Street Paradise

Das Wochenende war laut! Meine Nachbarn haben erneut ein halbes NATO-Budget in die Luft gejagt. So gut ich nachvollziehen kann, dass es mächtig Spass macht, Feuerwerk zu zünden, bin ich mir über die Motivation noch immer im Unklaren. Ist es, weil vor hundert Jahren der erste Weltkrieg entbrannt ist? «Hey, wir waren zwar nicht dabei, aber lass uns das Stahlgewitter von Verdun akustisch nachstellen.» Oder ist es eine seltsame Form der Sympathiebezeugung? «Ich liebe dieses Land, deshalb lasse ich ein paar Sprengsätze detonieren.» Ich bin empfänglich für Erklärungen.

Wer sein Gehör nicht schon am Vorabend ruiniert hat, bekam am Samstag neue Gelegenheit dazu. Eine meiner Töchter, die nicht namentlich genannt werden will, nötigte uns, die Sommerfasnacht am Seebecken aufzusuchen. Im Tram gruppierten sich neben uns ein Zebra, ein Hot Dog und eine Banane. Auf dem Weg vom Kunsthaus zum Bellevue waren es mehrheitlich teilentkleidete Menschen, die Tattoos, Bodypaintings oder körperliche Imperfektionen zur Schau trugen, die sonst gnädig von Stoff verhüllt sind. (Ich werde mich nie an Männer in Strings und Moon Boots gewöhnen.) Überraschenderweise war die Lautstärke auch in nächster Nähe der Love Mobile eher moderat und das Gedränge erträglich. Nur der Hüpfparcours zwischen Erbrochenem, Scherben und Urinpfützen erinnerte an vergangene Zeiten. Die waren nicht besser.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. August 2014

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