Neues Hufeisen

Super erholt von den Ferien nach Hause gekommen. Sommer pur auf den Balearen, geschnorchelt, gefaulenzt, gegessen, gevolleyballt… bis es im Sprunggelenk ratsch gemacht hat, und mir die Achillessehne unmissverständlich zu verstehen gegeben hat, dass es nun reicht mit dem Sport. (Ich verkneife mir an dieser Stelle das Churchill-Zitat.) So ein Eispaket am Fussgelenk ist jedenfalls recht unelegant, und natürlich habe ich damit Spott geerntet: «Das Teil wertet deine durchgelatschten Turnschuhe auf», oder «brauchst du ein neues Hufeisen?». Auch ein Dauerbrenner: «Gehen wir noch auf einen Sprung raus?». Dank einer befreundeten Physiotherapeutin, war ich schon nach wenigen Tagen wieder mehr oder weniger gut zu Fuss. Nur Treppensteigen ist immer noch mühsam. Zum Glück wohne ich im vierten Stock ohne Lift. Weitere Erkenntnis: Ein Arztbesuch ist etwa gleich persönlich wie die Bestellung einer Betreibungsauskunft. Formulare ohne Ende, dann drei Augenblicke Audienz beim Halbgott in Weiss, um danach mit einem Wust von Verordnungen, Rezepten und Medikamenten aus der Praxis geschoben zu werden. Nein, medizinisches Marihuana war nicht dabei. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass ich für den Arzt nur ein Hindernis auf dem Weg zum Golfplatz war. Trotzdem fühle ich mich schon viel besser. Ich würde zwar heute keine Dopingkontrolle bestehen, aber die chemische Industrie muss schliesslich auch von irgendwas leben.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 29. Oktober 2014

Live von der Insel

Mallorca, 27 Grad, die Frisur hält. Nachdem wir den Fehler gemacht haben, im «Sommer 2014» in Zürich zu bleiben, versuchen wir wenigstens in diesen Ferien noch ein paar Sonnenstrahlen zu fangen. Ich kann sagen, die glücklichsten Schweizer trifft man im Ausland. Immer dann, wenn sie die heimische Wetterprognose mit der örtlichen vergleichen. Mallorca also. Den Ballermann werden wir auslassen, dafür gibt unser Strand schon genug her: Da ist zum Beispiel der Typ mit dem brutalen Sonnenbrand. Erst dachte ich, der trägt einen Ferrari-Overall. Mit der Sonne ist nicht zu spassen. Ich habe Lichtschutzfaktor 95: Diese Crème schmiere ich mir zweimal am Tag mit dem Lammfellroller auf meinen Neopren-Anzug. Oder all die Leute, die den Strand entlang schlendern – so viele gescheiterte Diäten. Wussten Sie, dass es da auch mobile Filialen von Louis Vuitton gibt? Unsere ist ca. 1,75 Meter gross, braungebrannt und trägt die ganze Kollektion den Strand entlang. Der Mann muss Fusssohlen aus Teflon haben. Nur schon der Weg vom Liegestuhl ins Wasser ist eine Dschungelprüfung. Aber das liegt wohl an den Schweizer Genen. Auch Roger Federer ist auf Sand nicht so gut. A propos Sand: Wenn Fangis spielende Kinder direkt neben meinem Liegeplatz Haken schlagen und mich und mein Buch dabei panieren, habe ich Mühe, die Contenance zu wahren. Ich geh dann halt ins Wasser. Nicht um den Balg zu ersäufen, sondern mir den Sand abzuwaschen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 15. Oktober 2014

Kurt’s Nachrichten

Die Menschheit ist mit allem irgendwie klargekommen: BSE, LSD, sogar SRG. Eine der schlimmsten Seuchen wird in der Bevölkerung aber weitgehend verharmlost: SMS. Die Erfindung an sich ist ja schon bescheuert: Weil die Leute es satt hatten, Briefe zu schreiben, die tagelang unterwegs sind, wurde das Telefon erdacht. Hundert Jahre später wird das Telefon mobil. Der nächste logische Meilenstein wäre das Telepathie-Implantat. Falsch. Wir schicken uns SMS, an denen wir länger rumtippen als T.C. Boyle an einem neuen Roman. Nur schon das Verfassen eines Textes auf so einem Mäuseklavier ist eine Zumutung. Und trotzdem machen sie süchtig. Jugendlichen geben sie die Illusion, sie könnten lesen. Jeder achte Single würde heute noch in einer unglücklichen Beziehung stecken, hätter er nicht per SMS Schluss machen können.

Und wehe, man antwortet nicht nullkommaplötzlich. Als ob der SMS-Sender ein verbrieftes Recht auf sofortige Antwort hätte. Wenn ich nicht innert Minuten zurücktippe, kommen schlaue Fragen, so wie «bist du bei der Queen zum Tee, dass ich keine Antwort erhalte?» oder «Bist du bewusstlos? Soll ich Polizei, Ambulanz, Chemie- und Gewässerschutz aufbieten?» Gelobt seien die Zeiten, als man eine SMS noch wie eine Postkarte behandelte: Man freute sich, oder nahm sie mindestens zur Kenntnis – «aha, nett» – und hat sie geistig ad acta gelegt. Funktioniert heute nicht mehr so. Strafverschärfend kann so eine Kurznachricht auch noch schweizerdeutsch verfasst sein. Mein Quoten-Walliser oder der -Basler (jeder hat mindestens einen davon im Bekanntenkreis) schreiben konsequent Mundart. Jepp, ist jedes Mal eine Herausforderung.

Ganz selten, wenn ich seltsam drauf bin, spiele ich im Tram in der Jackentasche den SMS-erhalten-Ton ab und ergötze mich, wie die Leute ihre Smartphones checken. Ja, ich weiss, ich bin ein Monster.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 1. Oktober 2014

Gemüseraffeln und Raclette

Normalerweise zucke ich zusammen, wenn ich nur schon den Namen Albisgüetli höre. Ich muss dort alle paar Jahre das treue, alte Messimobil oder die noch ältere Vespa vorführen und auf die Gnade der Experten hoffen. Aber am zweiten Septemberwochenende ist das anders: Dann wollen meine jungen Ladies ans Knabenschiessen. Es ist ein anderes Fest, wenn man es durch Mädchenaugen sieht. Als Junge habe ich die Afrikanerinnen nicht mal wahrgenommen, die einem die Haare mit bunten Fäden zu Zöpfchen flechten. Die einzigen Zöpfchen, die mich in ihrem Alter interessierten, waren die von Asterix und Obelix. Und hat es damals schon so viele Schmuck- und Modestände gehabt? Vermutlich schon, nur habe ich die nie gesehen. Was aber so ist wie damals, sind die Gerüche. Neben den vielen exotischen Speisen gibt es ein einheimisches Gericht, das geruchsmässig alles überdeckt und für jeden ausländischen Gast eine olfaktorische Beleidigung ist: Raclette! Für mich der Beweis, dass unser Land über biologische Kampfstoffe verfügt. Welches Kraut haben sich die alten Walliser reingepfiffen, dass sie überhaupt auf die Idee gekommen sind, einen rässen Käse zu schmelzen und dann mit noch mehr Weisswein runterzuspülen. Ein weiterer Klassiker in unmittelbarer Nähe: Der Gemüseraffelmann, der ohne zwischen den Sätzen Luft zu holen seinen Wortschwall voller Lobpreisungen für das Gerät über die Zuschauenden ergiesst. Haben sie auch mal so ein Ding gekauft, einmal gebraucht, und nun liegt es seit Jahren in der hintersten Ecke im Küchenschrank und fängt Staub? Sie sind nicht allein.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. September 2014

Ausgesommert

Und wieder ein Geburtstag vorbei. Ist es nicht irgendwie schräg, dass man die Tatsache feiert, dass man noch nicht gestorben ist? Müsste man das nicht jeden Tag tun? Ich glaube jedenfalls an das Leben vor dem Tod. Eines der Geschenke war dekoriert mit einem Luftballon. Sweet. Aber was sagt man mit einem Ballon? «Herzlichen Glückwunsch, hier ist eine Gummihülle, prall gefüllt mit Luft aus meinen Lungen»? Ich hab mich trotzdem artig bedankt. Mein Geburtstag ist ja am Ende des Sommers. Und dieser Sommer war – gelinde gesagt – dürftig. Wer wie ich die letzten Monate zuhause verbracht hat, trägt den noblen Teint eines Joghurt Nature, muss sich aber wenigstens keine Sorgen wegen Hautkrebs machen. Hin und wieder ertappe ich mich allerdings, wie ich zwischen meinen Fingern kontrolliere, ob da schon Schwimmhäute wachsen. Ganz anders als die Auslandferienmacher – von bestimmten Parteien auch gerne «Landesverräter» genannt – man erkennt sie ganz einfach an der Hautfarbe, die an einen Basketball von 1953 erinnert. Sie wissen schon: Die Leute, bei denen man sich fragt, benutzen die noch Hautcrème oder schon Lederspray? Die können sich jetzt auf einen milden Herbst und langsam abschuppende Haut freuen. Und dann, wenn es richtig kalt und gruslig wird, und alle wieder gleich bleich sind, dann mache ich mich vom gefrorenen Acker und schwupps in den sonnigen Süden. Darauf freue ich mich.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. September 2014

Webfehler

Die Königsdisziplin der Fehler, die man im World Wide Web machen kann, ist wohl das Politiker-Nackt-Selfie. Natürlich gibt es da Abstufungen: Ein linker Lokalpolitiker käme höchstens auf eine Meldung im Regionalblatt und eine zotige Erwähnung in der Fasnachtszeitung. Je ranghöher und konservativer, desto skandalöser. Ein Bundesrat aus dem rechten Flügel, der sich hüllenlos im Büro, noch besser im Parlament ablichtet, würde ein mediales Erdbeben auslösen. Der Untergang des Abendlandes und das Ende der Demokratie würden heraufbeschworen. Nicht anders wäre es bei einer Bundesrätin, nur beim Volk würde sie im Gegensatz zum männlichen Kollegen als Femme Fatale in die Annalen der vorzeitig beendeten Karrieren eingehen und nicht als alternder Lüstling.

Beim aktuellen Fall fragt man sich, was im Kopf dieses studierten Mannes vorging. Ich meine, wenn ein 53-jähriger grüner Nationalrat einer 21-jährigen, als psychisch labil dargestellten Frau ein Nackt-Selfie schickt, was soll da schon schiefgehen? (Anm. des Verfassers: Mit «grün» ist die politische Couleur des Mannes und nicht seine Erfahrung im Umgang mit elektronischen Medien gemeint.) Hat er es wirklich für eine gute Idee gehalten, als er den «senden»-Knopf drückte? Vielleicht hat ihm sein grünes Gewissen gesagt, dass Cybersex eine umweltfreundliche Art des Verkehrs sei, und deshalb unbedenklich.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. August 2014

Street Paradise

Das Wochenende war laut! Meine Nachbarn haben erneut ein halbes NATO-Budget in die Luft gejagt. So gut ich nachvollziehen kann, dass es mächtig Spass macht, Feuerwerk zu zünden, bin ich mir über die Motivation noch immer im Unklaren. Ist es, weil vor hundert Jahren der erste Weltkrieg entbrannt ist? «Hey, wir waren zwar nicht dabei, aber lass uns das Stahlgewitter von Verdun akustisch nachstellen.» Oder ist es eine seltsame Form der Sympathiebezeugung? «Ich liebe dieses Land, deshalb lasse ich ein paar Sprengsätze detonieren.» Ich bin empfänglich für Erklärungen.

Wer sein Gehör nicht schon am Vorabend ruiniert hat, bekam am Samstag neue Gelegenheit dazu. Eine meiner Töchter, die nicht namentlich genannt werden will, nötigte uns, die Sommerfasnacht am Seebecken aufzusuchen. Im Tram gruppierten sich neben uns ein Zebra, ein Hot Dog und eine Banane. Auf dem Weg vom Kunsthaus zum Bellevue waren es mehrheitlich teilentkleidete Menschen, die Tattoos, Bodypaintings oder körperliche Imperfektionen zur Schau trugen, die sonst gnädig von Stoff verhüllt sind. (Ich werde mich nie an Männer in Strings und Moon Boots gewöhnen.) Überraschenderweise war die Lautstärke auch in nächster Nähe der Love Mobile eher moderat und das Gedränge erträglich. Nur der Hüpfparcours zwischen Erbrochenem, Scherben und Urinpfützen erinnerte an vergangene Zeiten. Die waren nicht besser.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. August 2014

Game of Thrones

Das letzte, woran man bei Ferien denkt, und das erste, was man wirklich braucht, ist ein WC. Nur selten trifft man auf Designer-Keramik mit Closomat und vorgewärmter Brille. Auch wer im Fünfstern-Hotel nächtigt, hat beim Umgebung erkunden mal ein dringendes Bedürfnis. Dann spielen sich wahre Dramen ab. Opfer von Montezumas Rache haben in Zentralamerika schon so manches Stück Unterwäsche im Abfalleimer zurückgelassen. Auch das Entsetzen, das einen Mitteleuropäer packt, wenn er in Asien mit einem Loch im Boden und zwei Fussrasten konfrontiert ist, würde einen Youtube-Hit abgeben. Speziell dann, wenn danach, noch in der Hocke, kein genopptes Dreilagiges da ist, sondern nur ein tröpfelnder Wasserhahn. Handarbeit statt Papierkrieg! Eine weitere Herausforderung bieten Toiletten, bei denen das Papier nicht in die Schüssel, sondern in den Eimer sollte. Wer das nicht weiss, erlebt beim Spülvorgang eine steigende Flut, die sich zum Entsetzen des Stuhlgängers über den Rand auf den Boden ergiesst. Wohl dem, der schon die Hose fluchtbereit hochgezogen hat. Auch übel ist dieses Klopapier, das sich beim zartesten Körperkontakt in Flocken auflöst, oder das andere, das sich anfühlt wie Backpapier.
Laut Umfrage freuen sich die meisten nach den Ferien auf das eigene Klo. Unter Freunden ist das erstklassiger Gesprächsstoff.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 23. Juli 2014

Letten-Szene

Ich war am Sonntag mit meiner Frau Gemahlin in der Letten-Badi und – sie hätten‘s nie gedacht – wir waren nicht alleine. Eine gefühlte Million Menschen hatte die gleiche Idee und war schon vor uns da. Kein Flecken Grün, auf dem man sich noch hätte ausbreiten können. Dann halt Tüechli übers Geländer und ab in den Fluss. Gut abgekühlt gaben wir uns auf schattigen Brettern mit Kaffee und Zeitung dem gepflegten Nichtstun hin und schauten den Sonnenbadenden zu. Innert einer knappen Stunde spielten sich verschiedene kleine Tragödien ab: Da ein Smartphone, das zwischen den Bohlen den Weg ins Wasser gefunden hat, dort eine Ray Ban, die auf Tauchstation gegangen ist, oder das Glacé auf dem weissen Badekleid: «Schnell, gang under d’Duschi!» «Ich hami aber nüme welle nass mache». Drama, Baby! In der Badi gibt es immer was zu sehen, mitleiden, freuen oder staunen. All die Menschen, die beim wo-auch-immer-hingehen ständig an sich runterschauen, ob das Badekleid nicht verrutscht ist. Die Hautkrebs-Kandidaten, die sich trotz tomatiger Hautfarbe in der Sonne legen. Das Züriberg-Kind mit dem XXL-Handy-Vertrag: «Ich mach der en WLAN-Hotspot, denn chasch de Federer luege.» Und natürlich all die vorbeispazierenden Tattoos: Von Knast-Kritzeleien bis zu Kunstwerken ist alles vertreten. Erkenntnis des Tages: Auf einem Sonnenbrand kommt ein Tattoo erst richtig zur Geltung.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 9. Juli 2014

Spornosexuelle Herzchen

Heute Abend folgt also wieder einmal die ich-weiss-gar-nicht-wievielte Auflage des «Spiels der letzten Chance». Meine Stimmung ist seltsamerweise nicht mehr ganz so euphorisch wie vor dem Frankreich-Match. Das war nicht einfach eine Niederlage, das war eine öffentliche Hinrichtung: Fünf Gegentreffer! Das einzig Gute, das man dem Resultat abgewinnen kann, ist, dass wir weltmeisterlich gespielt haben: Die Spanier haben gegen die Niederlande ja auch so viele Treffer kassiert. Was man aber in der Auslandspresse so alles über unsere Nati lesen musste, tat weh: «Shaqiri spielte wie Shakira», oder «eine Verteidigung im Wachkoma». Böse Worte. Was mich aber noch viel mehr aufregt, ist diese neumodische Tor-Widmerei. Bei jedem Interview: «Ich widme dieses Tor meinem (wahlweise: Schatz / verstorbenen Grosi / Goldhamster)». Jungs, hört auf damit! Tore widmet man nicht, Tore schiesst man. Möglichst viele. Und hört auch auf mit der neuen Zärtlichkeit beim Jubeln! Was soll der Blödsinn, nach einem Treffer mit den Händen ein Herzchen zu formen? Jetzt, wo der spornosexuelle Mann ausgerufen worden ist. Wo sind die Kerle, die nach dem Torschuss martialische Posen einnehmen, die Eckfahne zwischen die Beine nehmen, sich das Trikot vom Oberkörper reissen und den testosterongefluteten Body zur Schau stellen? Verschwunden? Ist Herzchen formen das neue Ding, oder habe ich einfach eine Überdosis Fussball?

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 25. Juni 2014