Schoggi-Job

Wann fängt in der Schweiz der Herbst an? Na? Na? Richtig: Wenn Migi und Coop vor dem Laden die Wassermelonen mit Kürbissen austauschen. Ich kaufe aber nicht Kürbisse, sondern Schokolade. Viel Schokolade. Während Sie das lesen, bin ich am packen für einen Flug in die USA, wo ich Freunde und Verwandte besuche. Wenn man Amis fragt, was man mitbringen soll, dann nennen sie entweder Lederhosen, Kuckucksuhren, Käse oder Schokolade. Weil ich weder ein Bayer, noch ein Schwarzwälder bin, und weil ich nette Menschen nicht mit einem rässen Appenzeller in die Flucht schlagen will, bringe ich Schoggi.

Wer mal Hershey-Schokolade gegessen hat, weiss, dass Amerikaner richtige Schoggi bitter, oder zumindest zartbitter nötig haben: Im Hershey-Produktionsverfahren entsteht nämlich durch kontrollierte Lipolyse ein kleiner Anteil Buttersäure; das ist der Stoff, der Erbrochenem sein kräftiges Geschmäcklein gibt. Dass amerikanische Schoggi einen chötzligen Abgang hat, daran sind wir Schweizer ein wenig mitschuldig: Der Gründervater von Hershey entstammt nämlich der Auswanderer-Familie Hirschi aus dem Emmental. An der US-Geschmacksverwirrung ist also ein Schweizer schuld. Höchste Zeit, dass ich da hinreise und einiges wieder geradebiege, als reisender Schoggi-Botschafter. Auch in meinem näheren Umfeld versuche ich die Menschen auf den guten Geschmack zu bringen. Mein deutscher Gamer-Kollege behauptet zum Beispiel nassforsch, dass die «Schoki» mit der violetten Kuh ein Premium-Produkt sei. Als er diese schamlose Behauptung aufgestellt hat, glaubte ich zu spüren, wie eine Ader in meiner Stirn platzte. Ich werde ihn auf den rechten Weg führen. Eines der grössten Verbrechen unseres Nachbarlandes ist aber diese Merci-Packung, mit der man für gute Taten bestraft wird. Drittklassige Kakaoprodukte in einer Verlegenheits-Geschenkverpackung. Ich bin überzeugt, jede dieser Merci-Packungen, die bei mir gelandet sind, wurde schon mehrere Male weitergeschenkt. Ich beende diesen Teufelskreis jeweils, indem ich das Zeug umweltfreundlich entsorge. Meistens in irgendeinen Briefkasten auf dem Weg zum Tram. Ich hoffe immer noch auf eine Konter-Schoggi namens «Nichts zu danken», bestehend aus einer richtig guten Schweizer Schokolade, die an einer leeren Schachtel festgeklebt ist, in die man die ungeöffnete Merci-Packung einstecken kann. Die schenkt man dann zurück.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 11.09.2024 / gekürzt)

Ein Kommentar zu „Schoggi-Job

  1. Schöne Idee, das mit der Merci-Tafel und dem Briefkasten. Aber das großartigste an dem Schoggi-Beitrag ist die Postkarte. Die habe ich schon seit über 30 Jahren in der Schublade. Ois oder Mack – egal. Dieses Bild einer zum Äußersten entschlossenen Frau – man kann sich ausmalen, was oder wer sie so weit gebracht hat. Davon trenne ich mich niemals!!! Herzliche Grüße aus Kiel

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