Nicht dabei am 1. Mai

Ich habe es auch dieses Jahr mit dem 1. Mai so gehalten wie mit der Fasnacht: Ich glänzte durch noble Zurückhaltung, die böse Zungen und Schandmäuler auch Verweigerung nennen könnten. Der Arbeitskampf hat also gänzlich ohne mich stattgefunden. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich finde es begrüssenswert, dass Besserverdiener, Bonuskassierer und Maybachfahrer hin und wieder daran erinnert werden, dass es noch immer Legionen unterbezahlten Fussvolkes gibt. Nur halte ich die Teilnahme an einer Demonstration für mehr wirtschaftliche Gerechtigkeit für genauso wirksam wie einen «like»-Klick auf Facebook, damit ein Kind eine Herzoperation bekommt. Ausserdem hat in den vergangenen Jahren die unbewilligte 1.-Mai-Nachdemo ein Vielfaches an Medienecho geerntet, so dass die berechtigten Anliegen des Proletariats in den Hintergrund gedrängt wurden durch den Flurschaden, den Krawallanten und Anarchisten anrichteten. Die meisten von denen sind Fremdarbeiter; also Leute, denen Arbeit völlig fremd ist. Eigentlich müsste sich nicht die Polizei den Radaubrüdern und –Schwestern in den Weg stellen, sondern die Heerscharen von Arbeitern, deren einziger Feiertag von einigen wenigen Chaoten ruiniert wird. Trotzdem, oder vielleicht auch deshalb habe ich dem 1.-Mai-Kommitte eine Karte geschickt: «Herzliche Teilnahme».

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 2. Mai 2013

Homo Grillensis

Ich bin ja auch nicht der Pünktlichste, aber was sich der Frühling dieses Jahr geleistet hat… Normalerweise habe ich Mitte April schon mindestens drei Kilo Winterspeck weg. Dieses Jahr sind noch drei Kilo erotische Schwungmasse extra dazugekommen. Wieauchimmer – der Frühling ist da. Und während andere noch wie bekifft in die Sonne starrten, habe ich mit unendlicher Genugtuung die Grillsaison eröffnet. Ja, Ladies and Gents, dieses archaische Ding, das an die Zeit gemahnt, als es noch keine Glaskeramikherde und Mikrowellen gab. Im Gegensatz zum heimischen Herd ist der Grill Männersache. Nachprüfbar bei jeder Scheidung: Sie kriegt das Haus und die Kinder, er das Sorgerecht für den Grill. Für uns Kerle ist grillieren vom Lebensgefühl her vergleichbar mit Stehpinkeln oder Baumarkt stöbern. Irgendwo versteckt im Stammhirn wird der Homo Erectus im Manne wach: Feuer! Fleisch! Essen! Grunz! Das Urmensch-Feeling gilt übrigens nur für den Holzkohlen-Grill. Gas-oder Elektrogrille mögen auch Brateigenschaften haben, aber eigentlich kann das auch jeder Backofen. Leider ist grillieren im urbanen Umfeld auch mit Schuldgefühlen verbunden, wenn man die ganze Nachbarschaft zu passiv-Grilleuren macht. War mir aber egal. Und ja, es hat geschmeckt. Und nein, ich hab’s nicht auf Facebook gepostet.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 17. April 2013

Ei, Ei und noch ein Ei

Im Gegensatz zum Frühling hat Ostern 2013 schon stattgefunden. Während andere das Fest der Auferstehung feierten, habe ich das Liegenbleiben zelebriert. Und danke der Nachfrage, nein, ich habe mich auch dieses Jahr nicht dem Strom der Lemminge angeschlossen, die die Feiertage auf der A2 Luzern-Gotthard-Chiasso verbringen. Stattdessen habe ich es vorgezogen, zuhause mit meiner Familie zu feiern. Meine Teenie-Töchter verwenden dazu das Wort «abhängen». Irgendwie fanden sie’s aber trotzdem recht cool. Aus der Minderjährigen-Perspektive ist der Osterhase ja auch viel «chilliger» als der Samichlaus oder das Christkind. Man muss sich nicht irgendwelche Indiskretionen anhören, die ein bärtiger Unbekannter in einem mysteriösen Buch niedergeschrieben hat und auch keine Lieder mit skurrilem Text singen, die man sonst nur von Mariah Carey auf Englisch kennt und trotzdem gibt es Süssigkeiten und Geschenke. Wir Erwachsenen haben schon vor Ostern unsere Freude. Da werden Eier gekocht bis die Dotter grün sind. Dann werden sie von der ganzen Familie bemalt und verziert und am Ostersonntag versteckt. Es ist immer wieder lustig, den Kindern beim Suchen zuzuschauen, und sich diebisch freuen, wenn sie an einem besonders guten Versteck vorbeigehen. Irgendwie sieht es aus wie auf dem Golfplatz. Ich glaube, Golf ist für Leute erfunden worden, die nicht warten können, bis es Ostern ist. Wenn alle Eier gefunden sind, setzt man sich an den reich gedeckten Ostertisch und zerstört die kleinen Kunstwerke. Wenn Tage später dann der Cholesterinspiegel wieder auf normale Werte gesunken ist, steht ein neues Fest an: Der Osterhase hat dann Pause und der Pfingstochse übernimmt. Raten Sie mal, wer das sein wird…

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 3. April 2013

Kolumnist

Kolumnist. Das würde auf meiner Tagblatt-Visitenkarte stehen, wenn ich denn eine hätte. Ich darf hier ab sofort die kleinen Dinge des Alltags und die grossen Themen aus meiner Sicht formulieren. So mit voller Inhaltsfreiheit innerhalb des guten Geschmacks. Meine angetraute Sonnenblume freut sich mit mir, meinen Teenager-Töchtern, «was für ein Mist?», ist es egal, Hauptsache sie kommen nicht darin vor. Den meisten, denen ich von meinem neuen Job erzählt habe, macht das überhaupt keinen Eindruck. Im Gegenteil. Ich ernte fast nur geheucheltes Mitleid: «Du wirst jeden Freund verlieren, den Du hattest.» Toll! Das baut einen auf. Noch fieser die Variante «Wenigstens hast Du keine Freunde zu verlieren». Danke. Meine wunderbaren Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion haben mir dann noch eine Liste von Berühmtheiten, die auch schon kolumniert haben (sagt man das so?), um die Ohren geschlagen; von Jean-Paul Sartre über Peter Bichsel bis Philip Roth. Wirklich sehr ermutigend. Immerhin hat es auf mein naives Verkünden auch ein paar erhellende Reaktionen gegeben. «Kolumnist? So mit Marx und Lenin und rotem Stern und so?» Die überraschendste Antwort war aber «Musst Dich nicht genieren. Ich hatte auch schon mal eine Darmspiegelung.» Wenigstens hat mich niemand mit einem Tropenhelm versehen und als Kolonist nach Afrika gedacht. Wenn ich im nächsten Leben wieder Kolumnist werde, sage ich das nur meinen Facebook-Freunden. Die Verluste kann ich verschmerzen.

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 20. März 2013

Habuimus Papam (Wir haben einen Papst gehabt)

Böse Menschen nennen ihn Benedictus interruptus. Papst Benedikt XVI hat einen vorzeitigen Abgang gemacht. Ich frage mich, was tut ein Halbgott am letzten Arbeitstag? Eine E-Mail an alle Bürokollegen «Jungs, ich mach heute meinen Abflug und habe noch jede Menge Messwein und Paprika-Hostien, die Fete steigt um vier in der Basilika»? Oder schlüpfte er still und leise aus den Schuhen Petri und rein in die Flip-Flops, um dann mit dem Taschenmesser «Ratzi was here» in die Täfelung zu schnitzen, bevor er zum letzten Mal die Tür zuknallt? Der Ex-Stellvertreter Christi auf Erden reist nach seinem Amt erst mal zur päpstlichen Sommerresidenz nach Castel Gandolfo, die Seele baumeln lassen. Den Lebensabend will B-16 dann im vatikanischen Kloster Mater Ecclesiae verbringen. Um die innere Leere nach der Weltherrschaft auszufüllen, könnte er an seinem Handicap arbeiten. Damit meine ich nicht seine Haltung gegenüber Frauenrechten, Verhütung oder Homosexualität, sondern den Sport, den auch noch alte Herren betreiben können: Golf. Auf dem Luftbild von Mater Ecclesiae hat es ausreichend Grünflächen, dass man mindestens einen anständigen 9-Loch-Platz hinstellen könnte. Outfit-mässig sollte er mit Golf auch keine Schwierigkeiten haben; er ist sich absurde Kleidung gewohnt. Wenn das mit dem vatikanischen Golfplatz nicht klappt, könnte er sich um die Mitgliedschaft im Country Club Castel Gandolfo bewerben. Falls dies die finanziellen Möglichkeiten des Rentners übersteigt, könnten ja die Kardinäle zusammenlegen. Wäre ein cooles Abgangsgeschenk. Ich find’s jedenfalls toll, dass er sich nicht wie all seine Vorgänger zu Tode geschuftet hat.

Meine erste Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 6. März 2013