Die Seuche

Als Kind habe ich mir vorgestellt, was wir im Jahr zweitausendundzwanzig alles haben werden: Haushaltroboter, fliegende Autos, Lernpillen, so Zeug halt. Und die bittere Realität: Wir lernen Händewaschen. Nicht gerade mondän, aber ich mache mit. Vom vielen Händewaschen ist meine Haut mittlerweile so rau, ich könnte die Gartenmöbel mit der blossen Hand abschmirgeln.

K122-Medicus
Pestarzt; auch Schnabeldoktor genannt. (ausgestorben)

Von allen Handwaschanleitungen, die kursieren, sind mir zwei geblieben: Wasch so lange, wie du «Happy Birthday» singst und «Wasch dir die Hände, als hättest du gerade Chilis geschnitten und wolltest dich jetzt selbst befriedigen.» Eindrücklich, aber nicht kindertauglich. Die lieben Kleinen machen ja gerade einiges mit: Erst müssen sie das Kinderzimmer für das Klopapierlager hergeben, dann werden sie auch noch von den eigenen Eltern geschult. Das hat auch wieder eine gute Seite: Viele Eltern haben in dieser Phase entdeckt, dass nicht der Lehrer das Problem ist. Wenn das noch lange dauert; wenn also die ganze Familie jeden Tag zuhause ist, sich jeder Wochentag wie ein Sonntag anfühlt, an dem man nirgendwohin gehen kann, frage ich mich ernsthaft, warum im Supermarkt das Klopapierregal leer ist und nicht die Gestelle mit dem Alkohol. Vermutlich liegt es daran, dass grosse Arschlöcher halt eben viel Klopapier brauchen. Leute: Klopapier wird nie eine Währung sein. Glaubt ihr, die Banken überlassen Hakle die Weltherrschaft?!??

Aber wenn einem nun tatsächlich das WC-Papier ausgeht, und man findet im Laden sogar welches, stellt sich ein völlig neues Gefühl ein: Klopapierkaufscham. Ein Wort, das wohl bald in den Duden aufgenommen wird, wenn in ein paar Monaten alles vorbei ist. Bis dahin geniessen wir die Annehmlichkeiten von Home Office: Kein Gedränge mehr im Tram, der Kaffee ist besser und man muss keinen « fründliche Grind» machen. Der Lerneffekt ist auch gross: Schon bei der zweiten Videokonferenz weiss man, dass man sich besser nicht mit dem Hello-Kitty-Pyjama vor die Webcam setzt. Überhaupt sind Zoom-Konferenzen grossartig: Du schaust deinem Gegenüber nicht in die Augen, sondern daran vorbei und checkst die Wohnung. Da eine Wohnwand, dort eine Wappenscheibe, auch mal volle Background-Action mit Kindern. Doch dann obsiegt der  Anstand über die Neugier und du schaust dein Gegenüber an und nimmst zum ersten Mal die aus der Form geratene Frisur wahr. Das schmerzt, weil du weisst, dass mit dir das gleiche geschieht. Du checkst das Bild, das alle von Dir mit der filzigen Frisur in deiner Bauernstube sehen und bedauerst, dass dein Rechner nicht genug Leistung hat, wenigstens den virtuellen Palmenstrand als Hintergrund einzublenden und nimmst dir vor: morgen wird der PC upgegradet.

fewerbats
Ich werde wegen Covid-19 meine Essgewohnheiten nicht ändern.

Da sind wir also: Eingesperrt im eigenen Land und wandern durch leere Supermärkte. Ein Gefühl, dass man früher nur in der DDR kannte. Unser Land hat zum Glück genug in der Kasse, um niemanden verarmen zu lassen. So erscheint es heute fast lächerlich, dass wir vor kurzem noch diskutiert haben, ob die Schweizer Wirtschaft einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub verträgt. Überhaupt hat sich einiges geändert: Couch Potatos  sind keine faulen Säcke mehr, sondern verantwortungsvolle Lebensretter. Den Ausdruck «virale Videos» verwendet keiner mehr, und vielleicht nutzen wir Corona auch dazu, endlich aufzuarbeiten, was in der Schweiz fehlt:

  • Spitalpersonal besser bezahlen,
  • Homeoffice als Teil der Arbeitskultur einführen und
  • Die Mentalität, nicht krank zu arbeiten.

Zum Schluss noch eine Testfrage: Was kommt ursprünglich aus China, wurde nach Italien und von dort aus in die ganze Welt getragen? Hm? Richtig: Teigwaren.

5 Kommentare zu „Die Seuche

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