamaica und der von Slalom-Geigerin Vanessa Mae. Dabei sein ist alles.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 5. Februar 2014

Todesdrohungen

Neulich war ich wieder am Geldautomaten und wurde von meiner Bank mit Gebühren belastet, weil ich Kohle aus einem Konkurrenzgerät gezogen habe. Was soll das? Muss ich Lösegeld zahlen um mein eigenes Geld freizukaufen? Ist doch frech sowas! Einen kleinen Teil der Barschaft habe ich am Kiosk ausgegeben, und dort schon der nächste Aufreger: Die verunstalteten Zigi-Päckli. Warum werden nur Raucher mit Todesanzeigen und hässlichen Bildern auf der Verpackung bestraft und nicht Trinker und Raser? Wie schick sähe das aus, wenn Jede Alk-Flasche zu drei Fünfteln mit Todesdrohungen und abschreckenden Bildern vollgepflastert wäre? Oder jedes Auto, inklusive die sauteuren SUVs, auch gerne Züriberg-Traktor genannt, mit einem Grossbild von einem Horrorunfall auf der Motorhaube und auf den Türen mit einer grossflächige Warnung daherkämen wie: «Autofahren kann Sie und Andere das Leben kosten»? Gibt’s nicht. Aber auf den Rauchern wird rumgehackt. Zigis werden teurer, während Benzinpreise stagnieren und die Alkoholpreise sinken. Warum die Raucher? Haben Sie schon mal gehört, dass einer im Nikotinrausch seine Ehefrau spitalreif geprügelt hat? Eben. Wenn schon gutgemeinte Warnhinweise, dann bitte überall. Aber was verlange ich von Politikern, wenn Entscheide von viel grösserer Tragweite anstehen, und die öffentliche Diskussion sich um so wichtige Dinge wie Apfelbäume auf Plakaten dreht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 22. Januar 2014

Silvesterball … erei

Ich habe mich im neuen Jahr schon mit einem Kinobesuch verwöhnt. Der Film war toll, aber den tiefsten Eindruck hat eine Werbung im Vorspann hinterlassen: Das Filmchen warb für eine bekannte Zürcher Apotheke: «Dreyhunderfümfesächzig Dääg im Johr offe». Ich habe mich ja schon an Berner und Bündner Radioten im Morgenprogramm gewöhnt, auch mit Walliser Sportmoderatoren kann ich umgehen, aber ein Basler, der für eine Zürcher Institution wirbt? Geht gar nicht! Apropos Basler: Roger Federer wird wieder Papa. Ich habe mich gefreut, wie wohltuend sich die Berichterstattung über seinen Nachwuchs von Anderen seines Berufsstands unterscheidet: Bei Federers ein Bild vom glücklichen Paar mit den schnuffigen Zwillingen, bei Boris Becker lediglich Fotos von einer Besenkammer. Zurück zum richtigen Leben: Ich war über den Jahreswechsel krank. Kein Fieber, aber ich fühlte mich, als sei ich gut verprügelt und durch den Schredder gedreht worden. Jedes Scharnier hat geschmerzt, auch der Kopf tat weh. Die Knallerei draussen hat da nicht wirklich geholfen. Wann hat denn eigentlich die Seuche angefangen?!?? Seit dem Millenium wähnt man sich an Silvester in einem Kriegsgebiet. Die Warlords in meinem Quartier müssen sich die Butter vom Brot gespart haben, um so hochzurüsten. Ich mag ja jedem ein bisschen Ballerei gönnen, aber muss man unbedingt Stalingrad nachspielen? Es wird jedes Jahr irrer. Was kommt 2015? Marschflugkörper?!??

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 8. Januar 2014

Eilig Abend

Das Rennen ist gelaufen. Die Geschenke sind verpackt, heute Abend wird besinnlich gefeiert. So besinnlich es eben geht, wenn die Schwiegereltern da, die Küche ein Chaos und die Kinder überdreht sind. Im Idealfall brennen am Abend nur die Kerzen und nicht der Baum, verstaubte Instrumente werden hervorgeholt und nur die Kinder und Oma kennen die zweite und dritte Strophe von «Stille Nacht». Nach der Geschenkorgie wird dann getafelt. Die ältere Generation kredenzt ein Traditionsmenu, das über Jahrzehnte zur Perfektion getrieben worden ist, und zum Dessert gibt es Weihnachtsguezli, die aber nicht halb so gut schmecken, wie die, die man am Vortag stibizt hat. Und weil’s so schön war, machen wir das morgen nochmals mit dem anderen Teil der Familie. Der Stephanstag ist reserviert für die Nachfeier mit Freunden. Der Höhepunkt ist die Verlosung der schlimmsten Geschenke, von denen jeder eines mitbringen muss. Mein Beitrag wird ein kotzgrünes Handy-Sofa sein, das mir von einer glückwünschenden Firma per Post zugestellt wurde. Wenigstens musste ich keine Freude über das Geschenk heucheln. Nach drei Tagen feiern ist die Leber in Bestform. Jetzt gilt es nur noch Silvester ohne Brummschädel zu überstehen. Die Empfehlung eines begnadeten Trinkers aus meiner Nachbarschaft gegen den Kater lautet: Nie nüchtern werden. In diesem Sinne – frohe Festtage!

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 24. Dezember 2013

Why Nacht S N

Jetzt ist wieder Hochsaison für Weihnachtsessen, dem grössten Quell von innerbetrieblichen Peinlichkeiten. Schon am Nachmittag dröhnen die Föhne aus der Damentoilette und jeder Spiegel ist besetzt. Da wird mit dem Lammfellroller Make-Up aufgetragen, Frisuren werden aufgetürmt und Farbtöpfe geleert. Die Geruchsemissionen ähneln einem drittklassigen Bordell. Die Männer reduzieren das Vorspiel auf Frisur richten und Rasierwasser nachschütten, schliesslich hat man sich schon am Morgen anständig angezogen. Der «geheime Ort» an dem die Fete steigt, entpuppt sich entweder als Waldhütte, Trendlokal oder Zunftstube. Beim Apéro werden Kleider und Auftritte kommentiert, als ob man die Leute zum ersten Mal sähe. Nach dem Run an die Tische – niemand will beim Kader sitzen – hat jeder das Gefühl, am anderen Tisch wäre es noch lustiger. Der Catering-Service ist verstärkt mit überforderten Wiedereinsteigern, die den einen alle 30 Sekunden nachschenken wollen, während andere verdursten. Spätestens nach Dessert und Digestif tut der Alkohol seine Wirkung: Irgendeine niedrige Charge traut sich endlich mal der Chefetage die Meinung zu sagen. Yes! Man wird noch Monate von dieser Szene reden. Dann wird die Musik lauter und die Tänzer dürfen sich profilieren. Stunden später folgt das grosse Abschleppen. Wer mit wem verschwunden ist, wird die Gerüchteküche bis in den Februar nähren. Ich freu mich jetzt schon.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 11. Dezember 2013

Tag des Männerklos

Letzte Woche, ich glaube, es war Dienstag, verkündete mein Autoradio (das für Erwachsene), dass der 19. November der internationale Tag des Mannes sei. Dagegen behauptete eine Gratiszeitung forsch, es sei der Welt-Toilettentag. Eigentlich gebe ich einen feuchten Keks auf solcherlei Mumpitz, trotzdem forschte ich nach: Die unfehlbare Web-Enzyklopädie bestätigte beide Aktionstage für das selbe Datum. Kann das Zufall sein? Der Bewusstseinstag für Kerle und Klos wird am selben Tag begangen? Freunde, Nachbarn und Verwandte, die ich mit der Koinzidenz konfrontierte, verwiesen alle ohne Ausnahme auf das diskriminierende und recht dumpfbackige Volksmund-Zitat von wegen Männer seien halt wie Toiletten: entweder besetzt, oder … Sie wissen schon. Meine Tochter ging noch weiter und erklärte den Tag zum Scheisskerltag. Wettermässig war dieser an Tristesse ohnehin kaum zu überbieten. Kalt und klamm mit Hochnebel und danach Regen; er musste noch was Gutes bringen. So verwöhnte ich mich männertag-mässig mit einem Herrenabend im Kreis 4. Nein, nicht im «Chilli‘s», sondern am oberen Ende der Anstandsliste, im «Le Chef». Ich will an dieser Stelle keine Werbung für ein Spitzenlokal machen; meine Lobhudeleien finden Sie auf Tripadvisor. Jedenfalls war sogar der kurze Toilettenbesuch eine Offenbarung. Das Örtchen ist heimeliger und sauberer als manches Lokal in der näheren Umgebung. Aber vielleicht war das nur, weil ja grad Tag des Männerklos war.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. November 2013

Ein Kaffeekränzchen niederlegen

Neulich habe ich auf Storyfilter gelesen, dass Kaffee trinken um die Essenszeiten wirkungslos sei, weil der Cortisol-Spiegel um diese Zeit ohnehin schon hoch ist. Wissenschaftler! Die können sich wohl nicht vorstellen, dass man Kaffee trinkt, weil er einfach schmeckt und tun so, als sei es eine reine Droge. Kaffee ist viel mehr als das. Nur schon die Erinnerungen, die man damit verbindet. Die weisse Hose, die vom Po bis zur Ferse mit dem braunen Gebräu besudelt war, weil jemand hinter mir mit einem vollen Becher gestolpert ist. Das Resultat sah aus, als hätte ich ein ernstes Verdauungsproblem. Und weh hat’s auch getan. Ähnlich unangenehm: als ich an einem Neujahrsmorgen, müde und ziemlich verstrahlt, einen Zuckerstreuer erwischte, der mit Salz aufgefüllt war. Falls das Absicht war, plädiere ich für ein Standgericht. Oder all die lustigen Sachen, die man mit Kaffee machen kann. Kleider färben, Bilder malen oder daraus lesen. Da hat doch eine Peruanische Wahrsagerin im Kaffeesatz gelesen, dass die Schweiz Fussballweltmeister wird. Ich will gar nicht wissen, welche Marke das war. Blöd ist auch, wenn jemand im falschen Moment einen Witz macht und mir der Kaffee aus der Nase schiesst. Der Geschmack hält sich recht lange in der Nasenhöhle. Übrigens: Meine Frau sagt, wenn sie Kaffee trinke, könne sie nachts nicht schlafen. Bei mir ist es genau umgekehrt: Wenn ich schlafe, kann ich keinen Kaffee trinken.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 13. November 2013

Apple und ein Ei

Am Samstag bin ich an der Warteschlange vor dem Apple Store vorbeigekommen. Diese Firma schafft es tatsächlich schon wieder, dass mir mein Handy, das bisher immer treu und supi seinen Dienst geleistet hat, vom einen Tag auf den anderen überholt, wertlos und zwei Generationen veraltet vorkommt. Ich spürte einen schalen Groll in mir aufsteigen. Wenn ich so richtig in der Kohle schwimmen würde, ich hätte hundert junge Leute fürstlich dafür bezahlt, dass sie die vordersten wären, die am Erstverkaufstag in der Schlange stünden. Einzige Bedingung: Sie dürfen keines der neuen Geräte kaufen. Nur so Chichi wie eine Hülle für ein altes Modell, Kopfhörer, Kabel, so Zeug halt. Wenn dann um acht der Laden aufgeht und all die Reporter mit Kameras, Flut- und Blitzlicht auf den ersten Irren warten, der die Nacht vor dem Laden campiert hat, um ein neues Gerät zu erstehen, vergeht eine Stunde oder mehr, in der nur Studis mit normalen Einkäufen den Laden verlassen. Dann denkt der Journi vielleicht auch mal, dass er mit seiner Zeit Besseres anfangen könnte, als eine überbewertete Firma promoten. Wieso kommt die Präsentation neuer Handys in den Hauptnachrichten? Muss denn Jeder wissen, dass das neue Gerät einen Viertelmillimeter flacher geworden ist? Die, die das wirklich interessiert, hätten es sowieso erfahren. Das ist doch Treppenhausgeschwätz. Was ist das Nächste? Breaking News, wenn Barbie ein neues Hütchen hat?

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. Oktober 2013

Grabenkrieg

Man kann kaum zwei Tramstationen fahren, ohne an einer Baustelle vorbei zu kommen. Eigentlich sollte man einen Tourismus-Slogan daraus machen: «Zürich, die ewige Baustelle am Üetliberg». Zu den Zutaten hiesiger Baustellen gehören neben Containerbaracken, Personal und Werkzeug auch ein lustiger Sprach-Mischmasch: «Musse betoniere wenn isse stelle die Blu vo die Himmel». An der Abschrankung stehen rüstige Rentner und lamentieren, dass es früher keine Baby-Bagger gegeben habe, welche die Schaufel- und Pickelarbeit erledigten. Noch mehr hat sich seit Opas Zeiten verändert: Baustellen sind nachts abgeschlossen. Jungmieter müssen heutzutage die Bretter und Ziegelsteine für das improvisierte Gestell im Baumarkt kaufen. (Wenigstens sind die Einkaufswägeli, die als Hausbar dienen, immer noch recht günstig zu bekommen.) Ein echtes Phänomen ist, dass Presslufthämmer offenbar nur ganz, ganz früh am Morgen eingesetzt werden können. Sozusagen Drecksarbeit für aufgeweckte Menschen. Moderne Baustellen protzen auch mit Information. Werfen wir einen Blick auf die Schilder: «Wir gehen für Sie in den Untergrund» oder «Lange Leitung? Wir kümmern uns drum.» Danke. Nach der Stadtgrenze hört es nicht auf: Zwei Jahre Bauzeit für einen Kilometer Autobahn? Ich finde, die hätten mehr als nur einen Arbeiter anstellen sollen. Das Tempolimit ist sicher nur da, damit der Kerl nicht geweckt wird.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. Oktober 2013

Festliche Filme

Film-Festival in Zürich und jeden Tag zwei Dutzend neuer Filme. Soll ich mir den usbekischen Experimentalfilm geben, oder ein opulentes Hollywood-Drama? Schwierige Entscheidung. Aber eigentlich verstösst so ein Festival ja gegen mein Prinzip, nie in der Premierenwoche ins Kino zu gehen. Publikumsmässig ist das der reine Horror. Wichtigtuer, die den ganzen Film kommentieren, Dumpfbacken, die sich den Film von ihrer Begleitung Szene für Szene erklären lassen, Junkfood-Adipöten, die in der ersten Filmhälfte eine Einkaufstüte mit Burger und Fritten leerfressen, um in der Pause Nachschub zu holen. Und alle, alle scharen sich um mich. Quasselstrippen, Denkzwerge und Mampftüten mit Raschelzeugs und Mundgeruch. Da ist das ganze Kino-Erlebnis futsch. Ich hätte mehr davon, zuhause in der Waschküche zwei Stunden vor einem farbigen Sutt zu sitzen. Und dann der ewige Kleinkrieg um die Armlehne. Oder das beklemmende Gefühl, wenn man neben einer ängstlichen Frau sitzt, die jedes Mal, wenn ich mich bewege, ihre Handtasche fester hält. Wir beide wissen, sie hat ihren Pfefferspray zwei Stunden lang im Dunkeln auf mich gerichtet und ist bereit, beim kleinsten Mucks abzudrücken. Und wenn die ganze Schikanier-Schwadron mal nicht kommt, setzt sich unmittelbar nach der Werbung eine ganze Basketball-Mannschaft in die Reihe vor mir. Trotzdem: Kino macht keinen Spass, wenn man nur darüber schreibt. Drum geh ich hin.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. Oktober 2013