Smartphonzert

Mir ist der ESC eigentlich Wurst, aber beim Reinzappen wurde ich wieder daran erinnert, warum ich nicht mehr gerne an grosse Konzerte gehe. Die Seuche heisst Smartphones. Früher hat man auch als kurz gewachsener Mensch hin und wieder die Bühne, und das, was dort passiert, gesehen. Heute sind überall hochgestreckte Arme mit Smartphones im Weg, die das ganze verdammte Konzert mitschneiden. Statt das Ereignis mit den Sinnen erleben, zeichnen die nur auf. Die komplett Durchgeknallten bringen sogar Tablets mit. Bisher dachte ich, dass die Primitivlinge, die sich rücksichtslos nach vorne tanken, zum Schlimmsten gehören. Mitnichten. Leute, die unmittelbar vor einem den Mageninhalt auf dem Boden verteilen? Da lacht man drüber. Basketballteams, die sich zwei Meter hoch vor einem aufbauen? Easy. Typen, die neben meinem Ohr jeden Song mitgrölen? No problem. Tanzende Derwische, die mit Räucherwerk in der Hand helikoptern. Halb so wild. Ihnen allen kann man ausweichen. Ein paar Schritte zur Seite, schon ist man das Problem los. Nicht so bei den Smartphones. Die sind ü-ber-all! Ich kaufe mir ein Konzertticket zu einem Preis, mit dem man ein zentralafrikanisches Dorf mehrere Monate durchfüttern könnte und bekomme nur LCDs zu sehen? Ohne mich. Damit ich wiederkomme, müssen die im Eingangsbereich, da wo die Gehörschutzpropfen verteilt werden, auch Mini-Steinschleudern abgeben.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 14. Mai 2014

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