Bartli

Vor einem Monat war ich wieder mal rasier-unlustig und so nach 4 oder 5 Tagen haben meine Töchter gemeint, dass das sicher cool aussehen würde, so Papa mit Bart. Hey, ich hatte in meinem Leben noch nie einen Bart. Also dachte ich No-Shave-November ist mein Ding und habe meine sekundären Geschlechtsmerkmale wild wuchern lassen. Im Militär wird man vom täglichen Rasieren dispensiert, wenn der Bart mindestens drei Wochen alt ist und auch nach Bart aussieht. Also habe ich mir das Ziel drei Wochen gesteckt. Nach einer Woche fing der Juckreiz an und mir wurde wieder klar, warum ich nie im Leben einen Bart stehen liess. Die Barbologen in meinem Freundeskreis empfahlen abenteuerliche Bartöle, von Jojoba- über Rizinus- bis Mandelöl. Ich habe auf verkleistertes Gestrüpp verzichtet und mannhaft das Jucken erduldet. Wenn niemand hinsah, habe ich meinen Kiefer gekratzt, als stünde er in Flammen. Schon nach zwei Wochen kannte mich mein Handy nicht mehr. Gesichtserkennung? Nicht mit der Matte in der Visage. Ausserdem fühlte es sich nach dem morgendlichen Duschen seltsam an. Als hätte man einen nassen Waschlappen im Gesicht. Unterkiefer trockenrubbeln gehörte von nun an zur täglichen Routine, genauso wie Barthaare kämmen. So Gesichtshaare haben nur wenige Vorteile: Sie kaschieren ein fliehendes Kinn, geben warm im Winter und man kann sich im Gesicht kratzen und sieht dabei aus wie ein Denker und nicht wie ein Depp mit Krätze.

Bart abschlagen in 7 Etappen: Rauschebart, Abwart Zwicky, Fernfahrer, Metalhead, Zappa, Pornobalken, Chaplin und nature.

Nach drei Wochen überwiegen für mich die Nachteile: Mein Gesicht fühlt sich an, wie … haben Sie mal einen Rauhaardackel gestreichelt? Genau SO! Die Komplimente, die ich bekommen habe, machen das Gefühl nicht wett, dass ich beim Einschlafen glaube, ich hätte eine Filzmatte zwischen Gesicht und Kissen. Wussten Sie, dass man wegen dem Schnauz beim Trinken immer so einen nassen Patch unter der Nase hat? Kapillarkräfte. Einfach nur eklig. Eine Arbeitskollegin hat neulich ihren bärtigen Partner geheiratet. Sie waren mehr als fünf Jahre zusammen und sie hat ihn noch nie ohne Bart gesehen. Vielleicht hat er gar kein Kinn? Sie wird es vielleicht nie erfahren. Wieauchimmer – meine Töchter haben mich beschwatzt, meinen Rauschebart trotzdem bis nach dem Samichlaustag wachsen zu lassen. Ich bin bekanntermassen affektlabil und habe eingewilligt. Meine Flokati-Front hat in der vierten Woche eine erste Trimmung erhalten, der Hals wurde wieder freigeschnitten. Ich bekomme Komplimente – nicht nur von Männern. Trotzdem: Für mich überwiegen die Nachteile: Wenn zum Beispiel der beschnauzte Mann sich schneuzt, weiss er danach nie, ob da noch Schleim oder Popel in der Rotzbremse hängen. Auch Reste von Mahlzeiten halten sich gerne an Gesichtshaaren fest. Deshalb auch der Ausdruck «Flavor Saver», den meine ältere Tochter meinem Bart gegeben hat. Immerhin: Andere Körperteile, die einen eigenen Namen bekommen, erhalten kaum so viel Tageslicht. Auch olfaktorisch gibt so ein Bart nichts her. Du riechst ständig Haare. Steht auch nirgends in der Gebrauchsanweisung. Sehr irritierend. Trotz der Komplimente «ohne Bart eine solide Sieben, mit Bart schon fast eine Acht» habe ich vor ein paar Tagen Klinge und Kamera gezückt. In mehreren Etappen – Salamitaktik an der Fassade – bin ich zu Werke gegangen. Erst den Jesus, dann alle Wangenhaare weg: Rap-Industrie-Standard. Alles hinter dem Kinn rasieren und nur vorne den Schiissideckel übriglassen – der sogenannte Abwart-Zwicky-Look. Dann unten am Schnauz die Brücke zum Kinn durchtrennen, fertig ist der Hulk Hogan. Mit ein paar gekonnten Schnitten wurde sofort ein Robin Hood daraus. Weg mit dem Ziegenbärtchen, übrig bleibt ein breiter Schnauz und die Unterlippen-Mumu: Frank Zappa. Schnipp – Reduktion auf Oberlippe: Der Pornobalken, auch Schweizer-Ordonnanz-Schnauz genannt. Einen konnte ich mir nicht verkneifen. Den Charlie Chaplin, benannt nach seinem zweitbekanntesten Träger. Ein zweitletztes Foto, ein kurzer Schnitt und dann wars vorbei, mein 32-Tage-Bart-Abenteuer. Uff!

Ab jetzt wieder full Brazilian im Gesicht und ja, ich weiss jetzt, wo der Most geholt wird.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 17.12.2025)

Fitte Festtage

Ich hab’s geschafft! Ich habe mein Vorweihnachtsgewicht gehalten. Irgendwie bin ich allen Völlereien und Guezlis aus dem Weg gegangen und habe höchstens eine supertiefe zweistellige Zahl Weihnachtsgebäck gemampft. Das Ziel war zwar Null, aber bei Zimtsternen bin ich affektlabil und die Anderen habe ich aus Höflichkeit gegessen. Ehrlich! Hey, wenn da auf so einem Guezli Dein Name steht und die charmante Bäckerin Deine Tochter ist, die Dir platzend vor Stolz das selbstgemachte Gebäck noch warm auf einer Serviette reicht, musst Du schon ein ziemlicher Kloakenwurm sein, um Nein zu sagen.

«Raus kommt es immer; die Öffnung ist entscheidend.» © Abigail Miller / Unsplash

Auch die grossen Fressorgien blieben aus. Wenn ich zurückdenke, was meine Oma damals veranstaltet hat. Das waren Kalorien- und Cholesterinbomben noch und nöcher. Meine Oma hat so gekocht, dass man meinen könnte, sie wollte, dass wir beide gleichzeitig sterben. Sie kannte keine Pronomen, aber sie war ein kreatives Kochgenie. Oh Mann! Damals hielten wir George Michael noch für hetero, die Swissair war kerngesund und neben dem Tisch sass Boris, unser Neufundländer-Labrador-Mischling, der sabberte während wir assen. Boris musste ich wie so einem Blackjack-Croupier im Casino meine leeren Hände zeigen, wenn ich fertig gegessen habe. Das ist lange her. Boris, George Michael und meine Grosseltern haben alle schon ein kleines Gärtlein auf dem Bauch.

Anstelle eines weiteren Festessens haben wir in Baden die neue Therme besucht, wo man zu sphärischer Musik von Boris Blank in eine Salzlösung steigen kann, die einen trägt wie das Wasser im Toten Meer. Das sieht so aus wie im Science-Fiction-Film der Raum, in dem Aliens Menschen in einem Substrat schwimmend züchten. Creepy. Der Nachmittag hat mit Familie und einem Happen Essen etwa den Gegenwert von zwei Kilo Rindsfilet gekostet. Das behalte ich mir als Option für nächstes Jahr. Jetzt kommt die Zeit der Partys. Hier ein Pro-Tipp: Wenn Du weisst, dass Du am Abend viel trinken musst, dann iss vorher eine Banane, eine Orange, und hundert Gramm Himbeeren. Das hilft zwar nicht, sieht aber hübscher aus, wenn es wieder rauskommt!

(Tagblatt der Stadt Zürich, 04.01.2023)

Tattoo you

Ich hätte echt gerne ein Tattoo. Irgendwas supercooles, kunstvoll getackertes, das mir nie verleidet. Und genau da liegt der Haken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir so ein Bild nicht irgendwann doch verleidet. Dann tätowiere dir doch einen Namen, sagen die einen. Aber welchen? Den meiner Frau? Was, wenn sie morgen vom Blitz getroffen wird und ich nach Jahren der Trauer eine neue Gefährtin suche? Bin ich limitiert auf Frauen, die so heissen, wie meine Verblichene? Die Namen meiner Töchter? Dann denken doch alle, ich sei vergesslich. Vielleicht sollte ich einfach den Namen eines Nachbarn tätowieren. Oder den eines ehemaligen Mitarbeiters. Oder irgendeinen aus dem Telefonbuch. Gar nicht gross nachdenken. Und wo tätowiere ich ihn? Die meisten empfehlen ja einen Ort, «wo’s nicht so drauf ankommt». Meinen sie damit den Kanton Aargau oder eine Stelle an meinem Körper, an der eine Verunstaltung  nicht so schlimm ist? Ich habe auch keinen Maori-Häuptling in meiner näheren Verwandtschaft, also drängt sich auch kein Tribal-Tattoo auf.

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Nur Seeleute und Knackis hatten früher ein Tattoo. Ich bin versucht.

Bis ich ein Sujet gefunden habe, schaue ich mir lieber die Tattoos von anderen Leuten an. Wenn jemand Text auf den Rippen hat, muss ich lesen. Aber irgendwie ist es trotzdem peinlich, wenn ich in der Schlange vor dem Glacestand vom Träger oder der Trägerin beim Lesen erwischt werde. Je nach Altersunterschied bin ich dann auch noch ein Creep. Trotzdem lese ich gerne, was Andere ewig mit sich rumtragen. Cool sind auch alte Tattoos aus der Zeit vor der Rechtschreibreform. Bei japanischen Schriftzeichen kommt mir immer wieder der Typ in den Sinn, der glaubte, dass er mit den Zeichen für «Entschlossenheit», «Integrität» und «Stärke» unter den Menschen wandelt, dabei hat ihm der Scherzkeks «Schweinefleisch süss-sauer» in die Haut genagelt.

Überhaupt – das begutachten fremder Tattoos ist recht unterhaltsam. Neulich hat eine junge Mutter stolz ihr neues «Tat» herumgezeigt. Das Sujet war die erste Freihandzeichnung ihres garantiert hochbegabten zweijährigen Fortpflanzes. Jepp, genauso hat es ausgesehen. Aber in Zeiten von Botox hebt da keiner mehr die Augenbraue. Meinen Töchtern erlaube ich, sich Tattoos stechen zu lassen. Vorausgesetzt, es gelingt dem Tätowierer meine unversehrten Kinder aus meinen kalten, toten Händen zu reissen.

Das führt uns zu der philosophischen Frage, ob sich denn ein Schmetterling einen Menschen auf die Schulter tätowieren liesse. Hat ein Schmetterling überhaupt Schultern? Bis das geklärt ist, wünsche ich einen schönen Sommer. Und weil bald 1. August ist, hier noch einen Satz, den Sie nie hören werden: «Zum Glück haben wir noch irgendwo auf dem Handy das Video vom letztjährigen 1.-August-Feuerwerk.»

Höhere Töchter

Als Papa von zwei herzigen Mädchen habe ich immer wieder gutgemeinte Warnungen bekommen, dass wenn die Mädchen zu jungen Frauen werden, ich alle Hände voll zu tun hätte mit jungen Männern abwehren. Ich habe dann zwar so markige Sätze abgesondert wie: «Dem ersten, der auf der Matte steht und nach meiner Tochter fragt, breche ich einen Arm.» Aber innerlich habe ich gewusst, dass ich keinen jungen Kerl daran hindern würde, das Herz einer meiner Töchter zu erobern.

Trotzdem habe ich mich in der Vorstellung gesonnt, dass da in der Türe ein pickliger Teenager stehen könnte, schlaksig, unsicher, eben erst dem Stimmbruch entronnen mit flaumigem Kleingärtnerbartwuchs und zu viel Deo unter den Achseln, der meine Tochter abholen will. Ich hätte ihn zur Seite genommen und ihm gesagt: «Alles, was du mit ihr machst, mache ich nachher mit dir.» Natürlich habe ich das nie getan, meine Töchter (fast 15 und 18 Jahre alt) hätten mir wohl zu Recht die Verwandtschaft aufgekündigt.

Im richtigen Leben sieht das ganz anders aus: Da kommt ein Mensch, der deine Tochter glücklich macht und mehr kannst du als Vater gar nicht wollen; auch wenn du gerade in der Rangliste ihrer Lieblingsmenschen einen Platz nach hinten gerutscht bist. Vielleicht bricht sie ihm eines Tages das Herz oder er bricht ihres, aber bis dahin freust du dich, dass alle glücklich sind.

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Mankini by Borat Sagdiyev © 20th Century Fox / Chin-Dame spielt Nasenflöte © myanmar.de

Du wunderst dich nicht über verschlossene Türen in der Wohnung und wartest halt mal ein halbes Stündchen, bis das Badezimmer wieder frei ist. Wenn du heimkommst klingelst du an der eigenen Haustüre, weil ja ganzjährig Brunftzeit herrscht und du niemanden überraschen willst. Nur dass ich regelmässig ermahnt werde, dass ich am Morgen schicklich gekleidet aus dem Schlafzimmer kommen soll, finde ich anstrengend. Ich überlege mir, mal nur im Mankini und mit einer Nasenflöte an den Frühstückstisch zu treten.