Trama Queen

Neulich war ich in Bern. Dort sind die Tramhaltestellen angeschrieben mit «Abfahrtskante». Der kleine Teutone, der in einer abgelegenen, dunkelbraunen Ecke meines Bewusstseins wohnt, schrie: «Hammse verstanden, Schröder?! Ab-fahrts-kante!» Eine stramme, völkische Bezeichnung. Ich habe unwillkürlich die Absätze zusammengeknallt. Wie dort wohl die Kontrollöre heissen? Getrako? «Steigen Sie einzeln und mit erhobenem Billet aus dem Tram!» Schauder.

Tram-/Bus-Abfahrts-LCD-Schirm am Berner Bahnhof.
In Bern gibt man sich im öV die Kante. ©Bernmobil

Ich bin einmal mehr froh, Zürcher zu sein. Auch wenn gewisse Tram- oder Busfahrten mehr Erlebnisse bieten, als ich mir wünsche. Der 32er ist nach Einbruch der Dunkelheit schon fast ein Garant für bizarre Unterhaltung: Junge Frauen, die sich während der Fahrt schminken und bei jeder Bodenwelle den Chauffeur mit Kraftausdrücken eindecken, Menschen mit kräftiger Ausdünstung, die dir unbedingt einen Glücksbringer «schenken» möchten, oder der ältere Herr, der knurrend versucht mit den Zähnen eine widerspenstige Plastik-Verpackung aufzubeissen, bis ihm die Zahnprothese rausrutscht. Ich habe mich dann abgewendet, als er, jetzt mit den Zähnen in der Hand, weiter versucht hat, die Verpackung aufzuschlitzen, während andere Fahrgäste angefangen haben, den Mann zu filmen. Ich bin übrigens fest der Ansicht, dass man – egal was man tut – sofort damit aufhören sollte, wenn einen Menschen verschiedener Ethnien und Geschlechter dabei filmen. Eine andere gesellschaftliche Regel sollte sein, dass alle, die ein Buch lesen, das Ding so halten müssen, dass ich den Titel und im Idealfall auch noch den Klappentext lesen kann. Aber die meisten Menschen starren in ihr Handy oder tragen Stöpsel im Gehörgang und sprechen ins Leere. Noch vor 20 Jahren wäre so einer ein stadtbekannter Sonderling gewesen, der einfach so im Tram ohne Gesprächspartner in die Luft rausschwatzt. Da sind mir Jugendliche fast lieber, die mit eingeschaltetem Lautsprecher telefonieren. Da bekommt man wenigstens die ganze Story mit. Aber keine Angst, nicht jedes Zürcher ÖV ist eine mobile psychiatrische Klinik.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 17. September 2025)

Webstübler

Das Internet geht mir immer mehr auf den Keks. In seinen Jugendjahren konnte man einfach auf eine Webseite surfen und Inhalte aufsaugen. Heute geht das so: Webseite öffnen, herausfinden, wie man alle Cookies ausser die essenziellen abwählen kann, dann das Hilfe-Widget unten rechts ausschalten, das selbststartende Video anhalten, dann das Pop-up für den Newsletter wegklicken, dann noch die Frage, ob mein Standort verwendet werden dürfe verneinen und schon sind wir parat. Jetzt muss ich nur noch herausfinden was ich überhaupt auf dieser Webseite wollte. Schlimmstenfalls muss man sich auch noch registrieren und schon wieder ein neues Passwort in die Welt setzen. Hey, wer früher Passwörter beruflich gebraucht hat, war ein russischer Spion. Heute? Wie viele Passwörter haben Sie? Bei mir sind’s hunderte, die ich in einer App verwalte – natürlich passwortgeschützt. Die automatisch generierten Passwörter lesen sich wie die Namen der Kinder von Elon Musk.

©Torsten Wolber «Neos Office»
©Torsten Wolber «Neos Office»

Übel ist auch, dass die Videoclips, die ich vor 20 Jahren gemocht habe, heute im Kleinbildformat wiedergegeben werden und daneben sitzt im Bild so ein Inflünzer und tut so, als sähe er den Clip zum ersten Mal. Reaction-Videos nennt sich der Müll, den ich nur vorgesetzt bekomme, weil ich das Original vor Jahren mal geliked habe.

Das Internet vergisst nie und weiss mehr über mich, als ich selber. Mit diesem Wissen mobbt es mich voll: Werbungen für Medikamente gegen Haarausfall, Hodenstillstand und Herzbeschwerden sind ja noch lustig. So richtig gemein finde ich die für mich massgeschneiderten Reklamen für die neuesten Errungenschaften der Rollator-Technik, empfohlene Bestattungsunternehmen, oder Tipps, was ich mit meinem Vermögen (Haha) nach meinem Ableben tun könnte. Danke. Ich glaube immer noch an ein Leben vor dem Tod. Wenn Sie bis Ende Jahr keine Kolumne von mir sehen, dann hatte das Internet recht und ich habe schon ein Gärtlein auf dem Bauch.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 11. Juni 2025)

Gwafför

Am Donnerstagabend, dem vornehmsten Abend für den Zürcher, um Gassi zu gehen, war ich im Niederdorf. Der Abend war freundlich und lau, das Bier kühl und hat geschmeckt. Trotz der Hopfennarkose blieb mir in Erinnerung, dass es im Dorf einige neuere Geschäfte gibt, die keine 24-Stunden-Kioske sind. Speziell war der Coiffeur mit dem Preisschild im Fenster, wonach ein einziger Haarschnitt etwa mein Halbjahresbudget für Haarpflege – 5 Maschinenschnitte und Shampoo – kostet. Den Namen habe ich mir nicht gemerkt, der war unauffällig. Überraschend, in einer Branche, in der schlechte Wortspiele schon fast eine Verpflichtung sind. Ich habe mir aber sagen lassen, dass Namen wie Hairforce One, MegaFön oder Hairzlich immer seltener werden. Schade. Ich habe mich immer gefreut, wenn ich an einem Frisenleger, HaarM, Schädelgärtner, KammBotscha, oder einer Schnittstelle vorbeigekommen bin. Andere kreative Namen beinhalten sogar den Namen der Haarkünstlerin: CutHaarina oder HaarMoni – warum eigentlich nicht HaarMonika? Dann gibt es noch die Luxusmarken Hairmès oder L’Hair du Temps. Mani Matter hätte genug Stoff für ein zweites Gwafför-Chanson. Einige Haarakrobaten konnten sich bei der Namensgebung zurückhalten: So heisst der Salon an der Gessnerallee immer noch Art Coiffure Kaiser und nicht etwa Kaiserschnitt oder Kaishair.

Frisör Lotze
Nein, das ist ein «L». © reddit/u/mrkoq

Der Haarkünstler meines Vertrauens ist Kurde und führt einen gepflegten Salon, der nach Kompromissen und Kölnisch Wasser riecht. Ich sehe ihn so alle sechs Wochen, wenn mein 4 mm Schnitt auf der Seite rausgewachsen ist, dass der sich – zumindest für mich – anfühlt, wie der wilde Wuschel von Albert Einstein. Er weiss genau, was ich will und bekommt es jedes Mal hin, zusammen mit einem fetten Trinkgeld. Pro-Tipp: Sei immer freundlich zu deinem Coiffeur und gib gut Trinkgeld. Vielleicht ist er ein Serienmörder und verteilt am Tatort die Haare der Kunden, die er nicht mag.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 12.03.2025)

Es zieht!

Nach dem letzten Graupelschauer am Sonntag (Ich mag das Wort) sind wir schon voll im Zürcher Vorfrühling: Am Sonntag klauen sie uns wieder eine Stunde Schlaf, befreundete Allergiker posten Frühlingsprosa wie «Birken sind Arschlöcher», der Böögg ist bald wieder Thema und rund um den Idaplatz blühen die Kirschen. Das Wetter macht schon auf April und am Sonntag bei unserem Gartenfest wars noch saukalt mit böigen Winden, Pinguinen und – eben –graupligen Schauern. Die konnten und das Fest nicht vermiesen, denn wir sind Zürcher: Knorrig und wetterfest. Uns bringt nichts um, ausser … Durchzug. (Damit meine ich nicht die Kundenzeitung der Zugerland Verkehrsbetriebe, sondern einen starken Luftzug in Innenräumen.)

Durchzug by Alistair MacRobert

Der schleichende Tod, wie ihn Schweizer fürchten ©Alistair MacRobert

Durchzug – und das wissen nur Schweizer, andere Länder haben nicht mal ein Wort dafür – Durchzug ist der sichere Tod. Während in Filmen bei Durchzug höchstens mal eine auf dem Tisch ausgebreitete Briefmarkensammlung durcheinandergewirbelt wird, hat der hinterhältige häusliche Luftstrom in unserem Land ganz andere Konsequenzen: Wenn es in einem normalerweise geschlossenen Raum zieht, stirbt der Schweizer auf der Stelle. Du kannst auf nem Berggipfel stehen, bei 140 Km/h Orkanböen, macht nix, aber Durchzug killt dich sofort. Das fängt an mit einem Ziehen im Genick und dann – ruckzuck – entweder ein grauslicher Tod, oder dann wird ein Fenster geschlossen.

Du kannst in der Sommerhitze einen Ventilator, mit dem man einen Airbus A380 in die Stratosphäre pusten könnte, permanent auf dich richten – zählt nicht. Aber eines steht fest: Durchzug zieht das sofortige Ableben nach sich, ausser man stellt ihn absichtlich selber her. Dann heisst er aber auch nicht mehr Durchzug, sondern Stosslüften und wurde sogar mal von einem Bundesrat empfohlen. In der nationalen Sterbestatistik findet sich Durchzug zwar auch ganz unten in der Liste nicht, aber das ist uns egal. Was wir wissen, das wissen wir. Nämlich. Und überhaupt.

Durchzug ist ein ähnliches urhelvetisches Phänomen mit plötzlicher Todesfolge wie das mit den Nieren: Wenn ich als Junge vor dem Fahrradfahren nicht jedesmal mein T-Shirt hinten in die Hose gestopft hätte, wäre ich blitzschnell an Nierenversagen gestorben. Hat mir meine Mutter versichert. Oben ohne aufs Velo war aber okay. Muss man nicht verstehen.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 27.03.2024)

S’hät Schnee, Juhe!

Im Garten bei uns steht jetzt also ein Schneemann. Meine Tochter, eine der Mit-Erbauerinnen, korrigierte mich, dass das eine Schneefrau sei. Tatsächlich, das sehr gelungene Teil hat deutlich weibliche Attribute: Eine schlanke Taille zwischen der Basiskugel und der Oberkörperkugel, sowie zwei Ausbuchtungen im Oberkörper, die zwar nach plastischer Chirurgie aussehen, aber unverkennbar weiblich sind. Der modische Schal und der fröhliche Hut sind weitere Indizien. Trotzdem, wie kann ich sicher sein, dass sich die Schneeperson als Frau identifiziert? Kennt denn jemand die Pronomen von der Rübennase? Ist alles gar nicht mehr so leicht heute.

Die Schneefrau mit ihren Erbauerinnen

Beim ersten Schneeball, der den Baum über mir trifft (Saugoofe!) und mir Kopf und Kragen einschneebelt, kommt mir immer mein amerikanischer Freund John in den Sinn: Der hat damals nach einer Schneeballschlacht begeistert einen englischen Satz direkt auf Deutsch übersetzt: «Das war eine grosse Schniikugelkrieg!» Yeah!
Am Sonntag war Zürich voll das Winterwunderland, so mit blauem Himmel, verzuckerter Landschaft und knarrendem Schnee unter den Füssen. Wenn es solche Tage öfters gäbe, müsste Dani Leupi eine Kurtaxe einführen. Am Monte Diggelmann wurde geschlittelt; für viele Kinder war es das erste Mal. Direkt daneben haben andere Kinder gelernt, dass man Schnee-Engel nicht mit dem Gesicht nach unten macht und dass es bessere Orte gibt, als die Hundeversäuberungswiese. Die Zeitungen sind wieder voll mit Blechschäden und Oberschenkelhals-Frakturen, Autofahrende schaufeln was das Zeug hält und schaben mit Kreditkarten die Windschutzscheiben frei. Beim Abendspaziergang in der eisig klaren Nachtluft war da dieser Gluscht nach Fondue und Glühwein und nur das ferne Brummen der Pistenfahrzeuge hat gefehlt. Winter in Zürich kann schön sein, wenn er mal ein paar Tage bleibt.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 06.12.2023)

« … wie … »

Neulich im trendigen Altstetten: Ein grosser Tisch an der frischen Luft, neben mir zwei junge Erwachsene, beide mit Pronomen und Bargeld ausgestattet, unterhalten sich lautstark über die Gentrifizierung «ihres» Quartiers. Mich hat weder der Ostschweizer Dialekt der einen, noch der Berner Dialekt der anderen Person gestört. Auch der Umstand, dass beide eine Matcha Latte für 10 Franken von einer internationalen Getränkekette vor sich stehen hatten und über sterbende Quartierbeizen oder -Lädeli schnödeten, ging mir voll am Ellenbogen vorbei.

Was mich irritierte, war das «wie». Es kam in jedem Satz, den die beiden absonderten, mehrfach vor: « Ich finds wie denäbet, dass d’Stadt wie nüt macht.» Woher kommen die überzähligen «wie»? Ja, lesen Sie den Satz ruhig nochmal durch: Er käme hervorragend ohne die Wies aus. Die zwei redeten munter weiter und ich war fasziniert, dass beide denselben Sprachfehler hatten. Ein Einzelfall? Mitnichten. Im Tram, im Laden, an der Bar – überall dasselbe. Das «wie» ersetzt komplett und radikal alle anderen Füllwörter: Das Ostschweizer «en Art» oder das Berner «gäng» – alle ersetzt mit «wie». Irgend-wie (haha) tönt es in meinen Zürcher Ohren dümmlich. Unser Füllwort ist das «oder» am Ende jeden Satzes. Da hat ein «wie» nichts zu suchen. Ist das wieder so ein Blödsinn, der es über den grossen Teich geschafft hat, wie Halloween und Marshmallows? Das «wie» wird genau gleich angewendet wie das Füller-«like» im amerikanischen Englisch. In Hollywood werden Schauspielende in Dumpfbacken-Rollen mit ganz vielen «likes» in ihren Texten gestraft. Wer’s nicht glaubt, soll sich eine High-School-Komödie im Originalton zu Gemüte führen. Als Vater von Millenial- und Gen-Z-Töchtern bin ich besorgt. Ich hoffe nur, dass das nicht wie ansteckend ist.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 13.09.2023)

Erste Dekade

Zehn Jahre schreibe ich mehr oder weniger regelmässig launige Kolumnen für unser Verwöhnblatt. Über die Jahre habe ich so alle paar Monate aus dem Kreis der Leser*innen schaft mal Feedback erhalten. Jepp, mehr ist nicht drin. Das Spektrum reicht von freundlich-wohlwollend bis hin zum bedrohlichen «… Sie am liebsten in meine Wohnung zerren und endlos XXX.» (anonym). Offen verachtend war nur der Brief eines Musiklehrers von der Pfnüselküste. Keine Ahnung, wie er dort an die Zeitung gekommen ist, aber in seiner Fanpost hat er meine Familie seines tiefsten Mitgefühls versichert, dass sie mich ertragen müssen und mir gegenüber den Wunsch geäussert, dass «Leute wie Sie sich auflösen». Ich hoffe, ihm hat die handschriftliche Formulierung seiner Breaking-Bad-Fantasie gutgetan.

Vom Teenager bis zum alten Sack: Fünf Dekaden Messi

Zweimal wurden Kolumnen von der Chefredaktion abgelehnt: Die eine war ein politisches Meinungsstück zur Kampfjet-Beschaffung, die der damalige Chefredaktor wegen der Nähe zur Abstimmung nicht publiziert sehen wollte, die Andere war eine … vielleicht etwas drastische Schilderung meiner ersten Darmspiegelung. So wurden Sie von den Detail verschont, wie ich einen fäkalen Jackson Pollock in die Keramik gedonnert habe. Die beiden Kolumnen finden sich auf messiswelt.com.

Meine Webseite bietet auch lustige Statistiken: Interessant finde ich, dass seit ich den überragenden Führer der chinesischen Volksrepublik Xi Jinping in einem Nebensatz erwähnt habe, jeden Monat zehn Besucher*innen aus China auf meiner Webseite sind. Wohl arme Studierende, die hoffen, ihren Sozialkredit durch die Aufdeckung meiner subversiven Schreibe etwas zu verbessern.

Freude habe ich auch an den vielen Besucher*innen aus fernen Ländern wie Uganda, den Cook Islands oder Grönland. Es gibt wohl keinen Ort, an dem Tagblatt-Leser*innen nicht waren.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 21.06.2023)

Hai uf Züri

Zürich ist in den Sommerferien einfach hinreissend. In diesen paar Wochen, wenn die Patina von Stress, Termindruck und Pendenzen bei allen weggespachtelt ist, und das Wetter so strahlt, präsentiert sich die Stadt wie ein riesiger Instagram-Feed: Alle sind gut drauf, keine Staus, Platz im ÖV, überall Parkplätze, entspanntes Personal in Büros, Beizen und Läden, niemand hat Stress. Im Lettenbadi-Café hat es für mich sogar einen freien Tisch am Nachmittag – die Welt ist schön.

Auch keine Bullenhaie?

Ein guter Moment, nachzusehen, ob auch meine Mitmenschen so gut drauf sind. Da sind zum Beispiel die zwei Jungs, die sich in der Bestell-Schlange fragen, ob sie noch ein Bier vertragen – das klassische Shakes-Bier Dilemma: «Sein, oder Dichtsein». Unten der Typ, der auf dem Tüechli sitzend in sein Smartfon starrt und sich dabei gedankenverloren am Knöchel kratzt. Vielleicht sollte ihm jemand sagen, dass diese Beton-artige Kruste, die sich um die Ferse zieht, waschbar ist. Dann fallen meine Augen auf zwei fröhlich tratschende Schwimmerinnen, die im gottgefälligen Ganzkörper-Badekleid limmatabwärts treiben. Es gibt immer was zu sehen: Die Influencerin mit der Ringlampe am anderen Flussufer. Teenager, die einer Badehose nachschwimmen. Die Szene bleibt jugendfrei: Der Verlierer hatte drunter noch Boxershorts an. Am Nebentisch entbrannte die Diskussion, was unterhaltsamer wäre: Krokodile oder Haie in der Limmat. Nachdem gegoogelt wurde, dass es offenbar Süsswasser-Bullenhaie gibt – «höhö, Bullen haben wir genug, nur die Haie fehlen noch» – haben die Haie gewonnen. Dabei hiess doch der städtische Design-Güselchübel «Züri-Hai». Wiedemauchsei, Sommerferien in Zürich sind ein Riesenspass – wenn man es sich leisten kann.

(Tagblatt der Stadt Zürich 20.07.2022)

Ich und Batman

Zeit für eine Zwischenbilanz: Ich habe die Übersicht verloren, in der wievielten Welle wir uns befinden, bin aber mächtig froh, dass die Pandemie 2020 gekommen ist und nicht 2003. Ich will mir nicht vorstellen, Tage und Wochen zuhause zu bleiben mit einem Nokia 3310 (hatte als einziges Spiel «Snake» drauf), dem meist schrottigen Fernsehprogramm ausgeliefert, einigen VHS-Kassetten im Gestell und einer ISDN-Verbindung. Wie konnte man eigentlich überhaupt aufs Klo ohne Smartphone?

©Jon Adams / New Yorker
©Jon Adams / New Yorker

Der Lockdown 2020 war zwar lästig, hat aber mir und vielleicht auch Anderen aufgezeigt, dass es nicht an der mangelnden Zeit liegt, dass man seine immer wieder aufgeschobenen Projekte nicht mal ansatzweise umsetzt. Diese Illusion ist definitiv gestorben. Ähnlich die Illusion mit der Fitness. Habe ich die gesparte Zeit, die ich nicht im Tram oder Bus verbracht habe, für körperliche Ertüchtigung verwendet? Natürlich nicht. Dabei habe ich mir echt überlegt, mit Fechten zu beginnen. Fechten ist der perfekte Corona-Sport: Masken, Handschuhe und du stichst jeden ab, der sich auf 1 Meter 50 nähert. Hab’s aber gelassen. Trotzdem bin ich wie jeder Kerl überzeugt, dass wenn ich es nur wollte, dass ich mir den Body eines griechischen Halbgotts antrainieren könnte. Hollywood-Schauspieler können das ja auch. Ich bräuchte nur drei Monate, einen Fitness-Coach, eine Ernährungsberaterin und keinen freien Zugang mehr zum Kühlschrank plus eine Motivation wie die Titelrolle im nächsten Batman-Film. Keine Ahnung, warum die mir nicht die Bude einrennen mit Superhelden-Rollenangeboten.

Wiedemauchsei – am 17. November sind wir im dritten Jahr der Pandemie. Ja, die zwei Wochen, die es zum Abflachen der Kurve brauchte, sind schon bald vorbei. Was haben wir Neues? Eine Dating-Plattform für Impfskeptiker. Coole Sache, denken sich Geizhälse … Entschuldigung, Sparfüchse: Dort rechnet es sich, einen neuen Schatz zu suchen, weil billiger kommt man nicht davon: Keine teuren Restaurants, keine Fitness-Clubs, keine Partys, keine Flugreisen – voll Low Budget. Mich braucht das aber nicht zu kümmern. Immerhin habe ich mich impfen lassen. Die Nebenwirkungen sind aber heftig: Ich werde keinen vorzeitigen Covid-Abgang machen, sondern bis zur Pensionierung arbeiten und womöglich noch älter werden. Das hätte ich mir früher überlegen sollen.

Abgehoben

Neulich habe ich Besuch vom Flughafen abgeholt. Da taucht man in eine andere Welt ein, in der andere Regeln gelten. Es gibt zum Beispiel keinen Dress-Code: Du kannst am Flughafen um 06:30 Uhr biertrinkend in Jogginghosen rumhängen, ohne dass irgendjemand auch nur die Nase rümpft. In der Transit-Zone laufen Leute rum, die sehen aus, als kämen sie direkt von einer Pyjama-Party oder wären vor zwei Minuten aus dem Bett gestiegen: Schlabbershirt, Turnhose, Flipflops, zerknautschte Frisur und schon fast sichtbarer Mundgeruch. Im Idealfall stammt der Mundstuhl von einem Fischbrötchen, das am Flughafen schnell mal ein kleines Vermögen kostet. Sogar auf der abgelegensten SAC-Hütte würde man sich für die Preisgestaltung schämen. Nicht so am Flughafen: Hey, das Zeug ist zoll- und steuerfrei und kostet trotzdem das Doppelte wie an der Bahnhofstrasse? Vielleicht ist es eine Art Export-Gebühr: Immerhin wird das Zeug, was die verkaufen, flugs verdaut und füllt danach Kanalisationen rund um den Globus. So genau will ich das aber nicht wissen und kaufe mir ein Fläschchen stilles Wasser zu einem Preis, den man eigentlich für einen Harass inklusive Heimlieferung zahlt.

Inflight Entertainment in der Goldenen Ära: Geselligkeit in der Lounge. © Airline Ratings

Flughäfen sind kein Ort des Frohsinns, ausser vielleicht in der Empfangshalle, wo hierzulande Kuhglocken offenbar noch einen hohen Stellenwert haben. Der Tiefpunkt wird erreicht beim Sicherheits-Check: Der Ort, wo alle die Schuhe ausziehen müssen und es riecht wie im Fondue-Stübli. Da spielen sich Dramen ab mit verknoteten Schuhbändeln, oder wenn der Metalldetektor pfeift, sind einzelne Passagiere schon nahe am Nervenzusammenbruch und Vielflieger nerven sich über Pauschaltouristen. Auch die spontan aufflammenden Bürgerproteste «Wieso muss ich meine Schuhe ausziehen?», tragen nicht zur guten Laune bei.

Aber der Flughafen ist kein Ort für repräsentative Verhaltensstudien. Es gibt zum Beispiel keinen Grund für ein Gedränge, sobald das Boarding beginnt. Trotzdem verhalten sich die Passagiere so, als sei es der letzte Helikopter in Saigon. Lustig wird er erst, wenn man das Flugzeug betritt und einem die Flugbegleitung zeigt, in welcher Richtung der Sitz ist. Ich bin dann immer überrascht, wenn ich nach hinten soll und nicht ins Cockpit. Ein weiterer Quell der Freude ist die Sicherheitsdemonstration, wo sie einem erklären, wie der Gurt funktioniert. Schwarze Magie. Ohne Anleitung hätte ich den Gurt vor dem Bauch verknotet. Mein Lieblingsteil kommt aber mit der Demonstration der Schwimmweste: Dieser angewiderte Blick der Flugbegleiterin, wenn sie die versiffte, tausendmal gebrauchte Weste hochhält, um sie dann mit angehaltenem Atem milimeterknapp am perfekten Make-Up vorbei streift und danach mit unterdrückter Abscheu Verschluss, Trillerpfeife und das Aufblas-Röhrchen demonstriert, das allein ist schon den Ticketpreis wert. Schade, dass die Safety-Demo heute meist mit einem Video abgefeiert wird.

Traumberuf 1970: Air Hostess. Damals Rockstars, heute Saftschubsen. © ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / Swissair

Über die Bordverpflegung wurden schon Bücher geschrieben. Meine Erfahrungen kann man so zusammenfassen: Wenn die beiden Optionen
A) duftende Pasta mit Tomatensauce und frischem Basilikum, oder
B) kaltes Schafhirn mit verkohltem Fenchel sind, dann rauschen die Flugbegleitenden mit den Servier-Wagen an meiner Reihe vorbei, bis sie am anderen Ende des Flugzeugs mit Verteilen anfangen. Wenn sie dann nach gefühlten drei Flugstunden bei mir sind, ist eine Option gerade nicht mehr verfügbar. Raten sie mal welche … Jepp!

Aber irgendwann landet die Maschine – je nach Destination mit oder ohne Applaus – und bevor sie ausgerollt ist, stehen schon alle im Mittelgang mit ihrem Handgepäck und wollen nichts wie raus. Wozu? Damit sie länger am Gepäckkarussell warten können? Tröstlich finde ich nur den Gedanken, dass an jedem dieser Bänder der Wunsch einer Person in Erfüllung geht, dass ihr Koffer der erste sein möge, der durch den Gummilappenvorhang bricht. Aber auch das Gepäckkarussell ist nicht ohne Makel: Du wurdest zigmal geprüft, geröntgt, befragt und abgetastet, aber am Karussell kannst du jeden Koffer nehmen, der dir gefällt. Flughäfen sind komische Orte.