Superspreader

Wenn ich so zurückdenke – vor einem Jahr war mein grösstes Problem der leichte Anflug einer Herbstdepression. Damals, Ende 2019, siedelte man das Wort «Superspreader» noch in der Pornografie an. Aber dann kam 2020. In meiner vorgezogenen Bilanz figuriert das Jahr als mehr als unterwältigend; es war bodenlos schlecht.

Der Wille zählt. Es hätte ja auch eine Gurkenmaske sein können.

Ich habe dieses Jahr mehr Alkohol mit den Händen konsumiert, als runtergeschluckt. Überhaupt: Die verschiedenen Handlotionen sind voll der Grusel. Die Flaschen vor dem Laden sind unappetitlicher als der Türgriff beim Tankstellenklo. Wenn man sich nicht sofort die Hände desinfizieren könnte, würde man sowas nie anfassen. Das Zeug, das da aus den hochkontaminierten Flaschen rauskommt, überrascht einen immer wieder aufs Neue: Ich persönlich hoffe ja immer auf dieses nach Spital riechende, dünnflüssige Alkoholzeugs mit einem Hauch Äther, von dem man weiss, dass es einem das Hirn wegätzt, wenn man den Geruch zu tief inhaliert. Leider gibt es das nur noch selten. Meistens ist es ein stinkender Billigfusel, der einen sofort erblinden liesse, wenn man denn ein Schlückchen probierte. Noch übler ist das Gelee-Zeugs, das mit viel zu viel Glycerin aus deinen Händen zwei klebrige Paddel macht. Du möchtest es an deinen Kleidern abstreifen, weisst aber genau, dass sie danach aussehen wie die Bettlaken von einem rolligen Teenager. Also läufst du die nächste Viertelstunde mit abgespreizten Armen rum, als hättest Du den weissen Anzug an und deine Hände in Spaghettisauce getunkt.

Jugendliche habens ja besonders schwierig, was das Soziale betrifft: Keine Konzerte, keine Gruppentreffpunkte, wo sie wie die Welpen rumhängen – auf der positiven Seite war es durch die Maskenpflicht noch nie so einfach, eine Zahnspange zu tragen. Apropos Zähne – wenn dir vom Maske tragen schlecht wird, solltest du öfter die Zähne putzen. Ich glaube, Alkohol ist der Leim, der dieses Jahr noch einigermassen zusammenhält. Wenn ich König der Schweiz wäre, ich würde einen Winterschlaf verordnen: Drogen verteilen, alle drei Wochen aufwachen, lüften, was Kleines essen, weiterknacken, bis die Uhren auf Sommerzeit umgestellt werden. Danach ist keiner mehr krank und das Leben kehrt zurück.

(Tagblatt der Stadt Zürich 09. Dezember 2020)

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