Fasnachtstrauma

Seit ich als Primarschüler eine geballte Ladung Konfetti in den Rachen geschmissen bekommen habe, und danach noch tagelang Konfetti gehustet habe, ist mir die Lust auf Fasnacht vergangen. Bis heute trage ich diese, wie ich meine, gesunde Abneigung in mir. Damit meine ich nicht die traditionelle Fasnacht, bei der es darum geht, den Winter auszutreiben, sondern den Anlass zu dem sich Krethi und Plethi bescheuert anmalt, sich mit Instrumenten ausrüstet, um dann in einer Art Saubannerzug in die Innenstadt vorzudringen. Das Kleinhirn übernimmt das Kommando, die natürliche Hemmung, sich nicht lächerlich zu machen, zieht sich in einen einsamen Winkel der Grosshirnrinde zurück. Nur dieser letzte Funken Menschlichkeit hindert die Horde am Plündern und Brandschatzen. Da wird der Prokurist zur Bestie und die Abteilungsleiterin zur Hyäne. Unbescholtene Bürger, wie zum Beispiel ich, werden ungefragt in die Sauglattismus-Hysterie einbezogen. Sei es die lustige Guggemusig, die mit infernalischem Getröte durch das romantische Restaurant zieht, oder so ein entmenschter Hanswurst wirft einem eine Handvoll Konfetti in den Kragen, wenn man aus dem Kino kommt. Nein danke. Ich halte es mit der Fasnacht wie der grosse Philosoph Harald Schmidt: «Wenn die Welt gerecht wäre, denn würde Grippe Spass machen, und gegen Fasnacht könnte man sich impfen.»

Kolumne im Tagblatt der Stadt Zürich vom 18. Februar 2015

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