Hör mal!

(Für meine Leser*innen aus Hessen: «Hömma!»)
Mein Opa hatte in den Sixties ein Hörgerät. Ein kleines Gerät in der Brusttasche mit einem gezwirbelten Kabel ins Ohr. Mir hat das Teil furchtbar imponiert. Für mich sah er aus wie ein Secret Service Agent. Mein Opa, der Bodyguard des Präsidenten. Heute würde er nicht mehr auffallen bei all den Bluetooth-Ohrknöpfen, die sich mit ihren Menschen durch die Fussgängerzonen schleppen. Seine eingeschränkte Hörfähigkeit nannten wir «selektive Taubheit»: Wenn ein Auto beim Vorbeifahren eine Fehlzündung hatte und die ganze Familie zusammenzuckte und sich die Ohren zuhielt, drehte er nicht mal den Kopf. Aber wenn wir was Heimliches machten, hörte er Sachen, die nicht einmal ein Wolf hören könnte. Er sagte dann immer mit einem süffisanten Grinsen im Gesicht: «Das hab’ ich überhört.» Sein Opa-Radar hatte mikroelektronische Verstärkung.

Gebogene Stöcke waren mal im Schwange. Man hatte in jeder Hand einen.

Später hat er sich ein diskreteres, hautfarbenes Teil zugelegt, das er sich hinter das Ohr klemmen konnte. Jepp, genau so ein Gerät, das beim Gesichtsmaske abstreifen bis zu acht Meter weit fliegt, bevor es sich beim Aufprall in Gerät, Batteriedeckel und Batterie zerlegt. Ich halte das für eine coole Masche, um hilfsbereite Menschen kennenzulernen. Wiedemauchsei, Opa hielt Schritt mit der Technik und schaffte sich ein Im-Ohr-Hörgerät an. Er hält es für die beste Investition seit dem elektrischen Rasierapparat. Wir haben gewitzelt, dass er es vor dem Zubettgehen mit dem Korkenzieher aus den Ohren pulen müsse. Er hat jeweils gekontert, dass er den besten Schlaf hätte, weil er den Soundtrack der Welt einfach auf null setzen konnte. Ich hätte gerne so ein 007-Teil mit einer coolen App. Hörgeräte-Entwickler aufgepasst! Mit dem von Q designten Teil könnte ich im Strassencafe sitzen und mit dem Handy auf Leute Zielen und deren Gespräche in glasklarer Qualität mithören. Sogar auf der anderen Seite der Piazza. Was mit Kameras möglich ist, sollte auch mit Mikrofonen möglich sein. Die Technologie existiert, aber wie das mit dem Mithören halt so ist: Das gehört sich nicht.

2 Kommentare zu „Hör mal!

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