« … wie … »

Neulich im trendigen Altstetten: Ein grosser Tisch an der frischen Luft, neben mir zwei junge Erwachsene, beide mit Pronomen und Bargeld ausgestattet, unterhalten sich lautstark über die Gentrifizierung «ihres» Quartiers. Mich hat weder der Ostschweizer Dialekt der einen, noch der Berner Dialekt der anderen Person gestört. Auch der Umstand, dass beide eine Matcha Latte für 10 Franken von einer internationalen Getränkekette vor sich stehen hatten und über sterbende Quartierbeizen oder -Lädeli schnödeten, ging mir voll am Ellenbogen vorbei.

Was mich irritierte, war das «wie». Es kam in jedem Satz, den die beiden absonderten, mehrfach vor: « Ich finds wie denäbet, dass d’Stadt wie nüt macht.» Woher kommen die überzähligen «wie»? Ja, lesen Sie den Satz ruhig nochmal durch: Er käme hervorragend ohne die Wies aus. Die zwei redeten munter weiter und ich war fasziniert, dass beide denselben Sprachfehler hatten. Ein Einzelfall? Mitnichten. Im Tram, im Laden, an der Bar – überall dasselbe. Das «wie» ersetzt komplett und radikal alle anderen Füllwörter: Das Ostschweizer «en Art» oder das Berner «gäng» – alle ersetzt mit «wie». Irgend-wie (haha) tönt es in meinen Zürcher Ohren dümmlich. Unser Füllwort ist das «oder» am Ende jeden Satzes. Da hat ein «wie» nichts zu suchen. Ist das wieder so ein Blödsinn, der es über den grossen Teich geschafft hat, wie Halloween und Marshmallows? Das «wie» wird genau gleich angewendet wie das Füller-«like» im amerikanischen Englisch. In Hollywood werden Schauspielende in Dumpfbacken-Rollen mit ganz vielen «likes» in ihren Texten gestraft. Wer’s nicht glaubt, soll sich eine High-School-Komödie im Originalton zu Gemüte führen. Als Vater von Millenial- und Gen-Z-Töchtern bin ich besorgt. Ich hoffe nur, dass das nicht wie ansteckend ist.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 13.09.2023)

Erste Dekade

Zehn Jahre schreibe ich mehr oder weniger regelmässig launige Kolumnen für unser Verwöhnblatt. Über die Jahre habe ich so alle paar Monate aus dem Kreis der Leser*innen schaft mal Feedback erhalten. Jepp, mehr ist nicht drin. Das Spektrum reicht von freundlich-wohlwollend bis hin zum bedrohlichen «… Sie am liebsten in meine Wohnung zerren und endlos XXX.» (anonym). Offen verachtend war nur der Brief eines Musiklehrers von der Pfnüselküste. Keine Ahnung, wie er dort an die Zeitung gekommen ist, aber in seiner Fanpost hat er meine Familie seines tiefsten Mitgefühls versichert, dass sie mich ertragen müssen und mir gegenüber den Wunsch geäussert, dass «Leute wie Sie sich auflösen». Ich hoffe, ihm hat die handschriftliche Formulierung seiner Breaking-Bad-Fantasie gutgetan.

Vom Teenager bis zum alten Sack: Fünf Dekaden Messi

Zweimal wurden Kolumnen von der Chefredaktion abgelehnt: Die eine war ein politisches Meinungsstück zur Kampfjet-Beschaffung, die der damalige Chefredaktor wegen der Nähe zur Abstimmung nicht publiziert sehen wollte, die Andere war eine … vielleicht etwas drastische Schilderung meiner ersten Darmspiegelung. So wurden Sie von den Detail verschont, wie ich einen fäkalen Jackson Pollock in die Keramik gedonnert habe. Die beiden Kolumnen finden sich auf messiswelt.com.

Meine Webseite bietet auch lustige Statistiken: Interessant finde ich, dass seit ich den überragenden Führer der chinesischen Volksrepublik Xi Jinping in einem Nebensatz erwähnt habe, jeden Monat zehn Besucher*innen aus China auf meiner Webseite sind. Wohl arme Studierende, die hoffen, ihren Sozialkredit durch die Aufdeckung meiner subversiven Schreibe etwas zu verbessern.

Freude habe ich auch an den vielen Besucher*innen aus fernen Ländern wie Uganda, den Cook Islands oder Grönland. Es gibt wohl keinen Ort, an dem Tagblatt-Leser*innen nicht waren.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 21.06.2023)

R.I.P. CS

Eigentlich wollte ich einen launigen Rückblick auf 10 Jahre Tagblatt-Kolumnen schreiben, aber dann haben Besserverdienende ihre Bank in den Graben gefahren. Die arme Credit Suisse. Zum Glück musste das Roger Federer nicht mehr erleben – so als Aktiver und Gesponsorter, meine ich. Als FCZ-Fan, der einmal mehr das versprochene Fussballstadion zusammen mit der Grossbank den Bach runter gehen sieht, könnte ich Exorzist-mässig kotzen. Aber ich will realistisch bleiben und muss immerhin anerkennen, dass das Grossbanken-Business-Modell brillant ist: Gewinne werden privatisiert, Verluste werden sozialisiert. Und kaum einer muckt auf. Aber wenn Du als Privater deine Firma in den Ruin treibst und vorher noch eine Million abzügelst, kommst Du unweigerlich in den Knast. Wenn Banker die Firma an die Wand fahren, hilft der Staat und die Banker pochen selbst dann noch auf ihre Ansprüche auf Boni in Milliardenhöhe. Das ist ungeheuerlich. Das Selbstverständnis dieser Spezies ist für mich nicht nachvollziehbar.

Chöööläääää, Booooniiiii – ein lustiges Völkchen, diese Bänker.

Haben Sie den Verwaltungsrats-Präsidenten gesehen, wie der an der Pressekonferenz so schlumpfig in die Kamera gegrinst hat? Wie so der Typ im Vampirfilm, der gebissen worden ist, es aber vor seinen Freunden geheim hält. Und dann diese blutleere Ansprache, in der er keinerlei Verantwortung für das Desaster übernimmt. Was war das denn? Chat-GPT für die Business-Class? Ich bin für Drogentests bei Spitzenbankern. Wer mit seinen Handlungen ganze Volkswirtschaften über den Thomas Jordan schicken kann, der soll dabei mindestens einen klaren Kopf haben. In einer gerechten Welt müssten all die Boni-Empfänger, Krawatten- und Entscheidungsträger bis an ihr Lebensende im Steinbruch schuften. Die Nationalbank sollte die Portokasse plündern und den CS-Hauptsitz in ein Hochsicherheitsgefängnis für kriminelle Banker umbauen.

Für das noble Haus am Paradeplatz habe ich schon einige Vorschläge gehört: Aushöhlen, Stadion rein – passt wohl nicht ganz. Den Koch-Areal-Besetzern eine neue Bleibe bieten? Sähe sicher schmuck aus, so mit Transparenten «Zureich» oder «alles wird gut» an der Fassade, dazu ein satter Musikteppich, der aus den stattlichen Mauern wabert. Eine schöne Idee ist auch, den ehemaligen CS-Hauptsitz in Genossenschafts-Wohnungen umzubauen. «Zentral gelegen Acht-Zimmer-Wohnung mit eigenem Panzertüren-Safe, 1870/Mt.» Die Schlange für die Bewerbungen würde vermutlich zwei Mal ums Seebecken reichen. Ich favorisiere allerdings, dass ich das Gemäuer selber bewohne. Ich würde vermutlich sowas wie eine Generationen-WG machen, so mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aller Altersstufen, mit eigener Besenbeiz und Band-Übungskeller im gepanzerten Safe-Raum und einem SKA-Skimützen-Lismerraum.

Wo wir grade bei Erwachsenen sind, die sich merkwürdig verhalten: Der Bund hat zwar getan, was er tun musste, bei einem Institut, das zu gross zum Scheitern ist – aber war das wirklich die beste Lösung, die Credit Suisse zum M-Budget-Preis an die UBS zu verhökern und damit noch ein grösseres Monster zu erschaffen? Ich habe da so meine Zweifel. Immerhin hat die Stadt Zürich sofort reagiert und die Züri-Seck im Credit-Suisse-Farbgewand (blaue Schrift auf weissem Grund) ausgetauscht durch schöne Güselseck so voll in Blau mit weisser Schrift.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 29.03.2023 )

Fitte Festtage

Ich hab’s geschafft! Ich habe mein Vorweihnachtsgewicht gehalten. Irgendwie bin ich allen Völlereien und Guezlis aus dem Weg gegangen und habe höchstens eine supertiefe zweistellige Zahl Weihnachtsgebäck gemampft. Das Ziel war zwar Null, aber bei Zimtsternen bin ich affektlabil und die Anderen habe ich aus Höflichkeit gegessen. Ehrlich! Hey, wenn da auf so einem Guezli Dein Name steht und die charmante Bäckerin Deine Tochter ist, die Dir platzend vor Stolz das selbstgemachte Gebäck noch warm auf einer Serviette reicht, musst Du schon ein ziemlicher Kloakenwurm sein, um Nein zu sagen.

«Raus kommt es immer; die Öffnung ist entscheidend.» © Abigail Miller / Unsplash

Auch die grossen Fressorgien blieben aus. Wenn ich zurückdenke, was meine Oma damals veranstaltet hat. Das waren Kalorien- und Cholesterinbomben noch und nöcher. Meine Oma hat so gekocht, dass man meinen könnte, sie wollte, dass wir beide gleichzeitig sterben. Sie kannte keine Pronomen, aber sie war ein kreatives Kochgenie. Oh Mann! Damals hielten wir George Michael noch für hetero, die Swissair war kerngesund und neben dem Tisch sass Boris, unser Neufundländer-Labrador-Mischling, der sabberte während wir assen. Boris musste ich wie so einem Blackjack-Croupier im Casino meine leeren Hände zeigen, wenn ich fertig gegessen habe. Das ist lange her. Boris, George Michael und meine Grosseltern haben alle schon ein kleines Gärtlein auf dem Bauch.

Anstelle eines weiteren Festessens haben wir in Baden die neue Therme besucht, wo man zu sphärischer Musik von Boris Blank in eine Salzlösung steigen kann, die einen trägt wie das Wasser im Toten Meer. Das sieht so aus wie im Science-Fiction-Film der Raum, in dem Aliens Menschen in einem Substrat schwimmend züchten. Creepy. Der Nachmittag hat mit Familie und einem Happen Essen etwa den Gegenwert von zwei Kilo Rindsfilet gekostet. Das behalte ich mir als Option für nächstes Jahr. Jetzt kommt die Zeit der Partys. Hier ein Pro-Tipp: Wenn Du weisst, dass Du am Abend viel trinken musst, dann iss vorher eine Banane, eine Orange, und hundert Gramm Himbeeren. Das hilft zwar nicht, sieht aber hübscher aus, wenn es wieder rauskommt!

(Tagblatt der Stadt Zürich, 04.01.2023)

Bro!

Neulich an der Tramhaltestelle Bellevue: Zwei junge Frauen stellen sich neben mich und tratschen über einen Kerl. Ich werde dabei unfreiwillig Zeuge eines Gesprächs, wie es sonst vermutlich nur in Damentoiletten stattfindet. Die beiden sind typische GenZ-Vertreterinnen, beide tragen fluffiges Haar mit messerscharfem Mittelscheitel, borstige Augenbrauen, diesen Bella-Hadid-Edelpunk-Look und nennen sich gegenseitig «Bro». M-hm, ist so. Mir zieht’s schon die Ohrläppchen in den Gehörgang, wenn ich Kindergärtler höre, die sich gegenseitig «Alter» nennen, beim Bro zwischen Frauen muss ich ein kleines bisschen in meinen Mund erbrechen. Ausserdem haben beide diesen permanent empörten Gesichtsausdruck, den man als «Resting Bitch Face» kennt.

Verlegenheitsbild mit zwei Frauen als Motiv. (Ich will nicht darüber sprechen.) © Kinga Cickewicz

Aber zurück zum Gespräch, dessen williger Mithörer ich wurde: Der Kerl, über den sie redeten – Mitschüler? Mitarbeiter? Egal! – macht wohl alles falsch. «Dä gaht sicher nöd i d’Gym», was sogleich mit einem «genau, voll» quittiert wurde. Ausserdem trägt er die falschen Brands und seine Haare, vermuten die beiden, lässt er wohl in einem preisgünstigen Einwanderer-Salon machen. Diesmal ein beipflichtendes «voll, genau». Das Shaming geht weiter: Dass er sie anlächelt, wenn er im Vorbeigehen grüsst, finden beide «voll creepy». Ich denk mir, die arme Sau, will nur nett sein und wird in die Grusel-Ecke gestellt. Dann folgt der Todesstoss, der endgültige Diss, das härteste Urteil, das diese Generation fällen kann: «Dä hät sicher au am Abig no en volle Akku im Handy». Mich hats zerrissen. Ich habe geprustet wie ein Wasserbüffel, der in Birchermüesli ertrinkt. Nicht nur die beiden Frauen, auch andere Umstehende haben mich verständnislos angestarrt. Zum Glück hat mich die VBZ mit dem einfahrenden 9er Tram gerettet.

Hai uf Züri

Zürich ist in den Sommerferien einfach hinreissend. In diesen paar Wochen, wenn die Patina von Stress, Termindruck und Pendenzen bei allen weggespachtelt ist, und das Wetter so strahlt, präsentiert sich die Stadt wie ein riesiger Instagram-Feed: Alle sind gut drauf, keine Staus, Platz im ÖV, überall Parkplätze, entspanntes Personal in Büros, Beizen und Läden, niemand hat Stress. Im Lettenbadi-Café hat es für mich sogar einen freien Tisch am Nachmittag – die Welt ist schön.

Auch keine Bullenhaie?

Ein guter Moment, nachzusehen, ob auch meine Mitmenschen so gut drauf sind. Da sind zum Beispiel die zwei Jungs, die sich in der Bestell-Schlange fragen, ob sie noch ein Bier vertragen – das klassische Shakes-Bier Dilemma: «Sein, oder Dichtsein». Unten der Typ, der auf dem Tüechli sitzend in sein Smartfon starrt und sich dabei gedankenverloren am Knöchel kratzt. Vielleicht sollte ihm jemand sagen, dass diese Beton-artige Kruste, die sich um die Ferse zieht, waschbar ist. Dann fallen meine Augen auf zwei fröhlich tratschende Schwimmerinnen, die im gottgefälligen Ganzkörper-Badekleid limmatabwärts treiben. Es gibt immer was zu sehen: Die Influencerin mit der Ringlampe am anderen Flussufer. Teenager, die einer Badehose nachschwimmen. Die Szene bleibt jugendfrei: Der Verlierer hatte drunter noch Boxershorts an. Am Nebentisch entbrannte die Diskussion, was unterhaltsamer wäre: Krokodile oder Haie in der Limmat. Nachdem gegoogelt wurde, dass es offenbar Süsswasser-Bullenhaie gibt – «höhö, Bullen haben wir genug, nur die Haie fehlen noch» – haben die Haie gewonnen. Dabei hiess doch der städtische Design-Güselchübel «Züri-Hai». Wiedemauchsei, Sommerferien in Zürich sind ein Riesenspass – wenn man es sich leisten kann.

(Tagblatt der Stadt Zürich 20.07.2022)

Glo-Pro

Neulich habe ich im Tagi gelesen, dass man sich überlege, das bröckelnde Globus-Provisorium beim HB zu erhalten. Der Bau sei «architektonisch, städtebaulich, aber auch sozialgeschichtlich durchaus relevant». Was?! Dieser krude Klotz, der in der gründerzeitlichen Architektur rund um den Bahnhofplatz aussieht, wie ein Tiefseefisch in einer Singvogel-Volière, soll architektonischen Wert besitzen? Bloss, weil es am Wasser ist, ist es noch längst nicht das «Falling Waters» von Zürich. Für mich sieht gute Architektur anders aus.

So sieht das aus: Tiefseefisch in einer Singvogelvolière.

Das Gehütt wurde garantiert nicht vom Globus-Architekten gestaltet, der war viel zu beschäftigt mit dem Entwerfen des Warenhauses, sondern von dessen Lehrling und der hat Zürich gehasst. Ein Basler, womöglich? Jedenfalls ein Superschurke, dessen übles Werk ihn nach 61 Jahren wohl schon überlebt hat. Provisorium? Meine Fresse! In Zürich gab es stattliche Wohnhäuser und Gewerbebauten, die nicht so langlebig waren. Wenn es wirklich instand gestellt werden soll, dann bitte im Spreitenbacher Industriequartier, aber nicht an einem Ort, der touristisch so wertvoll ist, wie das Papierwerd-Areal. Jeder Reisende, der nach Zürich kommt, und am Bahnhofquai ins Tageslicht tritt, sieht als erstes nicht die Altstadt oder die Limmat, sondern diese städtebauliche Abomination, diesen Lebensmittel-Bunker desselben Grossverteilers, der dieser Stadt schon einen brutalistischen, fensterlosen 118-Meter-Getreide-Silo beschert hat. Ich wittere eine Basler Verschwörung: Coop (Hauptsitz in Basel) versucht mit allen Mitteln das Zürcher Stadtbild zu ruinieren. Die beiden grössten Schandflecke in Zürich tragen den Coop-Schriftzug.

Gebauter Brechreiz: Das Globus-Provisorium Bild: Marco Zanoli

Mal ehrlich: Das Globus-Provisorium sieht aus, als hätte man nach dem Krieg eine ausgebombte Ruine so schnell als möglich mit einem funktionalen Plattenbau ersetzen wollen. Reisende aus Osteuropa, die solche Anblicke gewohnt sind, fühlen sich natürlich sofort heimisch. Das kann doch nicht das Ziel sein. Würde man diese trostlose Doppelturnhalle in den Weltraum schiessen, und Ausserirdische würden sie finden, nähmen die das zweifellos als Akt der Aggression wahr. Der Bau sieht so aus, wie Grippe sich anfühlt: Sehr, sehr übel. Jedes Mal, wenn ich mit dem Tram das Limmatquai runter oder vom Central Richtung HB fahre und den groben Klotz sehe, erbreche ich ein kleines Bisschen in meinen Mund. Hat der Bau Charakter? Wenn ja, dann einen besonders schlechten. Wäre es ein Lebewesen, nicht einmal seine eigene Mutter hätte es lieb. Wenn diese Zombie-Festung wirklich der Nachwelt erhalten bleiben soll, dann von mir aus in einem finsteren Winkel im Freilichtmuseum Ballenberg, aber nicht im Zentrum meiner Stadt.

(Tagblatt der Stadt Zürich 27.04.2022)

Zum Weinen

Im Moment nerve ich meine Freunde und Bekannten mit der Behauptung, das ganze Brimborium um Wein gäbe es nicht, wenn das Zeug nicht betrunken machen würde. Weinliteratur füllt ganze Bibliotheken, es gibt Weinclubs, in die ist es schwerer reinzukommen, als in das NASA-Astronautenprogramm. Jedes Kaff mit einem Rebberg hat ein Weinfest, all die Weinschiffe, -Reisen, -Verkostungen. Als ob Weinkonsumenten einen Grund bräuchten, sich zu betrinken, pardon – den Rebensaft zu kosten. Sogar in der Kirche wird gebechert. Blut Christi? Proooost! Neben der Fähigkeit Wein in Wasser zu verwandeln, haben Weintrinker sogar eine eigene Sprache: «Schöne Nase, üppiger und doch eleganter Körper, charmanter Abgang.» Tönt nach einem One-Night-Stand, ist aber eine Weinbeurteilung. Kenner bedienen sich einer bisweilen grotesk-snobistisch anmutenden Wortakrobatik, die hauptsächlich andere Weinkenner zu beeindrucken vermag. Ein Einfaches: «mir schmeckt der Wein» reicht denen nicht. Ein Vertreter dieser Gärmost-Klugscheisser beschreibt einen überteuerten Bordeaux so:

«In der Manier wandelnder Zartheit, im Gewand purer Eleganz, gravitätisch gravitationslos und mit kristalliner Brillanz gleitet dieser dominant dunkelbeerige Seidentraum mit der Frische morgendlicher Kühle reibungslos, in einem Tanninkorsett von atemberaubendem Zuschnitt, in nobler Haltung, schörkellos und im Bewusstsein der eigenen Nobilität über die Zunge und zeigt eine Gaumenkür von eklatantem Aplomb, formidabler Länge und animierender Frische.»1

‘The fuck hab ich da grade gelesen?!?? Da fragt man sich ernsthaft, was der sonst noch so geschluckt hat. Der hat definitiv zu viel gehabt. Kinder – Finger weg von dem Zeug!

Klare Anweisungen: Weintransporter in den USA «Im Falle eines Unfalls, bring Käse und Cracker. Echt viel Käse und Cracker.» © Reddit/u/InsatiableSarah

Noch ein Beispiel? Ein Weinbeschwörer ortet eine geschmackliche Ledernote in so einer Plörre und beschreibt den Geschmack «… wie ein scharf gerittener Damensattel»2. Schön, wenn man seinen Fetisch mit dem Schreibauftrag verbinden kann.

Weingeist ist zwar immer noch besser als gar kein Verstand, trotzdem bin ich nicht beeindruckt, wenn jemand eine «gute Flasche» im Restaurant ordert: 700 Franken für eine Pulle «Schlafite»? Gönnt man sich. Da sitz ich nun vor meinem Glas und kanns nicht so richtig geniessen. Bei jedem Schlückchen denke ich «wieder eine Zehnernote». Nachdem ich den Gegenwert eines Wochenendeinkaufs für eine ganze Familie verköstigt habe, fühle ich mich nicht bereichert. Höchstens leicht angesäuselt. Ich bleibe dabei: Das Zeug ist nur so populär, weil es betrunken macht. Noch ein Indiz? Wir trinken fast doppelt so viel Milch. Wo sind da die Milch-Ratgeber, die Milch-Sommeliers, Milchschiffe, Milchverkostungen? Hm? Okay, Milch ist nicht so haltbar wie Wein. Da stellt man kein besonders feines Tetra Pak für einen runden Geburtstag zur Seite. Trotzdem würde ich gerne einem Mitglied der Confrérie des Chevaliers du Tastelait zuschauen beim katzenzüngelnden Schlabbern der Milch aus der flachen Tasse, gefolgt vom Gegurgel und dem obligaten Zungenschnalzen. Was für Wortschöpfungen würden uns diese Menschen um die Ohren hauen? Schwer-eutrig? Heublumig? Schlankzitzig? Schmandperlig? Wir werden es nie erfahren. Warum? Weil das Zeug nicht … Sie wissen schon.

Irgendwie beleidigend für den Mann. © vecernji.hr

Eigentlich gehört Alkohol zu den harten Drogen. In seiner Darreichungsform als Wein kann er aber der Gesundheit sogar zuträglich sein: Ein Glas Wein am Tag, sagen Ärzte, sei eine gute Medizin. Nicht mehr lange und die Weinlobby verkauft uns das Zeug als Schluckimpfung. Da kann Kuhmilch nicht mithalten. Ich sage nur: Laktose-Intoleranz. Milch hat dafür andere Qualitäten: Sie hören nie jemanden Jammern, nach drei oder vier Gläsern Milch habe es sich wie eine gute Idee angefühlt, die verflossene Beziehung anzurufen, dass man sich wiedersehen solle oder so. Man kann sich mit Milch auch keinen Menschen schön saufen. Milch hilft nicht, mit unattraktiven Menschen Sex zu haben. Wein schon. Warum das so ist? … Eben.

(Tagblatt der Stadt Zürich 2.2.22)

1 https://www.aux-fins-gourmets.de/bordeaux/pauillac/chateau-pichon-comtesse/chateau-pichon-comtesse-2015.html

2 https://www.spiegel.de/panorama/im-rausch-der-enzyme-a-853ed28d-0002-0001-0000-000042903259

Nachtrag
Ich wurde auf Social Media gefragt, ob ich denn Wein oder Weintrinker oder gar beide nicht möge. Mitnichten. Ich mag das Getränk und die meisten seiner Trinker. Auf das Thema bin ich gekommen, weil ich mit einem Freund in einem Lokal zu Abend ass, wir ein superspannendes Thema diskutierten und sich plötzlich der «Maître de» an unserem Tisch materialisierte. Wir unterbrachen unser Gespräch und der Kellner zeigte mir die Flasche unseres bestellten Weins und zwar auf eine Art, als wäre es sein Erstgeborenes.
Ich war leicht peinlich berührt ob des Schauspiels, habe ihm bestätigt, dass das dem Etikett nach die bestellte Weinflasche ist. Er öffnet die Flasche kunstfertig, während wir schweigend zuschauten. Dann roch er am eben amputierten Kork, nickte und stellte seine Augenbrauen auf Fragezeichen, während er mir auf einem Tüchlein den Kork hinhielt, falls ich auch einen Lungenzug nehmen wollte. Ich winke ab, er interpretierte das wohl als Vertrauensbeweis und schenkt milde lächelnd eine homöopathische Menge in ein Glas ein. Der Weinverkostungsmoment war da. Zwei Augenpaare richten sich auf mich, ich probierte also einen Schluck, der wie das schmeckte, was ich bestellt hatte, nämlich Wein. Das habe ich dem Kellner mit meinem hochgestreckten Imperatordaumen bestätigt. Die Gesichtszüge des Service-Fachmanns entspannten sich, er setzte ein Verwöhn-Lächeln auf und schenkte dann die beiden Gläser ein. Nachdem er sie uns hingestellt und Wohlsein gewünscht hat, entfernte er sich diskret.
Da habe ich mir überlegt, wieso zwei erwachsene Männer ihr Gespräch einstellen müssen, weil einfach ein Getränk serviert wird. Bei Bier, Milch, Saft, Kaffee oder Mineralwasser passiert das nicht. Dann hat mich die Schreiblust gepackt.

Ich und Batman

Zeit für eine Zwischenbilanz: Ich habe die Übersicht verloren, in der wievielten Welle wir uns befinden, bin aber mächtig froh, dass die Pandemie 2020 gekommen ist und nicht 2003. Ich will mir nicht vorstellen, Tage und Wochen zuhause zu bleiben mit einem Nokia 3310 (hatte als einziges Spiel «Snake» drauf), dem meist schrottigen Fernsehprogramm ausgeliefert, einigen VHS-Kassetten im Gestell und einer ISDN-Verbindung. Wie konnte man eigentlich überhaupt aufs Klo ohne Smartphone?

©Jon Adams / New Yorker
©Jon Adams / New Yorker

Der Lockdown 2020 war zwar lästig, hat aber mir und vielleicht auch Anderen aufgezeigt, dass es nicht an der mangelnden Zeit liegt, dass man seine immer wieder aufgeschobenen Projekte nicht mal ansatzweise umsetzt. Diese Illusion ist definitiv gestorben. Ähnlich die Illusion mit der Fitness. Habe ich die gesparte Zeit, die ich nicht im Tram oder Bus verbracht habe, für körperliche Ertüchtigung verwendet? Natürlich nicht. Dabei habe ich mir echt überlegt, mit Fechten zu beginnen. Fechten ist der perfekte Corona-Sport: Masken, Handschuhe und du stichst jeden ab, der sich auf 1 Meter 50 nähert. Hab’s aber gelassen. Trotzdem bin ich wie jeder Kerl überzeugt, dass wenn ich es nur wollte, dass ich mir den Body eines griechischen Halbgotts antrainieren könnte. Hollywood-Schauspieler können das ja auch. Ich bräuchte nur drei Monate, einen Fitness-Coach, eine Ernährungsberaterin und keinen freien Zugang mehr zum Kühlschrank plus eine Motivation wie die Titelrolle im nächsten Batman-Film. Keine Ahnung, warum die mir nicht die Bude einrennen mit Superhelden-Rollenangeboten.

Wiedemauchsei – am 17. November sind wir im dritten Jahr der Pandemie. Ja, die zwei Wochen, die es zum Abflachen der Kurve brauchte, sind schon bald vorbei. Was haben wir Neues? Eine Dating-Plattform für Impfskeptiker. Coole Sache, denken sich Geizhälse … Entschuldigung, Sparfüchse: Dort rechnet es sich, einen neuen Schatz zu suchen, weil billiger kommt man nicht davon: Keine teuren Restaurants, keine Fitness-Clubs, keine Partys, keine Flugreisen – voll Low Budget. Mich braucht das aber nicht zu kümmern. Immerhin habe ich mich impfen lassen. Die Nebenwirkungen sind aber heftig: Ich werde keinen vorzeitigen Covid-Abgang machen, sondern bis zur Pensionierung arbeiten und womöglich noch älter werden. Das hätte ich mir früher überlegen sollen.

Abgehoben

Neulich habe ich Besuch vom Flughafen abgeholt. Da taucht man in eine andere Welt ein, in der andere Regeln gelten. Es gibt zum Beispiel keinen Dress-Code: Du kannst am Flughafen um 06:30 Uhr biertrinkend in Jogginghosen rumhängen, ohne dass irgendjemand auch nur die Nase rümpft. In der Transit-Zone laufen Leute rum, die sehen aus, als kämen sie direkt von einer Pyjama-Party oder wären vor zwei Minuten aus dem Bett gestiegen: Schlabbershirt, Turnhose, Flipflops, zerknautschte Frisur und schon fast sichtbarer Mundgeruch. Im Idealfall stammt der Mundstuhl von einem Fischbrötchen, das am Flughafen schnell mal ein kleines Vermögen kostet. Sogar auf der abgelegensten SAC-Hütte würde man sich für die Preisgestaltung schämen. Nicht so am Flughafen: Hey, das Zeug ist zoll- und steuerfrei und kostet trotzdem das Doppelte wie an der Bahnhofstrasse? Vielleicht ist es eine Art Export-Gebühr: Immerhin wird das Zeug, was die verkaufen, flugs verdaut und füllt danach Kanalisationen rund um den Globus. So genau will ich das aber nicht wissen und kaufe mir ein Fläschchen stilles Wasser zu einem Preis, den man eigentlich für einen Harass inklusive Heimlieferung zahlt.

Inflight Entertainment in der Goldenen Ära: Geselligkeit in der Lounge. © Airline Ratings

Flughäfen sind kein Ort des Frohsinns, ausser vielleicht in der Empfangshalle, wo hierzulande Kuhglocken offenbar noch einen hohen Stellenwert haben. Der Tiefpunkt wird erreicht beim Sicherheits-Check: Der Ort, wo alle die Schuhe ausziehen müssen und es riecht wie im Fondue-Stübli. Da spielen sich Dramen ab mit verknoteten Schuhbändeln, oder wenn der Metalldetektor pfeift, sind einzelne Passagiere schon nahe am Nervenzusammenbruch und Vielflieger nerven sich über Pauschaltouristen. Auch die spontan aufflammenden Bürgerproteste «Wieso muss ich meine Schuhe ausziehen?», tragen nicht zur guten Laune bei.

Aber der Flughafen ist kein Ort für repräsentative Verhaltensstudien. Es gibt zum Beispiel keinen Grund für ein Gedränge, sobald das Boarding beginnt. Trotzdem verhalten sich die Passagiere so, als sei es der letzte Helikopter in Saigon. Lustig wird er erst, wenn man das Flugzeug betritt und einem die Flugbegleitung zeigt, in welcher Richtung der Sitz ist. Ich bin dann immer überrascht, wenn ich nach hinten soll und nicht ins Cockpit. Ein weiterer Quell der Freude ist die Sicherheitsdemonstration, wo sie einem erklären, wie der Gurt funktioniert. Schwarze Magie. Ohne Anleitung hätte ich den Gurt vor dem Bauch verknotet. Mein Lieblingsteil kommt aber mit der Demonstration der Schwimmweste: Dieser angewiderte Blick der Flugbegleiterin, wenn sie die versiffte, tausendmal gebrauchte Weste hochhält, um sie dann mit angehaltenem Atem milimeterknapp am perfekten Make-Up vorbei streift und danach mit unterdrückter Abscheu Verschluss, Trillerpfeife und das Aufblas-Röhrchen demonstriert, das allein ist schon den Ticketpreis wert. Schade, dass die Safety-Demo heute meist mit einem Video abgefeiert wird.

Traumberuf 1970: Air Hostess. Damals Rockstars, heute Saftschubsen. © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Swissair

Über die Bordverpflegung wurden schon Bücher geschrieben. Meine Erfahrungen kann man so zusammenfassen: Wenn die beiden Optionen
A) duftende Pasta mit Tomatensauce und frischem Basilikum, oder
B) kaltes Schafhirn mit verkohltem Fenchel sind, dann rauschen die Flugbegleitenden mit den Servier-Wagen an meiner Reihe vorbei, bis sie am anderen Ende des Flugzeugs mit Verteilen anfangen. Wenn sie dann nach gefühlten drei Flugstunden bei mir sind, ist eine Option gerade nicht mehr verfügbar. Raten sie mal welche … Jepp!

Aber irgendwann landet die Maschine – je nach Destination mit oder ohne Applaus – und bevor sie ausgerollt ist, stehen schon alle im Mittelgang mit ihrem Handgepäck und wollen nichts wie raus. Wozu? Damit sie länger am Gepäckkarussell warten können? Tröstlich finde ich nur den Gedanken, dass an jedem dieser Bänder der Wunsch einer Person in Erfüllung geht, dass ihr Koffer der erste sein möge, der durch den Gummilappenvorhang bricht. Aber auch das Gepäckkarussell ist nicht ohne Makel: Du wurdest zigmal geprüft, geröntgt, befragt und abgetastet, aber am Karussell kannst du jeden Koffer nehmen, der dir gefällt. Flughäfen sind komische Orte.