WM-Kinder-Auflauf

Morgen geht’s los. Anpfiff um 22 Uhr, danach einen Monat lang Fussball total. Ich bin noch überhaupt nicht eingestimmt, habe kein Panini-Album vollgeklebt und noch nicht mal meinen Platz in der Penalty-Bar reserviert. Dabei hatten wir, wenn man den Medien glauben darf, noch nie so eine erfolgversprechende Mannschaft. Früher war ja bei WM-Auftritten grundsätzlich Fremdschämen angesagt. Wenn die Spieler mit den Kindern an der Hand ins Stadion eingelaufen sind, dachte ich instinktiv: Lasst die kleinen spielen, damit’s nicht so peinlich wird. Übrigens: Die offizielle Bezeichnung für die Dreikäsehochs war bis vor kurzem noch «Auflaufkinder», was irgendwie unglücklich an ein kannibalisches Ofengericht erinnert. Der neue Ausdruck lautet jetzt nicht minder unselig «Einlaufkind». Dabei denkt man doch an einen kleinen Helfer bei einer Darmspülung und nicht an eine Spieler-Eskorte. Egal. Elf Freunde müsst ihr sein, der Ball ist rund und muss ins Eckige. Das Maskottchen der WM heisst «Fuleco» und stellt das brasilianische Dreibindengürteltier mit gelbem Fell und blauem Panzer dar. Kann man ohne Konsum harter Drogen auf so eine Idee verfallen? Es ist zumindest eine eigenwillige Wahl, die laut Veranstalter das Bewusstsein um die aussterbende Art schärfen soll. Den Tieren nützt das etwa so viel wie ein Facebook-Like. Genug geplaudert, muss jetzt meinen Platz sichern.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 11. Juni 2014

Lustfeind Nummer eins

Neulich war ich an einem Rockabilly-Konzert in der Frauenbadi: Lauschiger Abend, tolles Publikum, gepflegtes Bier, Maikäfer, die Limmat, Sonnenuntergang – der Abend hätte perfekt sein können, wäre nicht der Geschäftsführer eine halbe Stunde nach Beginn vor die Band getreten und hätte verkündet, dass eine Lärmklage eingetrudelt sei. Die Band dürfe nur noch ganz leise spielen. Ich war nicht der einzige, der gelacht hat. Die Band hat schon vor dem Intermezzo so leise gespielt, dass man sich vor der Bühne locker unterhalten konnte. Die Identität des Anwohners wurde nicht preisgegeben, damit dieser nicht geteert und gefedert werde., nur so viel: Er sei rechts der Limmat zuhause.

Anwohner – die elfte Plage! Übler als Ungeziefer, Seuchen und Finsternis. Anwohner sind grundsätzlich lustfeindlich, engstirnig und verbiestert. Ich stelle mir das Exemplar, das meinen Abend zu ruinieren versuchte, so vor: Jahrelanges Schattendasein in der Agglomeration, die Scheidung endlich abbezahlt und jetzt nachholen, was in den «besten Jahren» verpasst wurde: Wohnen im Niederdorf, da wo das Leben sprudelt. Aber wenn der Rock’n’Roll ungefragt bei ihm ans Fenster klopft, sofort die Polizei rufen.

Anwohner verhindern Fussballstadien, Konzerte, Skaterparks, Gartenbeizen und Kinderspielplätze. Eigentlich müsste «Anwohner» ein Schimpfwort sein, das eine Ehrverletzungsklage mehr als rechtfertigt. Bevor das so weit ist, fordere ich die Abschaffung aller Anwohner.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 28. Mai 2014

Das war übrigens die einzige Kolumne, die zu einer Reaktion geführt hat.
H.K.M. aus Meilen fühlte sich veranlasst, mir folgendes Schreiben zuzustellen:
(Der Mann hätte dringend einen Fi.. Knuddel gebraucht)

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«Herr von Messikommer» ist falsch. Unser Geschlecht ist von Mesikon, nach dem Weiler im Zürcher Oberland, der zu Ilnau-Effretikon gehört. Unsere Familie stellte zwei Vögte auf der Kyburg. Sie stehen in der Reihe grosser Zürcher wie  Johann Heinrich Waser, Heinrich Escher oder Hans Rudolf Lavater. Also knie nieder, Meilemer Bauer!

Und dann der Satz: «Vielleicht hätte man dort, wo Sie herkommen…» Was bitte ist schlecht am Kreis 6, Meilemer Landei?

Aber dass er meine Frau und Töchter ins Spiel bringt zeugt nur von schlechtem Stil.
Das mit dem Auflösen … da wird er sich hoffentlich noch etwas gedulden müssen.

Mister. Nicht zu verwechseln mit dem Melker. (Dad-Jokes sind meine Domäne)

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Smartphonzert

Mir ist der ESC eigentlich Wurst, aber beim Reinzappen wurde ich wieder daran erinnert, warum ich nicht mehr gerne an grosse Konzerte gehe. Die Seuche heisst Smartphones. Früher hat man auch als kurz gewachsener Mensch hin und wieder die Bühne, und das, was dort passiert, gesehen. Heute sind überall hochgestreckte Arme mit Smartphones im Weg, die das ganze verdammte Konzert mitschneiden. Statt das Ereignis mit den Sinnen erleben, zeichnen die nur auf. Die komplett Durchgeknallten bringen sogar Tablets mit. Bisher dachte ich, dass die Primitivlinge, die sich rücksichtslos nach vorne tanken, zum Schlimmsten gehören. Mitnichten. Leute, die unmittelbar vor einem den Mageninhalt auf dem Boden verteilen? Da lacht man drüber. Basketballteams, die sich zwei Meter hoch vor einem aufbauen? Easy. Typen, die neben meinem Ohr jeden Song mitgrölen? No problem. Tanzende Derwische, die mit Räucherwerk in der Hand helikoptern. Halb so wild. Ihnen allen kann man ausweichen. Ein paar Schritte zur Seite, schon ist man das Problem los. Nicht so bei den Smartphones. Die sind ü-ber-all! Ich kaufe mir ein Konzertticket zu einem Preis, mit dem man ein zentralafrikanisches Dorf mehrere Monate durchfüttern könnte und bekomme nur LCDs zu sehen? Ohne mich. Damit ich wiederkomme, müssen die im Eingangsbereich, da wo die Gehörschutzpropfen verteilt werden, auch Mini-Steinschleudern abgeben.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 14. Mai 2014

Hafenkrankheit

Ich habe mir am Wochenende den Kran gegeben. Eigentlich finde ich die Idee hinter «Zürich Transit Maritim» recht schrullig von wegen fiktiver Hafenstadt und so; fast britisch-humorig. Schon deshalb bin ich pro Hafenkran. Jetzt steht er also da, und ich muss sagen, Mann oh Mann ist das Ding hässlich! Der ist so vierschrötig, den hätte nicht einmal die eigene Mutter gerne. Wie die Faust aufs Auge. Kein Wunder, wollten die in Rostock das Teil nicht mehr. Von der Ostsee-Hansestadt ist wohl nur noch das «ock» übrig. Der «Rost» steht jetzt am Limmatquai. Und das ist gut so. Im Gegensatz zum Globus-Provisorium verschandelt er die Innenstadt ja nur für kurze Dauer. Neben der Monstrosität aus rostendem Eisen sieht die Altstadt rechts der Limmat gleich nochmal eine Klasse besser aus. Ausserdem regt das Teil die Fantasie an. Der beknackte Teenager, der irgendwo in mir begraben ist, würde, sobald die Limmat wärmer ist, ein Seil durch den Haken schiessen und dann eine Nacht lang den Tarzan geben, bis besorgte Mitbürger die Feuerwehr holen. Ja, ich hab ihn schon ins Herz geschlossen. Klar, käme er besser zur Geltung, wenn wir in der Stadt nicht schon gefühlte zehntausend Baukräne hätten. Aber hey – man kann nicht alles haben. Heimlich hoffe ich auf eine weiter Attraktion zwischen Gemüse- und Rudolf-Brun-Brücke. Wie wär’s mit der Costa Concordia?

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 30. April 2014

Diät-Schokohasen

Super! Über Ostern vier Tage frei und schon macht das Wetter einen auf asozial. Schnee auf 700 Meter… wenigstens sind meine Töchter alt genug, dass ich ihnen nicht erklären muss, dass der Osterhase nicht in einem Stall in Bethlehem geboren wurde. Das Fest steigt also einmal mehr im trauten Heim und nicht im Garten. Dieses Jahr werde ich alle Hasenverstecke notieren. Nicht, dass ich wieder im August einen Schokohasen hinter dem Subwoofer unter dem Sofa finde. Das Tier war – vermutlich vom Staubsauger hin- und hergeschubst – übelst zugerichtet.

Es gibt drei Methoden einen Schoggi-Osterhasen zu meucheln: Bei den Ohren anfangen, Biss in den Bürzel, oder das profane zerdeppern des Kakao-Langohrs mit der blossen Hand und dann Scherben aufessen. Ich gehöre der Ohrenfraktion an. Wenn nach den Feiertagen und den verschiedenen Fressorgien die Frühlingsfigur wieder im Eimer ist, ist eine Diät angesagt. Aber welche? Letztes Jahr habe ich mit der Knoblauch-Diät vier Kilos und fünf Freunde verloren. Soll es dieses Jahr die Hollywood-Diät sein, bei der man alles essen darf, was man wieder erbrechen kann? Oder die Alles-geht-Diät, bei der man alles essen darf, nur nicht runterschlucken? Ich glaube, ich werde mich auf die trendy Social-Diet einlassen: Dabei darf man am Tag nur eine Sache zu sich nehmen, und die Facebook-Freunde entscheiden, ob das ein Lebensmittel oder ein Krug Wasser ist.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 16. April 2014

(Kurz vor Redaktionsschluss hingekotzt, weil die Gripen-Kolumne zurückgewiesen wurde.)

Gripenimpfung (unveröffentlicht)

Das mit der Kampfjet-Beschaffung kommt mir vor, als käme meine elfjährige Tochter zu mir und fragt: «Paps, ich möchte mir einen Plönz kaufen.»
Ich: «Okay, und warum machst Du’s nicht?»
«Der ist superteuer, ich hab nicht so viel Geld.»
Ich werde hellhörig. «Oha, und was kostet der denn so?»
Jetzt druckst sie leicht verschämt rum. «Etwa sechs Jahre Taschengeld.»
Mir verschlägt es die Sprache. «Hmm… das ist ziemlich teuer. Willst Du, dass ich Dir das Geld vorschiesse? Dann hast Du aber ziemlich lange kein Taschengeld mehr.»
Jetzt der Welpenblick: «Kannst Du ihn mir nicht schenken?»
Ich schlucke zwei Mal leer, dann kriege ich meine Fassung wieder. Ausserdem will ich wissen, wofür ich so viel Geld ausgeben soll. «Sag mal, wozu brauchst Du diesen Plönz denn überhaupt?»
Jetzt bekommt sie glänzende Augen: «Alle auf dem Pausenplatz haben einen. Und wenn man einen hat, hofft man, dass man den nie wirklich braucht.»
Ich will ihr sagen, dass das ziemlich bescheuert tönt, aber sie redet ohne Punkt und Komma weiter: «Man muss natürlich ganz viel damit üben, und den Anderen zeigen, dass man einen hat, bitte, bitte, bitte.»
Vielleicht bin ich etwas schwer von Begriff, aber ich frage trotzdem: «Gibt es denn keinen Billigeren?»
«Doch, schon, aber die taugen alle nichts. Ich hab das genau gepfrüft.»
Eigentlich sollte meine Tochter längst gelernt haben, dass sie nicht Geld ausgeben kann, das sie nicht hat. «Und wenn Du Dir von Deinem Ersparten erstmal nur einen Teil kaufst, und dann jedes Mal, wenn Du genug gespart hast, wieder ein Neues?»
«Unmöglich. Und mein alter Plönz fällt schon fast auseinander, Biiiittteee.»
Mir gehen die Argumente aus. «Ich kann das nicht alleine entscheiden. Wir werden Mama fragen.» Mama entscheidet am 18. Mai.

Diese Kolumne wurde zurückgewiesen, weil kurz vor einer Abstimmung weder die Zeitung noch ihre Kolumnisten Meinung machen dürfen.

Ich, der Steuermann

Dieses Gefühl, als ich die Steuererklärung in den Postkasten geworfen habe, diese unendliche Befriedigung. Beide Fäuste geballt und dann dieses erlöste «Ja! Ja! Jaaa!», wie einst Boris Becker. Nein, nicht wie in der Besenkammer, sondern wie damals, als er mit 17 Jahren Wimbledon gewonnen hat. Ich hab das Ding also wieder mal auf den letzten Drücker ausgefüllt. Nicht, dass ich Sachen vor mir herschiebe, aber mal ehrlich: Wer wuchtet sich schon gerne selber auf die Schlachtbank. Ausserdem brauche ich den Druck. Panik ist meine Muse.

Überhaupt – so eine Steuererklärung ausfüllen ist sowas von freudlos, da ist sogar eine Darmspiegelung eine echte Alternative. Und dann war da immer wieder diese nagende Frage: Zahle ich Vater Staat nicht schon genug? Überall sind schon Mehrwertsteuer und Zölle drauf, die Bank, der Tankwart, der Wirt – alle knöpfen mir Kohle ab für den Fiskus. Ich kann mir den Staat bald nicht mehr leisten. Wenn das so weitergeht, mach ich den Dépardieu und trete aus der Staats- und Gemeindesteuer aus.

Wo wir gerade dabei sind: Habe ich schon erwähnt, dass ich einer der letzten Raucher bin? Jedes mal, wenn einer von uns das Laster aufgibt, wird das Päckchen einen Franken teurer. Ich finanziere die AHV schon fast im Alleingang. 2,3 Milliarden kassiert Bern durch die Tabaksteuer. Wer da Nichtraucher ist, der gehört eigentlich als Steuerhinterzieher in den Knast.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. April 2014

Messi rollt (ungekürzt)

Neulich hat die beste aller Städte bei mir im Quartier eine Velo-Ampel montiert. Ich nahm das als sanften Hinweis, ich sollte mich wieder einmal in die Pedale schwingen. Das Velo war tatsächlich noch im Keller. Es ist kein Statussymbol wie die Hipster-Mobile, die den Zürcher Asphalt unsicher machen, sondern ein 80er-Jahre-Rennvelo aus der Manufaktur eines Zigarrenfabrikanten und hört deshalb auf den Namen «Stumpe». Es ist leicht und wie ein gutes Essen hat es mehrere Gänge. Meine früheren Velos hatten andere Namen: «Göppel», «Bäne», «Harley-Trampmeinsohn» usw. Nachdem ich Staub und Spinnweben entfernt,  es geölt, beatmet und die Bremsen getestet hatte, war es bereit zur ersten Fahrt. Stumpe und ich düsten runter zum See und die Erinnerungen setzten wieder ein: Insekten. Ohne Helmvisier oder Frontscheibe hat man die kleinen Biester in Augen, Ohren, Nase und Mund. Nächstes Flashback: Sobald man sitzend in die Pedale tritt, meldet sich die im Schritt wechselseitig gequetschte Anatomie. Einhändig fahren, neu ausrichten, und weiter zur nächsten Erinnerung. Nach dem ersten Kilometer melden sich die Sitzbeinhöcker. Haben die letztes Jahr auch so geschmerzt? Warum gibt es für Rennvelos keine bequemen Sättel? Dann hupt der Kerl auf der Gegenfahrbahn mich an. War das ein Freund? Keine Zeit zum schauen, der Kampf mit anderen Widrigkeiten verlangt meine volle Aufmerksamkeit. Da sind Tramschienen, Baustellen, Velokuriere, Schlaglöcher und andere Verkehrsteilnehmer die einen daran erinnern dass man sich eigentlich mit einem gefährlichen Spielzeug auf der Strasse gewagt hat. Am See habe ich endlich Zeit, die SMS zu checken. Mein Kumpel von eben fragt «Vespa kaputt?» Und sofort wusste ich, mit welchem Zweirad ich morgen zur Arbeit fahre.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 19. März 2014

Kulturfernsehen

Neulich ist mir aufgefallen, dass am Fernsehen recht viele Joghurtwerbungen gezeigt werden. Und es sind fast immer Frauen, die genüsslich die Milchsäurebakterien in sich hineinschaufeln. Ehrlich, ich möchte einmal im Leben so befriedigt dreinschauen, wie diese Frauen, wenn sie sich einen Löffel von der labberigen Pampe in den Rachen schieben. Und dann wird die Bazillenmilch auch noch angepriesen wie ein Medikament. Na ja, vom Preis her trifft das auch zu. Aber irgendwie muss die teure Fernseh-Werbung schliesslich finanziert werden. Da stellt sich die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Sind Joghurts nur wegen der Werbekosten so teuer, oder sind sie so teuer, dass man sie nur mit TV-Werbung loswird? Immerhin bekommen mit Joghurtwerbung auch Privatsender ein wenig Kultur ins Programm. Aber zurück zum kulinarischen: Ekeln Sie sich auch vor dem halbtrockenen Teil am oberen Rand? Diese mehlig-bröcklige Konsistenz, die nichts mit der sonst so crèmig-süssen Verheissung zu tun hat? Aber wenn Sie es fein säuberlich mit dem Löffel wegkratzen und unter den Rest mischen, dann ist es wieder O.K. Um diese genussverzögernde Arbeit zu verkürzen, habe ich früher meine Joghis vor dem öffnen richtig gut geschüttelt. Damals hielt ich das für eine gute Idee. Wissen Sie was? Tun Sie’s nicht. Der Deckel könnte nicht fest sitzen. Ich musste die Küchendecke drei Mal streichen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 5. März 2014

Skischuhferien (extended Version)

Ich habe also meinen Winterschlaf unterbrochen und bin in die Skiferien gereist. Schneeberge, pralle Sonne und kristallklare Luft wie in einem Kitschbild von Bob Ross. Die Skihütte ist bezogen, die horrend teure Wochenkarte bezahlt, die Vorfreude gross. Dann sinken langsam die Erinnerungen an die letzten Skiferien ein. Spätestens beim Anziehen der Skischuhe wird mir wieder klar, dass der Sport völlig absurd ist, dass man sich in ein Gerät wirft, welches das Fussgelenk komplett ausschaltet. Nur schon das Anziehen ist eine Tortur. Hat da irgendein Scherzkeks meine Schuhe mit einer kleineren Grösse vertauscht und filmt mich mit versteckter Kamera? Wenn die Füsse endlich drinstecken, folgt die nächste Qual: Für das Schnallen schliessen muss ich mich so zusammenfalten, dass es mir fast wieder das Frühstück in den Hals zurück drückt. Meistens klemme ich mir irgendwo einen Finger ein. Warum tue ich mir das an? Skischuhe sind so ziemlich das uneleganteste, was man tragen kann. Klobig, kantig und bleischwer. Haben Sie in einer Bergbeiz schon mal ein Tablett mit Getränken für die ganze Tischrunde serviert? Das sieht aus, als arbeitete Robocop im Service. Die kleinste Eisfläche wird zur Todesfalle. Wenn Sie mal etwas total Würdeloses sehen wollen, stellen sie sich an die Treppe zu den Toiletten. Schauen Sie zu, wie ungelenke Klumpfüssler die Stufen hinunter poltern und sich krampfhaft am Geländer festhalten oder wild mit den Armen fuchteln, um auf der nassen Stiege die Balance zu halten. Der weichste Pulverschnee löst bei mir kein solch tief befriedigendes Glücksgefühl aus, wie der Moment, wenn ich die Folterstiefel ausziehen kann. Jetzt habe ich wieder 51 Wochen Ferien von den Skischuhen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 19. Februar 2014