Wespenstichtag

Meine Töchter wurden letzte Woche dreimal von Wespen gestochen. Einfach so. Wespen sind Arschlöcher. Ich glaube, eine Welt ohne das Gesocks wäre eine bessere. Neuseeland ist jahrhundertelang ohne die Hautflügler tipptopp ausgekommen, bis sie eingeschleppt wurden. Es geht also ohne. Die Menschheit hat schon zig Tierarten bis zur Ausrottung bejagt. Warum haben sich Zahnärzte und andere Trophäensammler nie den Wespen angenommen? Niemand würde sie vermissen. Im Gegenteil, Konditoren auf der ganzen Welt wären begeistert.

Gegen Wespen soll ja Haarspray helfen. Ich fände das aber ziemlich unappetitlich, wenn mein Mittagessen nach Pantene Pro-V Style Classic Care schmeckt. Ich hab mich für die biologisch-dynamische Alternative entschieden, eine Zitrone mit Nelken bestückt und auf den Tisch gestellt. Ich schwöre, die Biester haben sogar gelacht, als sie sich direkt daneben über mein Schnitzel hergemacht haben. Verlange ich zu viel, wenn ich einfach mit meiner Familie unbehelligt draussen essen will? Warum unternehmen die Behörden nichts? Wo ist die KESB, wenn man sie wirklich braucht?

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 5. August 2015

Brandzeichen (extended)

Brandzeichen

Dieser Sommer macht mich grosszügig. Ich gönne jedem meiner Facebook-Ferien-Gspänlis, dass sie am Strand nicht höhere Temperaturen aushalten müssen, als ich in der Letten-Badi. Dort wohne ich Teilzeit.
In meinem Alter kann man sich ungeniert unter die Jungen und Schönen mischen. Mein Body-Typ heisst im Slang «Dad-Bod». Das Minus an Muskeln macht die erotische Schwungmasse wett. «Dad-Bod» finde ich übrigens schöner als «Walking Dad».
Wo früher Hektik herrschte, hat so ein lockerer Mañana-Groove Einzug gehalten. Ab 30 Grad und drüber funktionieren die Zürcher höchstens noch zu 75 Prozent. Okay, einige werden, egal welches Wetter herrscht, diese Marke nie erreichen. Macht nichts, es ist Sommer! Wenn man dieses Schönwetter-Lebensgefühl in Dosen abfüllen könnte – Ladendiebstähle würden überhand nehmen. Wenn man es in Pillen packen könnte, hätte man den Drogenmarkt unter Kontrolle. Zum Glück ist schönes Wetter demokratisch, es ist für alle da und es gibt gleichviel für jeden.

Die Limmat erfrischt nur noch begrenzt, manchmal sind so viele Menschen im Fluss, dass man die Seite trockenen Fusses wechseln könnte. Dafür ist sonst der Unterhaltungswert riesig. Allein die Entsetzensschreie, die sich über die Liegefläche fortpflanzen, wenn eine Libelle den Fleischmarkt im Tiefflug überquert. Dank Smartphones stirbt die Diskussion, ob ein Stich tödlich ist, schon nach etwa zwanzig Minuten.
Ebenfalls erfrischend: Menschen, die ein Pralinato so essen, als seien sie beim Casting für einen Pornofilm. Dann sind da noch die männlichen Teenager, die je nach Aussicht den ganzen Nachmittag in Bauchlage verbringen. Oder Singles, die man an der sonnengeröteten Stelle am Rücken erkennt, die sie beim eincremen nicht selber erreichen. Wer keine solchen Brandzeichen hat, und behauptet, single zu sein, dem ist nicht zu trauen. Merke: Singles sind nur echt mit Brandzeichen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 22. Juli 2015

Quartierräucherung

Ein Hoch auf Annelie und ihre Omega-Lage. Wir werden im eigenen Saft gekocht und es ist grossartig! Habe ich eigentlich schon mal in einem Nebensatz erwähnt, dass wir in einer Dachwohnung leben? Am Wochenende war es so heiss, die Dachziegel standen kurz vor den Schmelzpunkt. Meine Töchter behaupten, sie hätten oben beim Dachfenster zwei Hobbits gesehen, die einen Ring hereingeworfen hätten. Wieauchimmer – wir sind dann zum grillieren in den kühleren Garten gegangen. Dort hat sich die Sorte Erinnerungen eingestellt, die man gerne verdrängt. Zum Beispiel dass die Wiese je nach Standort den widerlichen Geruch von Katzenkot ausdünstet, den man kaum mehr aus der Nase bringt. Oder die Junikäfer, die keine Ahnung vom Kalender haben und einem sinnlos in die Frisur oder Kleider fliegen. Und das sind noch die angenehmsten Insekten, im Gegensatz zu dem Mückengesocks. Das verhasste Ungeziefer hat sich erst vom Acker gemacht, als ich den Grill eingeheizt habe. Boah, so viel Rauch! Sorry, liebe Nachbarn. Und nein, wir haben im Quartier keinen Papst gewählt.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 8. Juli 2015

Selfie-Stick

Okay ich gebs zu: Ich bin Besitzer eines Selfie-Sticks. Das Ding wurde mir quasi nachgeworfen für zwei Pfund fünfzig bei einem pakistanischen Strassenhändler in London. Meine Töchter haben mich erst ausgelacht und dann verachtet, weil ich dann mit dem Ding rumgefuchtelt und zilionen sinnloser Fotos geschossen habe, die niemand jemals anschauen wird. Blöd war es erst, als das Telefon klingelte. Das Gerät ausspannen und den Stecker abziehen würde viel zu lange dauern. Also Stock umdrehen und Gespräch annehmen. Das sieht dann etwa so aus, als horche man an einem Golfschläger. Der Anblick ist das pure Gegenteil von Coolness. Man steht da und ist sich voll bewusst, was für ein erbärmliches Schauspiel man abgibt. Erschütternd, erniedrigend und einfach nur peinlich. Vermutlich gibt es Bilder von mir, die als abschreckendes Beispiel für Selfie-Süchtige therapeutisch verwendet werden. Meine Frau und meine Töchter haben die Strassenseite gewechselt. Ich kanns ihnen nicht verdenken.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 24. Juni 2015

Telefon-Terrorist

Das Telefon klingelt und obwohl eigentlich 99 von hundert Anrufen für meine Frau oder meine Töchter sind, geh ich ran: Ein Typ auf Englisch mit wuchtig-indischem Akzent erklärt mir, er sei von Microsoft und mein Windows habe ein Problem. Ich bestätige ihm, dass meine Windows besser performen könnten. Bei all den Pollen und der Luftverschmutzung ist das auch kein Wunder. Er meinte, er würde das für mich kostenlos in Ordnung bringen, worauf ich ihn eingeladen habe. Hey, tu ich gerne für einen Mann, der ehrliche Arbeit sucht. Er möge gleich am Nachmittag vorbeikommen und meine Windows fegen; auf einem Window seien sogar Vogelexkremente. Der Typ hatte Humor. Ja, wenn das so wäre, käme er gerne vorbei, wir könnten dann zusammen Tee trinken. Ich wollte sicher sein, dass er nie wieder anruft, und trug ihm an, wir könnten auch unsere Geschlechtsmittel austauschen. «What?!??» – danach machte es klack und die Verbindung war unterbrochen. Muss ein Softwarefehler sein. Vielleicht sollte er sein Windows mal überprüfen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 10. Juni 2015

Das Tagblatt erscheint im neuen Layout, die Kolumne hat eine neue, besser lesbare Schrift. Dadurch wird die Kolumne einen Viertel kürzer.

ESC-Ausschnitt

An nabelfreie Damenmode habe ich mich ja die letzten zehn, zwanzig Jahre gewöhnt. Aber erst seit dem European Song Contest weiss ich, dass der Bauchnabel auch Teil des Ausschnittes sein kann. Da waren zig Frauen mit absurd tief ausgeschnittenen Abendkleidern. Meines Wissens gab es diese Sorte extravaganter Garderobe früher nur in Läden, die einem beim Kauf eine neutrale Tüte als Verpackung angeboten haben. Jetzt sind die offenherzigen Fummel dem Anschein nach auf europäischem Niveau salonfähig. Der freie Blick auf die Seiten der Brüste (Fachjargon «Sideboobs») wurde bisher nur durch grosszügig geschnittene Armlöcher freigegeben. Heute tut dies die lange Abendrobe mit mittigem V-förmigem Sichtfenster. Das Plus an Stoff im Faltenwurf wurde beim Dekolleté eingespart. Doch wie beim kürzer geschnittenen Vorgänger gibt es auch beim neuen Ausschnitt keinen Millimeter mehr zu sehen. Wie das geschieht, übersteigt mein Verständnis von Textilphysik. Ich tippe auf doppelseitiges Klebeband und hoffe inständig, dass die weibliche Leidensfähigkeit für einen modischen Auftritt nicht so weit geht, dass der Stoff mit dem Bostitch angetackert wurde. Wiedemauchsei, mit so einem Kleid kann man das neue Bauchnabelpiercing nachhaltig zur Geltung bringen, bei besonders tiefen Ausschnitten sogar das frische Brazilian Waxing.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 27. Mai 2015

Einschaltknopf nicht gefunden

Weil ich mich nicht ohne gutes Buch in die Sonne legen wollte, habe ich neulich auf Bildungsbürger gemacht und meine Quartier-Pestalozzi-Bibliothek (Vulgo: «Bibi») aufgesucht. Immerhin lockt die aktuelle Sachbuch-Bestseller-Liste mit epochalen Werken wie «Webers Grillbibel» oder «Darm mit Charme». Letzteres hört sich an, wie ein Loblied auf die Köstlichkeiten einheimischer Wurstfabrikation, ist es aber nicht. Auch kein Leitfaden, wie man der Holden den Verkehr a tergo auf sympathische Art näherbringen kann, sondern ein populärmedizinisches Werk über das Verdauungssystem.

Wiedemauchsei, ich stöbere durch das Neuheitengestell, wo sich neben mir eine Tigermama mit ihrem Wunderkind festgepflanzt hatte. Der Knirps war höchstens vier Jahre alt und offenbar schon des Lesens mächtig. Noch etwas unsicher, weil vielleicht zum ersten Mal in der Bibi, schaute er sich um. Ich setzte mein wohlwollendstes Gesicht auf, weil der erste Besuch eines Büchertempels nicht von einem griesgrämigen Kerl geprägt sein soll. Da spitzt die Kleine Daumen und Zeigefinger wie zum Okay-Zeichen, setzte die Finger auf den klein beschriebenen Rücken eines Buches und machte diese Spreizgeste wie beim iPad, wenn man etwas vergrössern will. Willkommen im 21. Jahrhundert! Ich hab erst drei Gestelle weiter losgelacht.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 13. Mai 2015

Dialekt mich!

Wo man hinkommt, sind die Leute stolz auf den eigenen Dialekt. Ich behaupte, je weiter man sich von Zürich entfernt, desto mehr gibt es Landstriche, in denen einfach alles falsch ausgesprochen wird. So einfach ist das.
Erst wenn mehr als die Hälfte des Gesprochenen falsch gesagt wird, ist es für mich ein anderer Dialekt. Das trifft zum Beispiel auf Bern oder das Bündnerland zu. Bei Basel bin ich mir nicht so sicher. Ich halte das Rheinknie-Idiom eher für das uneheliche Kind eines Aargauers mit einer Elsässerin.
Zurück zu den Bernern und Bündnern: Wir lieben es ja, wie die reden. Die machen den Mund auf und haben schon Pluspunkte. Aber als Ex-Radiot frage ich mich: Warum muss ich mir diese Dialekte in Zürcher Lokalradios anhören? Ist das nicht eher seltsam, wenn ein offenkundig nicht von hier Stammender uns Einheimischen Zürich erklärt? Bei nationalen Sendern ist das voll okay. Da kann auch mal ein Walliser ran, wobei einem dieser Dialekt hammerharte Konzentration  abfordert («Füessball» und so).
Wenn Züritüütsch der Rock’n’Roll unter den Dialekten ist, dann ist Wallisertiitsch mindestens Death Metal. Am südlichen Ende der Beliebtheits-Skala (Liftmusik?) ist übrigens in zig Umfragen der Ostschweizer Dialekt. Das ist in meinen Augen falsch. Das sind einfach Menschen, die sehr schlecht Züritüütsch reden… «uf en Art».

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 29. April 2015

Stimmt nicht für mich

Ja, ich bin meiner Bürgerpflicht nachgekommen und habe gewählt. Aber es hat sich nicht wie sonst angefühlt. Niemand hat um meine Stimme gebuhlt, keiner hat mich mit unhaltbaren Versprechen umworben. Der Urnengang war nicht mein persönlicher Ritterschlag für die Partei meines Vertrauens, sondern eher eine lästige Pflicht; vergleichbar mit dem Obligatorischen schiessen oder im Regen mit dem Hund raus. Im Vorfeld gab es keine Skandälchen, kaum Gehässigkeiten und deutlich weniger Plakate. Wenigstens auf Facebook haben die Parteien für unfreiwillige Komik gesorgt. Die SP hat vor zwei Wochen ein Osterchörbli gepostet mit Bildern ihrer Kandidaten als Eier. So viel Ehrlichkeit erwartet man nicht von einer politischen Partei. Auch die FDP hat für eine Schmonzette gesorgt mit ihrem alkoholträchtigen Slogan «Meh blau für Züri». Sssupr Botschaft – Hicks! Dazu passend die Spitzenkandidatin mit dem Namen einer weltbekannten Whiskymarke. Nein, Carmen Walker Späh ist nicht mit Johnny Walker verwandt oder verschwägert. Wiedemauchsei – mit ihr zieht eine beeindruckende Frisur in den Regierungsrat ein. Und gegen die lausige Wahlbeteiligung fordere ich eine Castingshow auf TeleZüri. Ich sässe vor der Mattscheibe, wenn Markus Gilli fragt «Wer wird Rat?» oder in mondänem Englisch «Who wants to be a Rat?»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 15. April 2015

Aprilscherzkeks

Um einen ausgeklügelten Aprilscherz zu inszenieren, ist es jetzt zu spät. Bleiben noch die kleineren Scherze, die man schnell präpariert hat, wie das Stück Klebeband, das man bei der Maus vom Büronachbar über den Laser klebt. Reicht aber höchstens für einen Schmunzler. Oder wenn der Kollege kurz vom Platz weg ist, eine Telefonnotiz hinlegen, «Bitte Hr. Bär zurückrufen» und darunter die Telefonnummer vom Zoo. Falls heute Ihr freier Tag ist, können Sie ja auf dem Parkplatz vor dem Café einem Neuwagen einen Zettel mit «Sorry wegen der Beule» unter den Scheibenwischer klemmen. Der Fahrer wird -zigfach und ergebnislos sein Auto umrunden. Da lohnt sich ein Fensterplatz. Wer’s aufwändiger mag: Im Büro die Espresso-Rückstände, die ihre Guetsliform behalten haben, mit Zahnpasta dekorieren, auf einen Teller legen und der Belegschaft überlassen mit einem Zettel «s’hät solangs hät». Noch einer für Eltern von Kleinkindern: Dafür brauchen Sie eine frische Windel und Nutella. Na, dämmerts? Nur schon der Gesichtsausdruck, wenn Sie die Konsistenz mit den Fingern prüfen und daran riechen, ist den Aufwand wert. Das blanke Entsetzen, das sich in den Augen des Partners widerspiegelt, wenn dann Ihr Nutella-verschmierter Finger in Ihren Mund wandert, ist unbezahlbar. Also los, Tagblatt verstecken, Brotaufstrich kaufen!

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 1. April 2015