Fitte Festtage

Ich hab’s geschafft! Ich habe mein Vorweihnachtsgewicht gehalten. Irgendwie bin ich allen Völlereien und Guezlis aus dem Weg gegangen und habe höchstens eine supertiefe zweistellige Zahl Weihnachtsgebäck gemampft. Das Ziel war zwar Null, aber bei Zimtsternen bin ich affektlabil und die Anderen habe ich aus Höflichkeit gegessen. Ehrlich! Hey, wenn da auf so einem Guezli Dein Name steht und die charmante Bäckerin Deine Tochter ist, die Dir platzend vor Stolz das selbstgemachte Gebäck noch warm auf einer Serviette reicht, musst Du schon ein ziemlicher Kloakenwurm sein, um Nein zu sagen.

«Raus kommt es immer; die Öffnung ist entscheidend.» © Abigail Miller / Unsplash

Auch die grossen Fressorgien blieben aus. Wenn ich zurückdenke, was meine Oma damals veranstaltet hat. Das waren Kalorien- und Cholesterinbomben noch und nöcher. Meine Oma hat so gekocht, dass man meinen könnte, sie wollte, dass wir beide gleichzeitig sterben. Sie kannte keine Pronomen, aber sie war ein kreatives Kochgenie. Oh Mann! Damals hielten wir George Michael noch für hetero, die Swissair war kerngesund und neben dem Tisch sass Boris, unser Neufundländer-Labrador-Mischling, der sabberte während wir assen. Boris musste ich wie so einem Blackjack-Croupier im Casino meine leeren Hände zeigen, wenn ich fertig gegessen habe. Das ist lange her. Boris, George Michael und meine Grosseltern haben alle schon ein kleines Gärtlein auf dem Bauch.

Anstelle eines weiteren Festessens haben wir in Baden die neue Therme besucht, wo man zu sphärischer Musik von Boris Blank in eine Salzlösung steigen kann, die einen trägt wie das Wasser im Toten Meer. Das sieht so aus wie im Science-Fiction-Film der Raum, in dem Aliens Menschen in einem Substrat schwimmend züchten. Creepy. Der Nachmittag hat mit Familie und einem Happen Essen etwa den Gegenwert von zwei Kilo Rindsfilet gekostet. Das behalte ich mir als Option für nächstes Jahr. Jetzt kommt die Zeit der Partys. Hier ein Pro-Tipp: Wenn Du weisst, dass Du am Abend viel trinken musst, dann iss vorher eine Banane, eine Orange, und hundert Gramm Himbeeren. Das hilft zwar nicht, sieht aber hübscher aus, wenn es wieder rauskommt!

(Tagblatt der Stadt Zürich, 04.01.2023)

Ich und Batman

Zeit für eine Zwischenbilanz: Ich habe die Übersicht verloren, in der wievielten Welle wir uns befinden, bin aber mächtig froh, dass die Pandemie 2020 gekommen ist und nicht 2003. Ich will mir nicht vorstellen, Tage und Wochen zuhause zu bleiben mit einem Nokia 3310 (hatte als einziges Spiel «Snake» drauf), dem meist schrottigen Fernsehprogramm ausgeliefert, einigen VHS-Kassetten im Gestell und einer ISDN-Verbindung. Wie konnte man eigentlich überhaupt aufs Klo ohne Smartphone?

©Jon Adams / New Yorker
©Jon Adams / New Yorker

Der Lockdown 2020 war zwar lästig, hat aber mir und vielleicht auch Anderen aufgezeigt, dass es nicht an der mangelnden Zeit liegt, dass man seine immer wieder aufgeschobenen Projekte nicht mal ansatzweise umsetzt. Diese Illusion ist definitiv gestorben. Ähnlich die Illusion mit der Fitness. Habe ich die gesparte Zeit, die ich nicht im Tram oder Bus verbracht habe, für körperliche Ertüchtigung verwendet? Natürlich nicht. Dabei habe ich mir echt überlegt, mit Fechten zu beginnen. Fechten ist der perfekte Corona-Sport: Masken, Handschuhe und du stichst jeden ab, der sich auf 1 Meter 50 nähert. Hab’s aber gelassen. Trotzdem bin ich wie jeder Kerl überzeugt, dass wenn ich es nur wollte, dass ich mir den Body eines griechischen Halbgotts antrainieren könnte. Hollywood-Schauspieler können das ja auch. Ich bräuchte nur drei Monate, einen Fitness-Coach, eine Ernährungsberaterin und keinen freien Zugang mehr zum Kühlschrank plus eine Motivation wie die Titelrolle im nächsten Batman-Film. Keine Ahnung, warum die mir nicht die Bude einrennen mit Superhelden-Rollenangeboten.

Wiedemauchsei – am 17. November sind wir im dritten Jahr der Pandemie. Ja, die zwei Wochen, die es zum Abflachen der Kurve brauchte, sind schon bald vorbei. Was haben wir Neues? Eine Dating-Plattform für Impfskeptiker. Coole Sache, denken sich Geizhälse … Entschuldigung, Sparfüchse: Dort rechnet es sich, einen neuen Schatz zu suchen, weil billiger kommt man nicht davon: Keine teuren Restaurants, keine Fitness-Clubs, keine Partys, keine Flugreisen – voll Low Budget. Mich braucht das aber nicht zu kümmern. Immerhin habe ich mich impfen lassen. Die Nebenwirkungen sind aber heftig: Ich werde keinen vorzeitigen Covid-Abgang machen, sondern bis zur Pensionierung arbeiten und womöglich noch älter werden. Das hätte ich mir früher überlegen sollen.