Trama Queen

Neulich war ich in Bern. Dort sind die Tramhaltestellen angeschrieben mit «Abfahrtskante». Der kleine Teutone, der in einer abgelegenen, dunkelbraunen Ecke meines Bewusstseins wohnt, schrie: «Hammse verstanden, Schröder?! Ab-fahrts-kante!» Eine stramme, völkische Bezeichnung. Ich habe unwillkürlich die Absätze zusammengeknallt. Wie dort wohl die Kontrollöre heissen? Getrako? «Steigen Sie einzeln und mit erhobenem Billet aus dem Tram!» Schauder.

Tram-/Bus-Abfahrts-LCD-Schirm am Berner Bahnhof.
In Bern gibt man sich im öV die Kante. ©Bernmobil

Ich bin einmal mehr froh, Zürcher zu sein. Auch wenn gewisse Tram- oder Busfahrten mehr Erlebnisse bieten, als ich mir wünsche. Der 32er ist nach Einbruch der Dunkelheit schon fast ein Garant für bizarre Unterhaltung: Junge Frauen, die sich während der Fahrt schminken und bei jeder Bodenwelle den Chauffeur mit Kraftausdrücken eindecken, Menschen mit kräftiger Ausdünstung, die dir unbedingt einen Glücksbringer «schenken» möchten, oder der ältere Herr, der knurrend versucht mit den Zähnen eine widerspenstige Plastik-Verpackung aufzubeissen, bis ihm die Zahnprothese rausrutscht. Ich habe mich dann abgewendet, als er, jetzt mit den Zähnen in der Hand, weiter versucht hat, die Verpackung aufzuschlitzen, während andere Fahrgäste angefangen haben, den Mann zu filmen. Ich bin übrigens fest der Ansicht, dass man – egal was man tut – sofort damit aufhören sollte, wenn einen Menschen verschiedener Ethnien und Geschlechter dabei filmen. Eine andere gesellschaftliche Regel sollte sein, dass alle, die ein Buch lesen, das Ding so halten müssen, dass ich den Titel und im Idealfall auch noch den Klappentext lesen kann. Aber die meisten Menschen starren in ihr Handy oder tragen Stöpsel im Gehörgang und sprechen ins Leere. Noch vor 20 Jahren wäre so einer ein stadtbekannter Sonderling gewesen, der einfach so im Tram ohne Gesprächspartner in die Luft rausschwatzt. Da sind mir Jugendliche fast lieber, die mit eingeschaltetem Lautsprecher telefonieren. Da bekommt man wenigstens die ganze Story mit. Aber keine Angst, nicht jedes Zürcher ÖV ist eine mobile psychiatrische Klinik.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 17. September 2025)

Webstübler

Das Internet geht mir immer mehr auf den Keks. In seinen Jugendjahren konnte man einfach auf eine Webseite surfen und Inhalte aufsaugen. Heute geht das so: Webseite öffnen, herausfinden, wie man alle Cookies ausser die essenziellen abwählen kann, dann das Hilfe-Widget unten rechts ausschalten, das selbststartende Video anhalten, dann das Pop-up für den Newsletter wegklicken, dann noch die Frage, ob mein Standort verwendet werden dürfe verneinen und schon sind wir parat. Jetzt muss ich nur noch herausfinden was ich überhaupt auf dieser Webseite wollte. Schlimmstenfalls muss man sich auch noch registrieren und schon wieder ein neues Passwort in die Welt setzen. Hey, wer früher Passwörter beruflich gebraucht hat, war ein russischer Spion. Heute? Wie viele Passwörter haben Sie? Bei mir sind’s hunderte, die ich in einer App verwalte – natürlich passwortgeschützt. Die automatisch generierten Passwörter lesen sich wie die Namen der Kinder von Elon Musk.

©Torsten Wolber «Neos Office»
©Torsten Wolber «Neos Office»

Übel ist auch, dass die Videoclips, die ich vor 20 Jahren gemocht habe, heute im Kleinbildformat wiedergegeben werden und daneben sitzt im Bild so ein Inflünzer und tut so, als sähe er den Clip zum ersten Mal. Reaction-Videos nennt sich der Müll, den ich nur vorgesetzt bekomme, weil ich das Original vor Jahren mal geliked habe.

Das Internet vergisst nie und weiss mehr über mich, als ich selber. Mit diesem Wissen mobbt es mich voll: Werbungen für Medikamente gegen Haarausfall, Hodenstillstand und Herzbeschwerden sind ja noch lustig. So richtig gemein finde ich die für mich massgeschneiderten Reklamen für die neuesten Errungenschaften der Rollator-Technik, empfohlene Bestattungsunternehmen, oder Tipps, was ich mit meinem Vermögen (Haha) nach meinem Ableben tun könnte. Danke. Ich glaube immer noch an ein Leben vor dem Tod. Wenn Sie bis Ende Jahr keine Kolumne von mir sehen, dann hatte das Internet recht und ich habe schon ein Gärtlein auf dem Bauch.

(Tagblatt der Stadt Zürich, 11. Juni 2025)