Puschu

In einer anderen Zeit, lange bevor ich meine Schreibe an das meistbietende Medienhaus verkaufte, war ich Mitglied einer Jugendgruppe, die Discos und Konzerte veranstaltete. Wir nannten uns «Puschu», die Abkürzung für Pubertätsschuppen. Für mich war diese Phase vielleicht die beste Zeit in meinem Leben: Es waren die frühen Achtziger und ich war knapp Zwanzig. Damals gab es noch ehrliche Gitarrenriffs, Brüste waren echt und Geschlechtskrankheiten heilbar. Fränzi aus der damaligen Gruppe hat jetzt, 35 Jahre danach, eine Wiedervereinigung organisiert. Ich war DJ und sollte auch am Party-Abend die Mucke von damals auflegen.

K112 Puschu KüdeMessi
Die Band beim Soundcheck auf der Bühne, die beiden DJs auf dem gekachelten Tanzboden. (War früher mal Parkett.) ©mec

Schon beim Zusammenstellen des Sets schwelgte ich in Erinnerungen, jeder Song war mit – hauptsächlich schönen – Geschichten verbunden. Ich war schon einige Stunden vor Türöffnung da, um mich musikalisch einzurichten. Das Lokal, in dem wir jedes Wochenende verbrachten, war kaum wiederzuerkennen: Der einst heimelige Schuppen aus grobem Holz und Asbestplatten wurde mit Beton, Kacheln und Chromstahl «aufgewertet» und hat heute den Charme einer Seilbahnstation. Aber die Attraktion war schliesslich nicht die Hütte, sondern die Leute, die man einst liebgewonnen, aber irgendwie im abflauenden Hormonsturm aus den Augen verloren hat. Ein fröhlicher Kollege hat den Zweck des Anlasses auf «alte Leute anschauen» reduziert. Der Abend war natürlich viel zu schnell vorbei, dabei hätte ich gerne noch mit viel mehr lieben Menschen ausgiebig geschwatzt und die alten Zeiten Revue passieren lassen. Man hat mir gesagt, ich hätte die ganze Zeit beglückt dreingeblickt wie ein frisch gebumstes Eichhörnchen. Kann sein. Ich freue mich jedenfalls auf die nächste Auflage. Aber nicht erst in 35 Jahren.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 4. April 2018)

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